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",Wollen Sie
wissen, warum es ein Fehler ist, Jalalabad anzugreifen? Es ist
ein Fehler, Zehntausende von Menschenleben zu verlieren ...
und wenn wir doch angreifen, werden die Sowjets uns die Gedärme
aus dem Leib bombardieren." Abdul
Haq, Kommandeur der Mudschahedin im Mai 1988 gegenüber Robert
D. Kaplan, Soldiers of God, 1990.
Um 10.30 Uhr an einem klaren, sonnigen Morgen im April 1988
wurde das Zentrum von Rawalpindi von einer kolossalen
Explosion erschüttert. Viele Menschen dachten, daß Indien
Pakistan angegriffen hätte und daß unsere Nuklearanlage oder
eine A-Bombe detoniert wäre. Eine große pilzförmige Wolke
aus schwarzem Rauch stieg mehrere hundert Meter in die Luft.
Diese Explosion kündigte den Hagel von Raketen und Geschossen
an, der sich während des Tages fortsetzte. Krach und
Detonationen von weiteren Explosionen waren die nächsten Tage
zu hören. Noch in zwölf Kilometer Entfernung wurden Menschen
von Raketen getroffen, die jedoch glücklicherweise beim
Einschlag nicht explodierten. Der gesamte Waffen- und
Munitionsbestand des ISI im Lager von Ojhri für den
afghanischen Krieg war in die Luft geflogen - insgesamt 10.000
Tonnen. Rund 30.000 Raketen, Tausende von
Granatwerfergeschossen, Millionen von Patronen für
Handfeuerwaffen, zahllose Minen, rückstoßfreie Geschützmunition
und Stinger-Raketen wurden in dem zerstörerischsten und
gleichzeitig spektakulärsten Feuerwerk, das Pakistan jemals
gesehen hatte, vernichtet.
Es war das absolute Chaos. Die Wege und Straßen rund um
das Lager waren gefüllt mit Menschen, Fahrrädern, Karren und
Wagen, und im nächsten Augenblick war der Boden bedeckt mit
Toten und Sterbenden. Nahezu einhundert Personen starben, über
eintausend wurden verletzt. Fünf Angehörige des ISI wurden
getötet, zwanzig bis dreißig weitere wurden verwundet.
Aus dem Blickwinkel der Gegner des Jihad war das Timing
perfekt. Innerhalb weniger Tage würden die Sowjets das Genfer
Abkommen unterzeichnen und im folgenden Monat würden sie
ihren Rückzug in dem Wissen beginnen, daß die Mudschahedin
alle Munitionsreserven auf einen Schlag verloren hatten. Die
Explosion ereignete sich, als das Depot vollständig gefüllt
war, wobei es sogar tatsächlich mit Versorgungsgütern der
letzten vier Monate überfüllt war. Als ich mich damals in
Ojhri befand, versuchte ich, die Lagerbestände so gering wie
möglich zu halten und das Lager mehr als eine
Durchgangseinrichtung zu benutzen, vom wo die täglichen
Lieferungen nach Peshawar abgingen. Das neue System General
Guls, in dem er spezielle Lieferungen der verschiedenen Typen
von Waffen und Munition für die zahllosen Kommandeure
zusammenstellte, erforderte es, daß alle Arten von
Versorgungsgütern in Ojhri gesammelt wurden. Nur wenn die
entsprechenden Mengen aller Waffentypen und -arten vorhanden
waren, konnten individuelle Waffenlieferungen zusammengestellt
werden. Da der Waffennachschub der CIA so unregelmäßig war
und teilweise einzelne Versorgungsgüter nicht lieferbar waren,
wurden in Rawalpindi unverzeihliche Verzögerungen verursacht.
Bei diesem Zwischenfall lagen Hunderte von zusammengestellten
Paketen seit mehreren Wochen in dem Lager. Dies wurde zusätzlich
durch die Tatsache verschlimmert, daß in den vorangogangenen
drei Monaten die Lieferungen durch das Winterwetter
aufgehalten wurden, so daß sie nicht direkt zu den
Kommandeuren an der Grenze gebracht werden konnten. Im
entscheidenden Moment, als die Mudschahedin Reserven für die
Frühlingsoperationen erwarteten, gab es nichts. Es handelte
sich hierbei um eine geniale Sabotage.
Noch bevor die letzte Rakete explodiert war, gab es schon
Auseinandersetzungen und Beschuldigungen. Wie konnte
derartiges passieren? Warum wurde eine derartige Menge
Munition in einem derartig besiedelten Gebiet gelagert? Wer
war der Verantwortliche? Die zivilen Behörden, voran der
Premierminister, beschuldigten die Armee und den ISI. Die
Armee beschuldigte den ISI der Inkompetenz, und sowohl der
Premierminister als auch die Armee wandten sich an General
Akhtar. Es war bereits über ein Jahr her, seitdem er den ISI
verlassen hatte, jedoch hatte er seine Zustimmung dazu gegeben,
Ojhri zum Hauptdepot für Waffen und Munition zur Führung des
Jihads zu machen. Somit war er es, der die Verantwortung
tragen sollte, wie seine Widersacher dachten. Die Tatsache, daß
beide, sowohl der Präsident als auch der Premierminister das
Lager kannten und bereits besichtigt hatten, spielte keine
Rolle mehr und war schon fast vergessen. Dies war eine ideale
Gelegenheit, um die Karriere von General Akhtar zu zerstoeren
und um die Armee und den ISI zu verurteilen. Präsident Zia,
der immer noch Chef des Armeestabes war hatte die Möglichkeit,
das Militär zu verteidigen. Seine Beziehungen zur zivilen
Regierung und dem Premierminister waren bereits erheblich
belastet, und es gab keine andere Möglichkeit, als wohl oder
übel zuzustimmen, daß alles der Fehler der Armee oder des
ISI war. Der Präsident unterstützte die Generäle Akhtar und
Gul. Die zivile Regierung benutzte diese Tragödie, um ihre
Oposition gegen das Militär weiter voranzutreiben. Innerhalb
weniger Wochen hatte Zia den Premierminister abgelöst und die
Bundes- und Provinzparlamente aufgelöst, als der
Premierminister versuchte, die Beförderung einzelner Generäle
zu verhindern und darauf bestand jedes Befragungsergebnis zu
veröffentlichen.
Eine offizielle militärische Untersuchungskommission wurde
sofort eingerichtet, um die Katastrophe zu untersuchen. Diese
Kommission wurde von Generalleutnant Imran Khan, dem
Korpskommandeur in Rawalpindi, geleitet. Dieser konnte jedoch
seinen Auftrag nicht genießen. Ich hatte keinen Zweifel, daß
er nicht wußte, was zu tun war, denn er wurde vom
Premierminister in eine Richtung gedrückt und von Zia in die
andere Richtung gezogen. Der Premierminister wollte, so glaube
ich, General Akhtar schädigen, während Präsident Zia das
ganze Desaster unter den Teppich kehren wollte, ohne einen
Schuldigen zu finden. Das Resultat war daß Imran Khan
zauderte, was sowohl die zivilen als auch militärischen
Vorgesetzten in Rage versetzte. Schließlich, aber nicht überraschend,
kam der Untersuchungsausschuß zu dem Resultat, das niemand
eine individuelle Schuld traf. Ich weiß nicht genau, ob die
Explosion auf einen Unfall oder auf Sabotage zurückzuführen
war, weil die Ergebnisse des Untersuchungsauschusses niemals
veröffentlicht wurden. Ich weiß jedoch, daß niemand
bestraft wurde. Sowohl General Akhtar als auch General Gul
blieben im Amt, es war der Premierminister, der sein Amt
verlor.
Ich wurde als Zeuge vor den Untersuchungsauschuß geladen,
war jedoch von dessen Methoden oder Motiven nicht beeindruckt.
Nichtsdestotrotz kamen einige grundsätzliche Tatsachen ans
Licht. Ein Feuer brach in einer der Kisten mit ägyptischen
Raketen aus, die der ISI von der CIA für Versuche erhalten
hatte, bevor diese an die Mudschahedin ausgegeben wurden. Im
Widerspruch zu allen Sicherheitsbestimmungen wurden diese
Raketen vor der Verladung durch die Ägypter mit Zündern
ausgerüstet. Eine Kiste fiel auf den Boden. evtl. als
Resultat einer Unaufmerksamkeit bei der Entladung im Depot
oder aufgrund einer kleinen Explosion. Als die Kiste
herunterfiel, gab es eine kleine Explosion, die das Feuer
entstehen ließ. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits einige
Angehörige des Personals im Lagerhaus verletzt, so daß mit
großer Eile versucht wurde, sie zu behandeln und zu
evakuieren. Es gab keinen Versuch. das Feuer zu löschen, weil
jeder sehr damit beschäftigt war die Verletzen
herauszubringen. Nach acht bis zehn Minuten ging das gesamte
Lager mit einer gewaltigen Explosion in die Luft. Es könnte
ein Unfall gewesen sein, genausogut jedoch auch Sabotage. Wenn
es ein Unfall war, hätte er zu keiner ungünstigeren Zeit
mehr Wirkung auf die Fortführung des Krieges haben können.
Dies war jedoch nicht das erste Feuer in Ojhri.
Genau ein Jahr zuvor war ein Feuer im gleichen Lagerhaus
ausgebrochen. Dieser Zwischenfall passierte mit alten
Phosphorgranaten des Zweiten Weltkrieges, die undicht waren
und sich entzündeten. Der diensthabende Unteroffizier trat
eine Tür auf und transportierte die brennende Kiste ohne Rücksicht
auf seine eigene Gesundheit nach draußen. Das Feuer wurde
draußen gelöscht, und es gab keine Explosion. Die folgende
Untersuchung verbesserte die Sicherheitsmaßnahmen. Das
Personal in Ojhri war sich mittlerweile der Gefahren des
Feuers und der Notwendigkeit, das Feuer sofort zu bekämpfen,
bewußt.
Alle, die an einen Sabotageakt glaubten, argumentierten
wegen des perfekten Zeitpunktes für ein Attentat. Es ist
nicht zu leugnen, daß zu diesem Zeitpunkt das Depot so voll
wie noch nie zuvor war, daß die Sowjets mit ihrem Rückzug
begannen, der mit den geringsten Verlusten ablauten sollte, während
die Mudschahedin deshalb auf diese Versorgungsgüter für ihre
Frühlingsoffensive hofften. Die Sabotagetheorie besagt, daß
die Raketen in Ägypten oder Pakistan präpariert wurden, möglicherweise
durch den KGB. Als sie sich im Lager befanden, wurde die
Ladung von außerhalb des Lagers durch Funk gezündet. Eine
andere Möglichkeit war. daß die Ladung von jemanden gelegt
wurde, der Zugang zum Depot hatte. Das Depot wurde 24 Stunden
am Tag bewacht, so daß kein Außenstehender Zugang hatte. In
diesem Falle hatten die anfänglichen Explosionen, welche das
Herunterfallen der Kiste verursachte, ihre Auslösung durch
einen Zeitzünder oder durch einen ferngesteuerten Zünder.
Wenn es Sabotage war, hatten die Sowjets die
offensichtlichsten Motive dafür, obwohl, wenn man weiter
denkt, die Amerikaner ebenso einen ungestörten Rückzug der
Sowjets wünschten. Wie ich bereits angeführt habe, hatte
sich ihre Politik geändert, und sie wollten nun einen Patt,
sie wollten nicht, daß die Fundamentalisten den Krieg gewännen,
und so deckten sich Mudschahedin ohne Munition in diesem
kritischen Zeitpunkt genau mit ihren Zielen.
Der Verdacht, daß die USA vielleicht nicht völlig
unschuldig waren, wird durch die Tatsache erhärtet, daß der
Explosion die Kürzung ihrer Waffenlieferung folgte. Wenn sie
es wirklich gewollt hätten, hätten sie nach der Explosion in
Ojhri enorme Anstrengungen unternehmen können, um das
verlorengegangene Material zu ersetzen. Derartige Bemühungen
wurden jedoch nicht unternommen, und tatsächlich kamen bis
zum folgenden Dezember keine weiteren Versorgungsgüter an.
Die CIA wußte sehr genau, daß eine Verzögerung der
Waffenlieferungen zu dieser Jahreszeit bedeutete, daß die
Mudschahedin an der Front auch in den nächsten drei Monaten
keine Munition haben würden - und bis zu diesem Zeitpunkt wären
die Sowjets abgezogen. Dies alles paßte einfach zu gut
zusammen. Für mich war die Zerstörung der Kriegsreserven der
Mudschahedin einer der Wendepunkte des Krieges. Zu diesem
Zeitpunkt pumpten die Sowjets Unmengen an Waffen und Munition
nach Afghanistan, wohingegen die Mudschahedin keine Möglichkeit
mehr hatten, großangelegte Operationen durchzuführen.
Alle beim ISI befanden sich in einer Art Schockzustand,
hiervon konnte man sich nicht schnell genug erholen, um
strategische Pläne auszuarbeiten, die einen Sieg auf dem
Gefechtsfeld während oder nach dem sowjetischen Rückzug ermöglichten,
entscheidende Zeit verging. Um den Sieg zu erreichen, mußte
die Periode des Rückzuges zur Planung, Ausbildung,
Koordinierung und zur Stationierung von Nachschub der
Mudschahedin in verschiedenen Teilen von Afghanistan genutzt
werden. Diese Aktivitäten in Ubereinstimmung mit einer militärischen
Gesamtstrategie hätten durchgeführt werden und noch vor dem
Winter oder zu Beginn des Winters beendet sein müssen, jedoch
nichts dieser Art passierte. Als der ISI dann endlich wieder
erwachte, wurde das Flugzeug von Präsident Zia sabotiert, was
ihn und General Akhtar tötete. Innerhalb 16 Monaten wurde
General Akhtar beim ISI abgelöst, das Lager Ojhri zerstört,
der Präsident zusammen mit Akhtar und weiteren Generälen
ermordet, und die USA zeigten offensichtlich, daß ihre
Unterstützung für den Jihad nun im besten Falle nur noch
halbherzig war. Unter diesen Umständen war die Einnahme von
Jalalabad möglicherweise die Antwort.
Im Frühjahr 1987 waren General Akhtar und ich
zuversichtlich, daß es nur eine Frage der Zeit wäre, bevor
die Sowjets Afghanistan verließen. 1986 hörte ich
Gorbatschows Ansprache über die blutende Wunde und ihr
Angebot für einen Rückzugsplan für vier Jahre, den
sofortigen Rückzug von sechs Regimentern und über die Einführung
der Stinger-Raketen auf dem Gefechtsfeld. Wir begannen, eine
operative Strategie zu diskutieren, um letztendlich den Krieg
zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen, wenn die Sowjets
das Land verlassen hätten. General Akhtars Beziehungen zu den
Amerikanern waren irgendwie kalt und förmlich. Er sagte mir
bei mehreren Gelegenheiten, daß er nicht glaubte, daß die
Amerikaner den Jihad weiter unterstützen würden, nachdem
sich die Sowjets zurückgezogen hätten. Ich stimmte dem zu
weil ich ihre Antipathie gegen den Fundamentalismus kannte und
ihren Wunsch nach einer gemäßigten Nachkriegsregierung in
Kabul.
Eine der schwierigsten Entscheidungen, die ein
Guerillakommandeur zu treffen hat, ist die Bestimmung des
Zeitpunkts, wann seine Streitkräfte die Oberhand gewinnen und
er selbst in die Offensive gehen soll; wann er vom
Guerillakrieg zu einem konventionellem Krieg mit
konventioneller Strategie und Taktiken wechseln soll. Dies
erfordert eine sehr präzise Beurteilung. Hat er Zugang zu den
gegnerischen Stellungen? Ist der Gegner wirklich ernsthaft bei
Personal und Material geschwächt? Ist der Gegner
demoralisiert und bricht von innen zusammen? Ist der Gegner
nicht mehr in der Lage, seine Einheiten adäquat zu versorgen?
Wenn diese Fragen mit ja beantwortet werden, dann ist es
wahrscheinlich an der Zeit, in die konventionelle Phase des
Guerillakrieges überzugehen, zuvor muß ein Kommandeur aber
seine eigenen Streitkräfte beurteilen. Sind seine Männer
ausreichend ausgebildet, um koordinierte konventionelle
Angriffe durchzuführen und wenn ja, auf welche Ebene können
sie das tun? Sind sie mit schweren Unterstützungswaffen
ausgerüstet? Können sie die gegnerische Lultherrschaft
brechen? Können die einzelnen Gruppen versorgt und zu
gemeinsamen Operationen konzentriert werden? Wenn erneut die
Antworten positiv sind, dann ist es sicherlich an der Zeit
eine Offensive zu beginnen. die den Krieg beenden wird.
Es gibt zahllose Beispiele in der Militärgeschichte,daß
Kommandeure von Guerillastreitkräften zu schnell zum
konventionellen Krieg übergingen und sich eine blutige Nase
holten. Die Resultate warfen den Feldzug um Monate oder sogar
Jahre zurück. General Giap machte diesen Fehler in den frühen
fünfziger Jahren gegen die Franzosen. Die kommunistische TET-Offensive
im Frühjahr 1968 in Vietnam schlug mit Verlusten um die
45.000 Mann fehl, weil ihre Angriffe schlecht koordiniert
waren, die Verbindungseinrichtungen schlecht waren und weil
die Südvietnamesiche Armee sehr gut kämpfte, deren Soldaten
nicht demoralisiert waren, ebenso wie die südvietnamesiche
Bevölkerung Sowohl die Franzosen als auch die Amerikaner
verloren am Fnde doch, obwohl die gegnerischcn Oberkommandos
den Zeitpunkt zur Offensive falsch eingeschätzt hatten.
General Akhtar und ich betrachteten dies und entschieden,
daß es sogar ohne sowjetische Bodentruppen zu riskant wäre,
auf eine konventionelle Strategie umzusteigen. Bevor General
Akhtar vom ISI die Leiter hinauf' befördert wurde, hatten wir
bereits eine operative Strategie formuliert die während und
nach einem sowjetischen Rückzug angewandt werden sollte. Das
Ziel dieser Strategie war der Zusammenbruch in Kabul. Wenn die
Bevölkerung von Kabul, die Afghanische Armee in Kabul
aufgaben, war der Krieg gewonnen. Wir fühlten jedoch, daß
dies nicht durch einen direkten Angriff möglich wäre. Kabul
mußte belagert werden, es mußte Lebensmittelkürzungen geben.
der Treibstoff mußte knapp werden, Männer und Munition mußten
zur Neige gehen. Die gesamte Garnison mußte demoralisiert
werden und nicht mehr kämpfen wollen. Dann, und nur dann. würden
sie wahrscheinlich kapitulieren oder sich gegen ihre
kommunistischen Führer auflehnen. Wir hatten nicht den
Eindruck, daß die Mudschhedin bereit waren, einen
konventionellen Angriff durchzuführen, oder daß ein solcher
überhaupt notwendig wäre. Wir stimmten beide überein, daß
die Strategie der tausend Nadelstiche fortgesetzt werden
sollte, der Schwerpunkt sollte jedoch auf Kabul und die
Versorgungswege rund um Kabul liegen.
Die Karte 22 zeigt unsere Pläne. Kabul war von Stellungen
der Mudschahedin umgeben, aus denen fortgesetzt Angriffe geführt
werden sollten. Das Gebiet von Koh-i-Safi war der Hauptstützpunkt
für unsere Bemühungen gegen den Flugplatz von Kabul, der
unbenutzbar gemacht werden mußte. Eine Serie von
Sperrstellungen müßte an den Verbindungslinien von der
sowjetischen/afghanischen Grenze nach Kabul und Kandahar
aufgebaut werden, um die Versorgung für das afghanische
Regime zu verhindern. Die stärksten Sperrstellungen hätten
rund um den Salang-Tunnel liegen müssen. Wir hofften, daß
eine starke Bedrohung des Tunnels Streitkräfte aus Kabul
herauslocken würde, um die Straße zu räumen, was uns dann
gute Möglichkeiten für die Durchführung von Hinterhalten
geboten hätte. Danach sollten die Mudschahedin damit
beginnen, all die verbleibenden Garnisonen der Afghanischen
Armee einzunehmen.
Wir konnten keine Zeitpläne für diese Strategie
aufstellen, well diese selbst von den sowjetischen Rückzugsplänen
und Zeitplänen abhängen, vom Wetter (Winter) und unseren Fähigkeiten,
unsere Versorgungsgüter an die richtigen Stellen zu bringen.
Bevor wir diese Srategie weiter überdenken konnten, verließ
General Akhtar den ISI und ich trat im August 1987 in den
Ruhestand. Im April 1988 sah ich das Desaster im Lager von
Ojhri, der sowjetische Rückzug begann im folgenden Monat, Präsident
Zia und General Akhtar starben beim Flugzeugunglück im
August, und die Kürzung der amerikanischen Waffenlieferungen
begann. Weiterhin war der Winter 1988/89 sehr hart. Die
Sowjets hasten das Land bis Mitte Februar 1989 verlassen, und
im März gingen die Mudschahdin zur konventionellen Kriegführung
durch einen groß angelegten Angriff über, jedoch nicht auf
Kabul, sondern auf Jalalabad.
Warum wurde ein solcher Angriff durchgeführt? Warum gab es
keine strategische Planung, den Krieg zu beenden, nachdem die
Sowjets das Land verlassen hatten? Diese Fragen sind sehr
schwer zu beantworten. Ein Teil des Problems war die Euphorie,
die Begeisterung, die jeden im Gedanken an den kurz
bevorstehenden leichten Sieg erfaßte. Die Führer und
Kommandeure der Mudschahedin nahmen irrtümlich an, daß die
kommunistische Regierung in der Mitte des Jahres 1989
kollabieren würde, well ohne die sowjetische Präsenz die
Niederlage unvermeidlich wäre. Diese Haltung wurde durch die
Tatsache verstärkt, daß die meisten Mudschahedin eifrig
Nachkriegspläne schmiedeten und sich Gedanken über die
politische Zukunft machten. Die Afghanische Ubergangsregierung
(AIG) war in Peshawar im Dezember 1988 gebildet worden. Obwohl
diese Ubergangsregierung international nicht beachtet wurde,
sahen die Mitglieder der Ubergangsregierung schon den sicheren
Sieg innerhalb weniger Monate. In Peshawar war die Politik
wichtiger als militärische Operationen. Es gab das allgemeine
Gefühl, daß Peshawar der Platz war, an dem man sein mußte,
um sich eine Stellung in der Ubergangsregierung zu sichern,
anstatt das Leben und die Gesundheit auf dem Gefechtsfeld zu
riskieren, wo viel geschah, der Krieg jedoch nicht gewonnen
wurde.
Die Ubergangsregierung, die im Prinzip von den sieben Parteien
kontrolliert und von Pakistan und auch vom ISI unterstützt
wurde, wählte Jalalabad als Angriffsziel nach dem Rückzug
der Sowjets aus. Es war ein konventioneller Angriff auf eine
Großstadt, jedoch nicht auf die Schlüsselstadt Kabul. Man
dachte, daß die Zeit gekommen wäre, den Guerillakrieg zu
beenden ,und auf den konventionellen Krieg umzuschalten.
Jalalabad wurde ausgewählt, well die Stadt nur 50 Kilometer
von der pakistanischen Grenze entfernt war. Dies bedeutete, daß
Verstärkungen und Versorgungsgüter der Mudschahdein schnell
und leicht zur Front gebracht werden konnten.
Eine Hauptstraße führte über den Khyberpaß nach
Peshawar. Ein Sieg in Jalalabad würde die Ubergangsregierung
in die Lage versetzen, nach Jalalabad zu verlegen. Dort konnte
man einen Teil von Afghanistan als befreit deklarieren und die
neue Regierung als etabliert betrachten. Dieses politische
Ziel hatte einigen Wert, der jedoch vom militärischen Erfolg
abhing. Konnten die Mudschahedin die Stadt einschließen und
stürmen, würde die Afghanische Armee kapitulieren oder würde
diese aufhören zu bestehen ? Würde aber die Einnahme von
Jalalabad auch zur Einnahme von Kabul führen?
Ich glaube, daß General Gul zu diesem Schritt gedrängt
wurde, weil dies eine gute militärische Möglichkeit zu sein
schien. Teilweise wurde er durch die jüngeren Offiziere
seines Stabes, teilweise durch die Führer und teilweise durch
den Druck der pakistanischen Regierung, die dies als eine Möglichkeit
ansah, die Politiker und ihre zahllosen Anhänger von Peshawar
zurück nach Afghanistan zu bringen, dazu gedrängt. Die
vorherige leichte Einnahme kleinerer Garnisonen in Barikot,
Azmar und Asadabad im Kunar-Tal trugen ihr übriges zum übersteigerten
Selbstvertrauen der Mudschahedin bei.
Im Gegensatz zur dubiosen Militärstrategie der
Mudschahedin war die der Afghanen einfach und überzeugend. Um
zu überleben, mußten sie Kabul, und wenn möglich, die großen
Militärbasen und Bevölkerungszentren halten. Die Karte 23
zeigt ihre strategische Lage. Um Erfolg zu haben, mußten sie
ihre Ressourcen an Männern und Munition konzentrieren und
keine kleineren Stellungen in die Hände der Mudschahedin
fallenlassen. Sie mußten sich die Möglichkeit und Fähigkeit
erhalten, mögliche Stellungen aus der Luft zu verstärken und
zu versorgen, zudem mußten sie in der Lage sein, Kabul mit
Nahrungsmitteln und militärischen Versorgungsgütern zu
versorgen.
In Bezug auf die logistische Unterstützung waren die
Sowjets mehr als großzügig. Obwohl nur wenige Militärberater
in Afghanistan verblieben. war der Krieg immer noch der Krieg
der Sowjets, genauso wie Vietnam immer noch ein amerikanischer
Krieg, sogar noch nachdem sie bereits das Land verlassen und
ihre Alliierten sich selbst überlassen hatten, gewesen war.
Große Mengen Geld und Material kamen an. Es war möglich, den
Krieg durch die massivcn lieferungen von Waffen und Munition
fortzusetzen. 1988 wurden über tausend gepanzerte Fahrzeuge
von den Sowjets an die Afghanen übergeben. Es wird geschatzt,
daß in den ersten sechs Monaten des Jahres 1989 das Regime in
Kabul rund 2,7 Milliarden DM Militärhilfe bekam, inklusive
500 Scud-Raketen. Die Afghanische Armee hatte immer noch die
absolute IJberlegenheit auf folgenden drei Gebieten: Panzer,
Artillerie und Luftwaffe. Wenn sie diese Vorteile im Gefecht
zur Geltung bringen und sie effektiv kombinieren konnten, würden
die Mudschahedin besiegt werden. Die Initiative lag bei den
Mudschahedin, doch diese mußten sie sowohl strategisch als
auch taktisch nutzen.
Im März 1989 hatten die Mudschahedin zwischen 5.000 und
7.000 Mann in den Bergen rund um Jalalabad gesammelt. Ihr
Angriff brachte keinen Überraschungsmoment mehr, weil die
Vorbereitungen vorher in der Offentlichkeit bekannt geworden
waren. Die Garnison in Jalalabad wußte, daß die Mudschahedin
kommen würden und hatte deshalb die erforderlichen
Vorbereitungen getroffen.
Die 11. Division wurde auf volle Kampfstärke gebracht und
weitere Einheiten zur Verstärkung in den Verteidigungsring
eingegliedert. Bunker, Stacheldraht und ausgedehnte
Minenfelder umgaben Jalalabad. Der äußere Verteidigungsring
reichte bis zwanzig Kilometer vor die Stadt, insbesondere im
Osten. Die Autobahn 1, die Verbindung nach Kabul, wurde durch
eine große Anzahl von Posten über die gesamte Länge
geschützt. Die Karte 23 zeigt die ungefähre Lage der
afghanischen Verteidigungsstellungen und die wichtigen Geländepunkte
von taktischer Bedeutung.
Die Mudschahdin begannen Anfang März mit einem direkten
Frontalangriff aus dem Osten, von der Schlucht des Flusses
Kabul aus und entlang beider Seiten der Autobahn 1. Ihr erstes
Angriffsziel war die Stellung von Samarkel auf der Straße
rund zwölf Kilometer südostwärtig von Jalalabad. Die
Mudschahedin stürmten unter dem Feuerschutz von Raketen.
Granatwerfern und Maschinengewehren,vorwärts. Ihr anfänglicher
Kampfgeist und ihr Enthusiasmus trieb sie voran. Der Höhenzug
ostwärtig von Samarkel fiel und kurz danach das kleine Dorf
selbst. Als nächstes wurde der Flugplatz, der nur drei
Kilometer von der Stadt entfernt war, von den jubilierenden
Mudschahedin eingenommen. Der Angriff wurde durch mehrere
erbeutete Kampfpanzer T-55 angeführt, die von den Guerillas
bemannt wurden. Soweit ich mich erinnern kann, war dies das
einzige Panzergefecht des Krieges. Der Erfolg der Mudschahedin
war jedoch nur von kurzer Dauer, weil die koordinierten Bemühungen
der afghanischen Panzer, der Artillerie und der Luftwaffe sie
wieder vom Flugplatz vertrieben.
Das Gefecht wurde mehr und mehr zu einem Patt, wobei immer
mehr Mudschahedin in die Belagerung geworfen wurden. Die
Angriffe der Mudschahedin erfolgten unkoordiniert, und viele
Menschenleben wurden nutzlos vergeudet. Obwohl bei dem Gefecht
acht Kommandeure und ihre Gruppen eingesetzt waren, führte
niemand verantwortlich das Gefecht. Die Gefechte wurden während
des Tages geführt, wobei am frühen Morgen die Mudschahedin
zu Fuß nach vorne gingen oder mit dem Fahrrad an die Front
fuhren, um am Abend in die umliegenden verlassenen Dörfer zurückzukehren.
Von Anfang an floß ein ständiger Strom von Flüchtlingen,
alten Männern, Frauen und Kindern nach Pakistan. Bis zum Juni
waren 20.000 geflohen. Mittlerweile ging die Belagerung von
Jalalabad weiter, wobei die Mudschahedin ihren anfänglichen
Erfolg nicht fortsetzen konnten. Der entscheidende Faktor für
den Fehlschlag des Angriffes war mangelnde Kooperation
zwischen den Kommandeuren. Sie griffen an, wenn sie in der
Stimmung dazu waren, ohne darüber nachzudenken, ihre Bemühungen
zu konzentrieren oder zu koordinieren. Ein verzweifelter
Kommandeur sagte gegenüber der London Sunday Times: 'Es gibt
keine Koordination. Auf der einen Seite greifen die
Mudschahedin an und halten das afghanische Militär in Atem, während
auf der anderen Seite der Stadt andere Mudschahedin schlafen.'
Diese fohlende umfassende Planung führte zu vielen Rückschlägen.
Die Straße nach Kabul war, nachdem der Flugplatz eingenommen
worden war, der einzige Weg, um Jalalabad zu verstärken oder
zu versorgen, sie wurde von den Guerillas eingenommen. Doch
anstelle diese Straße ständig zu schließen, wechselten die
Mudschahedin die verantwortlichen Gruppen, was es dem Gegner
ermöglichte, mit einigen Konvois durchzuschlüpfen.
Ueber April, Mai und Juni wurde die Lage der Mudschahedin
immer schlechter. Nach ein paar Wochen machte sich der
Munitionsmangel bemerkbar. Der unkontrollierte und
verschwenderische Umgang mit der Munition in den frühen Tagen
des Angriffes konnte nicht wieder gut gemacht werden. Die US-Lieferungen
waren geringer als nötig, die Reserven waren nach dem
Desaster im Lager Ojhri nicht mehr aufgestockt worden, außerdem
gab es nur wenig voratlsschauende Planung oder Anlage von
Depots vor der Schlacht. Nicht nur der strategische Wunsch,
Jalalabad anzugreifen, war zweifelhaft, sondern auch die
Taktiken und logistischen Bemühungen zur Durchführung dieses
Angriffes erwiesen sich sehr schnell als unzulänglich.
Der Widerstand der Afghanischen Armee wurde ebenfalls
unterschätzt. Diese Soldaten mußten kämpfen, um zu überleben.
Nachdem im frühen Stadium des Gefechtes die Mudschahedin
Kriegsgefangene erschossen hatten, wurde den Soldaten in
Jalalabad klar, daß Kapitulation keine Antwort war. Sie
wurden unterstützt von enormer Feuerkraft, sie befanden sich
in stark befestigten Stellungen; zahlenmäßig waren sie den
Mudschahedin ebenbürdig, wenn nicht sogar unterlegen, und
ihre logistischen Erfordernisse wurden erfüllt. Flugzeuge,
darunter Antonow-12 Transporter, die zu Bombern umgebaut
worden waren, flogen bis zu 20 Einsätze pro Tag. Schwere
Bomben oder Cluster-Bomben, die über dem Erdboden detonierten
und Hunderte von kleinen Bomblets über dem Zielgebiet
verstreuten, wurden eingesetzt. Diese waren für die ungeschützte
Infanterie tödlich. Obwohl die Anotow nur ein langsames
Propellerflugzeug ist, wurden diese Bombenangriffe aus großer
Höhe durchgeführt, um außerhalb der Reichweite der Stinger-Raketen
bleiben zu können.
Die Scud-Raketen hatten sowohl einen psychologischen als
auch taktischen Wert. Es gab wenigstens drei Batterien dieser
Raketen in Kabul, die von sowjetischem Personal gewartet und
bedient wurden. Diese Waffensysteme wurden eingeführt, um den
sowjetischen Rückzug zu kompensieren. Die verhältnismäßig
aufwendige Technik machte sowjetische Bedienung erforderlich.
Eine Batterie bestand aus drei Werferfahrzeugen, drei weiteren
Fahrzeugen zum Nachladen der Werfer, die jeweils eine Rakete
transportieren konnten, einer mobilen meterologisclhen Einheit,
einem Tankfahrzeug mit einer Pumpeinheit auf dem Anhänger und
verschiedenen Führungs- und Verbindungsfahrzeugen. Um in
Feuerstellung zu gehen, benötigte man eine Stunde. Dies schloß
die lange Auswahl der Feuerstellung ein, wobei Theodoliten und
optische Einrichtungen benutzt wurden deren Anwendung beendet
war, noch bevor die Rakete zum Abschuß aufgerichtet werden
konnte.
Die Scud, die in Afghanistan abgefeuert wurden, trugen
konventionelle Sprengköpfe mit einem Gewicht von 1000 kg.
Jalalabad befand sich innerhalb der Reichweite dieser Raketen.
Die einzige Warnung für die Mudschahedin war der Knall, wenn
die Rakete durch die Schallmauer brach. Es handelte sich
hierbei um Flächenwaffen von geringer Präzision. Sie konnten
keine große Treffgenauigkeit erreichen. Die Vorschriften über
die Raketen besagten, daß bei einer Entfernung von Kabul nach
Jalalabad rund die Hälfte der Raketen innerhalb eines Kreises
mit einem Radius von 900 Metern landen würde. Uber 400
Raketen wurden in die Berge rund um Jalalabad während der
Belagerung geschossen.
In vier Monaten gelang es den Mudschahedin nicht, Jalalabad
einzunehmen. Dies war keine Uberraschung für jemanden, der
die Situation ernsthaft betrachtete. Die Mudschahedin verloren
hierbei weit über 3.000 Tote und Verletzte. Sie
verschwendeten die geringen Reserven an Munition. Ihre Unfähigkeit,
die Minenfelder zu überwinden und die befestigten Stellungen
einzunehmen, stärkten die Moral ihrer Gegner. Das Gefecht um
Jalalabad hob das Selbstvertrauen der Afghanischen Armee in
ihre eigenen Fähigkeiten, weil man in der Welt berichten
konnte' daß die Mudschahedin nicht in der Lage waren, in
Kabul einzumarschieren. Dies war ein weiterer Rückschlag für
den Jihad, von dem sich die Mudschahedin bis Anfang 1992 nicht
erholt haben. Ebenso glaube ich nicht, daß ihre Führer die
Lektionen verstanden haben.
Der ISI und die Parteiführer machten den strategischen
Fehler, daß sie zu früh vom Guerillakrieg in den
konventionellen Krieg umschwenkten. Der Fehler wurde noch
vergrößert, als sie Jalalabad angriffen, wobei zweifelhaft
ist, ob eine Einnahme Jalalabads notwendigerweise auch das
kommunistische Regime gestürzt hätte, was im Falle der
Einnahme von Kabul sicherlich der Fall gewesen wäre. Sie
unternahmen weiterhin keine Versuche, die afghanischen
Reserven niederzuhalten indem sie weiterhin Druck auf die
Flugplätze von Kabul oder Bagram ausübten.
Es war während der letzten Tage der Belagerung, als
Hekmatyars Männer einen Hinterhalt auf Massuds Streitkräfte
in der Provinz von Takhar unternahmen, der die
Vergeltungskampagne auslöste, die in den öffentlichen
Exekutionen gipfelte, die in Kapitel 8 beschrieben sind.
Dieser Bürgerkrieg, der zwischen den Mudschahedin zu einem
derart kritischen Zeitpunkt ausgebrochen war, zerstörte die
geringe Einheit, die den Jihad noch unterstützte.
Taktisch gesehen war das ein Paradebeispiel, wie man kein
Gefecht führen sollte: es gab keinen Uberraschungsmoment;
unterlegene Truppen versuchten einen Frontalangriff auf
vorbereitete Stellungen beim Tageslicht. Die Angriffe waren
kaum koordiniert und die Mudschahedin waren einem
kontinuierlichen Beschuß mit Granaten und Bomben ausgesetzt,
auf die sie keine Antwort hatten. Es herrschte ein großes Mißmanagement
bei den logistischen Bemühungen. Aufgrund der Kürzungen der
Amerikaner und des Verlustes der strategischen Reserve von
Waffen und Munition in Ojhri gab es nicht mehr genügend
Munition für eine Großoffensive, die länger als eine Woche
dauerte. Alle Führer der Mudschahedin wußten dies, setzten
ihren Plan dennoch fort.
General Gul wurde seines Amtes beim ISI im Juni 1989
enthoben, als jederma klar wurde, daß die Schlacht von
Jalalabad zu einer Katastrophe geworden war. Seine zwei Jahre
beim ISI mußten eine bittere Erfahrung für ihn gewesen sein.
Er kam zu einem Zeitpunkt, als der militärische Sieg in Sicht
war, und er verließ die Mudschahedin, als ihre Niederlage in
dem Bereich des Möglichen rückte. Der Wegfall der
amerikanischen Hilfe, die Explosion in Ojhri der
Flugzeugabsturz des Präsidenten, die zunehmenden internen Kämpfe
der Führer, als die Sowjets das Land verließen, und
letztlich Jalalabad verlangte nach einem Sündenbock - General
Gul. Premierministerin Benazir Bhutto versetzte ihn zurück
zur Armee.
Sein Nachfolger war General Shamsur Rahman Kallu. Er wurde
aus dem Ruhestand zurückberufen, um das Amt zu übernehmen.
Zia hatte ihn in den Ruhestand versetzt, weil er vorgeschlagen
hatte, daß der Präsident das Amt des Stabschefs aufgeben
sollte. Kallu folgte der amerikanischen Linie, beugte sich dem
amerikanischen Druck und machte somit einen Sieg der
Mudschahedin unmöglich. Ebenso war es ihm nicht gelungen, die
Einheit der afghanischen Ubergangsregierung zu bewahren. Der
Jihad hat sich von den Geschehnissen um Jalalabad niemals
erholt. Die Mudschahedin hatten der Welt bewiesen, daß sie
die Courage und die Fähigkeiten hatten, den Druck des
Guerillakrieges auszuhalten und eine Supermacht zum Rückzug
zu zwingen. Sie hatten die Absicht zu kämpfen, sie hatten als
Grund zum Kampf den Jihad, und sie hatten eine einfühlsame
militärische Führung deshalb konnten sie nicht besiegt
werden. Wenn man diese Bestandteile, die zum Sieg der
Mudschahedin über die sowjetische Armee geführt haben,
fortnimmt, kann keine Armee siegen. Die Militärgeschichte ist
ein Lehrer für die Soldaten sowie für Politiker.Ihre Lehren
sind zwar gering an der Zahl und w erden oft wiederholt. Das
Problem ist das Lernen. |