|
"Für die
Fliehenden gibt es weder Ruhm noch Macht" Homer,
Ilias, XV
Gegen Ende März 1987 wurde General Akhtar zum
Vier-Sterne-General befördert. Dies bedeutete, daß er seinen
Posten als Generaldirektor des ISl aufgab und Vorsitzender der
Joint Chiefs of Staff Committee wurde. Seine Beförderung mißfiel
den Parteien, den Mudsehahedin, mir und auch dem General
selbst. Ueber acht Jahre war General Akhtar der Stratege des
Jihad. Unter seiner Leitung wurde der Krieg so geführt, daß
ein militärischer Sieg für die Mudsehahedin in Sieht war. Es
waren seine Empfehlungen an den Präsidenten zu Beginn des
Konfliktes, die die pakistanische Unterstützung der Guerillas
ermöglicht hatten. Er hatte erfolgreich versucht, auf
politischer Ebene den Anschein einer Einheit zwischen den
Parteiführern der Mudschahedin zu geben. was jedoch nur als
Grundvoraussetzung für einen militärischen Sieg benötigt
wurde. Er verstand sehr gut die afghanische Psyche und die
zwingende Notwendigkeit, militärische Ziele zu erreichen,
bevor damit begonnen werden konnte, sich politiseh zu einigen.
Die Führer und Kommandeure der Mudschahedin konnten sich
jedoch nur mit einer Aufgabe gleichzeitig beschäftigen.
Keiner erkannte besser als er, daß vorzeitige politische
Macht schwächend auf den Jihad wirken würde.
Er konnte während des Jahres 1986 sehen, wie die
sowjetischen Meinungen zerbrökkelten. In diesem Jahr sagte Präsident
Gorbatschow auf dem XXII. Parteitag der KPdSU, daß die
Konterrevolution und der Imperialismus Afghanistan in eine
blutende Wunde verwandelt hätten. Im Mai desselben Jahres
boten die Sowjets bei den Genfer Friedensgesprächen einen
Zeitplan für einen vierjährigen Rückzug an. Im Juli zogen
sie bereits 6.000 Mann zurück, darunter zwei Mot- Schützenregimenter.
sowie ein Panzerregiment und zwei Flugabwehr-Regimenter. 1986
war das Jahr der Stinger-Raketen.
General Akhtar übernahm eine Aufgabe, in der er nur wenig
Autorität oder Einfluß hatte. Von der mächtigsten Stellung
innerhalb des pakistanischen Militärs, aus der er jahrelang
den Kampf mit der sowjetischen Supermacht auf dem Gefechtsfeld
geführt hatte, fiel er 'die Treppe nach oben' in die 'Verbannung'.
Es dauerte zwei Wochcn. bis General Akhtar seine Unterlagen im
Bezug auf Afghanistan seinem Nachfolger, (Generalmajor Hamid
Gul, übergab. Es gab Gespräche darüber. daß er diese
Aufgabe in seiner neuen Position weiter übernehmen sollte. Er
erhoffte sich aus persoenlichen und militärischcn Gründen,
den Jihad bis zum endgültigen Sieg der Mudschahedin führen
zu können. Aber auch diese Aufgabe wurde seinem Nachfolger übertragen,
Präsident Zia gab nicht nach. Dies war der erste einer Serie
von Rück schlägen vor als auch nach dem sowjetischen Rückzug.
was beinahe zu einer niederlage der Mudschahedin kurz vor dem
greifbaren Sieg geführt hatte. General Akhtar wurde, wie ich
glaube, ein Opfer des amerikanischcn Drucks. Der Druck bestand
offensichtlich schon seit Jahren, deckte sich jedoch im April
schließlich mit den Wunschen unseres Präsidenten. Obwohl der
amerikanische Botschafter protestierte und Präsident Zia
sagte. daß General Akhtar die Aufgaben in Afghanistan weiter
durchführen sollte, sprach dieser nicht mit genug Nachdruck.
Die Amerikaner waren mit Akhtar als Direktor des ISI niemals
glücklich gewesen.
Ueber einen Zeitraum von mehreren Jahren hatten die USA
oefters Meinungsverschiedenheiten mit General Akhtar. Zu
Beginn des Krieges schien das Ziel klar: die Sowjets aus
Afghanistan zu verjagen und sie für die amerikanische Demütigung
in Vietnam bezahlen lassen. Dies war primär ein militärischer
Grund, der massive Unterstützung für den Guerillafeldzug möglich
machte. Nachdem sich das Kriegsglück leicht zum Vorteil für
die Mudschahedin zu entwickeln begann und die Sowjets
Anstalten zum Rückzug aus Afghanistan machten, begannen die
Amerikaner darüber nachzudenken, wie Afghanistan ohne die
Sowjetische Armee aussehen wurde. Was sie dort zu sehen
glaubten. alarmierte sie. Sie glaubten nicht daran, dass das
kommunistische Regime in Afghanistan überleben würde,
nachdem sich die Sowjets zurückgezogen hatten, genauso wenig
wie die Süd-Vietnamesen den amerikanischen Rückzug aus
Vietnam überlebt hatten. Die Amerikaner sahen islamische
Fundamentalisten als Regierung in Kabul. sie sahen Führer wie
Khalis. Sayaf. Rabbani und vor allem Hekmatyar, die eine Art
religiöser Diktatur nach iranischem Vorbild etablieren
wollten, was Kabul möglicherweise genauso anti-amerikanisch
machen würde wie Teheran. Aus diesem Grunde versuchten die
Amerikaner mit zunehmenden Kraftanstrengungen, die Macht der
Parteiführer zu verringern. Sie wollten die Unterschiede
zwischen den Parteien und ihren Führern klar herausstellen.
General Akhtar verstand ihre methoden und Ziele und war
deshalb gegen jede ihrer Bewegungen.
Die CIA hatte schon immer gefordert, daß der ISI die
Waffen direkt den Kommandeuren, unter Umgehung der Parteien.
übergeben sollte. Sie begründeten dies als militärisch
sinnvoller. Die CIA wäre mit Sicherheit entzückt darüber
gewesen. wenn sie selbst hätte entscheiden können, wer
Waffen bekam und wer nicht. Obwohl wir ihnen erklärten, daß
unsere Methode nur auf operativen Faktoren beruhte,
akzeptierten sie es nicht und wurden mit zunehmender Zeit
frustrierter. weil der ISI ablehnte, das System zu ändern. Hätten
wir die Waffen direkt den Kommandeuren übergeben, hätte dies
zu Korruption. Chaos und Verwirrung innerhalb Afghanistans geführt.
Interessanterweise war die Situation bis zur Machtübernahme
Anfang 1991 so. 1990 bekamen die Amerikaner ihren Willen und
konnten nach ihrer Methode handeln. Die Waffen wurden weitest
gehend den Kommandeuren direkt gegeben, mit den daraus
resultierenden internen Machtkämpfen und dem Fehlen jeglicher
Kontrolle. Es wurde üblich, daß Kommandeure Kolonnen der
Mudschahedin angriffen, um Waffen zu stehlen, von denen sie
glanbten, daß sie ihnen ausgehändigt hätten werden sollen.
Dies paßt natürlich den Amerikanern sowie den Sowjets gut,
weil sie beide eine fundamentalistische Regierung in Kabul fürchteten.
welche die Prohleme der Sowjets mit ihren moslemischen
Republikcn verstärkt haette.
General Akhtar war immer gegen die Idee der Amerikaner
gewesen, dass diese den seit langem im Exil befindlichen Zahir
Schah zum Chef einer regierung der Versöhnung in Kabul machen
wollten. Dies wurde 1986 versucht, war jedoch nur ein weiterer
Versuch, die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Gemäßigten
und den Fundamentalisten zu schüren. Die Fundamentalisten
betrachteten den früheren König als inkompetent, der
innerhalb von zehn Jahren fünf Premierminister verschlissen
hatte und im schlimmsten Falle als eine amerikanische
Marionette gesehen wurde. Gailani, der Führer einer gemäßigten
Partei, war zu jener Zeit ein inoffizieller Berater des Königs,
so daß eine Befürwortung von Zahir Schah die Rivalitäten
zwischen den Mudschahedin anheizen würde.
Weiterhin gab es einen Widerstand des Generals gegenüber
den Forderungen des amerikanischen und das pakistanischen Außenministeriums,
daß alle Führer einen Shoora (einen Rat) einberufen sollten,
um Absprachen für eine zukünftige afghanische Regierung zu
diskutieren, auf einer Basis, daß jede Partei ohne Berücksichtigung
ihrer Größe die gleiche Anzahl der Sitze bekäme. Dies würde
bedeuten, daß zahlenmäßig große Parteien. deren Bemühungen
und Effektivität im Jihad jedoch gering waren, später in der
Politik das größere Gewicht und das Sagen gegenüber den
kleineren mehr kampforientierten Parteien hätten. Sowohl
General Akhtar als auch ich stimmten gegen diese Möglichkeit.
Genauso waren wir beide gegen dic Bildung einer
Uebergangsregierung durch die Parteien bis zu dem Zeitpunkt,
an dem der Krieg gewonnen war, die Sowjets also Afghanistan
verlassen und die Mudschahedin Kabul eingenommen hätten.
General Akhtar erkannte richtig. das diese Vorschläge der
Amerikaner sowie des pakistanischen Außenministeriums darauf
ausgerichtet waren, Meinungsverschiedenheiten zwischen den
Parteien heraufzubeschwören und dadurch den Führern und
Kommandeuren in ihren Bemühungen auf dem Gefechtsfeld zu
schaden. General Akhtar und ich glaubten' daß die
Mudschahedin erst einen militärischen Sieg errungen haben müßten,
bevor die politische Zukunft für Afghanistan beschlossen
werden könnte. Wenn die Kommandeure auf dem Gefechtsfeld erst
einmal Interesse an der Politik in Peshawar zeigten. dann würden
sie die Kämpfe Kämpfe sein lassen, um in Pakistan mitspielen
zu können. Warum sollten sie nach alledem damit fortfahren,
den Krieg mit Enthusiasmus und großem persönlichen Risiko zu
führen, wenn die potentiellen, politischen Machtpositioncn in
Peshawar zum Nulltarif verteilt wurden? Niemand würde etwas
Wertvolles sichern, wenn sie nicht persönlich anwesend wären,
um Verbündete zu suchen und intrigieren - wie der Kampf ein
Teil des afghanischcn Charakters. General Akhtar fürchtete,
daß politische Aktivitäten, bevor Kabul in der Hand der
Mudschahedin wäre, den Jihad schwächen würden und ein militärischer
Sieg nicht mehr greifbar wäre, womit er Recht hatte.
Bedauerlicherweise hatte General Akhtar nur wenige Freunde.
innerhalb des Militärs betrachteten ihn alle Generäle mit
einer Mischung aus Verdacht und Argwohn. Er hatte ein gutes
Verhältnis mit dem Premierminister, während die Amerikaner
ihn als Favoriten der verhaßten Fundamentalisten betrachteten.
Die letzte Entscheidung, ihn aus seinem Amt beim TSI zu
entheben, kam von Prasident Zia. Wenn der Präsident gewollt hätte,
daß General Akhtar bliebe, dann hätte ihn nichts daran
hindern können, Anfang 1987 wollte Zia jedoch den Wechsel an
der Spitze des ISI.
General Akhtar hatte fast ein Wunder möglich gemacht. Die
Tatsache, daß die Mudschahedin eine kommunistische Supermacht
besiegen konnten, rueckte nun in den Bereich des Möglichen.
Die Sowjets sprachen über den Rückzug ihrer Truppen und die
Stinger-Raketen wurden nun gegen sie eingesetzt. Mit einem
militärischen Triumph wäre General Akhtar der Held gewesen;
er war als erster für den Krieg eingetreten und hatte die
Entscheidungen und den Gesamtüberblick für die Strategie des
Krieges geliefert. Es wäre sein Sieg gewesen. Ich glaube, daß
General Akhtar von Präsident Zia befördert wurde, so daß
dieser Sieg Zias Sieg werden würde. Es hätte seine persönliche
Autorität und Prestige enorm gestärkt. Er wäre als Sieger
aus dem größten Jihad seit Jahrhunderten hervorgegangen, was
sicherlich auch seine Position als Präsident unangreifbar
gemacht hätte. Als sich diese Gedanken mit denen der
Amerikaner sowie Pakistaner deckten, wurde der Druck, General
Akhtar zu versetzen, stärker, die Entscheidung war
unwiderruflich. General Akhtar war nicht der erste Offizier,
der weggelobt' wurde, wenn sich herausstellte? daß er auch
nur eine leise Bedrohung, egal ob direkt oder indirekt, für
den Präsidenten darstellen könnte. Meine Reaktion auf den
Wechsel an der Spitze des ISI war Bestürzung. Als Soldat
dachte ich, daß der Sieg auf dem Gefechtsfeld höchste
Priorität hatte. Meine Ansichten in diesem Bereich deckten
sich mit denen des Generals. Zuerst muß der Krieg gewonnen
werden. dann erst kann die Autorität an die Politiker zurückgegeben
werden. Ich schätze, daß diese Betrachtungsweise vielleicht
zu einfach und zu naiv war. Die Zwischenfälle und die Art
ihrer Durchführung beweisen, wie politische
Meinungsverschiedenheiten zu dem militärischen Chaos führen
können, das mehrere Jahre in Afghanistan herrschte.
Meine Bemühungen richteten sich auf die Operationen,
jedoch waren die Auswirkungen der Politik auf das Gefechtsfeld
ein Teil meines täglichen Lebens. Es schien oft. als daß
diese Politik die Mudschahedin mehr behinderte, statt ihnen zu
helfen. Der pakistanische Außenminister, Sahibsada Yakoob,
war an den von der UN veranstalteten Genfer Friedensgesprächen
zwischen Pakistan und der Sowjetunion beteiligt. Er wollte die
Führer über das Fortschreiten dieser Diskussionen
informieren, ich fand es jedoch frustrierend zu sehen. daß er
nur das wiederholte, was bereits in der Öffentlichkeit
allgemein bekannt war und bereits in der Presse stand. Er zog
sie niemals in sein Vertrauen oder weihte sie in seine
Gedanken ein. Er wollte auch ihre Standpunkte nicht beachten.
Unser Aussenministerium war entschlossen, ein Geschäft
abzuschließen, und unter keine Umständen bekamen die Führer
der Mudschahedin das Recht, ein Veto zu den Vereinbarungen
einzulegen. Ende 1986 war das Vertrauen und der Respekt
zwischen den Führern und unserem Außenministerium auf seinem
Tiefpunkt angelangt. Bei einer gelegenheit fragte der
Aussenminister Hekmatyar über seine Ansichten zum
sowjetischen Zeitplan für den Rückzug, er antwortete:
"Den Sowjets sollte soviel Zeit für den Rückzug gegeben
werden, wie sie benötigtn, nach Afghanistan einzumarschieren,
nicht länger als drei Tage.
Die Führer vertraten dic Ansicht. daß die Sowjets direkt
mit ihnen verhandeln sollten. Ob die Sowjets dies 1986
akzeptiert hätten, kann ich mir nicht vorstellen, aber unser
Aussenministerium war sicherlich nicht darauf vorbereitet,
seine Bedeutung konnte ihm wiederum nur entgegnen, daß dies
unmoeglich war, fügte jedoch hinzu, ebenfalls klar, daß sie
sich an einer Uebergangsregierung mit Handlangern von
Najibullah oder der Sowjets nicht einmal einen einzigen Tag
beteiligen würden. Ihr Kampf wurde im Namen Allahs und für
den Aufbau einer islamischen Regierung in Kabul geführt. Sie
sprachen davon, daß eine derartige Beteiligung ein Betrug an
Millionen Afghanen wäre. Sogar Präsident Zia versuchte, sie
zu beruhigen und erwartete ein bißchen mehr politische
Weitsicht, indem sie die Macht in einer Uebergangsregierung für
eine gewisse Zeitspanne teilten, worauf sie aber nicht
eingingen. Hier waren die Afghanen höchst inflexibel. Am Ende
hörte ich den Einweisungen Sahibsadas nicht mehr zu- sie
waren zu deprimierend.
Generalmajor Hamid Gul löste General Akhtar beim ISI im
April 1987 ab. Er übernahm diesen Posten für zwei Jahre. Er
war bisher der Direktor des militärischen Nachrichtendienstes
beim GHQ, und ich hörte eine Menge über seine Fachkompetenz
und seine Charakterstärke. Wenn ich nun zurückblicke, kann
ich mit ihm sympathisieren. Er war dazu bestimmt, bei einer
Serie von Unglücken verantwortlich zu sein, die trotz des
sowjetischen Rückzuges aus Afghanistan das Chaos der
Nachkriegszeit produzierten. Während seiner Dienstzeit beim
ISI wurde ihm der militärische Sieg aus den Händen gerissen,
und er mußte sich anstelle dessen mit einem Patt zufrieden
geben.
General Gul war ein neuer besen' und wollte sofort kehren.
Er benötigte genau wie alle anderen Zeit, um sich
einzuarbeiten, die Führer zu treffen, er mußte damit
beginnen, den afghanischen Lebensweg zu verstehen, und er mußte
herausfinden, was möglich und was nicht möglich war. Zu
Anfang war dies manchmal sehr schwierig. Als Soldat der
Panzertruppe trat er dafür ein, daß die Armee eine mobile.
feuerkräftige und schlagkräftige TASK Force als Reserve
hatte - eine Einheit, die rasch zu einem Krisenherd verlegt
werden konnte, um im Gefecht zum richtigen Zeitpunkt einen
Schwerpunkt zu bilden, damit die Schwächen des Gegners
richtig ausgenutzt werden konnten. Dies war eine gute Idee,
die für den Erfolg in einem konventionellen Krieg wichtig
war, die in einem Guerillakrieg wünschenswert, jedoch bei den
Mudschahedin in Afghanistan unmöglich war. Zu Beginn seiner
Dienstzeit hatte General Gul keine oder nur wenig Kenntnis von
den Verbindungen zwischen den Parteien und Kommandeuren und
keine Vorstellungen, wie sehr diese die praktische Operationsfähigkeit
beeinträchtigten. Er konnte nicht begreifen, daß die meisten
Kommandeure nicht tolerierten, daß sich Mudschahedin anderer
Parteien durch ihr Gebiet bewegten, ganz zu schweigen von der
Erlaubnis, eine große Einheit in das eigene Gebiet kommen zu
lassen, um dort Operationen durchzuführen.
Ich stellte ihm diese Probleme dar, worauf er mich als
mutlos und ängstlich gegenüber neuen Ideen darstellte. Wegen
der Loyalität meinem Vorgesetzten gegenüber machte ich
enorme Anstrengungen und Bemühungen, Mudschahedin aller
Parteien zu einer Ausbildung für diese seine 'Streitmacht'
zusammenzuführen. Vier Wochen lang bemühten wir uns. die
Schwierigkeiten bei Finanzierung, Logistik, Führung und
Verbindung auszuschalten. kamen jedoch nur wenig voran. Zu
diesem Zeitpunkt begann General Gul damit, einige der
Eigenarten dcs afghanischen Charakters zu begreifen und
stimmte mir zu. diese Idee der gemeinsamen Streitmacht eine
Zeitlang ruhen zu lassen.
Von diesem Zeitpunkt an wußte ich bereits, daß ich die
Armee verlassen würde. Ich erfuhr im April 1987, daß
ich doch nicht zum Generalmajor ernannt wurde. Ich war enttäuscht,
jedoch nicht überrascht. Nahezu keiner der Generäle, die für
die Beförderungen verantwortlich waren, kannte mich. Ich
hatte nicht unter ihnen gedient alles, was sie wußten war, daß
ich vier Jahre beim ISI gearbeitetet hatte. Sie zogen es vor,
bekannte Männer zu ernennen anstelle eines unbekannten
Brigadegenerals, der eine derartig lange Zeit außerhalb des
normalen soldatischen Werdegangs in einer Organisation tätig
war? der sie nur mit Mißtrauen gegenüberstanden. Ich glaube
daß der Präsident zu meinen Gunsten sprach, aber er war
nicht darauf vorbereitet auf so viele Gegenstimmen zu treffen.
Für ihn war es auch zu diesem Zeilpunkt keine strittige Frage.
Ich hätte im ISI als Brigadegeneral bleiben können, lehnte
dies jedoch ab. Ich hatte mich bereits lange zuvor dazu
entschieden, daß ich gehen würde, wenn ich nicht zum
Generalmajor befördert würde, so daß ich jetzt auch so
handelte. Der Haken an der Sache war, daß ich nicht mit einer
Pension in den Ruhestand treten konnte, sondern warten mußte,
bis ich die Erlaubnis der Armee bekam. Als Brigadegeneral
konnte der weitere Dienst befohlen werden. General Akhtar und
Gul versuchten mich zu überzeugen; sogar der Präsident
schickte eine Notiz, daß es mir nicht erlaubt werden sollte,
in den Ruhestand zu treten. weil meine Dienste immer noch benötigt
wurden.
Ich bereitete mich so darauf vor, einige weitere Monate in
der Armee zu bleiben um meinen Nachfolger einzuweisen, mehr
jedoch nicht. Nachdem ich diesen Krieg so lange Zeit
vergleichsweise erfolgreich geführt hatte, war mein persönlicher
Stolz verletzt. Wichtiger jedoch war es, daß ich entdeckte,
daß es eine allgemeine Atmosphäre des Wechsels in Richtung
einer Politik gab, die in meinen Augen den Jihad zu einer Zeit
schwächte, in der der militärische Druck hätte erhalten
werden müssen. Ich glaubte nicht mehr daran, daß ein Sieg
auf dem Gefechtsfeld das Kriegsziel war. Der Geruch von
politischem Zweckdenken und Kompromissen befand sich in der
Luft. Präsident Zia sprach sogar mit den Führern darüber,
die Macht in einer Uebergangsregierung mit Najibullah zu
teilen. Für mich sah das aus wie ein Anathema. Mit dem Sieg
vor Augen nahmen die Amerkianer bereits an, daß der Krieg
gewonnen war, und ihre Gedanken konzentrierten sich nur darauf,
wie sie es verhindern konnten, daß die fundamentalistischen
Parteien die Macht in Kabul übernahmen.
Ich kann nicht darauf verzichten, aus einem Brief vom 1.
Juni 1989 von Abdul Hak an die New York Times vom zu zitieren.
Obwohl dieser Brief zwei Jahre nachdem ich die Armee verlassen
hatte, geschrieben wurde, waren die Gefühle, die der Brief
ausdrückte, exakt jene der Mudschahedin während des Krieges.
Mit einem Verweis auf die US-Regierung schrieb er:
"Unsere Regierung forderte immer den Widerstand gegen
das Marionettenregime der Sowjets. Das Marionettenregime
befindet sich immer noch in Kabul. Präsident Najibullah war
nicht der Minister für Gesundheit und Ausbildung, sondern er
war der Minister für Folter und Mord (als Chef des KHAD).
Seit er Präsident wurde, haben wir Tausende von Opfern mehr...
Mehr als 1,5 Millionen Menschen wurden getötet, 70 % des
Landes wurden zerstört, zwischen fünf und sechs Millionen
Einwohner mußten fliehen.
Es wird gesagt, daß wir eine breit gefächerte Regierung
mit Präsident Najibullah und seinen Freunden bilden sollen.
Heutzutage gibt Amerika Kurt Waldheim kein Visum. weil er
beschuldigt wird, vor 45 Jahren eine Rolle bei
Kriegsverbrechen gespielt zu haben. Aber ihr wollt, daß wir
einen Kompromiß mit dem Hitler unseres Landes schließen."
Einige Zeit gab es ein Hin und Her, ob ich die Armee
verlassen dürfte. General Akhtar und ich hatten eine hitzige
Auseinandersetzung in seinem Büro. Er bestand darauf, daß
ich in der Armee verblieb, er versuchte, mir andere Posten
aufgrund seiner Uberzeugungskraft zu vermitteln, ich blieb
jedoch hartnäckig. Am Ende des Gespräches nachdem ich ihm
sagte, daß nichts mich dazu bewegen würde, meine Meinung zu
ändern, verlor General Akhtar seine Fassung und sagte mir, daß
ich unter keinen Umständen in den Ruhestand gehen könnte.
Ich erklärte General Gul, daß ich darauf vorbereitet war,
auf meine Pension zu verzichten und meine Beförderung
abzulehnen, aber ich würde auf jeden Fall die Armee verlassen.
Bevor ich am 8. August 1987 den ISI und die Armee verließ,
versprach ich dem Militärkomitee, daß ich als Zivilist zurückkehren
würde, um als Privatmann dem Jihad zu dienen. Nachdem ich
mich in Karatschi niedergelassen hatte, buchte ich am 8. April
1988 einen Flug nach Rawalpindi, ich ging zurück in den Kneg.
Im letzten Moment rief ich meinen Nachfolger beim ISI an und
berichtete ihm von meinen Absichten. Dieser riet mir jedoch,
meine Reise aufzuschieben, weil es bei den Parteien kaum
Waffen und Munition gab, um überhaupt irgendeine bedeutende
Operation durchzuführen. Dies war ein schlechtes Signal, weil
das System einen stetigen Fluß nach vorne erforderte. lch
entschied mich, ein wenig zu warten. Innerhalb einer Woche
bekam ich die erschreckende Neuigkeit, daß alle Munitionsvorräte
in meinem alten Hauptquartier im Lager Ojhri bei einer
Explosion vernichtet wurden.
Der Januar 1989 war seit langer Zeit einer der kältesten
Monate in Afghanistan. In der Mitte des Monats war der Großteil
der sowjetischen Truppen abgezogen, nur ihre Nachhut stellten
sicher, daß der Rückzug bis zum 15. Februar abgeschlossen
war. Der Funker Wasilij Sawenok richtete seinen Blick eifrig
und aufgeregt auf die bevorstehende Heimfahrt und auf zukünftige
Wiedersehensfeiern mit seinen Kameraden in Moskau. Er
verbrachte ein Jahr in einem kleinen, befestigten Außenposten,
der Kharga und überwachte die Straße von Ghazni im
Nordwesten von Kabul. Dieser Außenposten wurde auf den
sowjetischen Militärkarten als Berg 31 bezeichnet. Der Außenposten
wurde rund um einen alten, runden Betonwassertank gebaut,
Tunnel führten von dort unterirdisch zu den Führungs- und
Verbindungsbunkern. In dem zentralen Schlafbunker brannte ein
Holzfeuer, um das sich einige Soldaten sammelten, um sich zu wärmen,
bevor der nächste zwei Stunden andauernde Wachdienst begann.
An einem der Wände hing ein Poster auf dem stand, "FallschirmJager,
verseht euren Dienst in Afghanistan mit Ehre." Außerhalb
des Bunkers war die Welt schwarz und weiß und kalt. In den
Berg eingograben, geschützt von Sandsacken, waren zwei 122 mm
Haubitzen und ein Kampfpanzer T-62. Neben den Geschützen und
dem Panzer lagen leere Geschoßhülsen halb bedeckt im Schnee.
Dieser Posten war ein Teil des inneren Ringes der Kabuler
Verteidigungsstellungen, die verhindern sollten daß die Stadt
nach dem Abzug der Sowjets in die Hände der Mudschahedin fiel.
Die Garnison wartete ungeduldig darauf, von den 'Grünen'
abgelöst zu werden, die die Sowjets die Afghanische Armee
bezeichneten.
Im Nordosten von Kabul trug auf dem Flugplatz Oberst
Alexander Golowanow eine große Verantwortung. Seine Aufgabe
war es, den Flugplatz rund um die Uhr offen zu halten, bis die
letzte sowjetische Einheit abgezogen war. Obwohl die große
Masse der Soldaten über die Salang-Autobahn in Richtung
Sowjetunion fuhr, war der Flugbetrieb auf dem Flughafen von
Kabul niemals stärker, weil Transportflugzeuge alle paar
Minuten aus Taschkent ankamen. Backfire-Bomber flogen
Kampfaufträge aus der SowJetunion, wobei sie bis zu 6.000
Kilo Bomben abwarfen, um die Rückzugsroute zu sichern, während
Oberst Golowanow permanente Kampfhubschrauberflüge rund um
den Flugplatz organisierte, um Raketenangriffe auf die
Transportflugzeuge zu verhmdern. Sein Kommentar gegenüber
einem Korrespondenten der Sunday Times war: 'Sie (die
Mudschahedin) sind sehr gut für den Kampf im bergigen Gelande
ausgebildet... und sie sind jedoch noch immer Banditen. Man
bekommt sie auf dem Gefechtsfeld nicht von Angesicht zu
Angesicht zu sehen, und sie schießen immer von hinten.' Ein
nettes Kompliment für die Guerillakämpfer In Kabul selbst
herrschte große Begeisterung unter den Unterstützern des
Widerstandes. Die Sowjets zogen sich zurück; ohne sie konnten
sich die afghanischen Kommunisten nicht lange halten, dies
schien auch die Ansicht des diplomatischen Korps zu sein. Die
meisten Botschaften schlossen. Die Diplomaten und ihre
Familien sorgten sich um ihre Sicherheit und wollten das Land
verlassen wie ein sinkendes Schiff. Vielleicht würden sie
alle zurückkehren, sobald eine neue Regierung in Kabul
gebildet wuerde, im Moment aber schien es, daß die Stadt
innerhalb weniger Wochen eingenommen werden würde. Ich fand
ein bißchen merkwürdig, daß sich die Amerikaner in diesem
Augenblick zurückzogen. Es schien, als hätten die Sowjets
die Amerikaner während all der Jahre geschützt. und nun fürchteten
diese um ihre Sicherheit, weil die Mudschahedin den Krieg zu
gewinnen schienen. Aber wir waren doch ihre Verbündeten. Die
amerikanische Nationalflagge wurde langsam eingeholt, bevor
sich der Rest des Personals zum Flughafen begab. Dort jedoch
wurden sie enttauscht. Schwere Schneefälle hatten ihren Flug
um 24 Stunden verzögert. Als nachstes verließen die Briten
ihr elegantes Kolonialgebäude. In der folgenden Woche folgten
die Franzosen und Österreicher- und alle versprachen daß sie
zurückkehren wurden, wenn sich die Lage beruhigt hätte.
Die Sowjets hielten ihren Rückzugplan exakt ein. Der
letzte sowjetische Soldat ueberquerte die Brücke von Hairatan
nach Termez am 15. Februar 1989. Während der vorangegangenen
Wochen hatten Tausende von Soldaten die Salang-Autobahn mit
Panzern, LKWs und Schützenpanzern in Richtung Heimat überquert.
Sie verließen Kabul Bataillon für Bataillon, gewöhnlich während
der Nacht, waren total überladen mit neuen Panasonic-Fernsehern
und anderen westlichen elektrischen Luxusgutern, die zu Hause
nicht erhältlich waren. Sie trugen ihre Orden, und manche von
ihnen führten ihre Haushunde mit. Es war mehr oder weniger
eine würdige Abreise Ihre Diplomaten versuchten nicht
krampfhaft, in den letzten Hubschrauber vom Dach ihrer
Botschaft zu kommen. wie es bei den Amerikanern in Saigon 14
Jahre fruher geschehen war.
Der letzte Mann, der die Grenze zur Sowjetunion überquerte,
war der 45 Jahre alte Generalleutnant Boris Gromow. Er ging über
die Grenze. ohne einen Blick zurückzuwerfen. Gromow hatte
drei Einsätze in Afghanistan hinter sich. Es war ein
schwierier Job, die sowjetische Armee zurückzuziehen, ohne
ein Blutbad auf dem Weg bis zur grenze anzurichten. Obwohl die
Mudschahedin ihr Möglichstes taten, um den Rückzug zu
behindern verhinderten das Wetter und die sehr sorgfältigen
Sicherheitsvorbereitungen ein Desaster der Sowjets. Nach den
Worten Gromows starb nur ein Soldat am 15. Februar. Dieser
wurde von einem Scharfschützen, 20 Kilometer nördlich von
Kabul erschossen. Moskau war sehr beeindruckt von der
Auftragserfüllung Gromows; er wurde Kommandeur im Militärbezirk
Kiew und zum Helden der Sowjetunion ernannt.
Am selben Tag, jedoch Tausende von Kilometern entfernt, gab
im ClA-Hauptquartier in Langley William Webster, der
Nachfolger von Casey, eine Champagner-Party. Es wurden Toasts
auf den Sieg ausgebracht, das Vietnam-Debakel war gerächt,
nun waren es die Sowjets, die sich zurückzogen und die Kosten
an Menschen und Material sowie Geld in dem neunjährigen Krieg
aufführen mußten. Die Rache für die harte Behandlung der
amerikanischen Streitkräfte in Vietnam, weil die Sowjetunion
die Feinde Amerikas im Kampf unterstützt hatten, war
vollendet. Ich glaube, daß mit dem Genfer Abkommen Mitte
April 1988 die Amerikaner ihr Interesse an der Fortsetzung des
Krieges verloren hatten. Von diesem Moment an bestätigten
sich meine Zweifel, daß sich ihre Ziele von einem
militaerischen Sieg zum kompromißfrieden veränderten. Ich
werde auf den letzten Seiten noch erklären, wie die
Amerikaner sicherstellen wollten, daß keine
fundamentalistische Regierung in Kabul gebildet werden sollte.
Wäre dies geschehen, wäre in den Augen der Amerikaner nur
ein Widersacher gegen den anderen ausgetauscht worden.
Ironischerweise deckten sich in diesem Punkt ihre Interessen
mit denen der Sowjets, die fürchteten, daß der Islam religiöse
oder nationalistische Gefühle in ihren Republiken nördlich
des Amu aufwühlen würde. Von dem Moment, als die Sowjets dem
Abzug aus Afghanistan zustimmten, versuchten beide Supermächte
zu verhindern, daß die Mudschahedin einen militärischen Sieg
errängen.
Die Sowjets versuchten dies zu erreichen' indem sie große
Mengen militärischen Geräts an die Afghanische Armee übergaben.
General Gromow war nicht der letzte sowjetische Soldat in
Afghanistan. Mehrere hundert Sowjets verblieben in Afghanistan
als Militärberater, aber auch um die Scud-
Mittelstreckenraketen zu warten und zu bedienen, die auch im
Gefecht von Jalalabad Mitte 1989 benutzt wurden. Das
afghanische Abenteuer kostete die Sowjets über 13.000 Tote,
35.000 Verwundete und 311 Vermißte. Berichten zufolge kostete
der Krieg eine Million Rubel pro Tag. Nach dem Rückzug
stiegen die Preise steil an. Nur massive Nachschublieferungen
ermöglichten Najibullahs Soldaten den weiteren Kampf.
Amerikanische Experten schätzten, daß Afghanistan nach dem
Februar 1989 militärisches Gerät im Wert von 300 Millionen
US-Dollar pro Monat bekam. In den sechs Monaten, die ihrem Rückzug
aus Afghanistan folgten. flogen wenigstens 3.800 Flugzeuge
nach Afghanistan' transportierten Nahrung, Treibstoff, Waffen
und Munition. Wenn man dies mit der US-Hilfe des Jahres 1988
im Wert von 600 Millionen US-Dollar vergleicht. wird das
Ungleichgewicht kristallklar.
Da gibt es noch jene, die behaupten, daß die Sowjets keine
militärische Niederlage in Afghanistan erlitten. Als ein
Soldat, der vier Jahre gegen sie kämpfte, kann ich dem nicht
zustimmen. Ohne die Bemühungen der Mudschahedin auf dem
Gefechtsfeld hätte kein politisches Argument die Sowjets
wieder aus dem Land getrieben. Zu keiner Zeit des Krieges
waren die Kommunisten in der Lage, anderes Gelände als die Städte
und Stützpunkte zu halten und ihre Verbindungs- und
Versorgungslinien offen zu halten, sowie eine Anzahl
von'Search- and Destroy'-Operationen in unterschiedlicher Größe
durchzuführen. Im großen und ganzen waren die Leistungen der
sowjetischen Soldaten schlecht, weil sie nicht genügend
motiviert waren. Sie scheuten Nachtgefechte, sie wollten keine
Angriffe durchführen, sondern Verletzungen vermeiden und
blieben lieber in ihren Panzerfahrzeugen auf den Straßen,
anstatt in die Berge zu gehen. Die Einführung der Stinger-Raketen
ließ die Verluste an Kampfflugzeugen im Durchschnitt auf ein
Flugzeug pro Tag ansteigen, es wurde dem sowjetischen
Oberkommando klar, daß man den Krieg nicht gewinnen könne
Wenn man nicht in der Lage ist, eine Guerillaarmee zu
vernichten, hat man verloren. Die Sowjets hatten das gelernt,
als sie Afghanistan verließen. Um auf dem Gefechts feld zu
siegen, hätten die Aufwendungen erheblich steigen müssen. Es
gab keine Anzeichen dafür, daß Gorbatschow überhaupt darüber
nachdachte, einen derartigen Preis zu zahlen.
Gorbatschow, der auf den ersten Blick nichts mit der
Invasion Afghanistans zu tun hatte, profitierte ebenfalls vom
Rückzug der Soldaten. Die Invasion kostete dem Kreml zusätzlich
noch internationales Ansehen. Dies führte zu einer Spaltung
in der moslemischen Welt, der sowjetische Einfluß bei den
nichtbeteiligten Nationen wurde beeinträchtigt. Ich bin
sicher, daß Gorbatschow, als ihm das Oberkommando die nötigen
Kosten für einen militärischen Sieg mitteilte, sich sehr
schnell dazu entschied, das Beste daraus zu machen, indem er
die Soldaten zurückzog. Der Glanz der internationalen
Publicity war genau das, was er wollte. Die westlichen
Nationen wollten Gorbatschow als den großen Reformer ansehen,
und die afghanische Invasion würde sehr schnell vergeben
werden und bald vergessen sein. Im September 1990, als dieses
Buch geschrieben wurde, verurteilte der sowjetische Außenminister
vor der UNO den Irak wegen seiner Invasion in Kuweit, als ob
sein Land niemals über eine derartige Invasion nachdenken,
geschweige denn, sie ausführen könnte. Das Gedächtnis von
Politikern ist verhältnismäßig gering ausgeprägt.
Mit der Unterzeichnung der Genfer Abkommen begann sich das
gesamte Muster der bisherigen Kriegsstrategie aufzulösen.
Nachdem die Sowjets Afghanistan verließen nahm jeder an, daß
die Mudschahedin den militärischen Sieg erringen würden,
inklusive der Sowjets und der Afghanen, doch es war
unglaublich schwer mit anzusehen, wie der Wechsel in der
amerikanischen Politik dies verhinderte. Beide Supermächte
wollten ein Patt auf dem Gefechtsfeld. Die Sowjets versuchten,
dies durch ihre massive Unterstützung der afghanischen Armee
und Luftwaffe durch das Importieren von Scud-Raketen sowie
fortgesetzten Einsatz von Militärberatern und Konzentrierung
der afghanischen Streitkräfte in den wenigen strategischen Städten
und Stützpunkten, speziell Kabul, zu erreichen. Die Afghanen
hatten sich eingegraben, befanden sich in der Verteidigung,
nutzten die Luftüberlegenheit und Raketen und hielten die
Luft und Landbrücke in die Sowjetunion offen. Die
sowjetischen Planer waren sehr unsicher, ob die Afghanische
Armee den Rückzug überstehen würde. Wenn Najibullah nicht
die bisherigen Positionen halten konnte, gab es gute Chancen
eine politische Kompromißlösung zu finden. Auf dem
Gefcchtsfeld bekommt der Gewinner alles; weder die Sowjets
noch die Amerikaner wollten die Mudschahedin in dieser
Position sehen.
Zunächst zu den militärischen Mitteln: Obwohl es keine
Gespräche mit den Sowjets gab, die Waffenversorgung an den
jeweiligen Verbündeten zu begrenzen, war es genau das, was
die USA taten. Um den Sieg der Mudschahedin zu verhindern, die
während des Rückzugs der Sowjets noch einmal zuschlagen
wollten, gab es einen substantiellen Schnitt in der Versorgung
mit Waffen. Dies sollte angeblich verhindern, daß die Sowjets
ihren Rückzug verzögern könnten, ich glaube jedoch, daß
das mehr ein Deckmantel für den Wandel der amerikanischen
Politik bedeutete, weil die Kürzungen auch nach dem Abzug der
Sowjets blieben.
Die Unterstützer der Mudschahedin im Kongreß äußerten
ihre Bedenken laut. Zwei amerikanische Senatoren forderten
eine Untersuchung des Kongresses, warum die Waffenlieferungen
gekürzt wurden. Wie die Washington Times Anfang April 1989
berichtete, schrieb Senator Orrin Hatch, ein Mitglied des
Senatausschusses für den Geheimdienst an den Vorsitzenden und
forderte eine Unterschuchung der Aktivitäten der CIA in
Afghanistan. Mr. Hatch war besorgt über die Masse der
sowjetischen Waffenlieferungen, wohingogen die
Waffenlieferungen der Amerikaner bis ins Nichts gekürzt
wurden. Vier Monate später berichtete die London Times, daß
der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses dies bestätigte
und die Kürzungen unterstützte. Anthony Beilenson sagte, daß'die
Versorgung der afghanischen Rebellen mit militärischen Hilfsgütern
nicht länger in unserem Interesse sei, nachdem die Sowjets
sich zurückgezogen haben'. Es giLt sicherlich keine klarere
Aussage über die neue amerikanische Politik.
Sogar Charles Wilson hatte seinen früheren Enthusiasmus für
einen militärischen Sieg verloren. Wie ich aus Erfahrung wußte,
fühlten sich die meisten amerikanischen Offiziellen durch den
ISI beleidigt, weil mein Büro ihre Einmischung bei der
Verteilung der Waffen oder bei den Operationen nicht zuließ.
Die Amerikaner wollten den Krieg immer kontrollieren. Nachdem
General Akhtar versetzt worden und ich selbst in den Ruhestand
gegangen war, waren die Amerikaner nun in der Lage, ihre Bemühungen
auf die weniger erfahrenen Neulinge im ISI zu konzentrieren.
Das Mitglied des Repräsentantenhauses. Bill McCollum aus
Florida, sagte es sehr nett, als er vom Insight Magazrne im
April l990 zitiert wurde. Er sagte, daß alle Militärhilfe
der USA nach Pakistan, welche der drittgrößte Posten der
US-Außenhilfe war, zurückgeschraubt, wenn nicht sogar ganz
gekürzt würde, wenn der ISI nicht unter Kontrolle gebracht
werden könne.
Als nächstes sollten die Taktiken der amerikanischen
Politik das Patt erhalten. In diesem Punkt nutzten sie die
wohlbekannte Tendenz aller Afghanen zu internen politischen
Auseinandersetzungen und die Rivalitäten zwischen den
Parteien. Nachdem die Sowjets Afghanistan verlassen hatten,
hatten die Mudschahedin einen bemerkenswerten Sieg errungen,
der Jihad hatte Erfolg gehabt und die Ungläubigen waren
vertrieben worden. Der gemeinsame Feind und dieser gemeinsame
Krieg hatte lange Zeit eine gewisse Einigung zwischen den
normalerweise zerstrittenen Gruppierungen der Mudschahedin
erzwungen. Ohne die Sowjets würden die Parteien und
Kommandeure wieder mehr an ihre politischen Positionen und
Absichten in der Zukunft denken. Auch die alten Feindschaften,
die durch den anti-sowjetischen Kreuzzug eine Zeitlang unterdrückt
worden waren. kamen nun erneut wieder an die Oberfläche; die
USA unterstützen dies. Sie versuchten nun, die Aufmerksamkeit
der Mudschahedin von militärischen auf politische Bereiche zu
lenken. Je mehr sich die Mudschahedin zerstritten, je mehr
sich die Führer und Kommandeure selbst darüber sorgten, was
in Peshawar und nicht in Afghanistan geschah, desto weniger
konnten sie auf dem Gefechtsfeld gewinnen. Die Amerikaner
wollten Zahir Schah wieder zurück an die Macht bringen und
unterstützten die Einberufung einer Shoora mit der jeweils
gleichen Anzahl von Repräsentanten jeder Partei, unabhängig
von ihrer Größe und ermutigten sie, eine Ubergangsregierung
für Afghanistan in Pakistan aufzubauen, weil sie wußten, daß
dies niemand beachten würde, erst recht nicht sie selbst. Ich
habe keinen Zweifel, daß all diese Handlungen darauf zielten,
die Einheit der Mudschahedin zur Fortführung des Krieges zu
brechen.
Bei diesen Tätigkeiten wurden sie unbewußt durch General
Gul unterstützt. Es wurde von ihm erwartet, daß er seinen
Aufgaben professionell nachging und daß er Änderungen in dem
bisher bestehenden System zur Durchführung des Krieges
vornahm, um die Fortsetzung des Krieges besser zu gestalten.
Es schien, als wollte er den Streitkräften der Mudschahedin
einen konventionellen Anstrich geben, daß er offensichtlich
direkt in die militärische Führung des Jihad involviert
werden wollte und daß er über die politischen Führer hätte
handeln wollen. Um dies zu beschleunigen, übernahm er den
Vorsitz des Militärkomitees. General Gul glaubte, und hierbei
hatte er die Unterstützung des Präsidenten, daß einige Führer
zu viel Macht bekämen. Um ihre Autorität zu reduzieren und
um gleichzeitig die Effektivität der Mudschahedin im Kampf zu
steigern, lieferte General Gul wieder Waffen direkt an die
Kommandeure. Dies erfreute natürlich die USA, weil die CIA
diese Methode von Beginn des Konfliktes an wünschte.
Schon früher glaubten die Amerikaner, daß die
Waffenlieferung direkt an die Mudschahedin dazu führen würde,
daß die Kommandeure auf dem Gefechtsfeld bessere Leistungen
zeigten. Dies mag vielleicht für kurze Zeit stimmen, oder für
eine spezielle Operation, jedoch wußten wir aus den
vergangenen Erfahrungen, daß am Ende diese Methode zu
Korruption und Chaos führte. Sicherlich wurden die Parteiführer
dadurch aus dem Versorgungssystem ausgeschlossen, was sie
beunruhigte, aber ebenso wurden die internen Kämpfe zwischen
den Kommandeuren geschürt, weil diese nicht mehr die Anzahl
an Waffen bekamen, die sie erwarteten und sie deshalb dazu übergingen,
sie von anderen Kommandeuren zu erbeuten. Wie wäre der ISI
jemals direkt in der Lage gewesen, mit Hunderten von
Kommandeuren die Waffenlieferungen durchzuführen? Dies war
das System, das 1983 zum 'Quetta Zwischenfall' geführt hatte,
der damals entscheidend für meine Versetzung zum ISI war.
Eine weitere Facette des neuen Waffenverteilungssystems war
die, die auch einen katastrophalen Effekt auf die Versorgung
der Mudschahedin während des sowjetischen Rückzuges hatte,
daß Waffen im Lager Ojhri gelagert werden mußten. Dieses
Waffen- und Munitionslager des ISI mußte nun die Masse der
Waffen für die Kommandeure aufnehmen. Die individuellen
Lieferungen wurden in Ojhri sortiert, weil sie nicht länger
direkt in die Lager der Parteien geliefert werden durften. Ein
paar Tage vor der Unterzeichnung des Genfer Abkommens durch
die Sowjets verloren wir im April 1988 den gesamten
Lagerbestand an Waffen und Munition in Ojhri durch eine
verheerende Explosion. Wenn man diese Explosion, die Kürzung
der amerikanischen Waffenlieferungen und den strategischen
Fehler des Angriffes auf Jalalabad wenige Wochen später in
ein Gessamtkalkül zieht, werden die Gruende deutlich, warum
die Mudschahedin den Sieg nicht in der erwarteten kurzen Zeit
erringen konnten. |