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 Der Bär greift an

 
"Dieses Tier ist sehr gefährlich wenn es angegriffen wird, verteidigt es sich

Das sowjetische Oberkommando reagierte sehr sensibel auf die Aktivitäten der Mudschahedins in den Grenzprovinzen von Kunar, Nangarhar und Paktia. Genau auf der  anderen Seit der Grenze in Pakistan waren die vorgeschobenen Versorgungsstützpunkte der Mudschahedin, ihre Ausbildungseinrichtungen und ihre Flüchtlingslager. Von hier gingen in einem niemals endenden Strom von Karawanen oder langen Tierkolonnen, die sich entlang den Wegen und Pfaden durch die Berge schlängelten, eine Menge Waffen und Munition nach Afghanistan. Die strategische Bedeutung dieser Grenzzone für beide Seiten, vom Barikot in den Norden und von Urgun in den Süden, ist auf Karte 1 dargestellt.

Eine Hauptstraße verläuft von Kabul über Jalalabad nach Pcshawar über den Khyberpaß. Für die Sowjets war Jalalabad eine Schlüsselstadt. Alle Straßen, Pfade. Schluchten und Täler liefen von der Grenze aus in Jalalabad zusammen. Hier befanden sich die Hauptquartiere der 11. Afghanischen Division, des 66. Sowjetischen Mot-Schützenregiments, eines Speznas-Bataillons sowie der 1. Afghanischen Grenzbrigade. Auf halber Strecke des Kunartals in Richtung Nordosten befand sich eine weitere afghanische Division, die 9. bei Asadabad, und ein Stück höher im Tal befand sich bei Asmar ein weiteres Speznas-Bataillon. Am afghanischen Ende des Khyberpasses befindet sich Torkham, das von einer kleinen dominierenden Höhe, die von der Afghanischen Armee besetzt war und als Shamshadsar bezeichnet wird, überblickt werden kann. 1984 wurde ich eines Nachts mit der Neuigkeit geweckt, daß Shamshadsar in die Hände der Mudschahedin gefallen war und daß der sowjetisch/afghanische Gegenangriff sie nicht aus der Stellung herausgeworfen hatte. Anscheinend hatten die Afghanen dem örtlichen pakistanischen Grenzposten ein Ultimatum gestellt, daß sie, wenn sich die Mudschahedin nicht zurückziehen, die pakistanische Bevölkerung im Grenzgebiet beschießen würden. Dies verursachte beträchtliche Panik. Die Mudschahedin lehnten den Rückzug ab, bis sie von General Akhtar, der sich selbst in Karatschi befand, dazu den Befehl bekamen. Der Gouverneur der Nordwestprovinz war sehr empört und berichtete dies Präsident Zia. Als Resultat erhielt ich die Aufgabe, die Mudschahedin zum Rückzug zu bewegen. Schließlich hatte ich Erfolg, allerdings gab es danach vom Präsidenten einen Bann für jede Offensive der Mudschahedin innerhalb zehn Kilometer von Torkham oder von Chaman am Khojak-Paß in Belutschistan.

Die Sowjets reagierten im Bereich des Papageicnschnabels weiterhin sehr empfindlich, der an Jalalabad im Süden und Khost im Norden vorbeiragte. Die Lager der  Mudschahedin in diesem Gebiet lagen näher an Kabul als an diesen beiden afghanischen Städten Nahezu 40% aller Versorgungsgüter tur den gesamten Guerillakrieg wurden in diesem Bereich rund um Parachinar transportiert. Der Korken, der die Flasche verschließen sollte, war die afghanische Garnison in Ali Khel, zwölf Kilometer von der Grenze entfernt.

Die gleiche Bedeutung wie Jalalabad, jedoch südlich des Papageienschnabels, hatte die Stadt Khost. Die Garnison, die aus der afghanischen 25. Division und der 2. Grenzbrigade bestand, hatte die kleineren Grenzposten gegenüber von Miram Sha in Pakistan zu versorgen. Durch Miram Sha verlief eine weitere Route unserer Versorgungspipeline, auf der nahezu 20 % der Waffen der Mudschahedin befördert wurden.

Die sowjetische Grenzstrategie basierte auf der Erhaltung einer Vielzahl von Stellungen und Posten, kleine sowie große nahe Pakistan. Es war beabsichtigt, die Grenze abzuriegeln und unsere Versorgungsrouten zu unterbrechen. Es sah fast so aus, als ob eine Person versuchte, ein großes Loch zu verschließen, indem sie ihre Hand darüber hielt. Während des Krieges war die Mehrzahl dieser Posten und Stellungen wenigstens einmal von den Mudschahedin eingenommen worden, und oft waren die Stellungen ganz in die Hände der Mudschahedin gefallen. Die östlichen Provinzen hatten einige der härtesten Gefechte dieses Krieges erlebt. Tatsächlich war unsere späte Einsicht, daß diese Städte unsere Bemühungen von Kabul und anderen weiteren lohnenden Zielen zu sehr ablenkten. Es war ein Versuch, die isolierten Garnisonen an der Grenze einzunehmen. Sie befanden sich in der Nähe unserer Hauptversorgungsbasen, die einige Vorteile boten; kleine Erfolge waren nicht schwierig zu erreichen, und die Kommandeure konnten sich sicher sein, daß ihre Siege beachtet wurden. Plünderung und Publizität waren der Lohn für solche vergleichsweise einfachen Triumphe, die ohne großes Risiko durchgeführt wurden.

Strikt militärisch gedacht ist die Belagerung einer Stellung nur dann von Vorteil wenn sie mehr gegnerische Soldaten bindet, als sich in der Stellung befinden, oder wenn die Stellung eine Versorgungslinie bedroht, was den Gegner dazu veranlaßt mehr Truppen zur Bewachung seiner Transporte einzusetzen. Nach diesen Kriterien rechtfertigten die Sowjets und Afghanen die dauernde und kostenintensive Maßnahme zur Erhaltung dieser Posten. Es gibt nur wenig Zweifel daran, daß sie eine große Zahl Mudschahedin banden. Zwei dieser Beispiele waren die Garnisonen in Ali Khel und Khost, die seit dem Beginn des Krieges ständig in afghanischer Hand waren. Diese beiden Garnisonen banelen bis zu 5000 aktive Mudschahedin, die die Versorgungswege zu den Garnisonen abschnitten, außenliegende Posten überfielen oder drohten, die Stadt einzunehmen, so daß eine große sowjetisch/afghanische Offensive durchgeführt wurde, um die Vorbereitungen zu unterbrechen. Diese waren gewöhnlich erfolgreich, so daß die Mudschahdin in die Berge hinter der Grenze zurückgeworfen wurden, nur, um dann wieder zurückzukommen und erneut die gegnerischen Kolonnen anzugreifen. 1983 schien es eine Zeitlang, daß Khost fallen würde. Ende August war die Situation so kritisch, daß das Regime in Kabul die 37. Kommando Brigade unter Oberst Shahnawaz Tani mit Hubschraubern einfliegen ließ. Diese warf die Mudschahedin nach erbitterten Gefechten zurück. Im Oktober wurde die Kommandobrigade nach Kabul zurückverlegt, und die Stadt Khost wurde erneut von den Mudschahedin belagert.

1985 waren sich die Fuhrer und Kommandeure der Mudschahedin daruber einig, daß Khost endgültig fallen sollte, und eine größere Offensive wurde geplant. Die Einnahme einer stark befestigten Stadt wie Khost ist keine Aufgabe für eine Guerillastreitmacht. Eine derartig große Operation erfordert die Kooperation von wenigstens zwei Parteien und ihrer Kommandeure, um die erforderliche Anzahl Mudschahedin zu mobilisieren. Aber selbst dann konnte das militärisch erwünschte Verhältnis für den Angreifer von drei zu eins nicht erreicht werden. Zusammen mit der Unfähigkeit der Mudschahedin, der sowjetischen Luftüberlegenheit zu begegnen und der möglicherweise massiven sowjetisch/afghanischen Antwort, die dem Angriff folgen würde, war es fraglich, ob die Durchführung eines derartigen Angriffs sinnvoll war.

Ich berief eine Konferenz nach Peshawar ein, um die Probleme zu diskutieren. Es sollte eine kombinierte Operation zwischen den Parteien von Khalis und Gailani werden, wobei Jalaluddin Haqqani, ein Kommandeur der Partei Khalis, eine Führungsrolle aus seiner vorgeschobenen Basis in Zhawar, die sich sechs Kilometer hinter der Grenze gegenüber von Miram Shah und 20 Kilometer südlich von Khost befand, spielen sollte. Ich selbst fand, daß Gailani noch nicht zum Angriff bereit war, während Khalis mich dazu drängte, den Angriff jetzt zu befürworten und die notwendigen schweren Waffen und Munition zu liefern. Obwohl ich anfangs gegen diese Operation war, entschied ich mich dazu, ihr meine volle Unterstützung zu gewähren, vorausgesetzt, daß die Kommandeure einen gemeinsamen Angriff in Ubereinstimmung mit einem taktischen Plan durchführen würden. Ich hatte beschlossen, selbst nach Afghanistan zu gehen, um den Angriff zu koordinieren und mehrere pakistanische Beraterteams zu den verschiedenen Kommandeuren zu entsenden. Die Karte 14 zeigt die taktische Lage.
 

 

Khost war umringt von Bergen, auf welchen die Mudschahedin saßen. Rund um die Stadt befanden sich eine Reihe von Verteidigungsstellungen und Minenfeldern sowie die Garnison bei Tani. Die Mudschahedin hatten teilweise starke Kräfte im Süden und Südosten der Stadt, wobei ihre Außenposten die Ebenen überblicken konnten, wie es die Linie auf der Karte zeigt. Den einzigen Höhenzug, den sie nicht besetzt hatten und der vom Gegner gehalten wurde, war Torgarh. Dieser Bergrücken befand sich ca. neun Kilometer von Khost entfernt, wobei sich sein nördliches Ende rund vier Kilometer vom völlig ungeschützten Flugplatz entfernt befand.

Dieser Flugplatz wurde nur selten von den Afghanen benutzt, weil wir ihn einfach beschießen konnten und sie oft nur die Möglichkeit hatten, ihre Versorgungsgüter mit Fallschirmen abzuwerfen. Torgarh war im militärisehen Bereich das Schlüsselgelände für jede Einheit, die Khost angreifen oder verteidigen wollte.

Ich erklärte den versammelten Kommandeuren, daß in der Phase I eines jeden Angriffs auf Khost ein Angriff auf Torgarh bei Nacht durchgeführt werden müßte. Zu meiner Bestürzung wollten sie alle einen Angriff bei Tag. Stundenlang versuchte ich, ihnen zu erklären, daß die Mudschahedin dem schweren Feuer aus der Luft und der Artillerie ausgesetzt wären, bevor sie Torgarh selbst erreichen konnten. Der oberste Führer der Operation, Haqqani, rührte sich jedoch nicht. Meine Versuche, die Untertützung des Ex-Obersten Wardak, dem militärischen Repräsentanten von Gailanis Partei zu erhalten, schlugen fehh weil dieser Haqqani aus politischen Gründen nicht gegenübertreten wollte. Haqqani argumentierte, daß bei einem Angriff bei Tag jeder sein Bestes geben würde und sich niemand im Rücken seiner Kameraden halten würde, während bei einem Nachtangriff niemand kooperieren würde und jeder den anderen der Fehler beschuldigen würde.Er glaubte, daß die Kommandeure

nur bei lag die Kontrolle über ihre Soldaten hatten. Er garantierte mir den Erfolg und übernahm die volle persönliche Verantwortung für diese Operation.

Am Ende eines Tages mit fruchtlosen Diskussionen sagte ich zu Haqqani "lch bin nicht gewillt, die Verantwortung für einen Plan zu übernehmen, von dem ich nicht nur weiß, daß er mit Sicherheit fehlschlagen wird, sondern auch, daß er schwere Verluste bringen wird." Ich zog die Unterstützung durch pakistanische Berater zurück, lenkte jedoch später ein und erlaubte es zwei pakistanischen Teams, nach Afghanistan zu gehen.

Der Angriff auf l orgarh sollte um zehn Uhr vormittags beginnen (Stunde H), jedoch ließen es die unvermeidlichen Verzögerungen mittag werden, bevor die Mudschahedin mit dem Vormarsch begannen. Bedauerlicherweise geschah es genau so, wie ich es vorausgesehen hatte, der Angriff blieb im konzentrierten Feuer liegen. Die Mudschahcdin hatten unnötig viele Verletzte. Nach Einbruch der Dunkelheit wurden einige F'ortschritte gemacht, doch mit Ausnahme der Einnahme von einigen Bunkern konnte nur wenig erreicht werden. Gegen Mitternacht hatten die Mudschahedin genug und traten den Rückzug an, wobei sie ihre Verwundeten und Toten mitnahmen.

Rund zwei Wochen später kam Haqqani zu mir, um sich dafür zu entschuldigen, daß er meinen Rat zurückgewiesen hatte. Er entschuldigte sich für seinen Fehler und im selben Atemzug drängte er mich dazu, ihm mehr Waffen und Munition zu geben. Er wollte es erneut versuchen - hei Nacht. Jedoch war in der Zwischenzeit Torgarh von den Afghanen weiter befestigt worden. Ich lehnte einen zweiten Angriff ah, der Angriff auf einen vorbereiteten Gegner war niemals eine gute militärische Taktik.

Meine Voraussage, daß ein derartig großangelegter Angriff eine starke Provokation wäre und daß dies zu Maßnahmen der Sowjets und Afghanen führen würde, erwies sich ebenfalls als korrekt. Am 20. August begann der Gegner mit seiner zweiten in Richtung Osten gerichteten Offensive des Jahres 1985, an der rund 20.000 Soldaten teilnahmen. In einer Serie von Zangenbewegungen (Karte 15) versuchte sie, die Mudschahedin aus ihren Befestigungen westlich des Papageienschnabels rund um Azra, Ali Khel und Khost zu werfen. Von da an schwenkten sie nach Süden in Richtung Grenze und drangen in den Bereich von Zhawar ein. In beträchtlicher Zahl wurden Hubschrauber zur Einkesselung eingesetzt, speziell rund um Azra. Es wurden nicht weniger als neun Landezonen benutzt, um einen Kordon sowjetischer Luftsturmeinheiten rund um Guerillabascn oder Dörfer aufzubauen. Dasselbe geschah rund um Ali Khel, wo die Angreifer einige Versorgungsdepots mit Handwaffen einnehmen konnten, was zusätzliche Verluste für die Mudschahedin bedeutete. Der Vorstoß von Khost über Tani nach Zhawar war ebenfalls besorgniserregend. Tatsächlich rief jede starke Offensive von Ali Khel oder gegen Zhawar und Pakistan Alarm sowohl bei Politikern als auch beim Militär in Islamabad hervor. Wenn die Sowjets jemals ernsthaft über die Durchführung von Bodenangriffen nach Pakistan hinein nachdachten, würde es nur zwei Alternativen geben. Innerhalb Pakistans dominierte der Peiwar Kotal-Höhenzug nicht nur die Zugangswege nach Afghanistan, sondern, was noch wichtiger war, das ganze Kurram-Tal bis nach Parachinar und darüber hinaus. Der Verlust dieser Höhen hätte bedeutet, daß unsere Grenzverteidigung zersplittert worden wäre. Ich kann bestätigen, daß sich während dieser Monate intensiver Aktivitäten und Sondierungen der Grenze die pakistanische Armee in der Nordwestprovinz sich in voller Alarmbereitschaft befand und Einheiten nach vorne in vorbereitete Stellungen verlegt hatte- fuer den Fall des Falles.
 

 

Obwohl unsere Belagerung von Khost von einem feindlichen Gegenangriff zerschlagen wurde, fiel Zhawar nicht. Tatsachc war, daß die Afghanen nicht über Tani nach Süden vorgingen? was dem geschickten und couragierten Kampf der Mudschahedin, die von Zhawar aus operierten, zu verdanken war. Wir waren durch das Fehlen vieler Kommandeure, darunter Haqqani, der sich auf Pilgerfahrt nach Mekka befand, gehandicapt. Sein Stellvertreter in diesen Gefechten war Shaheed. Die sowjetischen und afghanischcn Streitkräfte zeigten, daß sie ihre Taktiken und Techniken verbesserten, und sie waren in der Lage, in Gebiete einzudringen, die seit langer Zeit von den Mudschahedin gehalten wurden. Sie hatten es ebenfalls geschafft. bis zur Grenze vorzudringen und unsere Stützpunkte dort zu zerstören, was unseren gesamten Feldzug in Gefahr brachte. Ich entschied mich sicherzustellen. daß alle zukünftigen Versuche der Sowjets ebenso vereitelt werden sollten.

Mitte 1985 überprüfte ich, ob meine Gesamtstrategie für den Afghanistan-Feldzug zu greifen begann. Unsere Bemühungen, den Gegner aus den Grenzgebieten abzuhalten, schienen fehlgeschlagen zu sein. Wir hatten viele Verletzte, unser Versuch, Khost einzunehmen, war fehlgeschlagen, und das sowjetische Oberkommando hatte die Initiativc ergriffen. Ich verbrachte viele Stunden vor einer Karte von Afghanistan und machte mir Gedanken darüber, wie der Krieg am besten fortzusetzen sei. Meine Schlußfolgerung war, daß die Sowjets bis jetzt keine ernsthafte Niederlage auf dem Gefechtsfeld erlitten hatten. Die Gefechte an der Grenze waren heftig, hatten jedoch keine Entscheidung herbeigeführt. Ich glaubte, daß der Gegner diese Operationcn durchführte, um den Druck von anderen Orten in Afghanistan zu nehmen, speziell Kabul; daß ihre Angriffe primär darauf gerichtet waren, unsere Versorgungswege im Süden und Osten von Ali Khel und Zhawar zu unterbrechen. Ich fühlte, daß unsere grundsätzliche Strategie nicht falsch war und daß wir mit zunehmenden Einsätzen gegen Kabul und im Norden über den Amu erwarten konnten, daß die Sowiets und Afghanen erneut gegen unsere Grenzstützpunkte Angriffe durchführen würden. Dies wäre ein Zeichen, daß wir anderswo Erfolg hatten. In diesem Zusammenhang traf ich eine kontroverse Entscheidung. Ich entschied mich dazu, daß. wenn in der Zukunft eine Offensive gegen Ali Khel oder Zhawar durchgeführt werden würde, diese Orte verteidigt würden, daß kein Rückzug nach Pakistan erfolge, sondern vielmehr versucht würde, die Stellungen zu halten und ein konventionelles Verteidigungsgefecht zu führen. Dies war gegen die normalen Prinzipien des Guerillakrieges. Einige Mitglieder meines Stabes sagten, daß ich die Lage falsch beurteilte und daß eine Verteidigung gegen weitaus überlegenere Kräfte mit der kompletten Luftüberlegenheit taktisch unklug wäre, was wiederum zu einer Niederlage mit hohen Verlusten führen würde. Ich verstand, was sie sagten, war mir jedoch sicher. daß andere Faktoren ihre Argumente übertrafen. Krieg ist eine Kunst und keine Wissenschaft.

Zunächst einmal war für mich bedeutsam, daß sechzig Prozent unserer Versorgungsgüter durch diese beiden vorgeschobenen Versorgungsgebiete führten und wir es uns nicht erlauben konnten. diese zu verlieren. Sic waren strategisch wichtige Punkte für den gesamten Feldzug. Wenn diese Punkte für gewisse Zeit vom Gegner besetzt waren, der sich dann mit seinen Streitkräften kurz vor der Grenze befand, waren unsere Hauptnachschubwege nachhaltig blockiert worden. Diese Gebiete warcn wichtige Schlüsselgelände für uns und erforderten eine vorausschauende Verteidigung.

Der Aufbau von Widerstandsnestern entlang der Grenze in diesen Gebieten wäre ein Stolperdraht, sollte der Krieg eskalieren. Falls die Sowjets nach Pakistan einmarschierten, müßten Infantericeinheiten mit Sicherheit diese beiden Routen wählen. Verteidigungsstellungen der Mudschahedin würden den Angriff verzögern, Verletzte verursachen und für die pakistanische Armee Zeit gewinnen, um die Stellungen zu besetzen und Verstärkungen nachzuführen.

Es dauerte drei Monate, bis wir letztlich entschieden, welche Maßnahmcn wir durchführten, schließlich waren auch General Akhtar und Präsident Zia überzeugt. Mit der Zustimmung des Präsidentcn besuchte ich im September/Oktober 1985 Ali Khel und Zhawar, um die Notwendigkeit von Verteidigungvorbereitungen in diesen Stützpunkten darzulegen und zu überwachen.

Meine erste Reise brachte mich nach Ali Khel, wobei ich von den Mitgliedern der Militärkomitees von Hekmatyar und Sayafs Parteien begleitet wurde, die die Verantwortung im jeweiligen Bereich trugen. Tch wollte einen Blick auf Ali Khel und die umliegenden gegnerischen Stellungen werfen, und so nahm ich an einem Spähtrupp auf einen Höhenrücken zwei Kilometer vom Dorf aus entfernt teil. Später zogen wir uns zu einem Beobachtungposten in vier Kilometer Entfernung zurück, um einer Demonstration der Feuerkraft der Mudschahedin beizuwohnen, die um 16.00 Uhr beginnen sollte. Dadurch wäre es für Kampfhubschrauber zu spät, von Kabul oder Jalalabad aus zu starten und noch im letzten Tageslicht anzugreifen. Ich war beeindruckt. Uber 1000 Geschosse aus 107 mm-Rakctenwerfern, 82 mm-Granatwerfern und rückstoßfreien Gewehren regneten auf Ali Khel, Narai und die angeschlossenen Verteidigungsstellungen innerhalb von zwei Stunden nieder. Die gegnerische Antwort war weniger beeindruckend, das feindliche Artilleriefeuer lag weit vor unseren Feuerstellungen, der nächste Granateinschlag kam nur 500 Meter an unsere Feuerstellung heran.

Wir verbrachtcn den zweiten Tag damit, von dem vorgeschobenen Beobachtungsposten aus auf Spähtrupp zu gehen. Erneut beschossen wir mit Mehrfachraketenwerfern die Stellungen von Ali Khel. Diesem Beschuß folgte eine Pause von dreißig Minuten, um den Gegner davon zu überzeugen. daß der Feuerschlag beendet war. Sobald wir Bewegungen in Ali Khel entdeckten, eröffneten wir das Feuer erneut, was sich bis zum Einbruch der Nacht hinzog. Zurück im Stützpunkt, traf ich Professor Sayaf und einige seiner Kommandeure aus Kabul. Er hielt allein seine Partei verantwortlich für die Verteidigung, und ich hatte große Schwierigkeiten, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Den nächsten Tag verbrachte ich mit einer Begehung der Umgebung des Stützpunktes und mit Gesprächen mit den Kommandeuren, wie sie sich am besten auf einen Angriff vorbereiten konnten. Minenfelder wurden überprüft; Flugabwehr-MG wurden in Stellung gebracht, Maschinenkanonen, rückstoßfreie Gewehre und Granatwerfer wurden genutzt, um mögliche Annäherungswege des Gegners beschießen zu können; mögliche Landeplätze für  Hubschrauber wurden vermint und schwere Waffen zur Ueberwachung der Minenfelder eingesetzt.
 

 

lch betonte besonders, daß Gräben für Führung und Verbindung gezogen werden sollten und daß alle Kampfstände oder Bunker gegen Waffenwirkung von oben abgedeckt wurden. Dies war eine schwierige Aufgabe, und ich konnte nur hoffen, daß die Kommandeure in der Lage waren, ihre Männer zu Erdarbeiten zu bewegen. Ich gab ihnen zwei Monate, um die Aufgaben zu erfüllen und versprach ihnen zusätzliche Waffenzuteilungen, wenn die Aufgaben erfolgreich durchgeführt wurden.

Ich erwartete vermutlich zuviel. Meine Offiziere verwendeten beträchtliche Zeit für Anleitung und Uberprüfung, am Ende der Zweimonatsfrist jedoch baten die Parteien mehr Zeit aus. Ich begab mich erneut nach Afghanistan, um mich vor Ort über die Lage zu informieren, Es war niederschmetternd. Selbst wenn ich die Antipathie der Mudschahedin gegenüber dem Schanzen in Erwägung zog und ihre Abneigung, Stellungen zu verteidigen, war ich über das, was ich sah, entsetzt. Es waren keine Gräben gezogen worden, und die Stellungen für die schweren Waffen waren ohne Tarnung der Luftbeobachtung ausgesetzt, die Zelte der Mudschahedin wurden in der Nähe ihrer Stellungen aufgebaut, eine Abdeckung der Stellungen nach oben fehlte völlig. Anders als bei den vorgeschobenen Stellungen wurden große Bemühungen getätigt, eine Serie von Tunneln zu bauen, die das Hauptquartier und die Versorgungseinrichtungen beherbergten. Ich war nun gezwungen, einige schwere Waffen mehr zuzuteilen, machte jedoch klar, daß beträchtliche Verbesserungen durchgeführt werden mußten, bevor die Gesamtzahl der versprochenen Waffen geliefert wurde.

Die Situation in Zhawar war identisch. Die Mudschahedin arbeiteten sehr enthusiastisch an einem Tunnel, benutzten Bulldozer und Sprengstoffe, um sieben Tunnel zu bauen, die in die Seite eines Berges getrieben wurden. Diese Tunnel beherbergten eine Moschee, eine Werkstatt, eine Waffeninstandsetzung, einen kleinen medizinischen Versorgungsposten, die Fernmeldeeinrichtungen, Küche, Gästehaus und Lager. Ein Generator stellte den Strom für die medizinische Versorgung, für die Moschee und für die Gäste zur Verfügung. Es war sogar möglich, Videofilme in dem Stützpunkt zu sehen. Diese Arbeit hatte immer Priorität gegenüber den taktischen Verteidigungsstcllungen. Die Parteien und Kommandeure waren schr bedacht darauf, Journalisten, die sie bcsuchten, zu beeindrucken. Tatsächlich gab der fehlgeschlagene Versuch der Sowjets. Zhawar zu erreichen, ihnen ein falsches Gefühl der Sicherheit.

Die Karte l 6 zeigt die Verteidigungsstellungen für das Getecht bei Zhawar, das im April 1986 stattfand. Zhawar war eine solide administrative Basis. Von dort wurden die Operationen gegen Khost geplant und durchgeführt, es war das Zentrum der Mudschahedin für die Ausbildung von Rekruten an Handfeuerwaffen und schweren Waffen; es war das Zentrum dessen, was als befreites Gebiet angesehen wurde, wo eine Art Miniregierung aufgestellt wurde, Gerichte tagten und Delegationen von Journalistcn empfangen wurden. Kommandeur war der fünfzigjährige Haqqani von der Partei Khalis, obwohl Hekmatyar. Nabi und Gailani ebenso Kommandeure vor Ort hatten. Haqqani hatte zwischen vierzig und fünfzig Unterführer unter seinem Befehl möglicherweise zehntausend Muschahedin, die iiber die Grenzgehiete zwischen Ali Khel und Zhawar verteilt waren. Auf der Karte habe ich die vorgeschohenen Verteidigungen bei Zhawar dargestellt, die den Ausläufern der Berge in einer Entfernung von  zehn Kilometern von der Grenze folgen, obwohl auch kleinere außen gelegene Gruppen sich in der Ebene von Khost befanden.

Die Flugabwehr bestand aus drei Oerlikon-Flugabwehrkanonen, 12,7 mm- und 14,5 mm-MG, sowie von der Schulter abfeuerbare SA-7-Boden-Luft-Raketen, die oftmals bis zu sieben Kilometer Richtung Zhawar vorgeschoben wurden. Mögliche Annäherungswege für Panzer oder Infanterie wurden geschützt durch Panzerminen, Granatwerfer, rückstoßfreie Geschütze und Panzerfäuste. Einige Stellungen waren durch Feldtelefone oder Walkie-Talkies verbunden. Man muß hier wirklich WalkieTalkies sagen, weil es sich um Funkgeräte einfachster Bauart handelte, die dem Vergleich von Funkgeräten der Infanterieführer westlicher Armeen nicht standhalten. Während in der Theorie die taktische Verteidigung in der Verantwortung von Haqqani lag, war es in der Praxis so, daß die einzelnen Kommandeure ihre eigenen Verteidigungsgefechte führten, während Haqqani seine Bemühungen auf die Koordination der logistischen Bemühungen richtete. Die Waffenstellungen, die auf der Karte gezeigt werden, sind nicht besonders akkurat, geben jedoch einen Aufschluß über die Aufstellung und die benutzten Typen.

In Zhawar selbst, in und um die Tunnel herum waren 400 Männer für die Nahverteidigung abgestellt oder hatten administrative Aufgaben zu erfüllen. Hier befand sich ebenso Haqqanis Hauptquartier. Diese Mudschahedin lebten in oder in der Nähe der Tunnel, während jene, die sich in den vorgeschobenen Stellungen befanden, dort auch lebten, aßen und auch in ihren Stellungen schliefen. Lebensmittel wurden oftmals zentral vorbereitet oder sogar in Pakistan gekocht und nach vorne gebracht. Nachdem das Gefecht einmal begonnen hatte, mußte jeder mit dem überleben, was er hatte.

Obwohl die Sowjets den Angriff auf Zhawar geschickt lenkten, setzten sie nur ein Luftsturmregiment der 103. Gardeluftlandedivision in Darulaman ein, der Rest der 12.000 Angreifer waren Afghanen. Die taktische Kontrolle hatte der Stab des Generalmajors Shahnawaz Tani, der vier Jahre später als Verteidigungsminister einen Putschversuch gegen das Regime in Kabul startete und danach zu den Mudschahedin floh. Der afghanische Armeekommandeur vor Ort war Tanis Stellvertreter, Brigadegeneral Abdol Gafur. Das Ziel der sowjetischen und afghanischen Streitkräfte war, die Infrastruktur der Guerillabasis rund um Zhawar zu zerstören, das Gebiet zu besetzen und diese wichtige Versorgungsroute der Mudschahedin (Karte 17) abzuriegeln. Dies war ein schwieriges Unterfangen. Die Operation beinhaltete mit Sicherheit harte Kämpfe, wobei die Mudschahedin noch die Möglichkeit hatten, Verstärkungen aus Pakistan heranzuführen. Es war unmöglich, daß die 25. Afghanischen Division in Khost und die 2. Grenzbrigade einen Auftrag von derartiger Größe durchführen konnten. Khost war praktisch nur ein Absprungpunkt, die Masse der Soldaten mußte jedoch aus anderen Orten herantransportiert werden. Nach umfangreichen Planungen sammelte Gafur seine Einsatzkräfte im März. Einheiten der 7. und 8. Division in Kabul, der 12. in Gardez, der 14. in Ghazni wurden in Khost gesammelt. Drei Bataillone ( 1.500 Mann) der 37. Kommandobrigade und das sowjetische Luftsturmregiment (2.200 Mann) wurden eingeflogen, um die Offensive in den Bergen anzuführen. Die gesamte Operation liet unter üblicher Luftherrschaft, Artillerie- und Raketenuntcrstützung mit Massen von Transport- und Kamplhubschraubern ab. Die Tatsache, daß die Afghanische Armee in der Lage war, eine Operation von derartigem Ausmaß durchzuführen, war der Beweis, daß sie ihre militärische Kompetenz zurückgewonnen hatte. Ein solches Unternehmen wäre noch drei Jahre zuvor undenkbar gewesen.
 

 

Als in der ersten April-Woche der Winter endete, begann der Angriff unter dem Schutz von Luftangriffen und Artilleriefeuer durch sowjetische und afghanische Kommandos in Hubschraubern. Sofort gerieten die Infanterie- und Panzereinheiten unter das Feuer der Mudschahedin südlich von Khost und rund um Tani, was ihren Angriffsschwung auf ein langsames Vorankriechen verringerte. Südlich von Tani stoppte die Operation für mehrere Tage, weil die führenden Elemente des Gegners auf den hartnäckigen Widerstand aus den Bergen nördlich von Zhawar trafen und Gruppen von Mudschahedin Hunderte von 107 mm-Raketen auf das Flugfeld von Khost abfeuerten, um Hubschrauberstarts und -landungen zu unterbinden. Die zweite Phase von Tani nach Zhawar erforderte einiges Umdenken und Umorganisieren, so daß Gafur eine Pause bis zum 11. April einlegte.

Sein letzter Plan schließlich umfaßte den Einsatz von hubschraubergelandeten Kommandos, um die dominierenden Höhen um den Stützpunkt von Zhawar einzunehmen. Mittels der Luftüberlegenheit sollten die Stellungen der Mudschahedin zerschlagen werden; der Einsatz der Bodentruppen, die zu den Kommandos aufschließen sollten, sollte den Mudschahedin den Rest geben.

Zehn Tage versuchte Gafur Zhawar zu erreichen, zehn Tage schwerer Kämpfe, tn denen versucht wurde, den Widerstand der Mudschahedin zu zerschlagen, in denen diese jedoch zeigten, daß sie ihren Boden sogar unter ungünstigen Umständen halten konnten. Ihr Triumph in diesem Gefecht war die komplette Vernichtung eines Bataillons der 37. Kommandobrigade,das nach Gafurs Plan hinter den Stellungen der Mudschahedin gelandet war. Die Landezone des Bataillons lag auf einem offenen Plateau in der Nähe des Stützpunktes, das sich jedoch innerhalb der Stellungen von Haqqanis und Hekmatyars Männern befand. Im hellen Tageslicht kamen zehn oder mehr Hubschrauber in Wellen heran, um die 400 Kommandosoldaten abzusetzen. Als sie die Stellungen überflogen, gerieten sie in das Feuer von SA-7-Boden-Luft-Raketen und schweren Maschinengewehren. Drei Hubschrauber stießen tn der Luft zusammen, während die anderen ihre Soldaten in dem Feuer aus beiden Stellungen der Mudschahedin absetzten. In dem offenen Gelände waren die Kommandos abgeschnitten und sehr demoralisiert. Bei Einbruch der Nacht war nichts mehr von diesem Bataillon übrig, alle waren getötet worden oder gerieten in Gefangenschaft. Hätten wir Stinger-Raketen gehabt, wäre es zweifelhaft gewesen, ob überhaupt einer der Hubschrauber zurückgekommen wäre. Vom 11. bis 22. April war Zhawar durch Artillerie- und Luftangriffe abgeriegelt. Der pakistanische Luftraum wurde unzählige Male durch gegnerische Flugzeuge verletzt, die diesen überflogen und dann abtauchten, um ihre Ziele in Afghanistan anzugreifen. Einige Kampfflugzeuge benutzten lasergelenkte Bomben, um die Tunnel bei Zhawar auszuschalten. Ein direkter Treffer auf einen Tunnel führte zu dessen Einsturz, wobei ein Großteil der darin befindlichen Personen verletzt wurde. Hierzu gehörte auch Haqqani, der verletzt wurde, jedoch überlebte. In Rawalpindi erreichten mich aufgeregte Anrute von den Parteien und Aufforderungen, irgendetwas zu tun, um den Hagel der Bom-

ben und Raketen aus der Luft zu unterbinden. In meiner Verzweiflung bat ich General Akhtar um Erlauhnis, durch pakistanische Freiwillige meines Stabes Blowpipes nach Afghanistan zu hringen. Mein Logistik-Stabsoffizier, ein ehemaliger Oberst der Flugabwehr, meldete sich.Er wurde von mehreren anderen begleitet, darunter em junger Haup,
Früh am Morgen erkletterten die pakistanischen Soldaten mit den Blowpipe-Raketen eine Höhe, um sich für das Schießen während des Tages vorzubereiten. Es stellte sich heraus, daß dies zu einem Entenschießen wurde, bei dem die Enten gewannen. Aus ihrem Versteck auf dem Berg hatten sie einen wundervollen Blick auf die gegnerischen Flugzeuge, als diese aufstiegen, abtauchten und erneut hochzogen, um unsere Verteidigungsstellungen zu beschießen. Die erste Blowpipe-Rakete bewegte sich majestätisch in den Himmel, verfehlte ihr Ziel, verriet dafür die Feuerstellung. Innerhalb von wenigen Minuten war der Oberst leicht verwundet und mehrere Mudschahedin getroffen worden, jedoch schoß der Hauptmann weiterhin mit der Blowpipe. Alles in allem wurden dreizehn Raketen abgefeuert, bevor ein direkter Treffer den Hauptmann und einen weiteren Offizier verwundete, sowie mehrere in der Nähe befindliche Männer tötete. Nicht eine einzige Rakete traf ein Flugzeug. Für mich war es der letzte Beweis dafür, daß dieses Waffensystem auf dem Gefechtsfeld nutzlos war. Wir hatten dies von Anfang an gesagt, und nun versagte dieses Waffensystem in einem kritischen Augenblick in einem hin- und herwogenden Gefecht. Ein britischer Artillerieoffizier, der auf den Falkland-lnseln die Blowpipe in Aktion sah entschuldigte sich für die schlechte Leistung der Waffe und sagte, daß normalerweise ängstliche Piloten abdrehten und den Schützen nicht behelligten. Dies deckte sich nicht mit unserer Erfahrung, denn auf irgendeine Art und Weise mußten wir die Flugzeuge abschießen und nicht bloß die Piloten erschrecken

Unser Team wurde nach Pakistan in ein Militärkrankenhaus evakuiert. Wochen nach dem Zwischenfall befragte ich den Hauptmann, warum sie nicht versucht hatten, ihre Feuerstellung zu wechseln, nachdem der Gegner die Stellung erkannt hatte. Das war die natürlichste Sache der Welt, seine Antwort darauf war interessant. Er meinte, daß ein Wechsel der Stellung die Mudschahedin an seinen Mut hätte zweifeln lassen. Diese zeigten keine Absicht, die Stellung zu wechseln, sie standen hartnäckig in der Stellung, obwohl diese unter Feuer lag. Dieser junge Offizier fühlte

daß die Ehre der pakistanischen Armee auf dem Spiel stand, so hielt er aus, bis er getroffen wurde. Später wurde ihm durch den Präsidenten ein Orden verliehen.

Durch Haqqanis Abwesenheit verringerte sich die Koordination der Verteidigungsbemühungen, und ich wurde täglich durch eine Serie von Berichten beunruhigt. Ich drängte General Akhtar dazu, mich nach Afghanistan gehen zu lassen, er lehnte dies jedoch ab. Zwischenzeitlich veranlaßte ich alle militärischen Repräsentanten der Parteien, persönlich die Operationen aus Zhawar, die auf die nückwärtigen Gebiete des Gegners und auf das Flugfeld in Khost zielten, zu leiten. Die Grausamkeit der Kämpfe kann durch die Tatsache, daß die Rohre vieler unserer Flugabwehrkanonen ausgeschossen wurden, beurteilt werden, und es gab Belege für Nahkämpfe.

Ich bat General Akhtar erneut, mich wenigstens bis zur Grenze gehen zu lassen, weil ich fuhlte, daß meine Präsenz in der Nähe der Kämpfe zu einem beruhigenden Einfluß führte und daß ich von dort aus die Dinge besser  koordinieren könnte. Nach alledem stand der Gegner in einer Fntfernung von drei Kilometern zu Pakistan, möglicherweise kam er sogar über die Grenze. Nachdem ich ihm versichert hatte, nicht persönlich nach Afghanistan zu gehen, erteilte er die Erlaubnis. An dem Tag, an dem ich Miram Shah erreichte, fiel Zhawar. Die sowjetischen und afghanischen Kommandos sicherten die Tunnel und zerstörten den Stützpunkt total. Die Mudschahedin wurden in dem wahrscheinlich härtesten Gefecht dieses Krieges zurückgeworfen, bei dem sie jede verfügbare Waffe einsetzten, darunter mehrere erbeutete Panzer.

In Miram Shah traf ich Hekmatyar und Khalis, die sich aus demselben Grund wie ich zur Grenze begaben. Die Neuigkeiten waren schlecht, es befand sich jedoch immer noch eine große Zahl Mudschahedin in dem Gebiet, und nicht alle Stützpunkte waren verloren. Hekmatyar stimmte zu. Verstärkungen in der Nacht zuzuführen, um die Stellung zu sichern. Ich versuchte, die Lage einzuschätzen, indem ich die gegnerischen Bewegungen rund um Zhawar beobachtete. Ich konnte jedoch nichts entdekken, meiner Einschätzung nach befanden sich keine Gegner in Zhawar. Ich sprach mit Haqqani und teilte ihm mit, daß Zhawar unbesetzt schien. Er beauftragte einen Kommandeur, in der Nacht einen Spähtrupp dorthin zu senden.

Während der Nacht beobachtete ich einen beeindruckenden Feuerschlag mit 107 mm-Raketen durch Hekmatyars Männern auf rückwärtiges gcgnerisches Gelände. Andere Mudschahedin beteiiigten sich an dem Feuerschlag und bestätigten, daß die Mudschahedin nicht besiegt waren. Am nächsten Tag wurde bestätigt, daß der Gegner sich zurückgezogen hatte. Innerhalb 48 Stunden befand sich Zhawar wieder in unseren Händen.

Das Regime in Kabul feierte einen großen Sieg. Wenn man den Radiomeldungen Glauben schenkte, wurden Hunderte von Bunkern und Feldstellungen der Mudschahedin zerstört; Tausende von Waffen und Minen. Millionen von Patronen erbeutet. Den gegnerischen Berichten zufolge hatten wir 2.000 Tote und 4.000 Verwundete. Die Verluste der Mudschahedin bei Zhawar lagen nicht über 300 Soldaten, zusammen mit ein paar LKW-Ladungen Waffen und Munition. Obwohl der Stutzpunk bei Zhawar fiel, waren viele der Feldbefestigungen in der Nähe noch in der Hand der Mudschahedin. Innerhalb weniger Stunden zog sich der Gegner aus Khost zurück und machte keinen Versuch, das Gelände, das er crobert hatte, zu halten. Wir hatten während des Angriffs dreizehn Hubschrauber und Flugzeuge abgeschossen, über 100 afghanische Soldaten gefangengenommen und
oder verwundet.

Unsere Entscheidung, ein konventionelles Verteidigungsgefecht bei Zhawar zu führen, wurde nun stark kritisiert. Wir wurden beschuldigt, die Prinzipien des Guerillakrieges zu verletzen. Wie ich Jedoch vorher bereits erklärte, hatten wir verschiedene Gründe dafür, aus Zhawar und Ali Khel starke Betestigungen zu machen und sie zu halten, wenn sie angegriffen wurden. Die Fortführung des Krieges hing vom Erhalt dieser operativen und logistischen Absprungzone ab. Nach dem Gefecht von Zhawar bauten wir erneut den Sttitzpunkt auf und benutzten ihn während des restlichen Feldzuges. Es war der Stützpunkt von Zhawar,  der Mister Wilson etwa ein jahr später so beeindruckte.

Trotz alledem meiine ich, daß wir keinen schweren taktischen Schlag austeilten Wir hatten einen Schlag ausgeteilt, der jedoch nicht so ernsthaft war, wie wir annahmen. Wir hätten mehr daraus machen können. Ich habe keinen Zweifel daran, daß die Mudschahedin alle Angriffe mit geringen Verlusten abgewehrt hätten, wenn zwei Probleme vorher gelost worden wären. Erstens hätten die Kommandeure ihre Verteidigungsstellungen in den vorangegangenen Wochen ordentlich ausbauen müssen, um Schutz gegen Geschosse zu gewährleisten. Zweitens: Hätten die Amerikaner und Pakistaner nicht so viele Jahre gezögert, die Mudschahedin mit einer effektiven Flugabwehrwaffe auszurüsten, hätten wir mit Sicherheit den Angriff mit Leichtigkeit abgewehrt. Hätten sich die Mudschahedin in Zhawar ordentlich eingegraben und wären mit Stinger-Raketen ausgerüstet gewesen, wären sie unschlagbar gewesen. daran habe ich keinen Zweifel.