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"Außer einer
gemeinsamen Religion, dem Islam, haben nur fremde Eroberer -
von Alexander dem Großen bis zu den Briten im 19. Jahrhunderl
und den Sowjets im 20. Jahrhundert - die Afghanen vereinigt."
Insight Magazine vom 9. April 1990.
1984 eskalierte die Kriegführung auf beiden Seiten. Die
Sowjets führten im Korpsbereich ihre Panjsher-Offensive durch,
gemeinsame sowjetisch-afghamsche Operationen auf
Divisionsebene wurden im Bereich des Herat, Paktia und des
Kunar-Tales in der Nähe der pakistanischen Grenze durchgeführt.
Die wachsende Effektivität und der steigende Einsatz der
afghanischen Truppen machte sich bemerkbar, ebenso spielten
sich die Einsatztaktiken der sowjetischen Kampfhubschrauber
ein. Der Einsatz sowjetischer Sondereinheiten, der Speznas,
wurde verstärkt, wobei sie gewagte Taktiken anwandten. Obwohl
die Presse das Gegenteil behauptet, glaube ich, daß das Jahr
zugunsten der Mudschahedin endete.
Obwohl die Hälfte des Pan jsher-Tales verloren war, waren
die Mudschahedin in anderen Gebieten stärker. besser
organisiert, besser ausgebildet und ausgerüstet als in den
vorangegangenen Jahren. Alle, die anderes behaupten, konnten
die Gesamtsituation nicht überprüfen, da sie keine zuverlässigen
Informationen hatten. Die Medienberichterstattung über den
Krieg war lückenhaft. Im Gegensatz zu den Amerikanern in
Vietnam gaben die Sowjets und Afghanen ihre Verlustzahl nicht
der Presse bekannt. Genauso bestritt die pakistanische
Regierung jede Beteiligung am Krieg. Nur eine Handvoll
wagemutiger Journalisten, die die Mudschahedin zeitweise auf
das Gefechtsfeld begleiteten, konnten bedingt authentische
Informationen bringen, und selbst sie bekamen, wie ich bereits
in der Einleitung anführte, falsche Informationen. Meine
Quellen, die auch aus abgehörten Funksprüchen stammten,
bezifferten die sowjetischen Verluste im Jahre 1984 auf 4.000
bis 5.000 Tote und Verwundete und die afghanischen Verluste
auf etwa 20.000 Tote und Verwundete, emgeschlossen Desertionen.
Trotz der Schwäche unserer Flugabwehr hatten die Sowjets und
Afghanen mehr als 200 Hubschrauber oder Kampfflugzeuge (die
meisten jedoch auf dem Boden), sowie 2.000 Fahrzeuge aller
Typen, inklusive Panzer und Schützenpanzer verloren.
Ich fühlte nun, daß wir die Basis der Gesamtstrategie für
die Fortführung des Krieges geschaffen hatten, denn wir
hatten eine politische Sieben-Parteien-Allianz gebildet ich
arbeitete mit einem Militärkomitee, die Quantität der
Versorgungsgüter wuchs ständig, die Ausbildung verbesserte
sich und wir hatten einige bemerkenswerte Erfolge auf dem
Gefechtsfeld erzielt. Ich war sicher, daß wir die größere
Aggressivität unseres Gegners ausgeglichen hatten. Es waren
jedoch nicht die Kämpfe mit dem Gegner, die mir Sorgen
bereiteten, sondern die Fehden zwischen den Mudschahedin. Ich
begriff nun den wahren Umfang dieses Problems und nahrn mir
vor. meine Bemühungen darauf zu richten, diese Aspekte zu
beseitigen. Die schlimmste Fehde war der Bürgerkrieg zwischen
den Mudschahedin. Während der elf Jahre des Jihads starben
hunderte von Mudschahedin durch Mudschahedin anderer Parteien
oder rivalisierender Kommandeure. Ich glaube, daß wir die
Fehden unter eine gewisse Kontrolle bekamen, oLwohl wir sie
niemals ganz ausschalten konnten. Recht gut klappte es 1986
und 1987, als die Mudschahedin nahe am Rand eines militärischen
Sieges waren, und 1988 bis 1989, als die Sowjets sich zurückzogen.
Leider war es 1990 bis l991 wieder so, daß die internen
Fehden wieder einmal Vorrang vor der Bekämpfung des Gegners
hatten. Selbst bei der Machtübernahme der Mudschahedin
spielten die Fehden eine entscheidende Rolle. die Rivalitäten
stellten den Erfolg der Machtübernahme lange in Frage. Selbst
nach der Machtübcrnahme bekämpften sich sogar die
fundamentalistischen Parteien untereinander.
Das folgende Beispiel zeigt. wie weit eine Fehde die
Mudschahedin als effektive Streitmacht trennen und zerstören
konnte. Zwei untergeordnete Kommandeure von unterschiedlichen
fundamentalistischen Parteien waren hierein verwickelt.
An einem kalten grauen Morgen, an dem Nebel die umliegenden
Berge verdeckte, sammelten sich rund tausend Menschen. um
einer Exekution beizuwohnen. ES war der 24. Dezember 1989. Der
Ort war ein kleiner Park in der Nähe der Stadt Taloqan. der
Provinzhauptstadt von Takhar. im nördlichen Afghanistan. Vier
Männer sollten gehängt werden. Jeder von ihnen war ein
Mudschahedin. jeder von ihnen wurde nach dem islamischen
Gesetz der Ermordung eines Mudschahedin, der einer anderen
Partei als ihrer eigenen angehörte. für schuldig befunden -
und jeder von ihnen wurde zum Tode durch den Strang verurteil,
anstatt sie, wie üblich, zu erschießen. Ihr Führer war
Sayad Jamal, ein älterer Kommandeur aus Hekmatyars Partei.
Mit ihm wurden sein Bruder und zwei weitere bekannte Offiziere
gehängt. Sie starben ruhig. Im letzten Augenblick hatten sie
nichts zu sagen. obwohl es für sie ein unehrenhafter Tod war.
Die Angehörigen der Opfer konnten die Hinrichtung beobachten.
Die Exekutionen waren jedoch nur eine Phase in einer lange
währenden Fehde zwischen rivalisierenden Kommandeuren. Mitte
1989 war Ahmad Shah Massoud, der sogenannte Löwe von Panjsher,
das Opfer eines blutigen Hinterhaltes von Gefolgsleuten Jamals
geworden. Tm vorangegangenen Jahr hatten beide Gruppen die
Stadt Taloqan angegriffen und eingenommen, teilten jedoch dann
die Stadt in zwei Lager. Mitte 1989 wurde ein Waffenstillstand
zwischen beiden l.agern vereinhart, der durch
das laute Vorlesen der Passagen aus dem Koran besiegelt
wurde. Der Waffenstillstand war aber nur von kurzer Dauer. Ob
Jamal auf direkte Befehle von Hekmatyar handelte, wurde
niemals geklärt. Er ließ seine Mudschahedin in einer
Schlucht bei Tanig Takhar, durch die. wie er wußte, in Kürze
viele von Massouds Männer kommen würden,
einen Hinterhalt legen. Der Hinterhalt war ertolgreich, 36 Männer
starben in einem Hagel von automatischem Feuer. Dies waren
jedoch die Glücklichen, die anderen, die gefangengenommen wur-den,
wurden grausam gefoltert, bevor sie getötet wurden. Massoud
ließ keine Bemühung zur Rache aus. Sie wurde im großen
Rahmen durchgeführt. Tausende seiner Mudschahedin schwärmten
durch das Land und suchten nach Verdächtigen, es erforderte
jedoch die Aussetzung einer Belohnung von einer Million
Afghanis, um Jamal und seinen Bruder zu finden. Ein geheimer
Tip führte zu einem Versteck im Boden eines Hauses in Taloqan.
In dem Keller befanden sich zwei der Verantwortlichen für den
Hinterhalt.
Eine meiner ersten wichtigen Erfahrungen im Bereich der
Fehden und der doppelten Geschäfte bekam ich 1984 von einem
Kommandeur, der in dem Gebiet zwischen Chaman und Kandahar
operierte, durch das der Hauptnachschubweg aus Quetta verlief.
Der Kommandeur war ein früherer Hauptmann in der Afghanischen
Armee, der mit seiner Einheit 1981 desertiert war. Er hieß
Asmat und kam aus dem Stamm der Achakasai, der auf beiden
Seiten der pakistanischen Grenze lebt. wodurch er auch beträchtliche
Unterstützung aus diesem Gebiet hatte. Er kämpfte ein Jahr
lang hart gegen die Sowjets, begann aber dann, Waffen zu
verkaufen und sonstige Beutezüge durchzuführen, um sich
selbst zu bereichern. Zu Beginn meiner Zeit beim ISI hatten
wir gerade seine Versorgung mit Waffen eingestellt, obwohl er
immer noch eine starke Streitmacht kontrollierte. 1984 begann
er damit, die Versorgungskarawanen der Mudschahedin, die sich
durch sein Gebiet bewegten, zu stören. Seine Männer führten
Hinterhalte auf kleine Konvois durch, um an Waffen zu kommen,
oder sie verlangten Waffen als Pfand für eine sichere
Passage. Andere Mudschahedin wandten sich gegen ihn. und
ernsthafte Gefechte brachen aus, als sie versuchten, seinen Stützpunkt
anzugreifen. Asmat kämpfte jedoch sehr gut und die
Verlustzahlen stiegen auf beiden Seiten. Es dauerte einige
Zeit, bevor ein Waffenstillstand arrangiert werden konnte.
Danach richtete sich die Aufmerksamkeit von Asmat auf
Fahrzeuge der pakistanischen Regierung oder
Botschaftsfahrzeuge auf der Straße von Quetta nach Kandahar.
Er forderte die Fortsetzung der Waffenversorgung und drohte,
daß seine Männer damit beginnen würden, Personal der
Botschaften zu kidnappen. Dies führte zu einer Panik in
unserem Außenministerium, und man wandte sich an den ISI. um
Garantien für deren Sicherheit zu bekommen. General Akhtar
beorderte Asmat nach Islamabad, wo dieser sich entschuldigte
und sagte, daß er nicht vußte, was seine Männer taten und
versprach, daß derartige Dinge nicht wieder geschähen. Er
war schlau und trat in die Partei Gailanis ein, der ihn mit
Waffen versorgte. Raffiniert von ihm, denn ich hätte ihm
niemals mehr einen Gefallen getan und ihn mit Waffen versorgt.
Er legte mir einen Plan zum Angriff auf den Flugplatz von
Kandahar vor, um schwere Waffen zu bekommen. Ich sagte ihm, er
bekäme die Waffen, wenn seine Mission Erfolg hätte. Dies
geschah niemals. Kurz danach hörten wir Funksprüche ab, die
darauf hinwiesen, daß Asmat ein Agent des KGB/KHAD war. Nach
langen Diskussionen stimmte General Akhtar zu, ihn
festzunehmen. Begründungen wurden vorbereitet. als plötzlich
der pakistanische Armee-Nachrichtendienst in dem Gebiet erfuhr,
was passiert war und uns mitteilte, Asmat sei einer ihrer
Agenten und spielte eine Doppelrolle aufgrund ihrer
Instruktionen. Dies muß Asmat gewarnt haben, denn innerhalb
von wenigen Tagen verschwand er- nach Kabul.
Das war im Jahre 1985. Einige Zeit später tauchte er
wieder in Kandahar als Brigadegeneral mit der Aufgabe auf, die
Stadt vor Angriffen der Mudschahedin zu sichern. Er führte
ein gutes Leben und keiner der Versuche der Mudschahedin, ihn
zu töten; hatte Erfolg. Sie versuchten, sein Fahrzeug mit
einer ferngesteuerten Sprengfalle zu sprengen, sre versuchten,
den Landeplatz seines Hubschraubers zu verminen Vier oder funf
Anschläge schlugen fehl. Soger die Sowjets meinten schließlich,
daß er mehr Arger brachte, als er wert war. Er war ein
Trinker, der einmal sogar einen höheren sowjetischen Offizier
in Kandahar angriff. Die Zeit schritt voran und seine Männer
bauten ein 'Leben und leben lassen'-Verständnis zu den
Mudschahedin auf Wahrscheinlich wurde er nach Kabul zurückgerufen
und seinen Aufgaben enthoben. Er war jedoch niemals ein Mann,
der leicht aufgab und schickte uns Nachrichten, daß er sich
entschuldigte und daß er nach Pakistan zurückkehren wollte,
nachdem er beträchtlichen Schaden bei den Sowjets angerichtet
hatte. Ich hatte absolut kein Vertrauen in die Versprechen
Asmats, obwohl ich heimlich seine Courage bewunderte.
Ein Jahr später gab es wiederum im Kandahar-Bereich
ernsthafte Fehden. Zu diesem Zeitpunkt war es die Partei
Hekmatyars, die in den Provinzen Kandahar, Kabul, Helmand
sowie Farah dominierte. Unglücklicherweise jedoch gab es große
Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Kommandeuren
und den Repräsentanten der Parteien in Quetta über die
Verteilungen der Waffen. In ihrem Groll wechselten mehrere
Mudschahedin die Parteien, was im Umkehrschluß Hekmatyar wütend
machte, der davon ausging, daß sie die Waffen, mit denen er
sie versorgt hatte, gegen ihn verwendeten. Dies führte dazu,
daß die Kommandeure unter Mohammed Khan ihre eigenen unabhängigen
Basen an der Grenze, teilweise in Pakistan, aufbauten und nun
versuchten, Hekmatyars Versorgungskolonnen abzufangen. Um
diesen Aktivitäten zu begegnen, baute Hekmatyar innerhalb
Afghanistans eine starke Basis unter dem Kommando von Janbas
auf, was zu einer Serie von bewaffneten Uberfällen führte.
Einige der Kämpfe fanden in Pakistan statt. was uns natürlich
sehr störte.
Sowohl Mohammed Khan als auch Janbas hatten jeder rund
1.000 Gefolgsleute, was gleichzeitig bedeutete, daß unsere
Bemühungen gegen den wirklichen Gegner in ihrem Bereich
ernsthaft begrenzt waren. Hekmatyar wollte einen großangelegten
Angriff auf Mohammed Khan durchführen, um ihn aus Pakistan zu
vertreiben. Wir beabsichtigten ernsthaft, mit der
pakistanischen Armee dasselbe durchzuführen. Beide Möglichkeiten
waren gleich demütigend. Es folgten Gerüchte, daß beide
Kommandeure Drogen nach Pakistan schmuggelten. um damit ihre
Stützpunkte zu finanzieren, was sehr gut möglich war, weil
die Provinz Helmand eines der größten Mohnanbaugebiete in
Afghanistan ist.
Alle unsere Bemühungen, eine friedliche Lösung zu finden,
schlugen fehl primär deshalb, weil Mohammed Khan verdeckt von
anderen Parteien Unterstützung erhielt. Es dauerte Monate,
bevor ich in der Lage war, diese Unterstützung zu unterbinden,
zu diesem Zeitpunkt war der Schaden allerdings schon da. Die
Fehde beeinflußte die Einsatz- und Kampffähigkeit von
Hekmaytars Partei im Gebiet von Quetta. Sie erholte sich
niemals wieder ganz davon. Die Frontlinie der ostwärtigen
Provinzen war das 100 Kilometer lange Kunar-Tal, das parallel
zur pakistanischen Grenze auf einer Länge von zehn bis zwölf
Kilometern verlief (siehe Karte 14). Am Ausgang des Tales
befand sich Jalalabad, Garnision der 66. sowjetischen Mot-Schutzenbrigade
und der afghanischen I l . Division. In der Mitte des Tales
befand sich Asadabad, mit der Garnison der afghanischen 9.
Division. Am Kopf des Tales, nahezu immer in Gewehrschußweite
der Grenze, befand sich Barikot mit seiner afghanischen
Garnison und der 51. Brigade. In allen dazwischenliegenden
Dörfern hatten die Afghanen Verteidigungsstellungen errichtet.
Asmar, das 25 Kilometer nordöstlich von Asadabad liegt,
beherbergte die 31. Gebirgsjägerbrigade und ein
Speznas-Bataillon. So wichtig war dieses Tal für unsere
Gegner.
Obwohl sich eine große Zahl gegnerischer Soldaten im Tal
von Kunar befand, blieben sie meist nur in ihren Stützpunkten.
Die Mudschahedin hatten eine perfekte Zuflucht nach Pakistan,
das in unmittelbarer Nähe der Straße im Tal und des Flusses
lag, und ihre Stützpunkte an der Grenze dominierten das Tal
über die gesamte Länge. Die meisten afghanischen Armeeposten
waren halb belagert, die Mudschahedin kontrollierten die Straße
und dadurch die Versorgung durch LKWs, die in die Garnisonen
fahren sollten. Alle dominierenden Höhen gehörten zu
Pakistan, ein Grund für uns, dem Administrator der früheren
Kolonien, Durand, zu danken, der vor so langer Zeit diese
Grenze mit einem solch taktischen Hintergedanken gezogen hatte.
Barikot war ein typisches Beispiel für eine afghanische
Garnison an der Grenze. Die Versorgungswege waren in den Händen
der Mudschahedin, die Posten umstellt von gegnerischen
Streitkräften, die von jeder Höhe auf sie hinab sahen;
trotzdem überlebten sie. In der Theorie konnten alle diese Stützpunkte
durch die Luft versorgt werden, falls die Versorgung am Boden
abgeschnitten war, und einige wurden wirklich aus der I.uft
versorgt, jedoch die große Anzahl dieser Stützpunkte,
verbunden mit der isolierten Lage in den schmalen Schluchten
und Tälern verhinderte diese Art der Versorgung. mit Ausnahme
bei kurzzeitigen Notfällen. Wie also versorgten sich diese
afghanischen Stützpunkte? Die Antwort zeigt eine weitere
Perversität des Krieges - sie wurden durch die örtlichen
Stammesangehörigen aus Pakistan versorgt.
Viele pakistanische Stammesangehörige hatten einen Fuß in
jedem l.ager. Tausende zogen ihren Nutzen aus dem Jihad und
unterstützten die Mudschahedin, sie unterstützten jedoch
ebenso den Gegner wenn sie einen Profit daraus schlagen
konnten. Sie fanden heraus, daß der Krieg eine Vielzahl zusätzlicher
Möglichkeiten bot, Geld zu machen. Ein Weg Geld zu machen,
war das Schmuggeln von Lebensmitteln nach Afghanistan, um
diese an die Garnisonen der Grenzposten zu verkaufen. Mehl,
Fett, Reis und weitere Gebrauchsgüter wie Petroleum, Diesel
und Kerosin für Öfen oder Lampen wurden diesen isolierten
Posten und Stützpunkten regulär verkauft. Die Posten mußten
sich auf diese Art der Versorgung verlassen. um zu überleben.
Sogar die Betonbunker in einigen der Stützpunkte wurden mit
Zement und Moniereisen gebaut, die direkt aus Pakistan
gebracht wurden. Bei vielen dieser Geschäfte tauschten sie
Waffen oder Munition gegen Lebensmittel oder Versorgungsgüter.
Es gab nur wenig, was wir tun konnten, um dies zu stoppen,
weil sich die Versorgungskarawanen der Mudschahedin durch
diese Stammesgebiete bewegen mußten, und wenn sich die Bevölkerung
in den Stammesgebieten auflehnte, wären diese
Versorgungsrouten gefährdet. Die Stämme gewährten sichere
Transportmöglichkeiten die genauso wertvoll waren wie das
Anmieten von Fahrzeugen bei der afghanischen Armee. Nach
einiger Zeit mieteten auch die afghanischen Behörden Busse
und LKWs bei den Stämmen. um Versorgungsgüter zu abgelegenen
Posten zu bringen. Diese Stammesangehörigen führten
ebenfalls einen riskanten Handel indem sie Waffen in Pakistan
verkauften. die sie von Agenten des KHAD bekamen die diese aus
finanziellen Gründen verkauften. lch würde sagen, daß die
Angehörigen der Stämme den meisten Profit aus dem Krieg
zogen, obwohl sie die Flüchtlinge beschuldigten, ihre Ökonomie
zu ruinieren.
Dies war eine außergewohnliche Situation in einem außergewöhnlichen
Krieg. Auf der einen Seite unterstützte die pakistanische
Regierung die Mudschahedin, während auf der anderen Seite
tausende von pakistanischen Bürgern wichtige logistische
Unterstützung für die afghanischen Gegner gewährten und sie
so erst in die Lage versetzten, den Kampf weiter zu führen.
Militärisch gesehen bin ich sicher, daß, wenn die
pakistanischen Stammesangehörigen unseren Gegner nicht
versorgt hätten, kem afghanischer Posten oder Stützpunkt
innerhalb eines Radius von 50 km von der pakistanischen Grenze
durchgehalten hätte.
Im Januar 1985 wurden wir von der afghanischen Offensive im
Kunar-Tal überrascht, die Barikot entlasten sollte (Karte
l1). Wir hatten angenommen, daß die Sowjets im Winter keine
großangelegte Operation durchführen würden, was im
Umkehrschluß bedeutete, daß die Stützpunkte der
Mudschahedin entlang des Tales und in den Seitentälern in
Richtung Westen nicht stark besetzt waren. Barikot wurde
eingenommen, jedoch mit weitaus geringeren und weniger
kampfstarken Streitkräften als dies im Sommer der Fall war.
Wir bekamen keine Warnung über Satellit.
Die Führung der gegnerischen Streitkräfte oblag Oberst
Gholam Hazrat, dem Kommandeur der 9. Division. Er
kontrollierte Brigaden seiner eigenen Division und der in
Jalalabad stationierten 11. Division, unterstützt durch das
46. Artillerieregiment und das 10. Pionierregiment, dessen
primäre Aufgabe es war, die Straße zu halten und auszubauen.
Der sowjetische Beitrag zu dieser Offensive war em einziges
Luftsturmregiment. Die Angreifer verbesserten ihre im
Panjsher-Tal angewandten Taktiken. Panzer bildeten die
Angriffsspitze, großflächiges Bombardement ebnete die Städte
und Dörfer ein und demoralisierte die zivilen Einwohner.
Einheiten wurden mit Hubschraubern auf dominierenden Höhen
vor dem Angriff abgesetzt. Diese Techniken wurden auch in den
Seitentälern angewandt. Diese Methoden waren von Erfolg gekrönt,
weil der Widerstand nur gering war. Einige kleine Stützpunkte
der Mudschahedin wurden eingenommen weil wir nicht schnell
genug aus den Flüchtlingslagern Verstärkungen heranführen
konnten, um dem Gegner das Erreichen von Barikot zu verwehren.
Die Offensive wurde zu einem großartigen Sieg über die
Mudschahedin heraufgespielt. Presse, Radio und Fernsehen
publizierten die Befreiung von Bankot als Beweis dafür, daß
sich die Guerillas auf dem Rückzug befanden. Oberst Gholam
Hazrat wurde zum Brigadegeneral ernannt. Tatsächlich standen
die Afghanen nur zwölf Stunden in Barikot. Wir schickten
Verstärkung nach vorne. um die gegnenschen
Kommunikationslinien zu unterbinden, besonders rund um die Stützpunkte
bei Asmar und Asadabad. Es gab mehrere ernsthafte Gefechte mit
Nachhuten, die von Jagdbombern, Kampfhubschraubern und
Artillerie unterstützt wurden. Wir übten starken Druck bis
nach Jalalabad aus. Trotzdem war ich enttäuscht über die
Mudschahedin und ich versuchte genauer im nachhinein
herauszufinden. was neben der Tatsache, daß uns der Angriff völlig
überraschend traf, für den Rückschlag verantwortlich war.
Meine Untersuchungen ergaben, daß die Rivalitäten und Fehden
zumindest zum Teil dazu beitrugen. Das Tal von Kunar war
zwischen Asmar und
Barikot in der Verantwortung von Kommandeuren, die zu
Khalis' Partei gehörten und diese hatten nicht kooperiert, um
die Offensive abzuwehren. Vor allem Haji Mir Zaman, em
Kommandeur, der u.a. damit heauftragt war, die Straße zu
sprengen, war nicht in der Lage gewesen, seine Aufträge
durchzuführen und gab mit einem Blick verletzter Unschuld zu
seiner Entschuldigung an, daß er die Straße im Tal benötigte,
um dem Gegner Rationen und Waffen abzunehmen und damit die
eigenen geringen Vorräte zu ergänzen. Einige seiner
Kommandeure behaupteten, daß Mir Zaman ein Agent des KHAD
war, und somit war ich gezwungen, die Angelegenheit näher zu
untersuchen. Obwohl die Beschuldigungen nicht bewiesen werden
konnten, war es klar, daß derartige Verdächtigungen
koordinierten Bemühungen im Tal von Kunar nicht förderlich
waren. Die ganze Episode war typisch für die Schwierigkeiten,
denen wir uns gegenüber sahen, wenn wir versuchten,
gemeinsame Operationen durchzuführen. Sie kennzeichnet die
Zeit und die Bemühungen, die verschwendet werden mußten, um
Fehden der Mudschahedin zu schlichten, statt daß diese ihre
gesamten Energien auf den Kampf gegen den wirklichen Gegner
lenkten
Ein großer Teil meiner Arbeitszeit mußte ich aufwenden,
um mit dem Auto oder mit dem Flugzeug zu reisen. Ich mußte
mehrere Tage pro Woche in Peshawar sein, um Parteiführer zu
treffen, Depots zu besuchen oder Diskussionen mit dem Militärkomitee
zu führen. Ich versuchte durch die Mitglieder dieses Komitees
Einfluß auf die Vorfälle auf dem Gefechtsfeld zu bekommen
und weiterhin Kooperation zwischen den Kommandeuren herbeizuführen,
Versorgungsprobleme auszuschließen Ausbildung zu arrangieren
oder Nachforschungen über illegale Waffenverkäufe durchzuführen.
Beim letzten Punkt ist es sehr interessant zu bemerken. daß
der Verkauf von Waffen nur die zweite Wahl war, weil das
Drogengeschäft das lukrativere Geschäft in den Grenzgebieten
war, und das schon seit 200 Jahren. Die Stadt Darra im Süden
von Peshawar war mit Sicherheit der größte offene
Waffenmarkt in der Welt. Es gibt dort wenigstens 100 Geschäfte,
wo ein Käufer alles. von Gewehren bis zu Granatwerfern
bekommen konnte. Im Jahre 1980 betrug der Preis für ein AK-47
um 2. 700 DM, jedoch durch die Flut von Waffen, die durch den
Krieg erbeutet wurden, fiel der Preis 1987 bis auf 1.300 DM.
Weitaus größere Summen wechselten für den Verkauf moderner
Maschinengewehre oder der neuen AK74-Sturmgewehre der Sowjets
den Besitzer. Die Versuchung. die Waffen, die die Mudschahedin
durch den ISI erhielten, zu verkaufen, war groß.
Ebenso mußte ich Quetta wenigstens alle sechs Wochen
besuchen, genauso wie die Grenzgebiete und Afghanistan selbst
so oft wie möglich. um immer am Ball zu bleiben. Weiterhin
gab es unzählige Fahrten nach Islamabad, um Konferenzen oder
Diskussionen mit General Akhtar zu führen.
Meistens versuchte ich durch das Militärkomitee, die
Fehden zu bereinigen oder die Kämpfe zu organisieren. Zu
Beginn waren die Mitglieder des Komitees sehr mißtrauisch und
still und wollten nicht über für sie wichtige Dinge vor
ihren Kameraden der anderen Parteien sprechen. Dies änderte
sich schlagartig, und sie kamen aus ihrer Reserve, wenn dies
allgemeine Diskussionen betraf keiner von ihnen konnte jedoch
trotz unserer Bemühungen Zukunftspläne auf unseren Treffen
vorweisen. Wegen zukünftiger Aktionen mußte ich mit jedem
einzeln sprechen. Grenzenlose Geduld war, so denke ich,in
Afghanistan notwendig, um die Dinge nicht stoppen zu lassen.
Dies bedeutete, daß Takt und Zeit der Schlüssel zum Erfolg
war und nicht etwa Geschrei, Ärger oder Drohungen. Ich war
sehr sorgfältig darauf bedacht, jeden Repräsentanten als
Individuum zu betrachten, obwohl ich gewöhnlich den Vorsitz
bei den Treffen hatte. Am Ende jeden Monats mußte jedes
Mitglied einen Bericht über die durchgeführten Einsätze
seiner Partei im abgelaufenen Monat vorlegen. Im Umkehrschluß
berichteten wir ihnen von der militärischen Lage in
Afghanistan, basierend auf Berichten des CIA und anderen
Nachrichtendiensten und abgefangenen Funksprüchen. Ich fand
heraus, daß die Tatsache, daß die Repräsentanten die
Berichte ihrer Aktivitäten vor den anderen Führern der
Mudschahedin der anderen Parteien vortragen mußten, einen
guten Effekt auf die Ausführung ihrer Berichte hatte. Denn es
wurde jedem die Möglichkeit gegeben, den Wert seiner eigenen
Kameraden darzustellen.
Etwa alle drei Monate bekam ich eine Nachricht, daß eine
`Grand Bonanza` an einem bestimmten Termin durchgeführt wurde.
In unserer Sprache bedeutete das, daß Präsident Zia seine
Quartalskonferenz mit den sieben Parteiführern durchführte.
Dort waren ebenfalls General Akhtar, gewöhnlich der Außenminister
und ich anwesend, sowie ein Dolmetscher. Es war ein sehr
geheimes Treffen der politischen Spitze Pakistans, mit ihren
militärischen Beratern, und den Männern, die den lihad führten.
Weil die pakistanische Regierung jegliche Unterstützung
abstritt, war es erforderlich, daß absolut niemand etwas über
diese Treffen erfuhr, außer den wenigen direkt beteiligten
Personen. Es wurden außergewöhnliche Sicherheitsmaßnahmen
getroffen. Ich arrangierte, dal3 die Parteiführer mit PKWs
anfuhren, die von ISI- Offizieren eskortiert wurden. Sie
fuhren zu einem sicheren Haus in Rawalpindi, wo die Fahrzeuge
getauscht wurden, danach wurden sie zu General Akhtars Haus
gefahren. Nachdem jeder angekommen war. fuhr General Akhtar
sein eigenes Fahrzeug selbst in die Residenz des Präsidenten,
die nur 600 Meter entfernt war, um ihn zu treffen. Im ganzen
Bereich waren bewaffnete zivile Wachen stationiert. Zia kam zu
diesem Treffen alleine, ohne Personenschützer, ohne Sekretär
und ohne Adjutanten. Diese Personen erfuhren auch nicht, wo
der Präsident sich befand.
Diese Treffen waren von entscheidender Bedeutung, bei denen
der Präsident immer wieder unterstrich, daß, obwohl er den
Jihad unterstützte, er nur Erfolg haben könnte, wenn er das
Verständnis und die Kooperation der Parteien hätte. Er
unterstrich ebenso stark, daß die Grundlage des Erfolges im
Kampf die Unterdrückung der Fehden sei. Der Außenminister
trug normalerweise die Fortschritte der Verhandlungen zwischen
Pakistan und der Sowjetunion gegenüber den Vereinten Nationen
vor und legte die jeweiligen Standpunkte dar. Jeder Parteiführer
gab einen Bericht über die Bemühungen oder Schwierigkeiten
seiner Partei. Das Treffen endete normalerweise mit den
Dankeswünschen des Präsidenten und einem Essen.
Die Grand Bonanza behandelte im wesentlichen politische
Angelegenheiten, in denen die Führer immer wieder der Loyalität
und des politischen Rückhalts durch Pakistan versichert
wurden, wohingegen eine 'Bonanza' sich mehr auf militärische
Dinge bezog und das Erfordernis der taktischen Zusammenarbeit
auf dem Gefechtsfeld unterstrich. Dies war ein Forum für die
Führer, die sich mit General Akhtar und mir etwa alle vier
bis sechs Wochen trafen, um einen speziellen Bereich zu
behandeln.
Die Treffen umfaßten die operative Situation. zukünftige
Pläne und die logistische Situation. Zusätzlich hatte ich
das Ziel. jeden Führer persönlich einmal alle sieben Wochen
zu treffen, diese Treffen waren wichtig für den Aufbau des
Vertrauens zwischen uns, was bei einem großen allgemeinen
Treffen nicht möglich war.
Mitte 1984 bekam ich von General Akhtar den Befehl, die
militärische Lage in Afghanistan zu werten und die
Schwachpunkte der Aktivitäten der Mudschahedin
herauszustellen. Meine Aufmerksamkeit war auf die nördlichen
Provinzen gerichtet. Es wurde sehr schnell klar, daß diese
nicht die Beachtung bekamen, die ihrer strategischen
Wichtigkeit zukam. Diese Provinzen grenzten an die Sowjetunion.
die gegnerischen Führungs- und Verbindungslinien führten
durch diese Provinzen, genauso wie das sowjetische Öl für
ihre Kriegsbemühungen. Von Jozian verlief die afghanische
Erdgaspipeline nach Norden unter dem Amu hindurch.Ich war über
die sowjetischen Bemühungen besorgt, die traditionelle
Rivalität zwischen den Paschtunen und den Usbeken sowie
Tadschiken dieser Region zu schüren. Es entging mir nicht daß
aus irgendwelchen Gründen die nördlichen Provinzen nicht die
Menge an Waffen und Geld bekamen, die ihrer operativen
Bedeutung gerecht geworden wäre
Unabhängig von meinem Verdacht, daß ethnische Rivalitäten
die Wurzel für das Problem waren, gab es eine Anzahl anderer
Gründe. Die großen Entfernungen bedeuteten höhere
Transportkosten; weder wir noch die Parteien hatten
detaillierte Informationen über die Effektivität der
Kommandeure oder über ihre Stützpunkte in manchen Gebieten
war das Gelände ungeeignet und die Evakuierung von Verletzten
nach Pakistan war nahezu unmöglich, während gleichzeitig die
Mudschahedin keine medizinischen Versorgungseinrichtungen
hatten.
Auf der nächsten Quartalskonferenz des ISI bat ich General
Akhtar um einen Sonderposten von Waffen für die nördlichen
Provinzen, um dieses Vakuum zu füllen. Er stimmte jedoch
nicht zu. lch war nicht lange darüber enttäuscht, weil er
mich innerhalb weniger Tage anrief und mir den Auftrag gab,
sofort ein Crash-Programm für Ausbildung und Versorgung des
Nordens zusammenzustellen. Es war ein sehr ehrgeiziger Plan,
den ich vor dem Winter abschließen wollte. Das bedeutete, daß
auch Abstriche gemacht werden mußten. Wir waren gezwungen.
Kommandeure mit schweren Waffen auszubilden und auszurüsten.
von denen wir nur wenig wußten und einige der vertrauenswürdigen
Kommandeure konnten Pakistan nicht in der erforderlichen Zeit
zur Ausbildung erreichen. so daß sie an diesem Programm nicht
teilhaben und somit keine zusätzlichen Waffen bekommen
konnten. Diese Dinge führten zu noch mehr Mißverständnissen
zwischen den Kommandeuren und Parteien - und wieder waren es
die Fehden, die den Kampf gegen die Sowjetunion behinderten.
Während des nächsten Treffens berichtete ich General
Akhtar darüber. er war jedoch nicht sehr glücklich darüber,
daß ich eine derart große Menge an Waffen in den Norden
schickte. Er sagte. daß dies den Druck auf Kabul vermindere.
Weiterhin wollte er nicht, daß ich Mudschahedin in ihren
eigenen Stützpunkten ausbildete. Ich machte ihm klar. daß
ich beides durchführen mußte, um schnell Resultate zu
erhaltCTl. Er gab mir je doch den Befehl, Ausbildungen in
Afghanistan sofort einzustellen. General Akhtar hatte recht.
Um schnelle Rcsultate zu erreichen, ignorierte ich
Sicncrheitsaspekte. Mudschahedin in unsicheren Stützpunkten
auszubilden war ein Risiko, weil dann unsere Unterstützung
allgemein bekannt wurde und derartige Orte von Informanten
wimmelten. Dies war speziell bei den Flüchtlingslagern so.
In den Flüchtlingslagern lebten rund drei Millionen
Menschen. Es gab mehr als 350 Flüchtlingslager, die von der
pakistanischen Behörde mit Unterstützung der UN aufgebaut
und verwaltet wurden. Die Lager, die ursprünglich für 10.000
Personen vorgesehen waren, beherbergten 100.000, eines sogar
125.000. Das führte zur größten Konzentration von Flüchtlingen
in der gesamten Welt. Es waren schmutzige Plätze, die von
Menschen wimmelten. Die Überbelegung führte zu unmöglichen
Anforderungen für die elementare Wasserversorgung, für sanitäre
Anlagen und medizinische Einrichtungen. Die Flüchtlinge kamen
meist schwach und ausgepumpt in den Lagern an, viele von ihnen
waren krank oder verwundet. Massive Hilfslieferungen von Geld,
Nahrung und sonstigem Material war dann erforderlich, um
derartige Mengen von Flüchtlingen zu versorgen.
Für uns waren die Lager wichtig, weil sie den Familien der
Mudschahedin, die in Afghanistan kämpften, einen sicheren
Platz vor dem Krieg boten und die Familien immun vor
Repressalien waren. Die Mudschahedin konnten sich für eine
Ruhepause in die Camps zurückziehen, sie konnten Ihre
Familien sehen, ohne sich selbst zu verraten. Ebenso waren
diese Flüchtlingslager ein Reservoir potentieller Rekruten für
den Jihad. Tausende von Knaben kamen als Flüchtlinge in die
Lager, wuchsen dort auf und folgten dann ihren Vätern und Brüdern
in den Krieg.
Die Lager hatten jedoch genauso ihre Nachteile. Sie waren
ein primäres Ziel für die sowjetische Subversion. Weil sie
so schnell in Größe und Anzahl wuchsen, war die örtliche
Bevölkerung feindlich gegenüber den Lagerbewohnern
eingestellt. Flüchtlinge nahmen sowohl Land als auch Geschäfte
der örtlichen Bevölkerung und der Händler in Beschlag. Sie
waren bei vielen Pakistanis nicht besonders beliebt, und die
Feindseligkeit wurde oft auch durch hunderte von KHAD-Agenten,
die die Lager infiltrierten, provoziert. Es war ein wichtiges
Ziel der Sowjets, das Mißtrauen zwischen den Flüchtlingen
und den Pakistanis zu schüren. Je größer die Gewalt, je größer
der Haß, desto größer war auch der Druck auf unsere
Regierung, ihre Unterstützung für den Jihad zu reduzieren.
Diese Lager und ihre Einwohner wurden von unseren Gegnern dazu
benutzt, um die Fehden innerhalb Pakistans zu vergrößern.
Der ISI versuchte jedoch, die Lager zur Unterstützung der Kämpfe
zu nutzen. Unsere Probleme wurden durch die heftige Korruption
in jedem Lager vergrößert. Dies will ich darstellen am
Beispiel der Erfahrungen eines Mudschahedins, der als Farid
Khan (der Name ist geändert) 1984 mit seiner Familie aus
Kabul floh. Die erste Schwierigkeit für sie bestand darin,
Dokumente für die Registrierung zu bekommen. Ohne eine
Registrierung war es nicht möglich, einen Paß für das
Familienoberhaupt zu bekommen, und ohne diesen Paß konnte
Farid keine Hilfe empfangen. Um einen Paß zu bekommen, mußte
Farid eine Monatsration Mehl, Öl, Zucker, Tee oder
Trokkenmilch geben oder manchmal Geld zahlen, wobei sich der
Betrag auf 50 Rupien pro Person belief, der jedoch bis zu
einem Maximum von 350 Rupien stieg (cirka 35 DM). Dies war der
Anfang von Farids Frustrationen. Der langsame, bürokratische
Prozeß der Registrierung kann Monate in Anspruch nehmen, eine
Zeit, in der die Flüchtlinge innerhalb der Lager bleiben müssen,
wohingegen sich die Glücklichen, die bereits registriert sind,
an Angehörige hängen. Einige von ihnen lassen sich jedoch
nie registrieren. Der einzige Weg, um die Verzögerungen zu
vermeiden war einen pakistanischen Behördenvertreter zu
bestechen.
Farid bekam wahrscheinlich seinen Paß, der ihn dazu
berechtigte, ein Zelt in einem Lager aufzuschlagen. Außerhalb
des Lagers hatte der Paß keinerlei Nutzen. Milch, Zucker oder
Tee gab es beispielsweise kaum. Wenn Farid diese Gegenstände
wollte, weil er sie bitter benötigte, mußte er diese auf dem
Schwarzmarkt kaufen. Es war eine der Vergünstigungen der
Pakistanis, die Rationen zurückzuhalten, um diese zu
verkaufen. Dies wurde einigen Beamten leicht gemacht, die
Nahrung und Geld für die Flüchtlinge verwalteten. Eine
weitere Erfahrung machte Farid bei der Rekrutierung von
Mudschahedin als Ersatz für gefallene Mudschahedin. Wenn ein
Familienoberhaupt aus irgendwelchen Gründen nicht im Lager
war, wurde sein Paß eingezogen, was zur Folge hatte, daß die
anderen Angehörigen keine Berechtigung mehr für weitere
Unterstützung hatten. Dies passierte, als Farid auszog, um in
den Jihad zu ziehen. Während er fort war, machten die Behördenvertreter
eine ihrer periodisch vorkommenden Überprüfungen, indem sie
die Köpfe der Flüchtlinge im Flüchtlingslager zählten.
Farid wurde in den Listen als fehlend aufgeführt und sein Paß
eingezogen. Seine Frau kostete es 500 Rupien, um den Paß zurückzubekommen.
Natürlich benutzten die Vertreter der Lagerverwaltung die
konfiszierten Pässe dazu, weiterhin Verpflegung zu empfangen
- um diese wieder zu verkaufen. Das Leben im Lager wurde
verschlechtert durch die Gesundheitszustände, die aufgrund
der schlechten Wasserversorgung und -qualität verursacht
wurden. Die tägliche Wasserration von 30 Litern pro Person
war nur selten verfügbar, weil es zu wenig Pumpen gab und die
LKWs zur Wasserversorgung oft defekt waren und immer zu spät
kamen - es sei denn, der Fahrer wurde bei guter Laune gehalten.
Krankheiten breiteten sich epidemieartig aus und Sanitäranlagen
waren oftmals nicht existent, was dazu führte, daß jeder die
umliegenden Felder wie eine große öffentliche Latrine
benutzte. Malaria, Typhus, Durchfall und Tuberkulose sind
einige der vielen Krankheiten, die in den meisten der Lager
grassierten.
Es waren die Frauen, die am meisten zu leiden hatten.
Achtzig Prozent der Flüchtlinge in den Lagern waren Frauen
und Kinder. Viele von ihnen waren Witwen. Zum erstenmal in
ihrem Leben mußten sie für sich selbst kämpfen, während
sie doch noch unter Schock standen. In diese Leiden und in
diese Qual schickten die afghanische Geheimpolizei, der KHAD,
seine weiblichen Agenten, um die Lagerinsassen einzuschüchLern
und zu unterwandern. Die Frau von Farid hat Informationen und
Erfahrungen aus erster Hand über ihre Methoden. Zuerst
bemerkte sie nicht, daß die junge Frau, die sich um sie kümmerte,
ein Agent war, jedoch bemerkte sie nach und nach, daß das
permanente Zetern und Wettern der Frau über den Jihad darauf
abzielte, sie zu indoktrinieren. Der Freund der jungen Frau
protestierte kontinuierlich gegen die Leiden, die durch den
Krieg verursacht wurden, über die schlechten Bedingungen in
den Lagern, wobei er herausstellte, wie die Mudschahedin
starben, während sich ihre politischen Führer ein luxuriöses
Leben rund um Peshawar machten, Fahrzeuge fuhren, Geld
ausgaben und sich nur selten der Gefahr aussetzten. "Wir
kämpfen keinen Jihad", sagte sie, "wir kämpfen
gegeneinander, Afghane gegen Afghane. Dies ist kein Jihad,
sondern ein Krieg zwischen fremden Supermächten. Unsere Männer
sterben für Amerika oder für die Sowjetunion."
Die Agenten versuchten ebenso die Pakistanis gegen die Flüchtlinge
aufzuwiegeln. Es war nicht besonders schwer, Feindseligkeit
oder l laß zu beschwören. Sie machten nur eine weisende
Bewegung mit ihren Armen und sagten: "Vor diesem Krieg wa.
dies alles dein Land nun leben all diese fremden Flüchtlinge
hier. Sie nehmen dir dein Geschäft dein Weideland. und sie
sind der Grund für die aufkommende Inflation. Sie werden dir
bald in deiner eigenen Provinz an Zahl überlegen sein. Ls
sind die Flüchtlinge, die die Wasserkürzungen verursachen.
Warum gibt Pakistan so viel aus. um sie zu unterstützen'? Sie
sollten nach Afghanistan zurückkehren."
Nach einigen wenigen Wochen war es für Farids Frau
eindeutig, daß ihre Bekannte für den KHAD arbeitete und so
berichtete sie es einem Vertreter im Camp, der diese vorläufig
festnahm und der Polizei übergab. War dies das Ende des
Problems? Nein, keineswegs, binnen 24 Stunden war sie zurück.
Sie war eben in der Lage, 250 Rupien zu bezahlen, was der
gegenwärtige Preis für das Fallenlassen der Anklage bei der
Polizei war.
Ende 1985, einige der härtesten Gefechte des Krieges waren
geführt worden, war ich mir darüber im klaren, daß sich die
Mudschahedin nicht weiter zurückdrängen lassen würden. I
ediglich rund um Kabul, wo sich die Situation aus Gründen,
die im Kapitel 9 erklärt werden verschlechterte, hatten die
Mudschahedin keine großen Verluste oder Rückschläge
erlitten trotz des erhöhten Drucks der Sowjets und der
gestiegenen Leistungen der Afghanischen Armee.
Die bestkoordinierteste und gefährlichste Offensive war
die im August/September abgelaufene Operation bei Paktia. Der
Einsatz umfaßte mit einer sehr gut durchgeführten
Zangenbewegung die Mudschahedin-Stützpunkte im Westen des
Papageienschnabels, wobei sich eine gepanzerte Kolonne von
Kabul das Logar-Tal hinauf bewegte, während sich eine andere
vom Südwesten aus Richtung Jalalabad bewegte. Gegen Ende
August bewegten sich die gegnerischen Streitkräfte rund um
Khost in Richtung unserer vorgeschobenen Stützpunkte bei Ali
Khel und Zhawar, nur wenige Kilometer von der pakistanischen
Grenze entfernt. E;s gab erbitterte Gefechte, bevor diese
Angriffe aLgewehrt wurden. Obwohl unsere Paktia-Offensive
einige Verletzte kostete und zum Verlust von verschiedenen
Versorgungsdepots führte, litten wir nicht so, wie es die
sowjetische Propaganda der Welt glauben machen wollte. Genau
wie 1984 behauptete man, daß sich die Mudschahedin auf dem Rückzug
befanden, die Sowjets vor einem militärischen Sieg stünden
und das Regime in Kabul auf sicheren Füßen stand.
Ich teile diese Meinung nicht, 1985 gab es einige spektakuläre
Erfolge der Mudschahedin. Im Juni eroberte Massud im
Panjsher-Tal den schwer umkämpften Stützpunkt bei Peshghor,
der von einem 500 Mann starken Bataillon mit zehn
Granatwerfern. vier 76 mm-Kanonen, zwei Kampfpanzern T-55 und
fünf Schützenpanzern BTR-60 verteidigt wurde. Der Stützpunkt
wurde durch Bunker, Minen und Stacheldraht geschützt. Die
Angreifer räumten die Minenfelder während der Dunkelheit und
stürmten den Stützpunkt in der Morgendämmerung unter
Feuerschutz von Raketen und schweren Maschinengewehrfeuer. Der
Widerstand wurde sehr schnell ausgeschaltet, und zwischen den
Toten fand man den afghanischen Brigadegeneral
Ahmaddodin. Uber 450 Soldaten wurden gefangengenommen,
darunter fünf Obri
sten die aus Kabul kamen und den Stützpunkt besichtigt
hatten.
Ebenso hatten wir im Juni unseren Druck rund um das
Kandahar-Flugfeld verstärkt. Die Raketenangriffe auf am Boden
abgestellte Flugzeuge waren so erfolgreich, daß die Sowjets
gezwungen waren, die Masse ihrer Flugzeuge auf die Flugplätze
Lashkargah und Shindand zu vcrlegen. Lashkargah entwickelte
sich zu einem alternativen Flugplatz für Kandahar. Unsere
Hinterhalte auf der Straße nach Kandahar waren so häufig und
effektiv, daß eine zweite Route benutzt werden mußte, um
Versorgungsgüter in die Stadt zu bringen.
In den nördlichen Provinzen kamen unsere Angriffe in
Schwung. und auf dem Amu wurden nun Schiffe versenkt. Auch
wenn unsere Bcmühungen in der Ausbildung, in der Qualität
und Quantität der Versorgungsgüter, der Druck auf die Führer
und Kommandeure der Mudschahedin, weniger Zeit mit Fehden und
mehr Zeit zum Kampfen gegen die Sowjets zu verwenden, nicht
gewesen wären und sich nicht als erfolgreich erwiesen hätten.
habe ich nur wenig Zweifel daran, daß 1985 der Jihad
zusammengebrochen wäre. Die Mudschahedin widerstanden allem,
was die Sowjets gegen sie richteten, ungeachtet der überwältigenden
Zahl von Soldaten und Gerät. Es war nicht so, daß ich mir
allzu sicher war. Ich hatte Angst vor den Wirkungen der
sowjetischen Taktik der verbrannten Erde auf unser
Versorgungssystem, die dem Guerilla seme Quelle für Nahrung
und Schutz nahm. Weiterhin zeigte sich ein wirklicher Bedarf für
einen leichten weitreichenden Raketenwerfer als Ergänzung für
die schweren Mehrfach-Rakctcnwerfer; ebenso fehlten moderne
Funkgeräte, um mit wichtigen Kommandeuren innerhalb
Afghanistans zu kommunizieren, und ohne eine effektive
Boden-Luft-Rakete als Ergänzung für die SA-7 wären wir
nicht mehr lange m der Lage gewesen. die Kampfhubschrauber
abzuwehren. Meine größten Sorgen jedoch galten Kabul. |