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 Die Fehden

 
"Außer einer gemeinsamen Religion, dem Islam, haben nur fremde Eroberer - von Alexander dem Großen bis zu den Briten im 19. Jahrhunderl und den Sowjets im 20. Jahrhundert - die Afghanen vereinigt."
Insight Magazine vom 9. April 1990.

1984 eskalierte die Kriegführung auf beiden Seiten. Die Sowjets führten im Korpsbereich ihre Panjsher-Offensive durch, gemeinsame sowjetisch-afghamsche Operationen auf Divisionsebene wurden im Bereich des Herat, Paktia und des Kunar-Tales in der Nähe der pakistanischen Grenze durchgeführt. Die wachsende Effektivität und der steigende Einsatz der afghanischen Truppen machte sich bemerkbar, ebenso spielten sich die Einsatztaktiken der sowjetischen Kampfhubschrauber ein. Der Einsatz sowjetischer Sondereinheiten, der Speznas, wurde verstärkt, wobei sie gewagte Taktiken anwandten. Obwohl die Presse das Gegenteil behauptet, glaube ich, daß das Jahr zugunsten der Mudschahedin endete.

Obwohl die Hälfte des Pan jsher-Tales verloren war, waren die Mudschahedin in anderen Gebieten stärker. besser organisiert, besser ausgebildet und ausgerüstet als in den vorangegangenen Jahren. Alle, die anderes behaupten, konnten die Gesamtsituation nicht überprüfen, da sie keine zuverlässigen Informationen hatten. Die Medienberichterstattung über den Krieg war lückenhaft. Im Gegensatz zu den Amerikanern in Vietnam gaben die Sowjets und Afghanen ihre Verlustzahl nicht der Presse bekannt. Genauso bestritt die pakistanische Regierung jede Beteiligung am Krieg. Nur eine Handvoll wagemutiger Journalisten, die die Mudschahedin zeitweise auf das Gefechtsfeld begleiteten, konnten bedingt authentische Informationen bringen, und selbst sie bekamen, wie ich bereits in der Einleitung anführte, falsche Informationen. Meine Quellen, die auch aus abgehörten Funksprüchen stammten, bezifferten die sowjetischen Verluste im Jahre 1984 auf 4.000 bis 5.000 Tote und Verwundete und die afghanischen Verluste auf etwa 20.000 Tote und Verwundete, emgeschlossen Desertionen. Trotz der Schwäche unserer Flugabwehr hatten die Sowjets und Afghanen mehr als 200 Hubschrauber oder Kampfflugzeuge (die meisten jedoch auf dem Boden), sowie 2.000 Fahrzeuge aller Typen, inklusive Panzer und Schützenpanzer verloren.

Ich fühlte nun, daß wir die Basis der Gesamtstrategie für die Fortführung des Krieges geschaffen hatten, denn wir hatten eine politische Sieben-Parteien-Allianz gebildet ich arbeitete mit einem Militärkomitee, die Quantität der Versorgungsgüter wuchs ständig, die Ausbildung verbesserte sich und wir hatten einige bemerkenswerte Erfolge auf dem Gefechtsfeld erzielt. Ich war sicher, daß wir die größere Aggressivität unseres Gegners ausgeglichen hatten. Es waren jedoch nicht die Kämpfe mit dem Gegner, die mir Sorgen bereiteten, sondern die Fehden zwischen den Mudschahedin. Ich begriff nun den wahren Umfang dieses Problems und nahrn mir vor. meine Bemühungen darauf zu richten, diese Aspekte zu beseitigen. Die schlimmste Fehde war der Bürgerkrieg zwischen den Mudschahedin. Während der elf Jahre des Jihads starben hunderte von Mudschahedin durch Mudschahedin anderer Parteien oder rivalisierender Kommandeure. Ich glaube, daß wir die Fehden unter eine gewisse Kontrolle bekamen, oLwohl wir sie niemals ganz ausschalten konnten. Recht gut klappte es 1986 und 1987, als die Mudschahedin nahe am Rand eines militärischen Sieges waren, und 1988 bis 1989, als die Sowjets sich zurückzogen. Leider war es 1990 bis l991 wieder so, daß die internen Fehden wieder einmal Vorrang vor der Bekämpfung des Gegners hatten. Selbst bei der Machtübernahme der Mudschahedin spielten die Fehden eine entscheidende Rolle. die Rivalitäten stellten den Erfolg der Machtübernahme lange in Frage. Selbst nach der Machtübcrnahme bekämpften sich sogar die fundamentalistischen Parteien untereinander.

Das folgende Beispiel zeigt. wie weit eine Fehde die Mudschahedin als effektive Streitmacht trennen und zerstören konnte. Zwei untergeordnete Kommandeure von unterschiedlichen fundamentalistischen Parteien waren hierein verwickelt.

An einem kalten grauen Morgen, an dem Nebel die umliegenden Berge verdeckte, sammelten sich rund tausend Menschen. um einer Exekution beizuwohnen. ES war der 24. Dezember 1989. Der Ort war ein kleiner Park in der Nähe der Stadt Taloqan. der Provinzhauptstadt von Takhar. im nördlichen Afghanistan. Vier Männer sollten gehängt werden. Jeder von ihnen war ein Mudschahedin. jeder von ihnen wurde nach dem islamischen Gesetz der Ermordung eines Mudschahedin, der einer anderen Partei als ihrer eigenen angehörte. für schuldig befunden - und jeder von ihnen wurde zum Tode durch den Strang verurteil, anstatt sie, wie üblich, zu erschießen. Ihr Führer war Sayad Jamal, ein älterer Kommandeur aus Hekmatyars Partei. Mit ihm wurden sein Bruder und zwei weitere bekannte Offiziere gehängt. Sie starben ruhig. Im letzten Augenblick hatten sie nichts zu sagen. obwohl es für sie ein unehrenhafter Tod war. Die Angehörigen der Opfer konnten die Hinrichtung beobachten.

Die Exekutionen waren jedoch nur eine Phase in einer lange währenden Fehde zwischen rivalisierenden Kommandeuren. Mitte 1989 war Ahmad Shah Massoud, der sogenannte Löwe von Panjsher, das Opfer eines blutigen Hinterhaltes von Gefolgsleuten Jamals geworden. Tm vorangegangenen Jahr hatten beide Gruppen die Stadt Taloqan angegriffen und eingenommen, teilten jedoch dann die Stadt in zwei Lager. Mitte 1989 wurde ein Waffenstillstand zwischen beiden l.agern vereinhart, der durch

das laute Vorlesen der Passagen aus dem Koran besiegelt wurde. Der Waffenstillstand war aber nur von kurzer Dauer. Ob Jamal auf direkte Befehle von Hekmatyar handelte, wurde niemals geklärt. Er ließ seine Mudschahedin in einer Schlucht bei Tanig Takhar, durch die. wie er wußte, in Kürze viele von  Massouds    Männer kommen würden, einen Hinterhalt legen. Der Hinterhalt war ertolgreich, 36 Männer starben in einem Hagel von automatischem Feuer. Dies waren jedoch die Glücklichen, die anderen, die gefangengenommen wur-den, wurden grausam gefoltert, bevor sie getötet wurden. Massoud ließ keine Bemühung zur Rache aus. Sie wurde im großen Rahmen durchgeführt. Tausende seiner Mudschahedin schwärmten durch das Land und suchten nach Verdächtigen, es erforderte jedoch die Aussetzung einer Belohnung von einer Million Afghanis, um Jamal und seinen Bruder zu finden. Ein geheimer Tip führte zu einem Versteck im Boden eines Hauses in Taloqan. In dem Keller befanden sich zwei der Verantwortlichen für den Hinterhalt.

Eine meiner ersten wichtigen Erfahrungen im Bereich der Fehden und der doppelten Geschäfte bekam ich 1984 von einem Kommandeur, der in dem Gebiet zwischen Chaman und Kandahar operierte, durch das der Hauptnachschubweg aus Quetta verlief. Der Kommandeur war ein früherer Hauptmann in der Afghanischen Armee, der mit seiner Einheit 1981 desertiert war. Er hieß Asmat und kam aus dem Stamm der Achakasai, der auf beiden Seiten der pakistanischen Grenze lebt. wodurch er auch beträchtliche Unterstützung aus diesem Gebiet hatte. Er kämpfte ein Jahr lang hart gegen die Sowjets, begann aber dann, Waffen  zu  verkaufen und sonstige Beutezüge durchzuführen, um sich selbst zu bereichern. Zu Beginn meiner Zeit beim ISI hatten wir gerade seine Versorgung mit Waffen eingestellt, obwohl er immer noch eine starke Streitmacht kontrollierte. 1984 begann er damit, die Versorgungskarawanen der Mudschahedin, die sich durch sein Gebiet bewegten, zu stören. Seine Männer führten Hinterhalte auf kleine Konvois durch, um an Waffen zu kommen, oder sie verlangten Waffen als Pfand für eine sichere Passage. Andere Mudschahedin wandten sich gegen ihn. und ernsthafte Gefechte brachen aus, als sie versuchten, seinen Stützpunkt anzugreifen. Asmat kämpfte jedoch sehr gut und die Verlustzahlen stiegen auf beiden Seiten. Es dauerte einige Zeit, bevor ein Waffenstillstand arrangiert werden konnte. Danach richtete sich die Aufmerksamkeit von Asmat auf Fahrzeuge der pakistanischen Regierung oder Botschaftsfahrzeuge auf der Straße von Quetta nach Kandahar. Er forderte die Fortsetzung der Waffenversorgung und drohte, daß seine Männer damit beginnen würden, Personal der Botschaften zu kidnappen. Dies führte zu einer Panik in unserem Außenministerium, und man wandte sich an den ISI. um Garantien für deren Sicherheit zu bekommen. General Akhtar beorderte Asmat nach Islamabad, wo dieser sich entschuldigte und sagte, daß er nicht vußte, was seine Männer taten und versprach, daß derartige Dinge nicht wieder geschähen. Er war schlau und trat in die Partei Gailanis ein, der ihn mit Waffen versorgte. Raffiniert von ihm, denn ich hätte ihm niemals mehr einen Gefallen getan und ihn mit Waffen versorgt.

Er legte mir einen Plan zum Angriff auf den Flugplatz von Kandahar vor, um schwere Waffen zu bekommen. Ich sagte ihm, er bekäme die Waffen, wenn seine Mission Erfolg hätte. Dies geschah niemals. Kurz danach hörten wir Funksprüche ab, die darauf hinwiesen, daß Asmat ein Agent des KGB/KHAD war. Nach langen Diskussionen stimmte General Akhtar zu, ihn festzunehmen. Begründungen wurden vorbereitet. als plötzlich der pakistanische Armee-Nachrichtendienst in dem Gebiet erfuhr, was passiert war und uns mitteilte, Asmat sei einer ihrer Agenten und spielte eine Doppelrolle aufgrund ihrer Instruktionen. Dies muß Asmat gewarnt haben, denn innerhalb von wenigen Tagen verschwand er- nach Kabul.

Das war im Jahre 1985. Einige Zeit später tauchte er wieder in Kandahar als Brigadegeneral mit der Aufgabe auf, die Stadt vor Angriffen der Mudschahedin zu sichern. Er führte ein gutes Leben und keiner der Versuche der Mudschahedin, ihn zu töten; hatte Erfolg. Sie versuchten, sein Fahrzeug mit einer ferngesteuerten Sprengfalle zu sprengen, sre versuchten, den Landeplatz seines Hubschraubers zu verminen Vier oder funf Anschläge schlugen fehl. Soger die Sowjets meinten schließlich, daß er mehr Arger brachte, als er wert war. Er war ein Trinker, der einmal sogar einen höheren sowjetischen Offizier in Kandahar angriff. Die Zeit schritt voran und seine Männer bauten ein 'Leben und leben lassen'-Verständnis zu den Mudschahedin auf Wahrscheinlich wurde er nach Kabul zurückgerufen und seinen Aufgaben enthoben. Er war jedoch niemals ein Mann, der leicht aufgab und schickte uns Nachrichten, daß er sich entschuldigte und daß er nach Pakistan zurückkehren wollte, nachdem er beträchtlichen Schaden bei den Sowjets angerichtet hatte. Ich hatte absolut kein Vertrauen in die Versprechen Asmats, obwohl ich heimlich seine Courage bewunderte.

Ein Jahr später gab es wiederum im Kandahar-Bereich ernsthafte Fehden. Zu diesem Zeitpunkt war es die Partei Hekmatyars, die in den Provinzen Kandahar, Kabul, Helmand sowie Farah dominierte. Unglücklicherweise jedoch gab es große Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Kommandeuren und den Repräsentanten der Parteien in Quetta über die Verteilungen der Waffen. In ihrem Groll wechselten mehrere Mudschahedin die Parteien, was im Umkehrschluß Hekmatyar wütend machte, der davon ausging, daß sie die Waffen, mit denen er sie versorgt hatte, gegen ihn verwendeten. Dies führte dazu, daß die Kommandeure unter Mohammed Khan ihre eigenen unabhängigen Basen an der Grenze, teilweise in Pakistan, aufbauten und nun versuchten, Hekmatyars Versorgungskolonnen abzufangen. Um diesen Aktivitäten zu begegnen, baute Hekmatyar innerhalb Afghanistans eine starke Basis unter dem Kommando von Janbas auf, was zu einer Serie von bewaffneten Uberfällen führte. Einige der Kämpfe fanden in Pakistan statt. was uns natürlich sehr störte.

Sowohl Mohammed Khan als auch Janbas hatten jeder rund 1.000 Gefolgsleute, was gleichzeitig bedeutete, daß unsere Bemühungen gegen den wirklichen Gegner in ihrem Bereich ernsthaft begrenzt waren. Hekmatyar wollte einen großangelegten Angriff auf Mohammed Khan durchführen, um ihn aus Pakistan zu vertreiben. Wir beabsichtigten ernsthaft, mit der pakistanischen Armee dasselbe durchzuführen. Beide Möglichkeiten waren gleich demütigend. Es folgten Gerüchte, daß beide Kommandeure Drogen nach Pakistan schmuggelten. um damit ihre Stützpunkte zu finanzieren, was sehr gut möglich war, weil die Provinz Helmand eines der größten Mohnanbaugebiete in Afghanistan ist.

Alle unsere Bemühungen, eine friedliche Lösung zu finden, schlugen fehl primär deshalb, weil Mohammed Khan verdeckt von anderen Parteien Unterstützung erhielt. Es dauerte Monate, bevor ich in der Lage war, diese Unterstützung zu unterbinden, zu diesem Zeitpunkt war der Schaden allerdings schon da. Die Fehde beeinflußte die Einsatz- und Kampffähigkeit von Hekmaytars Partei im Gebiet von Quetta. Sie erholte sich niemals wieder ganz davon. Die Frontlinie der ostwärtigen Provinzen war das 100 Kilometer lange Kunar-Tal, das parallel zur pakistanischen Grenze auf einer Länge von zehn bis zwölf Kilometern verlief (siehe Karte 14). Am Ausgang des Tales befand sich Jalalabad, Garnision der 66. sowjetischen Mot-Schutzenbrigade und der afghanischen I l . Division. In der Mitte des Tales befand sich Asadabad, mit der Garnison der afghanischen 9. Division. Am Kopf des Tales, nahezu immer in Gewehrschußweite der Grenze, befand sich Barikot mit seiner afghanischen
 

 

Garnison und der 51. Brigade. In allen dazwischenliegenden Dörfern hatten die Afghanen Verteidigungsstellungen errichtet. Asmar, das 25 Kilometer nordöstlich von Asadabad liegt, beherbergte die 31. Gebirgsjägerbrigade und ein Speznas-Bataillon. So wichtig war dieses Tal für unsere Gegner.

Obwohl sich eine große Zahl gegnerischer Soldaten im Tal von Kunar befand, blieben sie meist nur in ihren Stützpunkten. Die Mudschahedin hatten eine perfekte Zuflucht nach Pakistan, das in unmittelbarer Nähe der Straße im Tal und des Flusses lag, und ihre Stützpunkte an der Grenze dominierten das Tal über die gesamte Länge. Die meisten afghanischen Armeeposten waren halb belagert, die Mudschahedin kontrollierten die Straße und dadurch die Versorgung durch LKWs, die in die Garnisonen fahren sollten. Alle dominierenden Höhen gehörten zu Pakistan, ein Grund für uns, dem Administrator der früheren Kolonien, Durand, zu danken, der vor so langer Zeit diese Grenze mit einem solch taktischen Hintergedanken gezogen hatte.

Barikot war ein typisches Beispiel für eine afghanische Garnison an der Grenze. Die Versorgungswege waren in den Händen der Mudschahedin, die Posten umstellt von gegnerischen Streitkräften, die von jeder Höhe auf sie hinab sahen; trotzdem überlebten sie. In der Theorie konnten alle diese Stützpunkte durch die Luft versorgt werden, falls die Versorgung am Boden abgeschnitten war, und einige wurden wirklich aus der I.uft versorgt, jedoch die große Anzahl dieser Stützpunkte, verbunden mit der isolierten Lage in den schmalen Schluchten und Tälern verhinderte diese Art der Versorgung. mit Ausnahme bei kurzzeitigen Notfällen. Wie also versorgten sich diese afghanischen Stützpunkte? Die Antwort zeigt eine weitere Perversität des Krieges - sie wurden durch die örtlichen Stammesangehörigen aus Pakistan versorgt.

Viele pakistanische Stammesangehörige hatten einen Fuß in jedem l.ager. Tausende zogen ihren Nutzen aus dem Jihad und unterstützten die Mudschahedin, sie unterstützten jedoch ebenso den Gegner wenn sie einen Profit daraus schlagen konnten. Sie fanden heraus, daß der Krieg eine Vielzahl zusätzlicher Möglichkeiten bot, Geld zu machen. Ein Weg Geld zu machen, war das Schmuggeln von Lebensmitteln nach Afghanistan, um diese an die Garnisonen der Grenzposten zu verkaufen. Mehl, Fett, Reis und weitere Gebrauchsgüter wie Petroleum, Diesel und Kerosin für Öfen oder Lampen wurden diesen isolierten Posten und Stützpunkten regulär verkauft. Die Posten mußten sich auf diese Art der Versorgung verlassen. um zu überleben. Sogar die Betonbunker in einigen der Stützpunkte wurden mit Zement und Moniereisen gebaut, die direkt aus Pakistan gebracht wurden. Bei vielen dieser Geschäfte tauschten sie Waffen oder Munition gegen Lebensmittel oder Versorgungsgüter. Es gab nur wenig, was wir tun konnten, um dies zu stoppen, weil sich die Versorgungskarawanen der Mudschahedin durch diese Stammesgebiete bewegen mußten, und wenn sich die Bevölkerung in den Stammesgebieten auflehnte, wären diese Versorgungsrouten gefährdet. Die Stämme gewährten sichere Transportmöglichkeiten die genauso wertvoll waren wie das Anmieten von Fahrzeugen bei der afghanischen Armee. Nach einiger Zeit mieteten auch die afghanischen Behörden Busse und LKWs bei den Stämmen. um Versorgungsgüter zu abgelegenen Posten zu bringen. Diese Stammesangehörigen führten ebenfalls einen riskanten Handel indem sie Waffen in Pakistan verkauften. die sie von Agenten des KHAD bekamen die diese aus finanziellen Gründen verkauften. lch würde sagen, daß die Angehörigen der Stämme den meisten Profit aus dem Krieg zogen, obwohl sie die Flüchtlinge beschuldigten, ihre Ökonomie zu ruinieren.

Dies war eine außergewohnliche Situation in einem außergewöhnlichen Krieg. Auf der einen Seite unterstützte die pakistanische Regierung die Mudschahedin, während auf der anderen Seite tausende von pakistanischen Bürgern wichtige logistische Unterstützung für die afghanischen Gegner gewährten und sie so erst in die Lage versetzten, den Kampf weiter zu führen. Militärisch gesehen bin ich sicher, daß, wenn die pakistanischen Stammesangehörigen unseren Gegner nicht versorgt hätten, kem afghanischer Posten oder Stützpunkt innerhalb eines Radius von 50 km von der pakistanischen Grenze durchgehalten hätte.

Im Januar 1985 wurden wir von der afghanischen Offensive im Kunar-Tal überrascht, die Barikot entlasten sollte (Karte l1). Wir hatten angenommen, daß die Sowjets im Winter keine großangelegte Operation durchführen würden, was im Umkehrschluß bedeutete, daß die Stützpunkte der Mudschahedin entlang des Tales und in den Seitentälern in Richtung Westen nicht stark besetzt waren. Barikot wurde eingenommen, jedoch mit weitaus geringeren und weniger kampfstarken Streitkräften als dies im Sommer der Fall war. Wir bekamen keine Warnung über  Satellit.

Die Führung der gegnerischen Streitkräfte oblag Oberst Gholam Hazrat, dem Kommandeur der 9. Division. Er kontrollierte Brigaden seiner eigenen Division und der in Jalalabad stationierten 11. Division, unterstützt durch das 46. Artillerieregiment und das 10. Pionierregiment, dessen primäre Aufgabe es war, die Straße zu halten und auszubauen. Der sowjetische Beitrag zu dieser Offensive war em einziges Luftsturmregiment. Die Angreifer verbesserten ihre im Panjsher-Tal angewandten Taktiken. Panzer bildeten die Angriffsspitze, großflächiges Bombardement ebnete die Städte und Dörfer ein und demoralisierte die zivilen Einwohner. Einheiten wurden mit Hubschraubern auf dominierenden Höhen vor dem Angriff abgesetzt. Diese Techniken wurden auch in den Seitentälern angewandt. Diese Methoden waren von Erfolg gekrönt, weil der Widerstand nur gering war. Einige kleine Stützpunkte der Mudschahedin wurden eingenommen weil wir nicht schnell genug aus den Flüchtlingslagern Verstärkungen heranführen konnten, um dem Gegner das Erreichen von Barikot zu verwehren.

Die Offensive wurde zu einem großartigen Sieg über die Mudschahedin heraufgespielt. Presse, Radio und Fernsehen publizierten die Befreiung von Bankot als Beweis dafür, daß sich die Guerillas auf dem Rückzug befanden. Oberst Gholam Hazrat wurde zum Brigadegeneral ernannt. Tatsächlich standen die Afghanen nur zwölf Stunden in Barikot. Wir schickten Verstärkung nach vorne. um die gegnenschen Kommunikationslinien zu unterbinden, besonders rund um die Stützpunkte bei Asmar und Asadabad. Es gab mehrere ernsthafte Gefechte mit Nachhuten, die von Jagdbombern, Kampfhubschraubern und Artillerie unterstützt wurden. Wir übten starken Druck bis nach Jalalabad aus. Trotzdem war ich enttäuscht über die Mudschahedin und ich versuchte genauer im nachhinein herauszufinden. was neben der Tatsache, daß uns der Angriff völlig überraschend traf, für den Rückschlag verantwortlich war. Meine Untersuchungen ergaben, daß die Rivalitäten und Fehden  zumindest zum Teil dazu beitrugen. Das Tal von Kunar war zwischen Asmar und

Barikot in der Verantwortung von Kommandeuren, die zu Khalis' Partei gehörten und diese hatten nicht kooperiert, um die Offensive abzuwehren. Vor allem Haji Mir Zaman, em Kommandeur, der u.a. damit heauftragt war, die Straße zu sprengen, war nicht in der Lage gewesen, seine Aufträge durchzuführen und gab mit einem Blick verletzter Unschuld zu seiner Entschuldigung an, daß er die Straße im Tal benötigte, um dem Gegner Rationen und Waffen abzunehmen und damit die eigenen geringen Vorräte zu ergänzen. Einige seiner Kommandeure behaupteten, daß Mir Zaman ein Agent des KHAD war, und somit war ich gezwungen, die Angelegenheit näher zu untersuchen. Obwohl die Beschuldigungen nicht bewiesen werden konnten, war es klar, daß derartige Verdächtigungen koordinierten Bemühungen im Tal von Kunar nicht förderlich waren. Die ganze Episode war typisch für die Schwierigkeiten, denen wir uns gegenüber sahen, wenn wir versuchten, gemeinsame Operationen durchzuführen. Sie kennzeichnet die Zeit und die Bemühungen, die verschwendet werden mußten, um Fehden der Mudschahedin zu schlichten, statt daß diese ihre gesamten Energien auf den Kampf gegen den wirklichen Gegner lenkten

Ein großer Teil meiner Arbeitszeit mußte ich aufwenden, um mit dem Auto oder mit dem Flugzeug zu reisen. Ich mußte mehrere Tage pro Woche in Peshawar sein, um Parteiführer zu treffen, Depots zu besuchen oder Diskussionen mit dem Militärkomitee zu führen. Ich versuchte durch die Mitglieder dieses Komitees Einfluß auf die Vorfälle auf dem Gefechtsfeld zu bekommen und weiterhin Kooperation zwischen den Kommandeuren herbeizuführen, Versorgungsprobleme auszuschließen Ausbildung zu arrangieren oder Nachforschungen über illegale Waffenverkäufe durchzuführen.

Beim letzten Punkt ist es sehr interessant zu bemerken. daß der Verkauf von Waffen nur die zweite Wahl war, weil das Drogengeschäft das lukrativere Geschäft in den Grenzgebieten war, und das schon seit 200 Jahren. Die Stadt Darra im Süden von Peshawar war mit Sicherheit der größte offene Waffenmarkt in der Welt. Es gibt dort wenigstens 100 Geschäfte, wo ein Käufer alles. von Gewehren bis zu Granatwerfern bekommen konnte. Im Jahre 1980 betrug der Preis für ein AK-47 um 2. 700 DM, jedoch durch die Flut von Waffen, die durch den Krieg erbeutet wurden, fiel der Preis 1987 bis auf 1.300 DM. Weitaus größere Summen wechselten für den Verkauf moderner Maschinengewehre oder der neuen AK74-Sturmgewehre der Sowjets den Besitzer. Die Versuchung. die Waffen, die die Mudschahedin durch den ISI erhielten, zu verkaufen, war groß.

Ebenso mußte ich Quetta wenigstens alle sechs Wochen besuchen, genauso wie die Grenzgebiete und Afghanistan selbst so oft wie möglich. um immer am Ball zu bleiben. Weiterhin gab es unzählige Fahrten nach Islamabad, um Konferenzen oder Diskussionen mit General Akhtar zu führen.

Meistens versuchte ich durch das Militärkomitee, die Fehden zu bereinigen oder die Kämpfe zu organisieren. Zu Beginn waren die Mitglieder des Komitees sehr mißtrauisch und still und wollten nicht über für sie wichtige Dinge vor ihren Kameraden der anderen Parteien sprechen. Dies änderte sich schlagartig, und sie kamen aus ihrer Reserve, wenn dies allgemeine Diskussionen betraf keiner von ihnen konnte jedoch trotz unserer Bemühungen Zukunftspläne auf unseren Treffen vorweisen. Wegen zukünftiger Aktionen mußte ich mit jedem einzeln sprechen. Grenzenlose Geduld war, so denke ich,in  Afghanistan notwendig, um die Dinge nicht stoppen zu lassen. Dies bedeutete, daß Takt und Zeit der Schlüssel zum Erfolg war und nicht etwa Geschrei, Ärger oder Drohungen. Ich war sehr sorgfältig darauf bedacht, jeden Repräsentanten als Individuum zu betrachten, obwohl ich gewöhnlich den Vorsitz bei den Treffen hatte. Am Ende jeden Monats mußte jedes Mitglied einen Bericht über die durchgeführten Einsätze seiner Partei im abgelaufenen Monat vorlegen. Im Umkehrschluß berichteten wir ihnen von der militärischen Lage in Afghanistan, basierend auf Berichten des CIA und anderen Nachrichtendiensten und abgefangenen Funksprüchen. Ich fand heraus, daß die Tatsache, daß die Repräsentanten die Berichte ihrer Aktivitäten vor den anderen Führern der Mudschahedin der anderen Parteien vortragen mußten, einen guten Effekt auf die Ausführung ihrer Berichte hatte. Denn es wurde jedem die Möglichkeit gegeben, den Wert seiner eigenen Kameraden darzustellen.

Etwa alle drei Monate bekam ich eine Nachricht, daß eine `Grand Bonanza` an einem bestimmten Termin durchgeführt wurde. In unserer Sprache bedeutete das, daß Präsident Zia seine Quartalskonferenz mit den sieben Parteiführern durchführte. Dort waren ebenfalls General Akhtar, gewöhnlich der Außenminister und ich anwesend, sowie ein Dolmetscher. Es war ein sehr geheimes Treffen der politischen Spitze Pakistans, mit ihren militärischen Beratern, und den Männern, die den lihad führten. Weil die pakistanische Regierung jegliche Unterstützung abstritt, war es erforderlich, daß absolut niemand etwas über diese Treffen erfuhr, außer den wenigen direkt beteiligten Personen. Es wurden außergewöhnliche Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Ich arrangierte, dal3 die Parteiführer mit PKWs anfuhren, die von ISI- Offizieren eskortiert wurden. Sie fuhren zu einem sicheren Haus in Rawalpindi, wo die Fahrzeuge getauscht wurden, danach wurden sie zu General Akhtars Haus gefahren. Nachdem jeder angekommen war. fuhr General Akhtar sein eigenes Fahrzeug selbst in die Residenz des Präsidenten, die nur 600 Meter entfernt war, um ihn zu treffen. Im ganzen Bereich waren bewaffnete zivile Wachen stationiert. Zia kam zu diesem Treffen alleine, ohne Personenschützer, ohne Sekretär und ohne Adjutanten. Diese Personen erfuhren auch nicht, wo der Präsident sich befand.

Diese Treffen waren von entscheidender Bedeutung, bei denen der Präsident immer wieder unterstrich, daß, obwohl er den Jihad unterstützte, er nur Erfolg haben könnte, wenn er das Verständnis und die Kooperation der Parteien hätte. Er unterstrich ebenso stark, daß die Grundlage des Erfolges im Kampf die Unterdrückung der Fehden sei. Der Außenminister trug normalerweise die Fortschritte der Verhandlungen zwischen Pakistan und der Sowjetunion gegenüber den Vereinten Nationen vor und legte die jeweiligen Standpunkte dar. Jeder Parteiführer gab einen Bericht über die Bemühungen oder Schwierigkeiten seiner Partei. Das Treffen endete normalerweise mit den Dankeswünschen des Präsidenten und einem Essen.

Die Grand Bonanza behandelte im wesentlichen politische Angelegenheiten, in denen die Führer immer wieder der Loyalität und des politischen Rückhalts durch Pakistan versichert wurden, wohingegen eine 'Bonanza' sich mehr auf militärische Dinge bezog und das Erfordernis der taktischen Zusammenarbeit auf dem Gefechtsfeld unterstrich. Dies war ein Forum für die Führer, die sich mit General Akhtar und mir etwa alle vier bis sechs Wochen trafen, um einen speziellen Bereich zu behandeln.

Die Treffen umfaßten die operative Situation. zukünftige Pläne und die logistische Situation. Zusätzlich hatte ich das Ziel. jeden Führer persönlich einmal alle sieben Wochen zu treffen, diese Treffen waren wichtig für den Aufbau des Vertrauens zwischen uns, was bei einem großen allgemeinen Treffen nicht möglich war.

Mitte 1984 bekam ich von General Akhtar den Befehl, die militärische Lage in Afghanistan zu werten und die Schwachpunkte der Aktivitäten der Mudschahedin herauszustellen. Meine Aufmerksamkeit war auf die nördlichen Provinzen gerichtet. Es wurde sehr schnell klar, daß diese nicht die Beachtung bekamen, die ihrer strategischen Wichtigkeit zukam. Diese Provinzen grenzten an die Sowjetunion. die gegnerischen Führungs- und Verbindungslinien führten durch diese Provinzen, genauso wie das sowjetische Öl für ihre Kriegsbemühungen. Von Jozian verlief die afghanische Erdgaspipeline nach Norden unter dem Amu hindurch.Ich war über die sowjetischen Bemühungen besorgt, die traditionelle Rivalität zwischen den Paschtunen und den Usbeken sowie Tadschiken dieser Region zu schüren. Es entging mir nicht daß aus irgendwelchen Gründen die nördlichen Provinzen nicht die Menge an Waffen und Geld bekamen, die ihrer operativen Bedeutung gerecht geworden wäre

Unabhängig von meinem Verdacht, daß ethnische Rivalitäten die Wurzel für das Problem waren, gab es eine Anzahl anderer Gründe. Die großen Entfernungen bedeuteten höhere Transportkosten; weder wir noch die Parteien hatten detaillierte Informationen über die Effektivität der Kommandeure oder über ihre Stützpunkte in manchen Gebieten war das Gelände ungeeignet und die Evakuierung von Verletzten nach Pakistan war nahezu unmöglich, während gleichzeitig die Mudschahedin keine medizinischen Versorgungseinrichtungen hatten.

Auf der nächsten Quartalskonferenz des ISI bat ich General Akhtar um einen Sonderposten von Waffen für die nördlichen Provinzen, um dieses Vakuum zu füllen. Er stimmte jedoch nicht zu. lch war nicht lange darüber enttäuscht, weil er mich innerhalb weniger Tage anrief und mir den Auftrag gab, sofort ein Crash-Programm für Ausbildung und Versorgung des Nordens zusammenzustellen. Es war ein sehr ehrgeiziger Plan, den ich vor dem Winter abschließen wollte. Das bedeutete, daß auch Abstriche gemacht werden mußten. Wir waren gezwungen. Kommandeure mit schweren Waffen auszubilden und auszurüsten. von denen wir nur wenig wußten und einige der vertrauenswürdigen Kommandeure konnten Pakistan nicht in der erforderlichen Zeit zur Ausbildung erreichen. so daß sie an diesem Programm nicht teilhaben und somit keine zusätzlichen Waffen bekommen konnten. Diese Dinge führten zu noch mehr Mißverständnissen zwischen den Kommandeuren und Parteien - und wieder waren es die Fehden, die den Kampf gegen die Sowjetunion behinderten.

Während des nächsten Treffens berichtete ich General Akhtar darüber. er war jedoch nicht sehr glücklich darüber, daß ich eine derart große Menge an Waffen in den Norden schickte. Er sagte. daß dies den Druck auf Kabul vermindere. Weiterhin wollte er nicht, daß ich Mudschahedin in ihren eigenen Stützpunkten ausbildete. Ich machte ihm klar. daß ich beides durchführen mußte, um schnell Resultate zu erhaltCTl. Er gab mir je doch den Befehl, Ausbildungen in Afghanistan sofort einzustellen. General Akhtar hatte recht. Um schnelle Rcsultate zu erreichen, ignorierte ich Sicncrheitsaspekte. Mudschahedin in unsicheren Stützpunkten auszubilden war ein Risiko, weil dann unsere Unterstützung allgemein bekannt wurde und derartige Orte von Informanten wimmelten. Dies war speziell bei den Flüchtlingslagern so.

In den Flüchtlingslagern lebten rund drei Millionen Menschen. Es gab mehr als 350 Flüchtlingslager, die von der pakistanischen Behörde mit Unterstützung der UN aufgebaut und verwaltet wurden. Die Lager, die ursprünglich für 10.000 Personen vorgesehen waren, beherbergten 100.000, eines sogar 125.000. Das führte zur größten Konzentration von Flüchtlingen in der gesamten Welt. Es waren schmutzige Plätze, die von Menschen wimmelten. Die Überbelegung führte zu unmöglichen Anforderungen für die elementare Wasserversorgung, für sanitäre Anlagen und medizinische Einrichtungen. Die Flüchtlinge kamen meist schwach und ausgepumpt in den Lagern an, viele von ihnen waren krank oder verwundet. Massive Hilfslieferungen von Geld, Nahrung und sonstigem Material war dann erforderlich, um derartige Mengen von Flüchtlingen zu versorgen.

Für uns waren die Lager wichtig, weil sie den Familien der Mudschahedin, die in Afghanistan kämpften, einen sicheren Platz vor dem Krieg boten und die Familien immun vor Repressalien waren. Die Mudschahedin konnten sich für eine Ruhepause in die Camps zurückziehen, sie konnten Ihre Familien sehen, ohne sich selbst zu verraten. Ebenso waren diese Flüchtlingslager ein Reservoir potentieller Rekruten für den Jihad. Tausende von Knaben kamen als Flüchtlinge in die Lager, wuchsen dort auf und folgten dann ihren Vätern und Brüdern in den Krieg.

Die Lager hatten jedoch genauso ihre Nachteile. Sie waren ein primäres Ziel für die sowjetische Subversion. Weil sie so schnell in Größe und Anzahl wuchsen, war die örtliche Bevölkerung feindlich gegenüber den Lagerbewohnern eingestellt. Flüchtlinge nahmen sowohl Land als auch Geschäfte der örtlichen Bevölkerung und der Händler in Beschlag. Sie waren bei vielen Pakistanis nicht besonders beliebt, und die Feindseligkeit wurde oft auch durch hunderte von KHAD-Agenten, die die Lager infiltrierten, provoziert. Es war ein wichtiges Ziel der Sowjets, das Mißtrauen zwischen den Flüchtlingen und den Pakistanis zu schüren. Je größer die Gewalt, je größer der Haß, desto größer war auch der Druck auf unsere Regierung, ihre Unterstützung für den Jihad zu reduzieren. Diese Lager und ihre Einwohner wurden von unseren Gegnern dazu benutzt, um die Fehden innerhalb Pakistans zu vergrößern. Der ISI versuchte jedoch, die Lager zur Unterstützung der Kämpfe zu nutzen. Unsere Probleme wurden durch die heftige Korruption in jedem Lager vergrößert. Dies will ich darstellen am Beispiel der Erfahrungen eines Mudschahedins, der als Farid Khan (der Name ist geändert) 1984 mit seiner Familie aus Kabul floh. Die erste Schwierigkeit für sie bestand darin, Dokumente für die Registrierung zu bekommen. Ohne eine Registrierung war es nicht möglich, einen Paß für das Familienoberhaupt zu bekommen, und ohne diesen Paß konnte Farid keine Hilfe empfangen. Um einen Paß zu bekommen, mußte Farid eine Monatsration Mehl, Öl, Zucker, Tee oder Trokkenmilch geben oder manchmal Geld zahlen, wobei sich der Betrag auf 50 Rupien pro Person belief, der jedoch bis zu einem Maximum von 350 Rupien stieg (cirka 35 DM). Dies war der Anfang von Farids Frustrationen. Der langsame, bürokratische Prozeß der Registrierung kann Monate in Anspruch nehmen, eine Zeit, in der die Flüchtlinge innerhalb der Lager bleiben müssen, wohingegen sich die Glücklichen, die bereits registriert sind, an Angehörige hängen. Einige von ihnen lassen sich jedoch nie registrieren. Der einzige Weg, um die Verzögerungen zu vermeiden war einen pakistanischen Behördenvertreter zu bestechen.

Farid bekam wahrscheinlich seinen Paß, der ihn dazu berechtigte, ein Zelt in einem Lager aufzuschlagen. Außerhalb des Lagers hatte der Paß keinerlei Nutzen. Milch, Zucker oder Tee gab es beispielsweise kaum. Wenn Farid diese Gegenstände wollte, weil er sie bitter benötigte, mußte er diese auf dem Schwarzmarkt kaufen. Es war eine der Vergünstigungen der Pakistanis, die Rationen zurückzuhalten, um diese zu verkaufen. Dies wurde einigen Beamten leicht gemacht, die Nahrung und Geld für die Flüchtlinge verwalteten. Eine weitere Erfahrung machte Farid bei der Rekrutierung von Mudschahedin als Ersatz für gefallene Mudschahedin. Wenn ein Familienoberhaupt aus irgendwelchen Gründen nicht im Lager war, wurde sein Paß eingezogen, was zur Folge hatte, daß die anderen Angehörigen keine Berechtigung mehr für weitere Unterstützung hatten. Dies passierte, als Farid auszog, um in den Jihad zu ziehen. Während er fort war, machten die Behördenvertreter eine ihrer periodisch vorkommenden Überprüfungen, indem sie die Köpfe der Flüchtlinge im Flüchtlingslager zählten. Farid wurde in den Listen als fehlend aufgeführt und sein Paß eingezogen. Seine Frau kostete es 500 Rupien, um den Paß zurückzubekommen. Natürlich benutzten die Vertreter der Lagerverwaltung die konfiszierten Pässe dazu, weiterhin Verpflegung zu empfangen - um diese wieder zu verkaufen. Das Leben im Lager wurde verschlechtert durch die Gesundheitszustände, die aufgrund der schlechten Wasserversorgung und -qualität verursacht wurden. Die tägliche Wasserration von 30 Litern pro Person war nur selten verfügbar, weil es zu wenig Pumpen gab und die LKWs zur Wasserversorgung oft defekt waren und immer zu spät kamen - es sei denn, der Fahrer wurde bei guter Laune gehalten. Krankheiten breiteten sich epidemieartig aus und Sanitäranlagen waren oftmals nicht existent, was dazu führte, daß jeder die umliegenden Felder wie eine große öffentliche Latrine benutzte. Malaria, Typhus, Durchfall und Tuberkulose sind einige der vielen Krankheiten, die in den meisten der Lager grassierten.

Es waren die Frauen, die am meisten zu leiden hatten. Achtzig Prozent der Flüchtlinge in den Lagern waren Frauen und Kinder. Viele von ihnen waren Witwen. Zum erstenmal in ihrem Leben mußten sie für sich selbst kämpfen, während sie doch noch unter Schock standen. In diese Leiden und in diese Qual schickten die afghanische Geheimpolizei, der KHAD, seine weiblichen Agenten, um die Lagerinsassen einzuschüchLern und zu unterwandern. Die Frau von Farid hat Informationen und Erfahrungen aus erster Hand über ihre Methoden. Zuerst bemerkte sie nicht, daß die junge Frau, die sich um sie kümmerte, ein Agent war, jedoch bemerkte sie nach und nach, daß das permanente Zetern und Wettern der Frau über den Jihad darauf abzielte, sie zu indoktrinieren. Der Freund der jungen Frau protestierte kontinuierlich gegen die Leiden, die durch den Krieg verursacht wurden, über die schlechten Bedingungen in den Lagern, wobei er herausstellte, wie die Mudschahedin starben, während sich ihre politischen Führer ein luxuriöses Leben rund um Peshawar machten, Fahrzeuge fuhren, Geld ausgaben und sich nur selten der Gefahr aussetzten. "Wir kämpfen keinen Jihad", sagte sie, "wir kämpfen gegeneinander, Afghane gegen Afghane. Dies ist kein Jihad, sondern ein Krieg zwischen fremden Supermächten. Unsere Männer sterben für Amerika oder für die Sowjetunion."

Die Agenten versuchten ebenso die Pakistanis gegen die Flüchtlinge aufzuwiegeln. Es war nicht besonders schwer, Feindseligkeit oder l laß zu beschwören. Sie machten nur eine weisende Bewegung mit ihren Armen und sagten: "Vor diesem Krieg wa. dies alles dein Land nun leben all diese fremden Flüchtlinge hier. Sie nehmen dir dein Geschäft dein Weideland. und sie sind der Grund für die aufkommende Inflation. Sie werden dir bald in deiner eigenen Provinz an Zahl überlegen sein. Ls sind die Flüchtlinge, die die Wasserkürzungen verursachen. Warum gibt Pakistan so viel aus. um sie zu unterstützen'? Sie sollten nach Afghanistan zurückkehren."
 

Nach einigen wenigen Wochen war es für Farids Frau eindeutig, daß ihre Bekannte für den KHAD arbeitete und so berichtete sie es einem Vertreter im Camp, der diese vorläufig festnahm und der Polizei übergab. War dies das Ende des Problems? Nein, keineswegs, binnen 24 Stunden war sie zurück. Sie war eben in der Lage, 250 Rupien zu bezahlen, was der gegenwärtige Preis für das Fallenlassen der Anklage bei der Polizei war.

Ende 1985, einige der härtesten Gefechte des Krieges waren geführt worden, war ich mir darüber im klaren, daß sich die Mudschahedin nicht weiter zurückdrängen lassen würden. I ediglich rund um Kabul, wo sich die Situation aus Gründen, die im Kapitel 9 erklärt werden verschlechterte, hatten die Mudschahedin keine großen Verluste oder Rückschläge erlitten trotz des erhöhten Drucks der Sowjets und der gestiegenen Leistungen der Afghanischen Armee.

Die bestkoordinierteste und gefährlichste Offensive war die im August/September abgelaufene Operation bei Paktia. Der Einsatz umfaßte mit einer sehr gut durchgeführten Zangenbewegung die Mudschahedin-Stützpunkte im Westen des Papageienschnabels, wobei sich eine gepanzerte Kolonne von Kabul das Logar-Tal hinauf bewegte, während sich eine andere vom Südwesten aus Richtung Jalalabad bewegte. Gegen Ende August bewegten sich die gegnerischen Streitkräfte rund um Khost in Richtung unserer vorgeschobenen Stützpunkte bei Ali Khel und Zhawar, nur wenige Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt. E;s gab erbitterte Gefechte, bevor diese Angriffe aLgewehrt wurden. Obwohl unsere Paktia-Offensive einige Verletzte kostete und zum Verlust von verschiedenen Versorgungsdepots führte, litten wir nicht so, wie es die sowjetische Propaganda der Welt glauben machen wollte. Genau wie 1984 behauptete man, daß sich die Mudschahedin auf dem Rückzug befanden, die Sowjets vor einem militärischen Sieg stünden und das Regime in Kabul auf sicheren Füßen stand.

Ich teile diese Meinung nicht, 1985 gab es einige spektakuläre Erfolge der Mudschahedin. Im Juni eroberte Massud im Panjsher-Tal den schwer umkämpften Stützpunkt bei Peshghor, der von einem 500 Mann starken Bataillon mit zehn Granatwerfern. vier 76 mm-Kanonen, zwei Kampfpanzern T-55 und fünf Schützenpanzern BTR-60 verteidigt wurde. Der Stützpunkt wurde durch Bunker, Minen und Stacheldraht geschützt. Die Angreifer räumten die Minenfelder während der Dunkelheit und stürmten den Stützpunkt in der Morgendämmerung unter Feuerschutz von Raketen und schweren Maschinengewehrfeuer. Der Widerstand wurde sehr schnell ausgeschaltet, und zwischen den Toten fand man den afghanischen Brigadegeneral  Ahmaddodin. Uber 450 Soldaten wurden gefangengenommen, darunter fünf Obri

sten die aus Kabul kamen und den Stützpunkt besichtigt hatten.

Ebenso hatten wir im Juni unseren Druck rund um das Kandahar-Flugfeld verstärkt. Die Raketenangriffe auf am Boden abgestellte Flugzeuge waren so erfolgreich, daß die Sowjets gezwungen waren, die Masse ihrer Flugzeuge auf die Flugplätze Lashkargah und Shindand zu vcrlegen. Lashkargah entwickelte sich zu einem alternativen Flugplatz für Kandahar. Unsere Hinterhalte auf der Straße nach Kandahar waren so häufig und effektiv, daß eine zweite Route benutzt werden mußte, um Versorgungsgüter in die Stadt zu bringen.

In den nördlichen Provinzen kamen unsere Angriffe in Schwung. und auf dem Amu wurden nun Schiffe versenkt. Auch wenn unsere Bcmühungen in der Ausbildung, in der Qualität und Quantität der Versorgungsgüter, der Druck auf die Führer und Kommandeure der Mudschahedin, weniger Zeit mit Fehden und mehr Zeit zum Kampfen gegen die Sowjets zu verwenden, nicht gewesen wären und sich nicht als erfolgreich erwiesen hätten. habe ich nur wenig Zweifel daran, daß 1985 der Jihad zusammengebrochen wäre. Die Mudschahedin widerstanden allem, was die Sowjets gegen sie richteten, ungeachtet der überwältigenden Zahl von Soldaten und Gerät. Es war nicht so, daß ich mir allzu sicher war. Ich hatte Angst vor den Wirkungen der sowjetischen Taktik der verbrannten Erde auf unser Versorgungssystem, die dem Guerilla seme Quelle für Nahrung und Schutz nahm. Weiterhin zeigte sich ein wirklicher Bedarf für einen leichten weitreichenden Raketenwerfer als Ergänzung für die schweren Mehrfach-Rakctcnwerfer; ebenso fehlten moderne Funkgeräte, um mit wichtigen Kommandeuren innerhalb Afghanistans zu kommunizieren, und ohne eine effektive Boden-Luft-Rakete als Ergänzung für die SA-7 wären wir nicht mehr lange m der Lage gewesen. die Kampfhubschrauber abzuwehren. Meine größten  Sorgen jedoch galten Kabul.