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 Ausbildung und Taktik

 
"Wer unausgebildete Leute in den Krieg führt, verschwendet Menschenleben."
Konfuzius, 500 v. Chr.

Im April 1989 berichtete The Times in einem kurzen Artikel über ein Gcrichtsvcrfahren gegen zwei mutmaßliche pakistanische Spione in Kabul. Einer sollte angeblich Unteroffizier im Nachrichtendienst der Armee sein, der andere ein Corporal in einer Spezialeinheit. Beide waren in Kandahar gefangengenommen worden. Unter der Folter hatten sie zugegeben, Spionage- oder Sabotageaktivitäten durchgeführt zu haben, obwohl der Artikel beschrieb, daß ihre Aussage nicht überzeugend und widersprüchlich waren. Dennoch wurden sie zu 16 bzw. 18; ährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Eine derart lange Zeit in dem berüchtigten Pol-i-Charki Gefängnis außerhalb Kabuls war cin rcaler Alptraum dcr Tod war manchmal eine Erlösung. Die pakistanische Botschaft hattc die Vcrantwortung für die Affäre, wie unvermeidlich geleugnet, während der Außenminister sie als einen Propagandatrick bczeichnctc. Ich hatte keine Möglichkeit herauszufinden ob die Beschuldigungen richtig oder falsch waren; ich wußte jedoch, daß der ISI in den Jahren 1981 bis 1986 pakistanische Soldaten in Afghanistan einsetzte, weil ich diese Soldaten ausgewählt und in ihre Aufgaben eingewiesen hatte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese sehr geheimen Aktivitäten fortgeführt wurden, nachdem ich die Armee verließ. Ich muß jedoch klarstcllen, daß diese Männer, die nach Afghanistan geschickt wurden, keine Spione waren, sondern Soldaten der Pakistanischen Armee, die im Afghanischen Büro des ISI arbeiteten. Ihre Aufgabe war es die Mudschahedin bci Spezialoperationen zu begleiten, sie waren als Berater tätig und assistierten den Kommandeuren bei der Ausführung ihrer Aufträge. Diese Dienste konnten vom Sprengen eincr Ölpipcline bis zur Durchführung eines Raketenangriffes auf ein Flugfeld oder eines Hinterhaltes reichen. Während meiner Zeit waren im allgemeinen immer zwei pakistanische Teams gleichzeitig von Mai bis Oktober in Afghanistan. Abhängig von der Eindringtiefe konnte ein Team für ein bis drei Monate im Feld bleiben. Kein Team wußte jedoch jemals vom anderen. Den Höhepunkt gab es im Jahre 1984, wo elf Teams gleichzeitig operierten sieben in der Gegend von Kabul, zwci um den Flugplatz Bagram und zwei um Jalalabad.

Alle Pakistanis warcn Freiwilligc meines Stabes beim IS1. Offiziere und Untcroffiziere aus allen Waffcngattungen der Pakistanischen Armee wurden zum ISI abkommandiert auf Betreiben von General Akhtar erhielt das Afghanische Büro die besten Männer. Sie wurden für zwei bis drei Jahre abkommandiert und ich entschied ob sie im Bereich der Aushildung. der Operationen oder der Logistik eingesetzt wurden. Es wurden nur Freiwillige nach Afghanistan geschickt. und ich suchte schr sorgfältig jene aus, die fur Spezialeinsätze geeignet waren.

Normalerweise bcstand ein Team aus einem Offizier (gewohnlich einem Major), einem weiteren jüngcren Offizier und einem Unteroffizier, von denen wenigstens einer Paschtun sprechen mußte. Ich machte ihnen deutlich, welche persönlichen Risiken sie auf sich nahmen. Unter keinen Umständen durften sie sich gefangennchmen lassen, weil die Unterstützung des Jihad durch Pakistan erkennbar würde. Natürlich würde die pakistanische Regierung alles abstreiten, sie verleugnen, und sie wären möglicherweise in der Gefangenschaft der Folter ausgesetzt. Früher oder später wird bei jedem der Punkt erreicht, an dem er unter der Folter aussagt. Dies würde möglicherweise dem Gegner einige Informationen über unsere Operationen geben, vielleicht würde ein Schauprozeß durchgeführt werden, um dies für Propagandazwecke ausschlachten zu können. Niemand wurde gezwungen, sich sclbst zu töten, um die Gefangennahme zu verhindern, es wurden keine Suizidtabletten verteilt, denn der Selbstmord ist für Moslems verboten. Es wurde ihnen wiederholt eingebläut, daß sie nach Möglichkeit zu fliehen oder als letzte Möglichkeit kämpfend zu sterben hatten. In diesem Fall mußten die Mudschahedin die Leichen bergen. Das gleiche galt, wcnn ein Pakistani verwundet wurde: er mußte nach Pakistan gebracht werden.

Alle Männer, die nach Afghanistan gingen, hatten genügend Zeit zur Verfügung. um sich selbst auf den Einsatz und die Mudschahedin, die sie begleiten würden. vorzubereiten. Nachdem ein Auftrag beschlossen und ein Kommandeur ausgesucht worden war. war das Team für die Ausbildung des Kommandeurs und sciner Mudschahedin vcrantwortlich, obwohl diese niemals vorher wußten, daß ihre Ausbilder mit ihnen nach Afghanistan gingen. Zu diesem Zeitpunkt begannen die Ausbilder damit, sich Bärte wachsen zu lassen, später kleideten sie sich wie Mudschahedin, so daß sie optisch nicht mchr zu unterschciden waren.

Die Offiziere und IJnteroffizierc mußten wie dic Mudschahedin leben und kämpfen. dieselben Beschränkungen und Härten erdulden. Sie konnten sich nicht auf das militärische Versorgungssystem stutzcn, das sie versorgtc oder ausflog, wcnn sie vcrwundet wurden. Ihrc Arbeit war ähnlich der der Spccial Forces Berater. Ihre Aufgabe schloß die Unterstützung bei allen militärischen Operationen gegenüber dem Kommandeur, die Aushildung der Mudschahedin in ihrcn Stützpunkten. die Unterstützung bei der Durchführung von Verteidungsmaßnahmcn in den Basen, Unterstützung des Kommandeurs bei der Planung und Durchführung seiner Sondereinsätze und, wenn notwendig, des Kampfeinsatzes ein. Zusätzlich hatten sie Informationen auf dem Gefechtsfeld zu sammeln. Sie waren ein sehr wichtiger Teil meines Nachrichtendienstes. nicht nur hinsichtlich der Aktivitäten des Gegners, sondern auch im Bereich der Mudschahedin und ihrer Kommandeure. Ich konnte mich darauf verlassen, daß sie die Stärken der Mudschahedin nicht übertrieben, noch daß sie dic Schwächen und Lücken bei der Ausbildung der Mudschahedin verschwiegen. Die Informationen, die sie zurückbrachten, waren für die Planung von neuen Operationen, die Auswahl von geeigneten Kommandeuren oder die Aufstellung von zukünftigen Ausbildungsprogrammen wertvoll. Ich mußte jedoch warten. bis sie nach Pakistan zurückgekchrt waren, weil keines dieser Teams wegen gegnerischer Abhöreinrichtungen Funkgeräte mitführte.

Ich muß eingestehen. daß ich bci Ubernahme mcines Dicnstcs nicht wußte, dal3 Pakistanis an Operationen teilnahmen. Ich fühlte, daß das Risiko einer Gefangennahme zu hoch war und dadurch der Schaden für Pakistan und den Jihad zu hoch wäre. was den taktischen Vorteil an Bedeutung übertraf. Ich kann mich an verschiedene hitzige Diskussionen mit General Akhtar zu diesem Punkt erinnern. Ich mußte akzeptieren, daß es meine Aufgabe war, diese Teams zu organisieren und so tat ich, was in meiner Macht lag, und erhöhte sogar noch die Anzahl der Teams in Afghanistan. Während der sechs Jahre lief alles nach Plan; nichts ging jemals ernsthaft schief, niemand wurde gefangengenommen oder getötet. Diese Männer waren ein herausragendes Beispiel in der Pakistanischen Armee. Jeder von ihnen bekam einen Orden, der mit dem amerikanischen Silver Star, dem britischen Military Cross oder dem deutschen EK I vergleichbar ist.

Lassen Sie mich die Mythen richtigstellen, die von der sowjetischen Propaganda und vielen Journalisten aufgebaut wurden. Bis zum sowjetischen Rückzug aus Afghanistan im Frühjahr 1989 war kein amerikanischer oder chinesischer Ausbilder jemals an der Ausbildung der Muschahedin an Waffen und Gerätcn in irgendeiner Art und Weise beteiligt. Sogar bei den schweren und komplizierten Waffensystemen wie den Oerlikon Flugabwehrkanonen und später den Stinger Boden-Luft-Raketen bildeten pakistanische Ausbilder die Mudschahedin aus. Es war sehr sorgfältig und gründlich übcrlcgt, ständig abzulehnen. daß CIA und später das US-Verteidigungsministerium die Ausbildung übernehmen sollten. Von Beginn an wollten die Amerikaner direkt in die Verteilung der Waffen. die operative Planung der Gefechte und in die Ausbildung der Guerillas einbezogen werden. Wir lehnten jedoch vom Beginn des Konfliktes bis zum Rückzug des letzten sow jetischen Soldaten ab.

Wir taten dies deshalb, weil die Parteien keinc direkten Geschäftc mit den Amerikanern machen wollten. Sie wußtcn, daß derartige Aktivitäten als Propagandamaterial dienten und dadurch die Sowjetische und die Propaganda des KHAD stützten, der Krieg sei kein Jihad, sondern ein Kampf der Kommunisten gegen Kapitalisten.

Ich ennnere mich an emen Besuch von Mr. Casey in einigen unserer Ausbildungslager im Jahre 1986. Drei Lager wurden besucht, und die Delegation der CIA war sehr daran interessiert, die auszubildenden Mudschahedin zu befragen. Ein älterer Amerikaner, der des Puschtun mächtig war, fragte wiederholt einzelne Mudschahedin, wie lange sie denn auf dem Lehrgang seien? Ob sie jemals vorher in der Afghanischen Armee waren, Ob sie jemals vorher diese Waffen in Afghanistan benutzt hatten? Tatsächlich befanden sich alle seit acht Tagen in der Ausbildung und schossen nun mit schweren Maschinengewehren, Granatwerfern, RPG-7 und rückstoßfreien Geschützen mit dem Selbstvertrauen und der Treffsicherheit erfahrener Soldaten. Casey war tief beeindruckt. Beim Essen mit Präsident Zia an jenem Abend äußertc er sich sehr positiv über die hohen Leistungen, die in solch kurzcr Zeit errcicht wurdcn. Einen Monat später kam Zia selbst, um sich vor Ort sachkundig zu machen. Er war sehr beeindruckt von dem, was er sah und beauftragte mich, die besten Schützen auszuwählen, um die Waffen vorzuführen. Ich sagtc ihm, daß er irgendeinen der Mudschahedin heraussuchen könnte. der die Waffen vorführen sollte, weil das, was er zuvor gesehen hattc. der durchschnittliche Standard war Er lehnte es ab, dies so durchzuführen, am Ende des Tages sagte er jedoch: "Ich wünschte, die Hälfte unserer Armee hätte einen solchen Leistungsstandard.

Die USA spielten jedoch eine Rolle bei der Ausbildung unserer Ausbilder. Wenn neue Waffensysteme eingeführt wurden, speziell bei Flugabwehrwaffen die nicht zur Ausrüstung der Pakistanischen Armee gehörten, waren amerikanische Ausbilder vor Ort, die unsere Ausbilder ausbildeten, die dann wiederum Mudschahedin ausbildeten.

Nachdem ich meine Aufgabe übernommen hatte, diskutierten General Akhtar und ich über die Notwendigkeit einer verbesserten Ausbildung auf lange Sicht. Am Ende des Jahres 1983 wurden nur rund 3.000 Mudschahedin in den zwei Lagern in Pakistan ausgebildet. Wir stimmten beide darin überein, daß dies völlig unzureichend war und setzten uns ein Ziel von 1.000 Mudschahedin, die pro Monat die Lehrgänge durchlaufen sollten. Dies war ein Ziel, daß wir für kaum erreichbar hielten.

Als erfahrene Soldaten erkannten General Akhtar und ich, daß ein Einsatz der Mudschahedin ohne ordentliche Ausbildung quasi überflüssig wäre Mit der Zahl der Waffen stieg auch der Bedarf nach Ausbildung, aber für den Guerilla-Feldzug in Afghanistan brauchte es mehr als das. In einem Krieg, in dem wir keine direkte oder formale Kontrolle hatten, war die Ausbildung genau wie die Versorgung mit Waffen ein Schlüssel für unseren Einfluß auf dem Gefechtsfeld. Wenn wir Waffen wie Mehrfachraketenwerfer oder Sprengstoffe einer Partei oder einem Kommandeur für spezielle Einsätze übergaben, folgte daraus, daß diese Kommandeure und ihre Männer die erforderliche Ausbildung haben mußten. Wir hatten eine Gesamtstrategie ausgearbeitet wir hatten empfindliche Ziele für Angriffe herausgefunden. Wir stellten die Waffen zur Verfügung und mußten die notwendige Ausbildung bieten. damit diese Aufgaben ausgeführt werden konnten.

Die Kommandeure, die ja Afghanen waren, ließen nur selten eine Möglichkeit ungenutzt, ihr eigenes Prestige zu erhöhen. Wir nutzten dies, indem wir Ausbildungen für Waffensysteme anboten, damit sie spezielle Einsätze in ihren Gebieten durchführen konnten. Wenn sie damit Erfolg hatten, bekamen sie mehr und größere Waffen und mehr Ausbildung, was ihren Status als Kommandeure erhöhte. Unsere Politik war genauso einfach. Da wir nicht in der Lage waren, den Mudschahedin auf dem Gefechtsfeld direkte Befehle zu geben, war diese Manipulation in der Versorgung mit Waffen, in der Ausbildung an den Waffen der einzig effektive Weg, um eine operative Gesamtstrategie durchzusetzen.

Es war ein Grundsatz unseres Systems, daß die Ausbildung auftragsorientiert war. Das bedeutete daß, wenn wir eine Ölpipeline zerstören wollten, sich die Ausbildung mit den Sprengstoffen um die Zerstörung von Ölpipelines drehten. Die Kommandeure wurden in den Taktiken instruiert, wo die Sprengkörper am sinnvollsten plaziert werden konnten, wie man sich an die Pipeline annäherte, wie in der Nähe be findliche Feindposten abgelenkt oder eingenommen werden konnten, wo Sprengfallen ausgelegt werden sollten, um gegnerische Instandsetzungseinheiten z.u behindern, sowie die mögliche sowjetische Reaktion. Ihre Männer hingegen wurden mehr in der Anwendung von Sprengstoffen und Zündern unterwiesen. Am Ende der Ausbildung verließen sie uns, nachdem sie jede Einzelheit ihres Auftrages mit dem Lehrgangsleiter diskutiert hatten. Sie führten dann auch die fertigen Sprengladungen mit sich, jedoch ohne eingeschraubte Sprengkapseln.

Um die Wirksamkeit der Ausbildung zu erhöhen, waren unsere Lehrgange praktischer Nat ur mit wenig Theorie und ohne Formalausbildung. Vom ersten Tag an begannen die Soldaten, mit den Waffen umzugehen und zu schießen. Wir kürzten die Länge der Kurse, erhöhten jedoch die tägliche Stundenzahl. Es wurden keine Pausen für Urlaubszeiten gemacht, so daß wir 365 Tage im Jahr zur Ausbildung nutzten. Für die Mudschahedin war dies keine große Last, für die Ausbilder jedoch war die Belastung enorm, und wir mußten ihre Ruheperioden mit Sorgfalt planen. Wir begannen ebenso damit, Ausbildungen für Ausbilder der Mudschahedin, die während anderer Lehrgänge aufgrund ihrer Eignung ausgesucht worden waren, durchzuführen. Diese Männer sollten zurück in ihre Stützpunkte nach Afghanistan gehen, um dort Ausbildungen zu organisieren. Oft schickten wir ihnen ein mobiles pakistanisches Ausbildungsteam (MTT) mit, um Ausbildungen in bestimmten Lereichen, in denen wir in Ubereinstimmung mit den Parteien zugestimmt hatten, durchzuführen

Ebenso stellten wir Lehrpläne und das Ausbildungsgerät zur Verfügung. Wenn diese lokalen Ausbilder der Mudschahedin erst einmal Erfahrung mit dem MTT hatten, erschien es nur noch periodisch, um Ratschläge zu geben.

Am Ende des Jahres 1983 gab es zwei Ausbildungslager in Pakistan, jedes für 200 Mudschahedin. Mitte 1984 schleusten wir somit 1.000 Mudschahedin pro Monat durch dieses System, im Jahre 1987 hatten wir sieben Ausbildungslager, davon vier in der Nähe von Peshawar und drei bei Quetta. Dafür wurde mehr Personal und mehr Geld benötigt, was General Akhtar sehr schnell beschaffen konnte, so daß wir gute Resultate vorweisen konnten. 1984 profitierten 20.000 Mudschahedin von unseren Bemühungen,1985 durchliefen 17.700 Mann unsere Ausbildungen und 19 400 im Jahre 1986. Es ist keine Ubertreibung, wenn ich sage daß 1987, als ich den ISI verließ, wenigstens 80.000 Mudschahedin während der vergangenen vier Jahre in Pakistan ausgebildet worden waren, sowie mehrere tausend andere in Afghanistan.

Der Aufbau eines Ausbildungslagers war keine einfache Angelegenheit. Unsere regulären Armeelager oder Schießstände konnten wir nicht benutzen. Bei all unseren Aktivitäten war totale Geheimhaltung oberstes Gebot. Niemand außerhalb des Afghanischen Büro durfte wissen, was wir taten. Das bedeutete, daß die Öffentlichkeit, die Politiker, gegnerische Agenten und die Pakistanische Armee darüber vollkommen im unklaren gehalten werden mußten, daß es in Pakistan Ausbildungslager gab Dies bedeutete, daß unsere Ausbildungslager vor neugierigen Blicken sowie sowjetischen Spionage-Satelliten geschützt werden mußten. Dies war leichter gesagt als getan.

Die Lager mußten innerhalb einer Nacht mit dem LKW von Peshawar oder Quetta aus erreichbar sein, so daß alle Auszubildenden während der Dunkelheit mit dem LKW dorthin gebracht werden konnten, wobei sie selber keine Ahnung von ihrem eigentlichen Standort hatten. Sie mußten zweckmäßig ausgestattet und über Wasserversorgung verfügen. Wir konnten sie nicht in der Nähe eines regulären Truppenübungsplatzes oder einer Armeegarnison ausbilden, noch an Orten, wo die Öffentlichkeit Zugang hatte. Wo auch immer die Ausbildung durchgeführt wurde, sie mußte gegen Sicht aus der Luft und vom Boden getarnt werden. Der Schutz vor Luftsicht bildete die größte Schwierigkeit, weshalb eine strikte Tarn- und Spurendisziplin notwendig war. Das bedeutete. daß wir nur bereits existierende Wege oder Pfade zu oder von einem Ausbildungslager benutzten. Nichts ist auf einem Aufklärungsfoto so klar erkennbar wie frische Spuren.

Unser größtes Problem war es, geeignete Ausbidungsstätten für unsere Schießausbildung zu finden, nicht nur für die Schießausbildung mit Handfeuerwaffen. Wir schossen jeden Tag mit Granatwerfern, Maschinengewehren, Raketenwerfern, Flugabwehrkanonen und Boden-Luft-Raketen. Für jeden, der sich innerhalb der Hörweite befand, mußte es sich so anhören, als wenn jeden Tag ein größeres Gefecht geführt würde, oftmals stiegen bei Nacht Raketen und Leuchtspurgeschosse in den Himmel. Theoretisch waren wir an friedensmäßige Sicherheitsbestimmungen gebunden. Wenn wir sie jedoch beachtet hätten, wären 90 % unserer Schießübungen nicht durchführbar gewesen. Wir schossen und beteten, daß es keine Unfälle gäbe. Allah und General Akhtar waren uns wohl freundlich gesinnt, denn wir kamen ungestraft davon - gerade noch. Einmal beobachtete General Akhtar, wie wir mit Blowpipe und SA-7 Boden-Luft-Raketen auf Leuchtgranaten schossen, die von Granatwerfer abgeschossen wurden und an Fallschirmen vom Himmel schwebten, als uns plötzlich Flugzeuge der Pakistanischen Luftwaffe überflogen. Ich ließ das Feuer einstellen. General Akhtar fragte mich, warum die Luftwaffe das Gebiet überflog, ob sie denn nicht gewarnt worden wäre? Als ich ihm die Situation erklärte, war er sehr aufgebracht darüber und nur nach langem Bitten waren wir in der Lage, das Schießen fortzusetzen. Ein paar Minuten später überflogen weitere Flugzeuge das Gebiet, und wir mußten wieder das Feuer einstellen. Es brauchte lange Zeit, General Akhtar davon zu überzeugen, daß wir keine andere Wahl hatten. Glücklicherweise gab es keinen Unfall.

Wir mußten von Zeit zu Zeit die Ausbilungslager verlegen, wenn wir glaubten, daß jemand auf das Ausbildungslager aufmerksam geworden war. Wenn Zivilisten zufällig in die Ausbildungslager kamen, erzählten wir ihnen eine Geschichte über eine Armeeübung mit Soldaten. die als Mudschahedin verkleidet und ausgerüstet waren. Wenn so etwas geschah, verlegten wir das Ausbidungslager noch am selben Abend. Diese plötzlichen Stellungswechsel unterbrachen natürlich die Ausbildung. somit machten wir uns im voraus schon Gedanken über Ausweichmöglichkeien für die Ausbildung. Glücklicherweise war es einfach, die Zelte abzubauen, und somit konnten wir einen Ausbildungsplatz schnell verlegen.

Eine weitere Vorsichtsmaßnahme war, daß wir bis 1985 keine Verbindungen zu unseren Ausbildungslagern hatten. Die Benutzung des Telefons war völlig unsicher und ich befürchtete, daß sowjetische Abhöreinrichtungen in der Lage wären, Funkverbindungen abzuhören und die Orte der Funkgeräte zu lokalisieren. Am Ende des Jahres 1985 bekamen wir abhörsichere Funkgeräte von der CIA die in den Ausbildungslagern installiert wurden.

Das größte Problem bei der Führung von Guerillastreitkräften war. daß es unmöglich war, sicher und schnell mit den weitverstreuten Kommandeuren Verbindung aufzunehmen. Ich wußte aus Erfahrung, die wir mit dem Abhören von Funksprüchen gemacht hatten, daß unsichere Kommunikationseinrichtungen genauso schlecht sind wie gar keine. Meldungen, die durch Melder überbracht wurden, waren zwar langsam, aber die einzige Möglichkeit. Gewöhnlich kamen sie auch an.

Ich hatte viele Diskussionen mit der CIA über dieses Problem bevor wir letztendlich

zwei verschiedene Funkeinrichtungen einfuhrten. Das weitreichende System war ein Burst'-Verbindungssystem mit einer Reichweite von über l.000 Kilometern. Das System für kurze Entfernungen arbeitete auf dem Prinzip des Frequenzwechsels und hatte eine Reichweite von 30 bis 50 Kilometern. Die Technologie des Burst-Systems war beeindruckend. Eine Nachricht von rund tausend Worten konnte auf wenige Sekunden reduziert werden, was es unmöglich machte, sie abzuhören. Ich wollte diese Burst-Geräte in Parwan (bei Hekmatyar). in Paghman (bei Sayaf), Mazar-i-Sharif (bei Rabbani) und in Kandahar (bei Khalis) stationieren. Weiterhin sollten zehn Frequenzwechselgeräte den Kommandeuren jeder Partei übergeben werden. Dies wurde uns in die Lage versetzen, mit allen Gruppen innerhalb von 30 bis 50 Kilometern Reichweite die weitreichenden Burst-Geräte zu kommunizieren. Weitere Frequenzwechsler waren in den Ausbildungslagern stationiert. Die Führer stimmten zunächst zu, so setzte ich den Einsatz der Geräte durch. Als die Geräte jedoch geliefert wurden, hatten sie ihre Meinung geändert. Sie wollten keine Meldungen über eine andere Partei weitergeben. Wir konnten sie von ihrem Standpunkt nicht abbringen so daß das System immer nur bei einer Partei benutzt werden konnte, was operativ völlig ungeeignet war.

Wir führten 20 Wochen dauernde Ausbildungen für Funker durch die von den Parteien geschickt wurden, im Rahmen dieser Ausbildungen wurde auch Englisch gelehrt. Ende 1985 gingen die ersten ausgebildeten Funker in Vierergruppen nach Afghanistan zurück, wobei sie ihre Funkgeräte mitnahmen. Bedauerlicherweise funktionierte nur das Burst-Set von Hekmatyar in der Provinz Parwan richtig. Nahezu drei Jahre waren diese Funker im täglichen Kontakt mit uns. Dies galt nicht für die anderen, die sich oft wochen- oder monatelang nicht meldeten. Das lag nicht an den Geräten, der Fehler lag bei den Funkern und ihren Kommandeuren.

Es gab keine Funkdisziplin oder Kontrolle. Es kam vor daß beide Funker, die Dienst hatten, gleichzeitig abwesend waren. oder daß sie einfach ihre Funkzeiten nicht einhielten. Wenn uns die Funker Richtung Afghanistan verließen, hatten wir sie mit einem vorbereiteten Funkplan für ein Jahr versorgt, nach dem sie sich täglich zu einer vorgeschriebenen Zeit melden sollten. Da wir wußten, daß dies nicht beliebt war, zahlten wir jedem Funker als Anreiz 1.500 Rupien, um sie zur Durchführung der Funksprüche anzuhalten. Dies war jedoch nutzlos, nur die Kommandeure Hekmatyars hielten die Verbindung aufrecht. Wieder einmal hatte sich eine stark fundamentaiistische Partei als leistungsfähiger erwiesen, so daß sie, sehr zum Ärger der CIA, Priorität bekam.

Unsere Bemühungen zur Tarnung der Lager müssen erfolgreich gewesen sein weil wir niemals einen Sicherheitszwischenfall hatten. Obwohl der sowjetische Botschafter in Pakistan soweit ging. Orte, an denen Ausbildungslager vermutet wurden, bekannt zu geben, kam er doch niemals näher als 100 Kilometer heran. Sie wurden ein Teil des diplomatischen Spieles von Verleumdungen. das sich über Jahre hinweg hinzog, wobei die Sowjets immer Pakistan der Unterstützung des Jihad beschuldigten, was unsere Regierung jedoch abstritt.

Jedes Ausbildungslager hatte einen Stab von zwei bis drei Stabsoffizieren, sechs bis acht Offizieren und zehn bis zwölf Unteroffizieren, unterstütztvon zehn Soldaten für administrative Aufgaben. sowie Wachdienste. In den meisten Fällen fand der Hauptteil der Ausbildung in Paschtun statt, wobei ein paar Ausbilder Darri (persisch) lernten. Das Sprachproblem erreichte seinen Höhepunkt, als wir Usbeken zur Ausbildung bekamen, die keine dieser Sprachen sprachen. In diesem Falle unterrichtete unser Ausbilder in Paschtun, was dann in Darri übersetzt wurde, worauf ein weiterer Usbeke in seine eigene Sprache übersetzte. Es war zwar aufwendig, erfüllte aber seinen Zweck.

Die Monate vergingen, und unsere Ausbildungsprogramme weiteten sich aus, um einer wachsenden Vielfalt von Waffen, als auch der Taktikausbildung, gerecht zu werden. Wir begannen damit, zweiwöchige Lehrgänge für schwere Waffensysteme wie Panzerabwehrwaffen, Flugabwehrwaffen und 82 mm Granatwerfer durchzuführen. Es gab einen Kurs zum Minenlegen und Minenentschärfen, Sprengkurse zur Zerstörung von Brücken, Hochspannungsleitungen, Gas- oder Ölpipelines und zur Zerstorung von Straßen und Wegen. Ausbildungen zum Orts- und Häuserkampf wurden durchgeführt, Lehrgänge für Sabotagetechniken zur Anwendung in Kabul oder in anderen Städten; es gab Ausbildungen für Funker, Ausbildungskurse für A usbilder der Mudschahedin und Lehrgänge für Kommandeure. Die meisten von ihnen wurden im Freien abgehalten, die Mudschahedin wurden dabei in Lagern untergebracht. Als wir von den Engländern Blowpipes bekamen und später Stinger von den Amerikanern, waren wir gezwungen, Ausbildungsstätten auch in feste Gebäude zu verlegen, wo Simulatoren aufgebaut werden konnten. Dies fand in meinem Hauptquartier, im Lager Ojhri, statt. Anfangs verfügte General Akhtar, daß keine Besucher in den Lagern erlaubt wären. Später mußten wir jedoch aufgrund des großen Drucks der Amerikaner gestatten daß Vertreter der CIA in die Lager durften. Diese Erlaubnis bekamen die chinesischen oder saudi- arabischen Besucher oder amerikanische Kongreßabgeordnete aber nicht. Die einzige Ausnahme war Senator Humphrey, der 1987 die Stinger-Ausbildungseinrichtung besuchen durfte.

Wie alle unsere Geschäfte mit den Parteien und Kommandeuren waren die Ausbildungen alles andere als einfach durchzuführen. Wir hatten zwei Hauptschwierigkeiten. Erstens wollte keine Partei zustimmen, daß ihre Mudschahedin mit Mudschahedin anderer Parteien an einem Ausbildungslehrgang teilnahmen, sie bestanden darauf, daß ihre Mudschahedin jeweils separate Lehrgänge hatten. Dies warf Probleme der Planung und der Verbindung auf und sorgte für unnötige Verschwendung von Geldmitteln. Kein Appell an die Vernunft konnte sie zum Ändern ihrer Meinung bewegen, die Situation änderte sich erst Ende l9X6.

Das zweite Problem wurde niemals gelöst; es bezog sich auf die Auswahl der Kommandeure, die zur Ausbildung kamen. Die meisten Parteiführer vertraten den Standpunkt, daß sie entscheiden sollten, wer zur Ausbildung kam, wobei ich jedoch wußte, daß ihre Auswahl sich selten mit operativen Notwendigkeiten deckte. General Akhtar tendierte immer dazu, die Parteiführer zu unterstützen, wenn sie mit ihm direkt über ihre Kandidaten für die Ausbildung sprachen. Am Ende der Argumentation spielten die Führer jeweils ihre Trumpfkarte aus, indem sie sagten: "Ich übernehme keine Verantwortung, wenn die Kommandeure, die von euch ausgewählt werden, ihre Waffen verkaufen oder nicht in der Lage sind, die Aufgaben, die sie von euch bekommen, durchzuführen." Ich versuchte dies zu ändern, indem ich niemanden ohne die Zustimmung der jeweiligen Partei auswählte. Aber dieser Kom-
promiß stimmte sie meist nicht zufrieden, denn sie wurden von politisch einflußreichen Kommandeuren unter Druck gesetzt, um Lehrgänge zu bekommen. die zu mehr schweren Waffensystemen führten, zu größerer Anhängerschaft und folglich zu mehr Macht. Meine Ressourcen waren nur begrenzt, die Zeit war kurz und ich wollte Männer ausbilden, die verläßlich waren und deren Operationsgebiet geeignete Ziele bot. Es war nutzlos, einen Kommandeur in den Taktiken von Raketenangriffen auf Flughäfen auszubilden, ihn mit Mehrfachraketenwerfern auszurüsten wenn sich sein Stützpunkt im Zentrum des Hazarajat befand, wo weit und breit kein Flughafen war - das aber war es, was einige der Parteiführer von uns wollten Die Versorgung mit Waffen und die Ausbildung zu ihrer Benutzung war wirklich ein und dasselbe. Es war wie die Theorie von Henne und Ei. Sollten wir sie mit Waffen versorgen und dann ausbilden, oder sollten wir sie erst ausbilden und ihnen dann die Waffen geben? Es spielte jedoch keine Rolle, was zuerst kam, wenn der Prozeß die Gesamtstrategie beschleunigte. Schließlich konnte ich keinem Kommandeur die Ausbildung verweigern, obwohl einige von ihnen ohne unser Wissen von ihren Parteien geschickt worden waren. Sie konnten die Ausbildung durchlaufen, aber ich rüstete sie nicht mit weitreichenden Waffen oder mit Spezialwaffen aus, weil ich die persönliche Kontrolle über diese Mittel hatte. Mitte 1985 hatte ich genug Erfahrung, um emen guten Kommandeur beim ersten Treffen zu erkennen. Ich fand heraus, daß kluge, fortschrittliche und gesprächige Mudschahedin selten zuverlässig waren, wohingegen der verlotterte Kamerad in stinkender Kleidung gewöhnlicherweisc ein zuverlässiger Führer war. Dies war keine unfehlhare Methode der Auswahl, aber in neun von zehn Fällen traf sie zu.

1984 wurden eine Anzahl erfolgreicher Angriffc auf den Flughafen Bagram durchgeführt, wobei rund 20 Flugzeuge am Boden zerstört wurden. Die Schilderung eines dieser Angriffe soll zeigen, wie das System von Taktik und Ausbildung in der Praxis funktionierte.

Bagram war ein sehr gut geschützter Stützpunkt mit einer großen Garnison (Karte 10). Primär war es ein sowjetischer Stützpunkt, in dem sich wenigstcns zwei Luftwaff-enregimenter der Sowjetunion mit Mig-21, Mig-23, Su-25 sowie An-26 Transportflugzeugen befanden. Zusätzlich hatte die Afghanische Luftwaffe dort drei Staffeln Mig-21, sowie drei Jagdbomberstaffeln mit Su-7 und Su-22. Die Flugzeuge die ungeschützt auf dem Flughafen standen, waren lohnende Ziele, die wir mit den neu angekommenen chinesischen 107 mm Mehrfachraketenwerfern auszuschalten versuchten. Die Feuerkraft (der Mehrfachraketenwerfer hatte zwölf Rohre) und die Reichweite von neun Kilometern ermöglichte, daß der Raketenwerfer außerhalb der Verteidigungsstellungen des Flugfeldes in Stellung gehen konnte, wobei eine gute Chance bestand, daß die sehr nahe zustammenstehenden Flugzeuge oder andere wichtige Einrichtungen zerstört wurden. Einige Monate zuvor war das Flugfeld bereits einmal Ziel eines Angriffes, als wir versuchten, die Sowjets von ihrer siebten Panjsher Offensive abzulenken, dies war jedoch das erste Mal, daß wir in der Lage waren, Angriffe mit weitreichenden Waffen durchzuführen.
 

 

Auf unserer Konferenz über zukünftige Einsätze beschlossen wir daß auf Bagram künftig mehr Druck ausgeübt werden mußte und daß zu diesem Zwecke Kommandeure ausgewählt und ausgebildet werden sollten. Außer mit verschiedenen Parteiführern und Offiziellen sprach ich mit dem Repräsentanten des Militärkomitees der Nabi-Partei, die eine Basis 15 Kilometer südöstlich von Bagram in der Nahe von Koh-i-Safi unterhiclt. Wir waren uns einig, daß ein Kommandeur ausgewählt werden mußte, der 30 Mudschahedin zur Ausbildung bringen konnte. Em Melder wurde Richtung Koh-i-Safi gesandt. Jetzt mußten wir fünf Wochen warten, diese Zeit benötigte der Melder. um sein Ziel zu erreichen, und der Kommandeur. um seine Manner auszuwählen und nach Peshawar zu kommen. Wenn dies geschehen war, wurde ich davon in Kenntnis gesetzt und entsandte nun meinen Stabsoffizier, um erste Gespräche zu führen.

Mein Offizier sollte soviel wie möglich über den Führer und seine Männer herausfmden Der Kommandeur wurde fotografiert, seine Parteizugehörigkeit überpruft, der exakte Ort seines Stützpunktes, die Ausdehmmg seines Einsatzgebietes, die Stärke

einer kinheit. die bereits vorhandenen schweren Waffen und bisherige Ausbildung. die bisher durchgeführten Einsaitze; all dies wurde ausgewertet. Ebenso holten wir Informationen bei anderen Kommandeuren innerhalb 50 Kilometer Radius um seinen Stützpunkt ein. Wir fragten, ob er mit den anderen Kommandeuren zusammenarbeiten wollte. Wir verschafften uns ein genaues Bild über diesen Kommandcur. mit einer Beurteilung seincs Potentials. Wir betrachteten dann sein möglichcs Angriffsziel - Bagram - und erhielten eine befricdigcndc Antwort. Im Lauf der Jahre cntstand so quasi cinc Bibliothek' von Informationen über einzelne Personen, meist wußten wir mehr über die Kommandeure als ihre eigenen Parteiführer.

Der Kommandeur, von dem nun die Rede sein soll, kommandierte ca. 400 Mudschahedin, die um Koh-i-Safi die zahlreichen vorhandenen Höhlen nutzten, die ihnen Tarnung und Schutz bei Bombardierungen boten. Der Stützpunkt wurde von Bagram durch steil abfallende Berge, die bis zu 2.000 Meter hoch waren, geschützt. In diesem Beispiel folgte der Kommandeur den Anweisungen des Melders und brachtc 30 Mann mit. Oft brachten die Kommandeure doppelt soviel Männer mit, weil sie dachten, daß uns dies beeindrucken würde. Dies brachte aber nur Probleme für uns, weil wir meist nicht alle von ihnen ausbilden konnten. In dieser Nacht wurden die Mudschahedin an einem Sammelpunkt in Peshawar gesammelt. von wo sie mit LKWs zum Lager gebracht wurden. Bei ihrer Ankunft wußten sie nicht. wo sie sich befanden. Sie würden zwei bis drei Wochen während der Ausbildung vor Ort bleiben und in derselben Art und Weise zurück nach Pashawar gebracht werden.

Die 30 Mudschahedin wurden intensiv in der Handhabung und im Schießen mit Mehrfachraketenwerfern ausgebildet. Der Lehrgang behandelte hauptsächlich praktische Tätigkeiten, es begann mit Zerlegen und Zusammensetzen, mit der Vorbereitung der Raketen, dem Schätzen von Entfernungen, dem Festlegen des Schußwinkels und der Höhe, dem Laden der Waffe und Feuern. Sie lernten, daß der Mehrfachraketenwerfer ein schweres Gerät war. Ieider sein Hauptnachteil. Man benötigte drei Mann, um die drei Hauptbaugruppen (Räder, I.afette und Rohre) zu transportieren, was jedoch nur über kurze Entfernung möglich war. Für den Einsatz bei Bagram würden Maultiere erforderlich sein.  Raketenwerferbedienung bestand aus jeweils drei Männern, einem Richt- und zwei Ladeschützen. Obwohl der Mehrfachraketenwerfer zwölf Rohre hatte, konnten die Raketen nicht in einer Salve abgefeuert werden, sondern nur nacheinander. Weiterhin lernten die Mudschahedin, die Schüsse zu beurteilen, ob sie zu kurz, rechts, links oder zu weit lagen. Dazu benutzten sie Ferngläser. Sie mußten dem Richtschützen Korrekturen zurufen, so daß der die Schußlage verbessern konnte, sie wurden zu Artilleristen.

Ebenso lernten sie improvisieren. Dic Raketen konnten elektrisch abgefeuert werden, indem ein improvisiertes Zweibcin oder eine Richthilfe benutzt wurde. Auf dem Gefechtsfeld bedeutete dies gewöhnlich, daß die Raketen einfach auf Felsen gelegt wurden: Obwohl die Chancen, klcinc 7.iele zu treffen, sehr gering waren, war diese Methode jedoch gegen Kasernen. Flugplätze oder Depots geeignet.

Während sich die Ausbildung seiner Männer um die Handhabung der Waffe drehte, verbrachte der Kommandeur den Großteil seiner Zeit damit, mit seinem Ausbildungsoffizier Taktiken zu diskutieren. Der Kommandeur mußte die Charakteristika des Mehrfachraketenwerfers kennen. er mußte seine Männer in Besatzungen aufteilen, eine Beobachtergruppe bilden, er mußte Stellungen auswählen, aus denen Beobachter und Schützen arbeiten konnten. Man brachte ihm bei, seine Feuerstellung im Normalfall während der Dämmerung zu beziehen, in der Dunkelheit zu feuern und unter dem Schutz der Dunkelheit in ein vorbereitetes Versteck auszuweichen, falls die Zeit nicht reichte, sich noch während der Nacht weit genug vom Ort des Feuerüberfalls abzusetzen. Dieser Ablauf schaltete die Vorteile der sowjetischen Luftüberlegenheit nahezu aus. Die Besatzungen flogen während der Nacht nur ungern, auch wenn sie die Gefechtsfeldbeleuchtung einsetzten, war das Feuer der Flugzeuge äußerst ungenau.

Beim Nachtschießen lag die Schwierigkeit für die Bedienungen darin, die Lage der Schüsse zu entdecken, speziell vom Boden aus. Manchmal war es möglich, einige Raketen während der Nacht abzufeuern, am nächsten Tag festzustellen, ob das Ziel getroffen wurde oder nicht, die notwendigen Korrekturen durchzuführen, um in der nächsten Nacht wieder zu feuern. Eine genaue Präzision war jedoch bei Flächenzielen. wie dem Flugplatz Bagram, nicht so entscheidend.

Die Kommandeure waren oft sehr überrascht, welche Bemühungen im Bereich der Logistik und des Transportes notwendig waren, damit sie ihre Waffen und Munition vor Ort bekamen. F.in Mehrfachraketenwerfer konnte mit seiner Lafette und seinen Rädern von drei Maultieren getragen werden. Ein weiteres Maultier wurde für jeweils vier Raketen benötigt. Wenn ein Feuerauftrag 36 Raketen (was keine ungewöhnlich hohe Zahl war) beim Einsatz eines Mehrfachraketenwerfers erforderte, konnte einfache Mathematik ihm sagen, daß er zwölf Maultiere benötigte. Zusammen mit der Geschützbesatzung, den Beobachtern, den Nahsicherern und den Maultierführern erforderte es 20 bis 25 Mann, um nur einen einzigen Mehrfachraketenwerfer in Stellung zu bringen. Bei dieser Gelegenheit verbrachten ein Ausbildungsoffizier und der Kommandeur viele Stunden damit, Fotografien und Karten des Bereiches um Bagram zu studieren und nach möglichen Feuerstellungen und Annäherungswegen Ausschau zu halten. Die Karten machten das taktische Problem klar. Koh-i-Safi liegt 15 Kilometer Luftlinie vom Flugplatz Bagram entfernt, dazwischen liegt der Höhenrücken Zin Ghar, der die Ebene von Bagram. die sich nur zwei Kilometer weiter im Nordwesten befindet, dominiert. Obwohl der Höhenrücken excellente Beobachtungsmöglichkeiten bot, konnte er mit Maultieren nur an em oder zwei Stellen westlich von Koh-i-Safi überschritten werden. Der Kommandeur kannte diese Routen sehr gut und wußte, daß die kürzere Route um die nördliche Spitze des Höhenzuges durch dichter besiedeltes Gebiet führte.

Der Mehrfachraketenwerfer mußte in einer Entfernung von neun Kilometern zum Flugplatz in Stellung gebracht werden, so daß ein Kreis auf der Karte gezogen wurde, wie es Karte 10 zeigt. Die Feuerstellung mußte sich innerhalb dieses Kreises befinden. Es wurden auch Kreise mit sieben, fünf und drei Kilometer Radius gezogen. Das Ziel war es, zwei oder drei mögliche Feuerstellungen zu finden, Distanzen und Schußwinkel zum Ziel zu bestimmen und diese Informationen für den Kommandeur zu notieren. Für meinen Offizier wiesen sowohl die Fotografien als auch die Karten keine hefriedigenden Stellungen auf. Der Pfad über den Zin Ghar Höhenzug fuhrte

in den südlichen Teil der offenen Ebene von Bagram, wo es schien, als sei kein
Schutz vorhanden. Danach verlief der Pfad nach Nordwesten in Richtung Flugfeld

und der sowjetischen Stellungen. Der Weg wurde wciterhin von anderen Pfaden und Wegen gekreuzt, was  die Orientierung bei Nacht problematisch machte. Wichtiger war es Jedoch, daß mangelnder Sichtschutz und Deckung ein ernsthaftes Sicherheitsproblem darstellten. Während der Dunkelheit oder im Nebel befanden sich wohl die meisten Flugzeuge am Boden. Wenn der Angriff kurz vor der Morgendämmerung durchgeführt werden würde, gäbe es das Problem, daß die Mudschahedin nicht mehr ausweichen konnten. Also mußte ein Versteck für den Tag gefunden werden, damit eme volle Nacht für die letzte Annäherung, den Feuerüberfall und den Rückzug zur Verfügung stand. Mein Offizier machte klar, daß der Beschuß von Bagram mit dem Tntt m em Hornissennest vergleichbar wäre. Die Sowjets würden innerhalb von Minuten mit ihrer Artillerie und ihren Kampfhubschraubern reagieren und das Feuer erwidern. Wenn dies geschähe, wären die Chancen der Mudschahedin ihr Versteck bei Zin Ghar, sechs Kilometer entfernt, zu erreichen, nahezu gleich null. Besser war es deshalb, das Risiko der Entdeckung im Tagesversteck auf sich zu nehmen, falls Reisende oder Hirten vorbeikamen. Der Kommandeur stimmte zu.

Seine Ortskenntnisse ließen ihn annehmen, daß sich eine Feuerstellung. die ihm und semen 30 Mann und Maultieren Schutz bieten würde, in einer der kleinen Schluchten befinden würde, die sich nördlich des Flusscs, der die Ebene von der Stadt trennte befand. Es war klar, daß es ein Einsatz werden würde, der über zwei Nächte dauerte, mit möglicherweise zwei weiteren Tagen in einem Tagesversteck. einmal auf dem Hinweg und einmal auf dem Rückweg.

Dies waren die Probleme der Planung und der Taktik, die zwischen dem Kommandeur und semem Ausbilder diskutiert und entschieden wurden. Ich hatte keinen Zeitpunkt für die Ausführung vorgegeben, ich wollte es lieber der Entscheidung des Kommandeurs überlassen und es ihm somit ermöglichen, genügend Aufklärungsergebnisse zu sammeln. Kurz vor Ende der Ausbildung besuchte ich das Lager, um mit dem Kommandeur ein Gespräch zu führen und um selbst festzustellen, ob er mit der Misson vertraut war. Er hatte das Flugplatzgelände von Bagram als primäres Ziel ausgewählt, es war jedoch nicht seine einzige Aufgabe. Es wurden Ausweichziele von genngerer Bedeutung festgelegt, die ebenfalls Angriffe auf die Vorposten des Flugplatzes, die Garnison von Kalakan und bei Mir Bacha Kot an der SalangAutobahn, enthielten. Anfangs entschied ich mich dazu, ihm einen Mehrfach-Raketenwerfer mit 200 Raketen zu geben, davon 50 Rauchraketen. Ich versicherte ihm daß er mehr Waffen und Munition bekäme. wenn er mit seinem Angriff auf das Ba gram-Flugfeld Erfolg gehabt hätte.

Der Kommandeur und seine Männer sollten sich sofort in Richtung Grenze bewegen, es gab jedoch eine zweiwöchige Verzögerung. in der Nabi die erforderlichen Geldmittel für den Transport bereitstellen mul3te. Um die 75 Maultiere wurden benötigt, um die Mehrfach-Raketenwerfer, die Raketen und die weitere Munition nach Afghanistan zu befördern. Ich kenne die genauen Kosten nicht, sie müssen jedoch über DM 50.000 gelegen haben.

Als die Männer Koh-i-Safi erreichten, waren zwölf Wochen vergangen, nachdem ich das erstemal den Melder zu ihnen geschickt hatte. Es würde weitere drei Wochen dauern, bevor der Angriffdurchgeführt würde. Vier Monate Planungs- und Konzeptionszeit fur die Ausführung eines derartigen Einsatzes war der Durchschnitt bei der