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"Wer
unausgebildete Leute in den Krieg führt, verschwendet
Menschenleben." Konfuzius, 500 v.
Chr.
Im April 1989 berichtete The Times in einem kurzen Artikel
über ein Gcrichtsvcrfahren gegen zwei mutmaßliche
pakistanische Spione in Kabul. Einer sollte angeblich
Unteroffizier im Nachrichtendienst der Armee sein, der andere
ein Corporal in einer Spezialeinheit. Beide waren in Kandahar
gefangengenommen worden. Unter der Folter hatten sie zugegeben,
Spionage- oder Sabotageaktivitäten durchgeführt zu haben,
obwohl der Artikel beschrieb, daß ihre Aussage nicht überzeugend
und widersprüchlich waren. Dennoch wurden sie zu 16 bzw. 18;
ährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Eine derart lange Zeit
in dem berüchtigten Pol-i-Charki Gefängnis außerhalb Kabuls
war cin rcaler Alptraum dcr Tod war manchmal eine Erlösung.
Die pakistanische Botschaft hattc die Vcrantwortung für die
Affäre, wie unvermeidlich geleugnet, während der Außenminister
sie als einen Propagandatrick bczeichnctc. Ich hatte keine Möglichkeit
herauszufinden ob die Beschuldigungen richtig oder falsch
waren; ich wußte jedoch, daß der ISI in den Jahren 1981 bis
1986 pakistanische Soldaten in Afghanistan einsetzte, weil ich
diese Soldaten ausgewählt und in ihre Aufgaben eingewiesen
hatte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese sehr geheimen
Aktivitäten fortgeführt wurden, nachdem ich die Armee verließ.
Ich muß jedoch klarstcllen, daß diese Männer, die nach
Afghanistan geschickt wurden, keine Spione waren, sondern
Soldaten der Pakistanischen Armee, die im Afghanischen Büro
des ISI arbeiteten. Ihre Aufgabe war es die Mudschahedin bci
Spezialoperationen zu begleiten, sie waren als Berater tätig
und assistierten den Kommandeuren bei der Ausführung ihrer
Aufträge. Diese Dienste konnten vom Sprengen eincr Ölpipcline
bis zur Durchführung eines Raketenangriffes auf ein Flugfeld
oder eines Hinterhaltes reichen. Während meiner Zeit waren im
allgemeinen immer zwei pakistanische Teams gleichzeitig von
Mai bis Oktober in Afghanistan. Abhängig von der
Eindringtiefe konnte ein Team für ein bis drei Monate im Feld
bleiben. Kein Team wußte jedoch jemals vom anderen. Den Höhepunkt
gab es im Jahre 1984, wo elf Teams gleichzeitig operierten
sieben in der Gegend von Kabul, zwci um den Flugplatz Bagram
und zwei um Jalalabad.
Alle Pakistanis warcn Freiwilligc meines Stabes beim IS1.
Offiziere und Untcroffiziere aus allen Waffcngattungen der
Pakistanischen Armee wurden zum ISI abkommandiert auf
Betreiben von General Akhtar erhielt das Afghanische Büro die
besten Männer. Sie wurden für zwei bis drei Jahre
abkommandiert und ich entschied ob sie im Bereich der
Aushildung. der Operationen oder der Logistik eingesetzt
wurden. Es wurden nur Freiwillige nach Afghanistan geschickt.
und ich suchte schr sorgfältig jene aus, die fur Spezialeinsätze
geeignet waren.
Normalerweise bcstand ein Team aus einem Offizier (gewohnlich
einem Major), einem weiteren jüngcren Offizier und einem
Unteroffizier, von denen wenigstens einer Paschtun sprechen mußte.
Ich machte ihnen deutlich, welche persönlichen Risiken sie
auf sich nahmen. Unter keinen Umständen durften sie sich
gefangennchmen lassen, weil die Unterstützung des Jihad durch
Pakistan erkennbar würde. Natürlich würde die pakistanische
Regierung alles abstreiten, sie verleugnen, und sie wären möglicherweise
in der Gefangenschaft der Folter ausgesetzt. Früher oder später
wird bei jedem der Punkt erreicht, an dem er unter der Folter
aussagt. Dies würde möglicherweise dem Gegner einige
Informationen über unsere Operationen geben, vielleicht würde
ein Schauprozeß durchgeführt werden, um dies für
Propagandazwecke ausschlachten zu können. Niemand wurde
gezwungen, sich sclbst zu töten, um die Gefangennahme zu
verhindern, es wurden keine Suizidtabletten verteilt, denn der
Selbstmord ist für Moslems verboten. Es wurde ihnen
wiederholt eingebläut, daß sie nach Möglichkeit zu fliehen
oder als letzte Möglichkeit kämpfend zu sterben hatten. In
diesem Fall mußten die Mudschahedin die Leichen bergen. Das
gleiche galt, wcnn ein Pakistani verwundet wurde: er mußte
nach Pakistan gebracht werden.
Alle Männer, die nach Afghanistan gingen, hatten genügend
Zeit zur Verfügung. um sich selbst auf den Einsatz und die
Mudschahedin, die sie begleiten würden. vorzubereiten.
Nachdem ein Auftrag beschlossen und ein Kommandeur ausgesucht
worden war. war das Team für die Ausbildung des Kommandeurs
und sciner Mudschahedin vcrantwortlich, obwohl diese niemals
vorher wußten, daß ihre Ausbilder mit ihnen nach Afghanistan
gingen. Zu diesem Zeitpunkt begannen die Ausbilder damit, sich
Bärte wachsen zu lassen, später kleideten sie sich wie
Mudschahedin, so daß sie optisch nicht mchr zu unterschciden
waren.
Die Offiziere und IJnteroffizierc mußten wie dic
Mudschahedin leben und kämpfen. dieselben Beschränkungen und
Härten erdulden. Sie konnten sich nicht auf das militärische
Versorgungssystem stutzcn, das sie versorgtc oder ausflog,
wcnn sie vcrwundet wurden. Ihrc Arbeit war ähnlich der der
Spccial Forces Berater. Ihre Aufgabe schloß die Unterstützung
bei allen militärischen Operationen gegenüber dem Kommandeur,
die Aushildung der Mudschahedin in ihrcn Stützpunkten. die
Unterstützung bei der Durchführung von Verteidungsmaßnahmcn
in den Basen, Unterstützung des Kommandeurs bei der Planung
und Durchführung seiner Sondereinsätze und, wenn notwendig,
des Kampfeinsatzes ein. Zusätzlich hatten sie Informationen
auf dem Gefechtsfeld zu sammeln. Sie waren ein sehr wichtiger
Teil meines Nachrichtendienstes. nicht nur hinsichtlich der
Aktivitäten des Gegners, sondern auch im Bereich der
Mudschahedin und ihrer Kommandeure. Ich konnte mich darauf
verlassen, daß sie die Stärken der Mudschahedin nicht übertrieben,
noch daß sie dic Schwächen und Lücken bei der Ausbildung
der Mudschahedin verschwiegen. Die Informationen, die sie zurückbrachten,
waren für die Planung von neuen Operationen, die Auswahl von
geeigneten Kommandeuren oder die Aufstellung von zukünftigen
Ausbildungsprogrammen wertvoll. Ich mußte jedoch warten. bis
sie nach Pakistan zurückgekchrt waren, weil keines dieser
Teams wegen gegnerischer Abhöreinrichtungen Funkgeräte mitführte.
Ich muß eingestehen. daß ich bci Ubernahme mcines
Dicnstcs nicht wußte, dal3 Pakistanis an Operationen
teilnahmen. Ich fühlte, daß das Risiko einer Gefangennahme
zu hoch war und dadurch der Schaden für Pakistan und den
Jihad zu hoch wäre. was den taktischen Vorteil an Bedeutung
übertraf. Ich kann mich an verschiedene hitzige Diskussionen
mit General Akhtar zu diesem Punkt erinnern. Ich mußte
akzeptieren, daß es meine Aufgabe war, diese Teams zu
organisieren und so tat ich, was in meiner Macht lag, und erhöhte
sogar noch die Anzahl der Teams in Afghanistan. Während der
sechs Jahre lief alles nach Plan; nichts ging jemals ernsthaft
schief, niemand wurde gefangengenommen oder getötet. Diese Männer
waren ein herausragendes Beispiel in der Pakistanischen Armee.
Jeder von ihnen bekam einen Orden, der mit dem amerikanischen
Silver Star, dem britischen Military Cross oder dem deutschen
EK I vergleichbar ist.
Lassen Sie mich die Mythen richtigstellen, die von der
sowjetischen Propaganda und vielen Journalisten aufgebaut
wurden. Bis zum sowjetischen Rückzug aus Afghanistan im Frühjahr
1989 war kein amerikanischer oder chinesischer Ausbilder
jemals an der Ausbildung der Muschahedin an Waffen und Gerätcn
in irgendeiner Art und Weise beteiligt. Sogar bei den schweren
und komplizierten Waffensystemen wie den Oerlikon
Flugabwehrkanonen und später den Stinger Boden-Luft-Raketen
bildeten pakistanische Ausbilder die Mudschahedin aus. Es war
sehr sorgfältig und gründlich übcrlcgt, ständig abzulehnen.
daß CIA und später das US-Verteidigungsministerium die
Ausbildung übernehmen sollten. Von Beginn an wollten die
Amerikaner direkt in die Verteilung der Waffen. die operative
Planung der Gefechte und in die Ausbildung der Guerillas
einbezogen werden. Wir lehnten jedoch vom Beginn des
Konfliktes bis zum Rückzug des letzten sow jetischen Soldaten
ab.
Wir taten dies deshalb, weil die Parteien keinc direkten
Geschäftc mit den Amerikanern machen wollten. Sie wußtcn, daß
derartige Aktivitäten als Propagandamaterial dienten und
dadurch die Sowjetische und die Propaganda des KHAD stützten,
der Krieg sei kein Jihad, sondern ein Kampf der Kommunisten
gegen Kapitalisten.
Ich ennnere mich an emen Besuch von Mr. Casey in einigen
unserer Ausbildungslager im Jahre 1986. Drei Lager wurden
besucht, und die Delegation der CIA war sehr daran
interessiert, die auszubildenden Mudschahedin zu befragen. Ein
älterer Amerikaner, der des Puschtun mächtig war, fragte
wiederholt einzelne Mudschahedin, wie lange sie denn auf dem
Lehrgang seien? Ob sie jemals vorher in der Afghanischen Armee
waren, Ob sie jemals vorher diese Waffen in Afghanistan
benutzt hatten? Tatsächlich befanden sich alle seit acht
Tagen in der Ausbildung und schossen nun mit schweren
Maschinengewehren, Granatwerfern, RPG-7 und rückstoßfreien
Geschützen mit dem Selbstvertrauen und der Treffsicherheit
erfahrener Soldaten. Casey war tief beeindruckt. Beim Essen
mit Präsident Zia an jenem Abend äußertc er sich sehr
positiv über die hohen Leistungen, die in solch kurzcr Zeit
errcicht wurdcn. Einen Monat später kam Zia selbst, um sich
vor Ort sachkundig zu machen. Er war sehr beeindruckt von dem,
was er sah und beauftragte mich, die besten Schützen auszuwählen,
um die Waffen vorzuführen. Ich sagtc ihm, daß er irgendeinen
der Mudschahedin heraussuchen könnte. der die Waffen vorführen
sollte, weil das, was er zuvor gesehen hattc. der
durchschnittliche Standard war Er lehnte es ab, dies so
durchzuführen, am Ende des Tages sagte er jedoch: "Ich wünschte,
die Hälfte unserer Armee hätte einen solchen
Leistungsstandard.
Die USA spielten jedoch eine Rolle bei der Ausbildung
unserer Ausbilder. Wenn neue Waffensysteme eingeführt wurden,
speziell bei Flugabwehrwaffen die nicht zur Ausrüstung der
Pakistanischen Armee gehörten, waren amerikanische Ausbilder
vor Ort, die unsere Ausbilder ausbildeten, die dann wiederum
Mudschahedin ausbildeten.
Nachdem ich meine Aufgabe übernommen hatte, diskutierten
General Akhtar und ich über die Notwendigkeit einer
verbesserten Ausbildung auf lange Sicht. Am Ende des Jahres
1983 wurden nur rund 3.000 Mudschahedin in den zwei Lagern in
Pakistan ausgebildet. Wir stimmten beide darin überein, daß
dies völlig unzureichend war und setzten uns ein Ziel von
1.000 Mudschahedin, die pro Monat die Lehrgänge durchlaufen
sollten. Dies war ein Ziel, daß wir für kaum erreichbar
hielten.
Als erfahrene Soldaten erkannten General Akhtar und ich, daß
ein Einsatz der Mudschahedin ohne ordentliche Ausbildung quasi
überflüssig wäre Mit der Zahl der Waffen stieg auch der
Bedarf nach Ausbildung, aber für den Guerilla-Feldzug in
Afghanistan brauchte es mehr als das. In einem Krieg, in dem
wir keine direkte oder formale Kontrolle hatten, war die
Ausbildung genau wie die Versorgung mit Waffen ein Schlüssel
für unseren Einfluß auf dem Gefechtsfeld. Wenn wir Waffen
wie Mehrfachraketenwerfer oder Sprengstoffe einer Partei oder
einem Kommandeur für spezielle Einsätze übergaben, folgte
daraus, daß diese Kommandeure und ihre Männer die
erforderliche Ausbildung haben mußten. Wir hatten eine
Gesamtstrategie ausgearbeitet wir hatten empfindliche Ziele für
Angriffe herausgefunden. Wir stellten die Waffen zur Verfügung
und mußten die notwendige Ausbildung bieten. damit diese
Aufgaben ausgeführt werden konnten.
Die Kommandeure, die ja Afghanen waren, ließen nur selten
eine Möglichkeit ungenutzt, ihr eigenes Prestige zu erhöhen.
Wir nutzten dies, indem wir Ausbildungen für Waffensysteme
anboten, damit sie spezielle Einsätze in ihren Gebieten
durchführen konnten. Wenn sie damit Erfolg hatten, bekamen
sie mehr und größere Waffen und mehr Ausbildung, was ihren
Status als Kommandeure erhöhte. Unsere Politik war genauso
einfach. Da wir nicht in der Lage waren, den Mudschahedin auf
dem Gefechtsfeld direkte Befehle zu geben, war diese
Manipulation in der Versorgung mit Waffen, in der Ausbildung
an den Waffen der einzig effektive Weg, um eine operative
Gesamtstrategie durchzusetzen.
Es war ein Grundsatz unseres Systems, daß die Ausbildung
auftragsorientiert war. Das bedeutete daß, wenn wir eine Ölpipeline
zerstören wollten, sich die Ausbildung mit den Sprengstoffen
um die Zerstörung von Ölpipelines drehten. Die Kommandeure
wurden in den Taktiken instruiert, wo die Sprengkörper am
sinnvollsten plaziert werden konnten, wie man sich an die
Pipeline annäherte, wie in der Nähe be findliche Feindposten
abgelenkt oder eingenommen werden konnten, wo Sprengfallen
ausgelegt werden sollten, um gegnerische
Instandsetzungseinheiten z.u behindern, sowie die mögliche
sowjetische Reaktion. Ihre Männer hingegen wurden mehr in der
Anwendung von Sprengstoffen und Zündern unterwiesen. Am Ende
der Ausbildung verließen sie uns, nachdem sie jede Einzelheit
ihres Auftrages mit dem Lehrgangsleiter diskutiert hatten. Sie
führten dann auch die fertigen Sprengladungen mit sich,
jedoch ohne eingeschraubte Sprengkapseln.
Um die Wirksamkeit der Ausbildung zu erhöhen, waren unsere
Lehrgange praktischer Nat ur mit wenig Theorie und ohne
Formalausbildung. Vom ersten Tag an begannen die Soldaten, mit
den Waffen umzugehen und zu schießen. Wir kürzten die Länge
der Kurse, erhöhten jedoch die tägliche Stundenzahl. Es
wurden keine Pausen für Urlaubszeiten gemacht, so daß wir
365 Tage im Jahr zur Ausbildung nutzten. Für die Mudschahedin
war dies keine große Last, für die Ausbilder jedoch war die
Belastung enorm, und wir mußten ihre Ruheperioden mit
Sorgfalt planen. Wir begannen ebenso damit, Ausbildungen für
Ausbilder der Mudschahedin, die während anderer Lehrgänge
aufgrund ihrer Eignung ausgesucht worden waren, durchzuführen.
Diese Männer sollten zurück in ihre Stützpunkte nach
Afghanistan gehen, um dort Ausbildungen zu organisieren. Oft
schickten wir ihnen ein mobiles pakistanisches Ausbildungsteam
(MTT) mit, um Ausbildungen in bestimmten Lereichen, in denen
wir in Ubereinstimmung mit den Parteien zugestimmt hatten,
durchzuführen
Ebenso stellten wir Lehrpläne und das Ausbildungsgerät
zur Verfügung. Wenn diese lokalen Ausbilder der Mudschahedin
erst einmal Erfahrung mit dem MTT hatten, erschien es nur noch
periodisch, um Ratschläge zu geben.
Am Ende des Jahres 1983 gab es zwei Ausbildungslager in
Pakistan, jedes für 200 Mudschahedin. Mitte 1984 schleusten
wir somit 1.000 Mudschahedin pro Monat durch dieses System, im
Jahre 1987 hatten wir sieben Ausbildungslager, davon vier in
der Nähe von Peshawar und drei bei Quetta. Dafür wurde mehr
Personal und mehr Geld benötigt, was General Akhtar sehr
schnell beschaffen konnte, so daß wir gute Resultate
vorweisen konnten. 1984 profitierten 20.000 Mudschahedin von
unseren Bemühungen,1985 durchliefen 17.700 Mann unsere
Ausbildungen und 19 400 im Jahre 1986. Es ist keine
Ubertreibung, wenn ich sage daß 1987, als ich den ISI verließ,
wenigstens 80.000 Mudschahedin während der vergangenen vier
Jahre in Pakistan ausgebildet worden waren, sowie mehrere
tausend andere in Afghanistan.
Der Aufbau eines Ausbildungslagers war keine einfache
Angelegenheit. Unsere regulären Armeelager oder Schießstände
konnten wir nicht benutzen. Bei all unseren Aktivitäten war
totale Geheimhaltung oberstes Gebot. Niemand außerhalb des
Afghanischen Büro durfte wissen, was wir taten. Das bedeutete,
daß die Öffentlichkeit, die Politiker, gegnerische Agenten
und die Pakistanische Armee darüber vollkommen im unklaren
gehalten werden mußten, daß es in Pakistan Ausbildungslager
gab Dies bedeutete, daß unsere Ausbildungslager vor
neugierigen Blicken sowie sowjetischen Spionage-Satelliten
geschützt werden mußten. Dies war leichter gesagt als getan.
Die Lager mußten innerhalb einer Nacht mit dem LKW von
Peshawar oder Quetta aus erreichbar sein, so daß alle
Auszubildenden während der Dunkelheit mit dem LKW dorthin
gebracht werden konnten, wobei sie selber keine Ahnung von
ihrem eigentlichen Standort hatten. Sie mußten zweckmäßig
ausgestattet und über Wasserversorgung verfügen. Wir konnten
sie nicht in der Nähe eines regulären Truppenübungsplatzes
oder einer Armeegarnison ausbilden, noch an Orten, wo die Öffentlichkeit
Zugang hatte. Wo auch immer die Ausbildung durchgeführt wurde,
sie mußte gegen Sicht aus der Luft und vom Boden getarnt
werden. Der Schutz vor Luftsicht bildete die größte
Schwierigkeit, weshalb eine strikte Tarn- und Spurendisziplin
notwendig war. Das bedeutete. daß wir nur bereits
existierende Wege oder Pfade zu oder von einem
Ausbildungslager benutzten. Nichts ist auf einem Aufklärungsfoto
so klar erkennbar wie frische Spuren.
Unser größtes Problem war es, geeignete Ausbidungsstätten
für unsere Schießausbildung zu finden, nicht nur für die
Schießausbildung mit Handfeuerwaffen. Wir schossen jeden Tag
mit Granatwerfern, Maschinengewehren, Raketenwerfern,
Flugabwehrkanonen und Boden-Luft-Raketen. Für jeden, der sich
innerhalb der Hörweite befand, mußte es sich so anhören,
als wenn jeden Tag ein größeres Gefecht geführt würde,
oftmals stiegen bei Nacht Raketen und Leuchtspurgeschosse in
den Himmel. Theoretisch waren wir an friedensmäßige
Sicherheitsbestimmungen gebunden. Wenn wir sie jedoch beachtet
hätten, wären 90 % unserer Schießübungen nicht durchführbar
gewesen. Wir schossen und beteten, daß es keine Unfälle gäbe.
Allah und General Akhtar waren uns wohl freundlich gesinnt,
denn wir kamen ungestraft davon - gerade noch. Einmal
beobachtete General Akhtar, wie wir mit Blowpipe und SA-7
Boden-Luft-Raketen auf Leuchtgranaten schossen, die von
Granatwerfer abgeschossen wurden und an Fallschirmen vom
Himmel schwebten, als uns plötzlich Flugzeuge der
Pakistanischen Luftwaffe überflogen. Ich ließ das Feuer
einstellen. General Akhtar fragte mich, warum die Luftwaffe
das Gebiet überflog, ob sie denn nicht gewarnt worden wäre?
Als ich ihm die Situation erklärte, war er sehr aufgebracht
darüber und nur nach langem Bitten waren wir in der Lage, das
Schießen fortzusetzen. Ein paar Minuten später überflogen
weitere Flugzeuge das Gebiet, und wir mußten wieder das Feuer
einstellen. Es brauchte lange Zeit, General Akhtar davon zu überzeugen,
daß wir keine andere Wahl hatten. Glücklicherweise gab es
keinen Unfall.
Wir mußten von Zeit zu Zeit die Ausbilungslager verlegen,
wenn wir glaubten, daß jemand auf das Ausbildungslager
aufmerksam geworden war. Wenn Zivilisten zufällig in die
Ausbildungslager kamen, erzählten wir ihnen eine Geschichte
über eine Armeeübung mit Soldaten. die als Mudschahedin
verkleidet und ausgerüstet waren. Wenn so etwas geschah,
verlegten wir das Ausbidungslager noch am selben Abend. Diese
plötzlichen Stellungswechsel unterbrachen natürlich die
Ausbildung. somit machten wir uns im voraus schon Gedanken über
Ausweichmöglichkeien für die Ausbildung. Glücklicherweise
war es einfach, die Zelte abzubauen, und somit konnten wir
einen Ausbildungsplatz schnell verlegen.
Eine weitere Vorsichtsmaßnahme war, daß wir bis 1985
keine Verbindungen zu unseren Ausbildungslagern hatten. Die
Benutzung des Telefons war völlig unsicher und ich befürchtete,
daß sowjetische Abhöreinrichtungen in der Lage wären,
Funkverbindungen abzuhören und die Orte der Funkgeräte zu
lokalisieren. Am Ende des Jahres 1985 bekamen wir abhörsichere
Funkgeräte von der CIA die in den Ausbildungslagern
installiert wurden.
Das größte Problem bei der Führung von Guerillastreitkräften
war. daß es unmöglich war, sicher und schnell mit den
weitverstreuten Kommandeuren Verbindung aufzunehmen. Ich wußte
aus Erfahrung, die wir mit dem Abhören von Funksprüchen
gemacht hatten, daß unsichere Kommunikationseinrichtungen
genauso schlecht sind wie gar keine. Meldungen, die durch
Melder überbracht wurden, waren zwar langsam, aber die
einzige Möglichkeit. Gewöhnlich kamen sie auch an.
Ich hatte viele Diskussionen mit der CIA über dieses
Problem bevor wir letztendlich
zwei verschiedene Funkeinrichtungen einfuhrten. Das
weitreichende System war ein Burst'-Verbindungssystem mit
einer Reichweite von über l.000 Kilometern. Das System für
kurze Entfernungen arbeitete auf dem Prinzip des
Frequenzwechsels und hatte eine Reichweite von 30 bis 50
Kilometern. Die Technologie des Burst-Systems war
beeindruckend. Eine Nachricht von rund tausend Worten konnte
auf wenige Sekunden reduziert werden, was es unmöglich machte,
sie abzuhören. Ich wollte diese Burst-Geräte in Parwan (bei
Hekmatyar). in Paghman (bei Sayaf), Mazar-i-Sharif (bei
Rabbani) und in Kandahar (bei Khalis) stationieren. Weiterhin
sollten zehn Frequenzwechselgeräte den Kommandeuren jeder
Partei übergeben werden. Dies wurde uns in die Lage versetzen,
mit allen Gruppen innerhalb von 30 bis 50 Kilometern
Reichweite die weitreichenden Burst-Geräte zu kommunizieren.
Weitere Frequenzwechsler waren in den Ausbildungslagern
stationiert. Die Führer stimmten zunächst zu, so setzte ich
den Einsatz der Geräte durch. Als die Geräte jedoch
geliefert wurden, hatten sie ihre Meinung geändert. Sie
wollten keine Meldungen über eine andere Partei weitergeben.
Wir konnten sie von ihrem Standpunkt nicht abbringen so daß
das System immer nur bei einer Partei benutzt werden konnte,
was operativ völlig ungeeignet war.
Wir führten 20 Wochen dauernde Ausbildungen für Funker
durch die von den Parteien geschickt wurden, im Rahmen dieser
Ausbildungen wurde auch Englisch gelehrt. Ende 1985 gingen die
ersten ausgebildeten Funker in Vierergruppen nach Afghanistan
zurück, wobei sie ihre Funkgeräte mitnahmen.
Bedauerlicherweise funktionierte nur das Burst-Set von
Hekmatyar in der Provinz Parwan richtig. Nahezu drei Jahre
waren diese Funker im täglichen Kontakt mit uns. Dies galt
nicht für die anderen, die sich oft wochen- oder monatelang
nicht meldeten. Das lag nicht an den Geräten, der Fehler lag
bei den Funkern und ihren Kommandeuren.
Es gab keine Funkdisziplin oder Kontrolle. Es kam vor daß
beide Funker, die Dienst hatten, gleichzeitig abwesend waren.
oder daß sie einfach ihre Funkzeiten nicht einhielten. Wenn
uns die Funker Richtung Afghanistan verließen, hatten wir sie
mit einem vorbereiteten Funkplan für ein Jahr versorgt, nach
dem sie sich täglich zu einer vorgeschriebenen Zeit melden
sollten. Da wir wußten, daß dies nicht beliebt war, zahlten
wir jedem Funker als Anreiz 1.500 Rupien, um sie zur Durchführung
der Funksprüche anzuhalten. Dies war jedoch nutzlos, nur die
Kommandeure Hekmatyars hielten die Verbindung aufrecht. Wieder
einmal hatte sich eine stark fundamentaiistische Partei als
leistungsfähiger erwiesen, so daß sie, sehr zum Ärger der
CIA, Priorität bekam.
Unsere Bemühungen zur Tarnung der Lager müssen
erfolgreich gewesen sein weil wir niemals einen
Sicherheitszwischenfall hatten. Obwohl der sowjetische
Botschafter in Pakistan soweit ging. Orte, an denen
Ausbildungslager vermutet wurden, bekannt zu geben, kam er
doch niemals näher als 100 Kilometer heran. Sie wurden ein
Teil des diplomatischen Spieles von Verleumdungen. das sich über
Jahre hinweg hinzog, wobei die Sowjets immer Pakistan der
Unterstützung des Jihad beschuldigten, was unsere Regierung
jedoch abstritt.
Jedes Ausbildungslager hatte einen Stab von zwei bis drei
Stabsoffizieren, sechs bis acht Offizieren und zehn bis zwölf
Unteroffizieren, unterstütztvon zehn Soldaten für
administrative Aufgaben. sowie Wachdienste. In den meisten Fällen
fand der Hauptteil der Ausbildung in Paschtun statt, wobei ein
paar Ausbilder Darri (persisch) lernten. Das Sprachproblem
erreichte seinen Höhepunkt, als wir Usbeken zur Ausbildung
bekamen, die keine dieser Sprachen sprachen. In diesem Falle
unterrichtete unser Ausbilder in Paschtun, was dann in Darri
übersetzt wurde, worauf ein weiterer Usbeke in seine eigene
Sprache übersetzte. Es war zwar aufwendig, erfüllte aber
seinen Zweck.
Die Monate vergingen, und unsere Ausbildungsprogramme
weiteten sich aus, um einer wachsenden Vielfalt von Waffen,
als auch der Taktikausbildung, gerecht zu werden. Wir begannen
damit, zweiwöchige Lehrgänge für schwere Waffensysteme wie
Panzerabwehrwaffen, Flugabwehrwaffen und 82 mm Granatwerfer
durchzuführen. Es gab einen Kurs zum Minenlegen und
Minenentschärfen, Sprengkurse zur Zerstörung von Brücken,
Hochspannungsleitungen, Gas- oder Ölpipelines und zur
Zerstorung von Straßen und Wegen. Ausbildungen zum Orts- und
Häuserkampf wurden durchgeführt, Lehrgänge für
Sabotagetechniken zur Anwendung in Kabul oder in anderen Städten;
es gab Ausbildungen für Funker, Ausbildungskurse für A
usbilder der Mudschahedin und Lehrgänge für Kommandeure. Die
meisten von ihnen wurden im Freien abgehalten, die
Mudschahedin wurden dabei in Lagern untergebracht. Als wir von
den Engländern Blowpipes bekamen und später Stinger von den
Amerikanern, waren wir gezwungen, Ausbildungsstätten auch in
feste Gebäude zu verlegen, wo Simulatoren aufgebaut werden
konnten. Dies fand in meinem Hauptquartier, im Lager Ojhri,
statt. Anfangs verfügte General Akhtar, daß keine Besucher
in den Lagern erlaubt wären. Später mußten wir jedoch
aufgrund des großen Drucks der Amerikaner gestatten daß
Vertreter der CIA in die Lager durften. Diese Erlaubnis
bekamen die chinesischen oder saudi- arabischen Besucher oder
amerikanische Kongreßabgeordnete aber nicht. Die einzige
Ausnahme war Senator Humphrey, der 1987 die Stinger-Ausbildungseinrichtung
besuchen durfte.
Wie alle unsere Geschäfte mit den Parteien und
Kommandeuren waren die Ausbildungen alles andere als einfach
durchzuführen. Wir hatten zwei Hauptschwierigkeiten. Erstens
wollte keine Partei zustimmen, daß ihre Mudschahedin mit
Mudschahedin anderer Parteien an einem Ausbildungslehrgang
teilnahmen, sie bestanden darauf, daß ihre Mudschahedin
jeweils separate Lehrgänge hatten. Dies warf Probleme der
Planung und der Verbindung auf und sorgte für unnötige
Verschwendung von Geldmitteln. Kein Appell an die Vernunft
konnte sie zum Ändern ihrer Meinung bewegen, die Situation änderte
sich erst Ende l9X6.
Das zweite Problem wurde niemals gelöst; es bezog sich auf
die Auswahl der Kommandeure, die zur Ausbildung kamen. Die
meisten Parteiführer vertraten den Standpunkt, daß sie
entscheiden sollten, wer zur Ausbildung kam, wobei ich jedoch
wußte, daß ihre Auswahl sich selten mit operativen
Notwendigkeiten deckte. General Akhtar tendierte immer dazu,
die Parteiführer zu unterstützen, wenn sie mit ihm direkt über
ihre Kandidaten für die Ausbildung sprachen. Am Ende der
Argumentation spielten die Führer jeweils ihre Trumpfkarte
aus, indem sie sagten: "Ich übernehme keine
Verantwortung, wenn die Kommandeure, die von euch ausgewählt
werden, ihre Waffen verkaufen oder nicht in der Lage sind, die
Aufgaben, die sie von euch bekommen, durchzuführen." Ich
versuchte dies zu ändern, indem ich niemanden ohne die
Zustimmung der jeweiligen Partei auswählte. Aber dieser Kom-
promiß stimmte sie meist nicht zufrieden, denn sie wurden von
politisch einflußreichen Kommandeuren unter Druck gesetzt, um
Lehrgänge zu bekommen. die zu mehr schweren Waffensystemen führten,
zu größerer Anhängerschaft und folglich zu mehr Macht.
Meine Ressourcen waren nur begrenzt, die Zeit war kurz und ich
wollte Männer ausbilden, die verläßlich waren und deren
Operationsgebiet geeignete Ziele bot. Es war nutzlos, einen
Kommandeur in den Taktiken von Raketenangriffen auf Flughäfen
auszubilden, ihn mit Mehrfachraketenwerfern auszurüsten wenn
sich sein Stützpunkt im Zentrum des Hazarajat befand, wo weit
und breit kein Flughafen war - das aber war es, was einige der
Parteiführer von uns wollten Die Versorgung mit Waffen und
die Ausbildung zu ihrer Benutzung war wirklich ein und
dasselbe. Es war wie die Theorie von Henne und Ei. Sollten wir
sie mit Waffen versorgen und dann ausbilden, oder sollten wir
sie erst ausbilden und ihnen dann die Waffen geben? Es spielte
jedoch keine Rolle, was zuerst kam, wenn der Prozeß die
Gesamtstrategie beschleunigte. Schließlich konnte ich keinem
Kommandeur die Ausbildung verweigern, obwohl einige von ihnen
ohne unser Wissen von ihren Parteien geschickt worden waren.
Sie konnten die Ausbildung durchlaufen, aber ich rüstete sie
nicht mit weitreichenden Waffen oder mit Spezialwaffen aus,
weil ich die persönliche Kontrolle über diese Mittel hatte.
Mitte 1985 hatte ich genug Erfahrung, um emen guten Kommandeur
beim ersten Treffen zu erkennen. Ich fand heraus, daß kluge,
fortschrittliche und gesprächige Mudschahedin selten zuverlässig
waren, wohingegen der verlotterte Kamerad in stinkender
Kleidung gewöhnlicherweisc ein zuverlässiger Führer war.
Dies war keine unfehlhare Methode der Auswahl, aber in neun
von zehn Fällen traf sie zu.
1984 wurden eine Anzahl erfolgreicher Angriffc auf den
Flughafen Bagram durchgeführt, wobei rund 20 Flugzeuge am
Boden zerstört wurden. Die Schilderung eines dieser Angriffe
soll zeigen, wie das System von Taktik und Ausbildung in der
Praxis funktionierte.
Bagram war ein sehr gut geschützter Stützpunkt mit einer
großen Garnison (Karte 10). Primär war es ein sowjetischer
Stützpunkt, in dem sich wenigstcns zwei Luftwaff-enregimenter
der Sowjetunion mit Mig-21, Mig-23, Su-25 sowie An-26
Transportflugzeugen befanden. Zusätzlich hatte die
Afghanische Luftwaffe dort drei Staffeln Mig-21, sowie drei
Jagdbomberstaffeln mit Su-7 und Su-22. Die Flugzeuge die
ungeschützt auf dem Flughafen standen, waren lohnende Ziele,
die wir mit den neu angekommenen chinesischen 107 mm
Mehrfachraketenwerfern auszuschalten versuchten. Die
Feuerkraft (der Mehrfachraketenwerfer hatte zwölf Rohre) und
die Reichweite von neun Kilometern ermöglichte, daß der
Raketenwerfer außerhalb der Verteidigungsstellungen des
Flugfeldes in Stellung gehen konnte, wobei eine gute Chance
bestand, daß die sehr nahe zustammenstehenden Flugzeuge oder
andere wichtige Einrichtungen zerstört wurden. Einige Monate
zuvor war das Flugfeld bereits einmal Ziel eines Angriffes,
als wir versuchten, die Sowjets von ihrer siebten Panjsher
Offensive abzulenken, dies war jedoch das erste Mal, daß wir
in der Lage waren, Angriffe mit weitreichenden Waffen durchzuführen.
Auf unserer Konferenz über zukünftige Einsätze
beschlossen wir daß auf Bagram künftig mehr Druck ausgeübt
werden mußte und daß zu diesem Zwecke Kommandeure ausgewählt
und ausgebildet werden sollten. Außer mit verschiedenen
Parteiführern und Offiziellen sprach ich mit dem Repräsentanten
des Militärkomitees der Nabi-Partei, die eine Basis 15
Kilometer südöstlich von Bagram in der Nahe von Koh-i-Safi
unterhiclt. Wir waren uns einig, daß ein Kommandeur ausgewählt
werden mußte, der 30 Mudschahedin zur Ausbildung bringen
konnte. Em Melder wurde Richtung Koh-i-Safi gesandt. Jetzt mußten
wir fünf Wochen warten, diese Zeit benötigte der Melder. um
sein Ziel zu erreichen, und der Kommandeur. um seine Manner
auszuwählen und nach Peshawar zu kommen. Wenn dies geschehen
war, wurde ich davon in Kenntnis gesetzt und entsandte nun
meinen Stabsoffizier, um erste Gespräche zu führen.
Mein Offizier sollte soviel wie möglich über den Führer
und seine Männer herausfmden Der Kommandeur wurde
fotografiert, seine Parteizugehörigkeit überpruft, der
exakte Ort seines Stützpunktes, die Ausdehmmg seines
Einsatzgebietes, die Stärke
einer kinheit. die bereits vorhandenen schweren Waffen und
bisherige Ausbildung. die bisher durchgeführten Einsaitze;
all dies wurde ausgewertet. Ebenso holten wir Informationen
bei anderen Kommandeuren innerhalb 50 Kilometer Radius um
seinen Stützpunkt ein. Wir fragten, ob er mit den anderen
Kommandeuren zusammenarbeiten wollte. Wir verschafften uns ein
genaues Bild über diesen Kommandcur. mit einer Beurteilung
seincs Potentials. Wir betrachteten dann sein möglichcs
Angriffsziel - Bagram - und erhielten eine befricdigcndc
Antwort. Im Lauf der Jahre cntstand so quasi cinc Bibliothek'
von Informationen über einzelne Personen, meist wußten wir
mehr über die Kommandeure als ihre eigenen Parteiführer.
Der Kommandeur, von dem nun die Rede sein soll,
kommandierte ca. 400 Mudschahedin, die um Koh-i-Safi die
zahlreichen vorhandenen Höhlen nutzten, die ihnen Tarnung und
Schutz bei Bombardierungen boten. Der Stützpunkt wurde von
Bagram durch steil abfallende Berge, die bis zu 2.000 Meter
hoch waren, geschützt. In diesem Beispiel folgte der
Kommandeur den Anweisungen des Melders und brachtc 30 Mann mit.
Oft brachten die Kommandeure doppelt soviel Männer mit, weil
sie dachten, daß uns dies beeindrucken würde. Dies brachte
aber nur Probleme für uns, weil wir meist nicht alle von
ihnen ausbilden konnten. In dieser Nacht wurden die
Mudschahedin an einem Sammelpunkt in Peshawar gesammelt. von
wo sie mit LKWs zum Lager gebracht wurden. Bei ihrer Ankunft
wußten sie nicht. wo sie sich befanden. Sie würden zwei bis
drei Wochen während der Ausbildung vor Ort bleiben und in
derselben Art und Weise zurück nach Pashawar gebracht werden.
Die 30 Mudschahedin wurden intensiv in der Handhabung und
im Schießen mit Mehrfachraketenwerfern ausgebildet. Der
Lehrgang behandelte hauptsächlich praktische Tätigkeiten, es
begann mit Zerlegen und Zusammensetzen, mit der Vorbereitung
der Raketen, dem Schätzen von Entfernungen, dem Festlegen des
Schußwinkels und der Höhe, dem Laden der Waffe und Feuern.
Sie lernten, daß der Mehrfachraketenwerfer ein schweres Gerät
war. Ieider sein Hauptnachteil. Man benötigte drei Mann, um
die drei Hauptbaugruppen (Räder, I.afette und Rohre) zu
transportieren, was jedoch nur über kurze Entfernung möglich
war. Für den Einsatz bei Bagram würden Maultiere
erforderlich sein. Raketenwerferbedienung bestand aus
jeweils drei Männern, einem Richt- und zwei Ladeschützen.
Obwohl der Mehrfachraketenwerfer zwölf Rohre hatte, konnten
die Raketen nicht in einer Salve abgefeuert werden, sondern
nur nacheinander. Weiterhin lernten die Mudschahedin, die Schüsse
zu beurteilen, ob sie zu kurz, rechts, links oder zu weit
lagen. Dazu benutzten sie Ferngläser. Sie mußten dem
Richtschützen Korrekturen zurufen, so daß der die Schußlage
verbessern konnte, sie wurden zu Artilleristen.
Ebenso lernten sie improvisieren. Dic Raketen konnten
elektrisch abgefeuert werden, indem ein improvisiertes
Zweibcin oder eine Richthilfe benutzt wurde. Auf dem
Gefechtsfeld bedeutete dies gewöhnlich, daß die Raketen
einfach auf Felsen gelegt wurden: Obwohl die Chancen, klcinc
7.iele zu treffen, sehr gering waren, war diese Methode jedoch
gegen Kasernen. Flugplätze oder Depots geeignet.
Während sich die Ausbildung seiner Männer um die
Handhabung der Waffe drehte, verbrachte der Kommandeur den Großteil
seiner Zeit damit, mit seinem Ausbildungsoffizier Taktiken zu
diskutieren. Der Kommandeur mußte die Charakteristika des
Mehrfachraketenwerfers kennen. er mußte seine Männer in
Besatzungen aufteilen, eine Beobachtergruppe bilden, er mußte
Stellungen auswählen, aus denen Beobachter und Schützen
arbeiten konnten. Man brachte ihm bei, seine Feuerstellung im
Normalfall während der Dämmerung zu beziehen, in der
Dunkelheit zu feuern und unter dem Schutz der Dunkelheit in
ein vorbereitetes Versteck auszuweichen, falls die Zeit nicht
reichte, sich noch während der Nacht weit genug vom Ort des
Feuerüberfalls abzusetzen. Dieser Ablauf schaltete die
Vorteile der sowjetischen Luftüberlegenheit nahezu aus. Die
Besatzungen flogen während der Nacht nur ungern, auch wenn
sie die Gefechtsfeldbeleuchtung einsetzten, war das Feuer der
Flugzeuge äußerst ungenau.
Beim Nachtschießen lag die Schwierigkeit für die
Bedienungen darin, die Lage der Schüsse zu entdecken,
speziell vom Boden aus. Manchmal war es möglich, einige
Raketen während der Nacht abzufeuern, am nächsten Tag
festzustellen, ob das Ziel getroffen wurde oder nicht, die
notwendigen Korrekturen durchzuführen, um in der nächsten
Nacht wieder zu feuern. Eine genaue Präzision war jedoch bei
Flächenzielen. wie dem Flugplatz Bagram, nicht so
entscheidend.
Die Kommandeure waren oft sehr überrascht, welche Bemühungen
im Bereich der Logistik und des Transportes notwendig waren,
damit sie ihre Waffen und Munition vor Ort bekamen. F.in
Mehrfachraketenwerfer konnte mit seiner Lafette und seinen Rädern
von drei Maultieren getragen werden. Ein weiteres Maultier
wurde für jeweils vier Raketen benötigt. Wenn ein
Feuerauftrag 36 Raketen (was keine ungewöhnlich hohe Zahl
war) beim Einsatz eines Mehrfachraketenwerfers erforderte,
konnte einfache Mathematik ihm sagen, daß er zwölf Maultiere
benötigte. Zusammen mit der Geschützbesatzung, den
Beobachtern, den Nahsicherern und den Maultierführern
erforderte es 20 bis 25 Mann, um nur einen einzigen
Mehrfachraketenwerfer in Stellung zu bringen. Bei dieser
Gelegenheit verbrachten ein Ausbildungsoffizier und der
Kommandeur viele Stunden damit, Fotografien und Karten des
Bereiches um Bagram zu studieren und nach möglichen
Feuerstellungen und Annäherungswegen Ausschau zu halten. Die
Karten machten das taktische Problem klar. Koh-i-Safi liegt 15
Kilometer Luftlinie vom Flugplatz Bagram entfernt, dazwischen
liegt der Höhenrücken Zin Ghar, der die Ebene von Bagram.
die sich nur zwei Kilometer weiter im Nordwesten befindet,
dominiert. Obwohl der Höhenrücken excellente Beobachtungsmöglichkeiten
bot, konnte er mit Maultieren nur an em oder zwei Stellen
westlich von Koh-i-Safi überschritten werden. Der Kommandeur
kannte diese Routen sehr gut und wußte, daß die kürzere
Route um die nördliche Spitze des Höhenzuges durch dichter
besiedeltes Gebiet führte.
Der Mehrfachraketenwerfer mußte in einer Entfernung von
neun Kilometern zum Flugplatz in Stellung gebracht werden, so
daß ein Kreis auf der Karte gezogen wurde, wie es Karte 10
zeigt. Die Feuerstellung mußte sich innerhalb dieses Kreises
befinden. Es wurden auch Kreise mit sieben, fünf und drei
Kilometer Radius gezogen. Das Ziel war es, zwei oder drei mögliche
Feuerstellungen zu finden, Distanzen und Schußwinkel zum Ziel
zu bestimmen und diese Informationen für den Kommandeur zu
notieren. Für meinen Offizier wiesen sowohl die Fotografien
als auch die Karten keine hefriedigenden Stellungen auf. Der
Pfad über den Zin Ghar Höhenzug fuhrte
in den südlichen Teil der offenen Ebene von Bagram, wo es
schien, als sei kein
Schutz vorhanden. Danach verlief der Pfad nach Nordwesten in
Richtung Flugfeld
und der sowjetischen Stellungen. Der Weg wurde wciterhin
von anderen Pfaden und Wegen gekreuzt, was die
Orientierung bei Nacht problematisch machte. Wichtiger war es
Jedoch, daß mangelnder Sichtschutz und Deckung ein
ernsthaftes Sicherheitsproblem darstellten. Während der
Dunkelheit oder im Nebel befanden sich wohl die meisten
Flugzeuge am Boden. Wenn der Angriff kurz vor der Morgendämmerung
durchgeführt werden würde, gäbe es das Problem, daß die
Mudschahedin nicht mehr ausweichen konnten. Also mußte ein
Versteck für den Tag gefunden werden, damit eme volle Nacht für
die letzte Annäherung, den Feuerüberfall und den Rückzug
zur Verfügung stand. Mein Offizier machte klar, daß der
Beschuß von Bagram mit dem Tntt m em Hornissennest
vergleichbar wäre. Die Sowjets würden innerhalb von Minuten
mit ihrer Artillerie und ihren Kampfhubschraubern reagieren
und das Feuer erwidern. Wenn dies geschähe, wären die
Chancen der Mudschahedin ihr Versteck bei Zin Ghar, sechs
Kilometer entfernt, zu erreichen, nahezu gleich null. Besser
war es deshalb, das Risiko der Entdeckung im Tagesversteck auf
sich zu nehmen, falls Reisende oder Hirten vorbeikamen. Der
Kommandeur stimmte zu.
Seine Ortskenntnisse ließen ihn annehmen, daß sich eine
Feuerstellung. die ihm und semen 30 Mann und Maultieren Schutz
bieten würde, in einer der kleinen Schluchten befinden würde,
die sich nördlich des Flusscs, der die Ebene von der Stadt
trennte befand. Es war klar, daß es ein Einsatz werden würde,
der über zwei Nächte dauerte, mit möglicherweise zwei
weiteren Tagen in einem Tagesversteck. einmal auf dem Hinweg
und einmal auf dem Rückweg.
Dies waren die Probleme der Planung und der Taktik, die
zwischen dem Kommandeur und semem Ausbilder diskutiert und
entschieden wurden. Ich hatte keinen Zeitpunkt für die Ausführung
vorgegeben, ich wollte es lieber der Entscheidung des
Kommandeurs überlassen und es ihm somit ermöglichen, genügend
Aufklärungsergebnisse zu sammeln. Kurz vor Ende der
Ausbildung besuchte ich das Lager, um mit dem Kommandeur ein
Gespräch zu führen und um selbst festzustellen, ob er mit
der Misson vertraut war. Er hatte das Flugplatzgelände von
Bagram als primäres Ziel ausgewählt, es war jedoch nicht
seine einzige Aufgabe. Es wurden Ausweichziele von genngerer
Bedeutung festgelegt, die ebenfalls Angriffe auf die Vorposten
des Flugplatzes, die Garnison von Kalakan und bei Mir Bacha
Kot an der SalangAutobahn, enthielten. Anfangs entschied ich
mich dazu, ihm einen Mehrfach-Raketenwerfer mit 200 Raketen zu
geben, davon 50 Rauchraketen. Ich versicherte ihm daß er mehr
Waffen und Munition bekäme. wenn er mit seinem Angriff auf
das Ba gram-Flugfeld Erfolg gehabt hätte.
Der Kommandeur und seine Männer sollten sich sofort in
Richtung Grenze bewegen, es gab jedoch eine zweiwöchige Verzögerung.
in der Nabi die erforderlichen Geldmittel für den Transport
bereitstellen mul3te. Um die 75 Maultiere wurden benötigt, um
die Mehrfach-Raketenwerfer, die Raketen und die weitere
Munition nach Afghanistan zu befördern. Ich kenne die genauen
Kosten nicht, sie müssen jedoch über DM 50.000 gelegen haben.
Als die Männer Koh-i-Safi erreichten, waren zwölf Wochen
vergangen, nachdem ich das erstemal den Melder zu ihnen
geschickt hatte. Es würde weitere drei Wochen dauern, bevor
der Angriffdurchgeführt würde. Vier Monate Planungs- und
Konzeptionszeit fur die Ausführung eines derartigen Einsatzes
war der Durchschnitt bei der |