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"Die geheime
Waffenversorgung der CIA für die Mudschahedin steckt voller
Korruption. Die Verlierer sind die Guerillas, die in
Afghanistan gegen die Sowjets kämpfen, und die amerikanische
Bevölkerung, deren Abgeordnete von der CIA betrogen wurden."
Washington Post, 8. Mai 1987.
Das obige Zitat stammt aus einem Artikel über die
Versorgung der Mudschahedin mit Waffen und Munition. der von
einem Journalisten gcschrieben wurde. der einige Woche in
Pakistan verbrachte und versuchte, die Komplexität eincs
Systems begreifbar zu machen, das sich über die halbe Welt
erstreckte, sechs Länder neben Pakistan und Afghanistan
einbezog und 1987 nahezu 1.75 Millionen DM täglich kostete.
Vielleicht waren Jack Andersons Schlußfolgerungen reine
Vermutungen, in diesem Fall kamen sie jedoch der Realität
sehr nahe. Ich habe bereits im vorherigen Kapitel angesprochen,
daß die CIA viel über ihr verschwenderisches
Versorgungssystem erklären muß. Dennoch waren es nicht die
Versorgungswege der CIA. über die die Waffen für die
Mudschahedin kamen. Sobald die Waffen in Pakistan ankamen,
endete die Verantwortung der CIA. Von da an waren es unsere
Versorgungswege und unsere Organisation war für jede einzelne
Patrone, die die CIA geliefert hatte, verantwortlich. Aber
selbst der ISI gab Waffen und Munition nicht an die
Mudschahedin weiter welche diese in den Gefechten einsetzen
sollten. Das Ietzte Glied der Versorgungslinie nach und in
Afghanistan befand sich in der Hand der sieben Parteien und
deren Kommandeure. Um zu verstehen, wie die Waffen aus weit
entfernten Ländern kamen, ist es wichtig zu wissen, daß der
Waffennachschub in drei Teile geteilt war. Den ersten Teil
verantwortete die CIA, die die Waffen nach Pakistan brachte
und den Transport bezahlte, der zweite Teil befand sich in der
Verantwortung des ISI, der alles übernahm, was nach Pakistan
gebracht wurde, es dort lagerte und den Parteien in der Nähe
von Pcshawar übergab. Den dritten und letzten Abschnitt des
Waffennachschubs verantworteten clie Parteien, die die Waffen
an ihre Kommandeure in Afghanistan verteilten.
Wenn ein Mudschahedin eine Granate in das Rohr seines
Granatwerfers fallen ließ und diese abschoß, war es oftmals
das Ende einer Reise, auf der die Granate wenigstens fünfzehnmal
auf- oder abgeladen wurde, die über tausende von Kilometern
per LKW. Schiff. Zug, wieder LKW und auf dem Rücken von
Tieren geführt hatte, be-
selbst bei Guerillaoperationen, wo die Verbindungslinie so
schwach gewesen ist, bevor irgendein Versorgungsgut oder eine
Granate gegnerisches Territorium erreichte. Ein britischer
General sagte einmal daß für jeden Gedanken, den ein
Kommandeur für die Bekämpfung seines Gegners aufwendet, er möglicherweise
hunderte Gedanken über seine Versorgung aufwenden muß. Ich
schließe mich diesem Kommentar an.
Soweit ich mich erinnern kann, bereitete mir die Logistik
meine größten Kopfschmerzen - die erforderliche Menge an
Versorgungsgütern mußte nach vorne kommen, zur richtigen
Zeit an den richtigen Platz. Alles andere war nur von
untergeordneter Bedeutung. Meine Schwierigkeiten wurden durch
die Tatsache erschwert. daß ich nur das Mittelstück der
Versorgungslinie direkt kontrollierte, die beiden Enden waren
in den Händen anderer (Karte 8). Mit der CIA oder den
Parteien konnte ich nur sprechen, diskutieren oder streiten.
Ich konnte nicht direkt handeln, wenn die Dinge falsch liefen,
und ich konnte nicht meine eigenen Quellen benutzen, um Fehler
zu beheben. Die Aufgabe des Logistikoffiziers war sicherlich
die undankbarste Aufgabe innerhalb meines Büros, wenn nicht
sogar innerhalb des gesamten ISI. Es war seine tägliche
Pflicht, den Fluß der Versorgungsgüter am Laufen zu halten,
sich Gedanken über die Ankunft von Schiffen oder Flugzeugen,
über fehlendes Personal, Verspätungen von Eisenbahnzügen.
unzureichende Fahrzeuge und Fahrzeugpannen zu machen - und über
alledem die Sicherheitsvorkchrungen, damit keine Informationen
über unsere Tätigkeiten an die Öffentlichkeit, an ausländische
Journalisten oder gegnerische Agenten gelangten. Was er
erreichte, war ein kleines Wunder: das System wurde niemals
aufgedeckt und durch Sabotage innerhalb Pakistans unterbrochen.
Im Jahre 1983 gingen zehntausende Tonnen von Waffen und
Munition durch die Waffenpipeline. Im Jahre 1987 stieg dies
bis zu 65.000 Tonnen, die durch die Hände der 200 Beschäftigten
der Ministry of Defence Constabulary (MODC) gingen, die mit
vier Gabelstaplern ausgerüstet waren und sieben Tage die
Woche, Monat für Monat, arbeiteten.
Wir erhielten von der CIA oftmals nur unadäquate und
veraltete Waffensysteme, die wir nicht wollten. Auch ihre
Zeitpläne der Versorgung berücksichtigten nicht unsere
Lagerkapazitäten oder die großen Mengen von Versorgungsgütern.
Unsere Lager waren oft entweder überfüllt oder völlig leer.
Ich forderte wiederholt einen geregelten Fluß der
Versorgungsgüter in den Hafen von Karatschi, der ein oder
zwei Schiffe im Monat nicht übersteigen sollte, denn diese
Menge konnten wir bewältigen. Dies sollte uns davor schützen,
daß unsere Lager überfüllt oder zu anderen Zeiten nahezu
leer waren. Möglicherweise verlangte ich Unmögliches, weil
oftmals drei oder sogar vier Schiffe innerhalb eines Monats
ankamen, während es danach lange Perioden gab, in denen kein
Schiff ankam.
Ein kleiner Teil der Waffen kam per Luttfracht nach
Rawalpindi (Luftwaffenstützpunkt Chaklala). 1986 führte dies
zu steigenden Meinungsverschiedenheiten zwischen dem ISI und
der pakistanischen Luftwaffe (PAF). Der Grund dafür schien in
Saudi-Arabien zu liegen, wo der CIA Versorgungsgüter auf der
Luftwaffenbasis Dhahran lagerte, um sie mit saudi-arabischen
Flugzeugen weiterzutransportieren oder durch die PAF abholen
zu lassen. Aus ungeklärten Gründen gab es bei diesen Flügen
immer Pannen. Die CIA stellte die Verbindung sicher. doch
sogar wenn sie cinen ihrer Agenten auf den saudi-arabischen
Flughäfen hatten, wurde es unseren Flugzeugen nicht erlaubt,
nach ihrem Flugplan zu landen oder ihnen wurde die
Landeerlaubnis verweigert. Wenn saudi-arabische Flugzeugc nach
Pakistan flogen, kamen sie nicht zum vorbestimmten Zeitpunkt
an oder ohnc Vorwarnung, was die pakistanische Luftwaffe zu
unnötigen Alarmstarts zwang. Nach nahezu zwci Jahren konnte
ich dieses System stoppen. Es wurden nur noch Flugzeuge der US
Air Force benutzt, unsere Beziehungen zur pakistanischen
L.uftwaffe hatten jedoch tiefen Schaden erlitten.
Wenn die Watten pakistanischen Boden erreicht hatten,
wurden sie von uns Wenn die Watten pakistanischen Boden
erreicht hatten, wurden sie von uns ubernommen. Ich sollte
dazu vielleicht erklären, daß dieses Versorgungssystem
aufgcbaut wurde, hevor ich zum ISI versetzt wurde und daß die
notwendige Sicherheit unserer Arbeit durch das Kriegsrecht
erleichtert wurde. Das Militär hatte die komplette Kontrolle,
es hatte die Vorschriften festgelegt und führte sie auch aus.
Der normale Dienstbetrieb mit den üblichen Formularen war
entfallen. Als später die Größe des Versorgungssystems
enorm zunahm, wurde nichts schriftlich festgehalten. Behördenvertreter
oder die Regierung, die die Dinge am Laufen hielten, wurden
nur mündlich über ihre Aufgaben informiert. Wenn sie zu
neugierig wurden, erzählte man ihnen, daß sie an der recht
bekannten, jedoch 'geheimen' Arbeit an einer Atombombe
beteiligt waren. Dies reichte normalerweise zur Kooperation
aus.
In Karatschi bekamen die Hafenbehörden ihre Leistungen in
Bargeld ausbezahlt, und die Schiffsladungen wurden als
Verteidigungsgüter deklariert. Das Zollamt wurde nicht mit
einbezogen. Güter aus einem Schiff wurden auf zehn bis
zwanzig Güterwagen verladen und dann per Eisenbahn in das
Depot Ojhri oder zum kleineren Teil nach Quctta gebracht. Die
Waggons wurden durch bewaffnete MODC-Eskorten begleitet. Diese
Eisenbahntransporte waren tägliche Routine. Zehn Waggons
nahmen gewöhnlich ungefähr 200 Tonnen Fracht auf, obwohl ich
bis zu 400 Tonnen verladen lassen konnte. Wenn mehrere Schiffe
in kurzem Abstand aufeinander ankamen, brach das System
zusammen, wobei sich Waffen auf den Kais stapelten und meine Männer
diesc bewachen mußten, während mein Stab versuchte, mehr
Waggons von der Eisenbahn-Verwaltung zu bekommen
In Rawalpindi verfügten wir über einen Pool von ungefähr
200 Fahrzeugen, meistens Fünf- oder Zehn-Tonnen-LKWs mit
falschen oder ständig wechselnden Nummernschildern, mit denen
wir die Waffen in Richtung Afghanistan brachten. Alle
Versorgungsgüter mußten vom Bahnhof ins Depot gebracht
werden, wo sie überprüft und gelagert wurden. Alles wurde
aufgelistet, damit täglich aktuelle Informationen verfügbar
waren. Ich hatte die nötigen Informationen jeden Morgen auf
meinem Tisch.
Als nächstes gingen wir daran, die großen
Verpackungseinheiten aufzuteilen und die Waffen und Munition
den einzelnen Parteien in Peshawar zuzuweisen. Die Verteilung
verlief nach Regeln, die ich später beschreiben werde. Waffen
und Munition sind in einem Depot nutzlos, sie mußten in die Hände
der Mudschahedin gelangen, und ich machte es zu unscrer
wichtigsten Aufgabe, den Fluß der Waffen nach Afghanistan
aufrechtzuerhalten. Ich bevorzugte eher ein nahezu leeres
Depot als ein volles - ein leeres war ein weniger lohnendes
Ziel für einen Saboteur, dem der Standort bekannt war; ebenso
war im Falle eines Unglücks oder Feuers der Schaden nur
begrenzt. Wir saßen trotz alledem in der Nähe dicht
besiedelter Gebiete auf einem riesigen Pulverfaß. Etwa 80
Prozent aller Waffen undMunition, die in Afghanistan benutzt
wurden, liefen durch das Depot in Ojhri. Ich glaube aber immer
noch, daß unser Geheimnis gcwahrt wurde. Trotz des täglichen
Volumens und des Vcrkehrs mit Fahrzeugen und Versorgungsgütern
von und zum Depot gab es während meiner Zeit beim ISI niemals
einen Zwischenfall, an dem zu erkennen gewesen wäre. daß die
Sicherheitsvorkehrungen mißachtet wurden.
Jeden Tag zwischen fünf Uhr morgens und zwÖlf Uhr mittags
verließ ein Konvoi das Lager in Richtung Peschawar. Dies war
eine Fahrt von 150 Kilometern, die bis zum Abend durchgeführt
werden mußte. so daß kein LKW Rawalpindi später als 12.00
Uhr verlassen durftc. An jedem Nachmittag kamen leere 1 KWs
vom vorangegangenen Tag zurück.
Die Bezeichnung Konvoi ist hierbei jedoch irreführend hier
folgten nicht 50 bis 60 LKWs in einer langen Kolonne. Es
fuhren immer zwei oder drei Fahrzeuge in Fünfoder
Zehn-Minuten-lntervallen los. Sie verschmolzen mit dem zivilen
Verkehr. Der mit einer Schrotflinte ausgerüstete Beifahrer
hielt diese verdeckt. Einmal, als ich mit dem CIA-Stationschef
aus Peshawar zurückkehrte, forderte ich ihn auf, nach unseren
Fahrzeugen Ausschau zu halten. Er konnte keines entdecken.
Unsere Hauptsorge waren Verkehrsunfälle. Ein Offizier
befand sich jeweils im führenden LKW und ein weiterer am Ende
des Konvois. Wir fügten dem Konvoi ein oder zwei leere
Fahrzeuge für den Fall eines Verkehrsunfalls bei. General
Akhtar wollte unsere Vorbereitungen wegen möglicher Unfälle
nicht gelten lassen, obwohl er um die Schwierigkeiten wußte
und auch, daß die Statistiken Unfälle unvermeidbar machen würden.
Er beharrte jedoch hartnäckig darauf, daß dies nicht geschah,
und so war ich gezwungen, die Zahl der Offiziere, die Dienst
im Konvoi hatten, zum Nachteil von Ausbildung und Einsätzen
zu vergrößern.
In Peshawar übernahmen die Parteien die Ladung, während
die Fahrer dort übernachteten. Die LKWs wurden in den Depots
entladen, bevor sie am nächsten Tag zurückfuhren. Dieses
System wurde beim größten Teil der Waffen und Munition
angewandt. Es gab einige wenige Ausnahmen. Diese Ausnahmen
waren unter anderem Raketenwerfer und Boden-Luft-Raketen,
Waffen die sehr rar waren und die speziell in kritischen
Operationsgebieten, wie Kabul. um die Luftwaffenstützpunkte
oder entlang der Salang-Autobahn benötigt wurden. Jeder
wollte Hubschrauber abschießen oder Raketenangriffe zehn
Kilometer vom Ziel entfernt durchführen, weil dies das
Prestige eines Kommandeurs erhöhte. Die Ziele mußten mit der
Gesamtstrategie der Guerillas übereinstimmen. Ich verfügte,
daß diese Waffen den Kommandeuren direkt übergeben werden mußten,
jedoch mußten die Parteien darüber informiert werden.
Dasselbe galt für spezielle Einsätze, wie z.B. das Versenken
von Lastkähnen auf dem Amu. wobei Haftminen eingesetzt wurden,
oder koordinierte Großangriffe auf eine gegnerische Garnison.
Auch in diesen Fällen wurden die Waffen direkt den
Kommandeuren, die die Einsätze ausführten, übergeben,
wiederum mit Wissen der Parteien.
Es wurde ebenfalls Kritik laut, weil der ISI Waffen der
Pakistanischen Armee übergab. Diese Behauptungen waren
korrekt, weil rund 200 Maschinengewehre im Kaliber 14,5 mm,
Panzerfäuste RPG-7 und SA-7 der Pakistanischen Armee übergeben
wurden, um diese im Falle der Eskalation an der Westgrenze
nach Afghanistan verfügbar zu haben, falls die Sowjetischen
und Afghanischen Streitkräfte weiterhin Ubergriffe nach
Pakistan durchführten. Ich kann deshalb mit absoluter
Sicherheit sagen, daß keine weiteren Waffen in andere Kanäle
flossen. Es war ungeschickt von uns, nicht die CIA darüber
informiert zu haben; ich bin mir jedoch sicher, daß diese
nicht widersprochen hätte. Es gab viele Unstimmigkeiten und
Meinungsverschiedenheiten, die die Beziehungen von ISI und CIA
unnötigerweise störten. Vielleicht noch schädlicher war die
niemals endende Streitfrage mit der CIA über die Verteilung
von Waffen und Munition in Pakistan.
Während der acht Jahre, in denen General Akhtar
Generaldirektor des ISI war, war es seine Politik, daß der
ISI entschied, wer welche und wie viele Waffen bekommt. Dies
bedeutete, daß nach Bildung der Allianz die Zuteilung der
Waffen für jede Partemn unserer Verantwortung lag. Niemand außerhalb
des ISI, selbst Präsident Zia mcht, hatte Kontrolle oder
Einfluß über die Zuteilung von Waffen, Munition oder anderen
Versorgungsgütern aus unseren Depots in Rawalpindi und Quetta.
Nicht nur von der CIA kam hierzu Kritik, sondern auch vom
amerikanischen Botschafter dem US-Kongreß, ausländischen
Journalisten, Generälen der Pakistanischen Armee sowie den
Parteien selbst. Sie alle glaubten, es besser zu wissen. Sie
alle hatten ihre eigenen, persönlichen und politischen
Motive, so nahmen sie jede Möglichkeit wahr, Druck auf den
ISI auszuüben, um mehr Waffen zu bekommen. Parteien und
Kommandeure forderten routinemäßig mehr größere und
bessere Waffen, während uns die Amerikaner vorwarfen, daß
wir die fundamentalistischen Parteien, speziell die Partei
Hekmatyars, bevorzugten. Es war eine niemals endende Quelle
von internen Reibereien, Machtkämpfen und Frustrationen.
Die Amerikaner wollten, weil sie die Hälfte der Waffen
bezahlten, bestimmen, wer die Waffen während des Krieges
benutzen durfte und als die Sowjets über den Rückzug zu
verhandeln begannen,zeigten sich die amerikanischen
offiziellen Vertreter immer besorgter darüber, daß die nächste
Regierung in Kabul aus islamischen Fundamentalisten bestehen könnte,
mit Hekmatyar als neuem Khomeini. Diese Angst führte möglicherweise
zu der Politik der Amerikaner, die Unterstützung für die
Mudschahedin zu reduzieren, um einen Sieg der Mudschahedin zu
verhindern. Während meiner Dienstzeit manifestierte sich
jedoch. daß sie bei der Verteilung der Waffen ein
Mitbestimmungsrecht haben wollten.
Mein Auftrag war der Aufbau militärischen Drucks innerhalb
Afghanistans, um die Sowjets aus dem Land zu vertreiben. Ich
war Soldat und wollte auf dem Gefechtsfeld gewinnen. Aus
dieser Motivation heraus entschied ich wer die Mittel zum Sieg
- die Waffen und Munition - auf der Basis der größtmöglichen
Erfolgsaussicht im Kampf bekommen sollte. Ich mußte einen
Feldzug führen und Einsätze becinflussen ohne jedoch die Möglichkeit
zu haben, Befehle an Untergeordnete zu geben und den Rückhalt
militärischer Infrastruktur zu haben. Ich mußte Angriffe auf
strategische Ziele koordinieren und in einem Operationsgebiet
von 390.000 km2 die Initiative des Handelns hewahren, einem
Gebiet, in dem im allgemeinen die Lasten noch durch Tiere
transportiert wurden und das Nachrichtensystem überwiegend
aus Boten bestand und sich seit den Tagen Alexanders nicht
wesentlich geändert hatte. Konzentration und Kooperation sind
zwei unveränderliche Prinzipien des Krieges. Der Erfolg einer
Schlacht hängt oftmals davon ab, daß beide simultan zur
richtigen Zeit und am richtigen Ort greifen. Ich konnte die
Parteien und Kommandeure nur dann in die von mir gewünschte
Richtung lenken, wenn ich die Zuteilung oder Vorenthaltung von
Versorgungsgütern und Ausbildung beeinflußte.
Wie ich schon vorher anmerkte, waren Waffen immer ein
wichtiger Teil im Leben eines Afghanen. Je moderner das Gewehr
eines Mannes war, desto höher war sein Ansehen. Für die
Mudschahedin war der Besitz von schweren Waffen und Unmengen
von Munition ein Ziel, für das sie sogar Flexibilität
zeigten. Dafür hörten sie sogar zu und befolgten sogar
meine Instruktionen Die Zusage, daß sie
bei Durchführung eines bestimmten Einsatzes zusätzliche
Waffen oder mehr Raketen erhalten würden oder daß ein
erfolgreicher Einsatz einer Operation zu mehr Versorgungsgütern
führen würde, war manchmal der einzige Weg, sie zur
Kooperation zu bewegen. Ich mußte dem Hasen eine Mohrrübe
geben, hätte der ISI Waffen und Munition nach eigener Einschätzung
zuteilen durfen, wäre meine Aufgabe hoffnungslos und undurchführbar
gewesen.
80 Prozent aller Waffen und Munition wurden den Parteien
zur weiteren Verteilung gegeben. Die Kommandeure mußten zu
einer Partei gehören, um Waffen zu bekommen. Die einzige
Ausnahme war, wenn sie zur Ausbildung spezieller Einsätze
kamen, und auch diese kamen aus der Zuteilung ihrer Partei.
Die Amerikaner bevorzugten es, die Waffen den Kommandeuren
direkt zu geben. Dies war das System, bevor ich meine Arbeit
übernahm, als die Versorgung noch sehr trickreich war, bevor
sich der Quetta-Zwischenfall ereignete und vor Bildung der
Allianz. Mitte der 80er Jahre war eine derartige Politik nicht
durchführbar. Es war schwierig genug, Resultate zu bekommen,
wenn man versuchte, die sieben Parteien zu koordinieren. Der
Versuch, einen direkten Kontakt zu einem von Hunderten
rivalisierender Kommandeure zu bekommen, von denen jeder auf
die Vergrößerung seines eigenen Rufes bedacht war, hätte
Chaos bedeutet.
Alle drei Monate fand eine Besprechung über künftige
Operationen zwischen General Akhtar, meinen Stabsoffizieren
und mir statt. Ein Hauptthema dieser Diskussionen war immer
die Waffenverteilung und jegliche Modifikation, die nötig
war, um die bestehenden Arrangements aufrecht zu erhalten.
Weil dies ein kritischer und kontroverser Punkt war,
verbrachte ich viele Stunden vor der Konferenz damit, die
Probleme mit meinem Stab zu besprechen. Ich brauchte ihre
Meinungen, bevor ich dem General irgendwelche Empfehlungen
vorlegte. Zeitweise verursachten derartige Fragen lange
Debatten auf der Konferenz, und obwohl die letzte Entscheidung
bei Akhtar lag, lehntc er nur selten unsere Empfehlungen ab. Für
Planungszwecke arbeiteten wir mit einer groben prozentualen
Verteilung für jede Partei. Diese war nicht permanent
festgesetzt. Sie variierten leicht aus operativen Gründen und
manchmal wurden sie reduziert, wenn es so aussah, als ob eine
Partei nicht den vollen Einsatz im Feld zeigte. Diese
Reduzierung erfolgte in der Regel allmählich und es folgte
eine verbale Verwarnung des Parteiführers.
Die Kriterien, nach denen wir unsere über den Daumen geschätzen
Prozentregelungen durchführten, bezogen sich auf die
Leistungen auf dem Gefechtsfeld. Die Größe einer Partei
spielte dabei keine Rolle. Zum Beispiel war die Partei
Khalis vergleichsweise klein im Gegensatz zu der großen
Partei Mujaddadi's, jedoch war ihre Effektivität im Gefecht höher.
Der genaue Standort der Kommandeure jeder Partei Afghanistans
war ebenfalls ein wichtiges Kriterium. Der größte Teil kämpfte
nicht außerhalb ihres eigenen Bereiches, oft nicht einmal außerhalb
ihres Tales und so war es nutzlos, einem Kommandeur Waffen
zukommen zu lassen, der fernab von strategischen Zielen seinen
Stützpunkt hatte. Jede Partei, die Stützpunkte rund um Kabul
hatte, erhielt einen höheren Prozentsatz bei der Verteilung
der Waffen, weil diese in der Regel gegen empfindliche Punkte
wie Flughäfen oder Hauptverbindungslinien operierten. Hierbei
spielte wiederum nicht die Anzahl der Mudschahedin eine Kolle,
sondern die Zahl der erfolgreichen Angriffe in dem Gebiet.
Diese überprüfen zu
können, verdankte ich der Funküberwachung, die mich oft
mit Bestätigungen über jene Aktivitäten, die Kommandeure
und Parteien für sich geltend machten versorgte. Gleichzeitig
benutzten wir die Satellitenfotos der CIA, um diese Berichte
zu uberprüfen. Meine Offiziere und ich hatten sehr wohl Verständnis
dafür, daß die Mudschahedin versuchten, in ihren Berichten
zu übertreiben. Durch sehr sorgfältige Informationssammlung,
durch die wöchentlichen Berichte der CIA und Mi-6 sowie
Befragung einzelner Mudschahedin versuchten wir herauszufinden,
wer wirklich kämpfte bzw. wer nicht kämpfte.
Weiterhin befaßten wir uns damit, ob die Parteien
Kontrolle über dubiose Geschäfte wie z.B. den illegalen
Waffenverkauf hattcn. Einer meiner Offiziere war den ganzen
Tag damit beschäftigt, diesbezüglich Informationen zu
beschaffen. Wenn eine Partei nicht in der Lage war, ihre
Kommandeure in diesem Punkt unter Kontrolle zu halten, wurde
die Waffenlicferung gekürzt. Dennoch sollte ich meine Mißbilligung
dem Waffenverkauf durch die Mudjahedin gegenüber abschwächen,
da ich glaube, daß es moghcherweise keinen Kommandeur in
Afghanistan gab, der nicht irgendwann cinmal Waffen verkauft
oder getauscht hat. Solange dics in Afghanistan zwischen den
einzelnen Mudschahedin geschah, um Waffen für den Jihad zu
bekommen, störte es uns mcht. Manchmal war es der einzige Weg,
Lebensmitteln zu bekommen einen Verletzten zu evakuieren oder
um dringend benötigte Munition zu beschaffen. Wenn die Waffen
jedoch in Pakistan verkauft wurden und dazu dienten, dic
Kommandeure persönlich zu bereichern oder ihnen einen
besseren Komfort zu verschaffen, war dies ein sehr ernster
Fall für uns. Mehrere Parteiführer, speziell bei dcn gemaßigten
Parteien, gingen in diesem Punkt sehr lax mit ihren
Kommandeuren um. Em Grund dafür war der permanente Geldmangel.
Diese Parteien hattcn cin ständiges Stabspersonal, meist im
Westen ausgebildete Männer, die nicht mit den mageren 175 DM
monatlich zufrieden warcn, dic von den Fundamentalisten
gezahlt wurden. Sic forderten zusätzlich zur freien
Unterbringung die dreifache Summe monatlich. die sie auch
bekamen. Deshalb tendierten sie ständig dazu. die ihnen
ausgehändigten Waffen zu verkaufen, mit dem Gewinn den
Geldmangel auszugleichen.
Der letzte Faktor, den wir in Betracht zogen war die
generelle Effektivität ciner Partei, sowie ihr eigenes
Logistiksystem welchcs ich spätcr beschreibc. Ein sicherer
Weg, um die Kompetenz einer Partci in diesem Punkt zu
beurteilen, war ein regelmäßiger Besuch ihrer Depots. Wenn
meine Of fiziere mir berichteten, daß ein Depot oft
monatelang voll war, bedeutete dies, daß eine Partei den
Krieg nicht sehr enthusiastisch führte und daß für sie eine
zusätzliche Waffenlieferung nicht in Frage kam. Die Partei
Nabi's traf dieser Vorwurf hauptsächlich. Nabi und seine
Vertreter schienen nicht in der Lage zu sein, ihre Effektivität
zu verbessern, obwohl sie ein großes Potential hatten, einige
gute Kommandeure, eine große Anzahl von Mudschahedin und
einen früheren afghanischen General. Ein starker Kontrast
dazu war die Partei von Sayaf, deren Depots immer nur minimale
Beständc hatten, obwohl ich hinzufügen muß, daß die Partei
noch den einzigartigen Vorteil einer sehr generösen zusätzlichen
Finanzhilfe direkt von reichen arabischen Unterstützern hatte.
1987 sahen die groben Prozentverteilungen für die Parteien
wie folgt aus: Hekmatyar 18 - 20 %, Rabbani 18 - l9 %, Sayaf
17-18 %, Khalis 13 -15 %, Nabi 13 -15 %
Glailani 10-11 % und am Ende Mujaddadi mit
3--5%. Sehr zum Ärger der CIA
hatten die fundamentalistischen Parteien cinen Anteil von 67 -
73 % an den Lieferungen, aber durch dic strikte Anwendung von
militärischen Kriterien mußte ich so handeln. Die Kritiker
meines Systems fügten politische Betrachtungen und Neigungen
an, die ich als Soldat jedoch glücklicherweise ignorieren
konnte.
Ich wünschte, daß man die Gesamtkosten für eine Waffe
oder eine Patrone vom Verkäufer bis zum Benutzer kalkuliert hätte;
es wäre mit Sicherheit eine verblüffende Statistik gewesen.
Der Preis des Herstellers, die Verschiffungskosten, der
Transport mit Bahn und LKW nach Peshawar, der Transport über
die Grenze tief nach Afghanistan, das alles mulitiplizierte
den Kaufpreis um ein Vielfaches. Der teuerste Teil der Reise
war möglicherweise der letzte Abschnitt des Versorgungsweges
von den Parteien zu den Mudschahedin, die die Waffen
einsetzten. In einigen Fällen, wo die Versorgungsgüter nach
Kabul oder in die ostwärtigen Provinzen gingen, war es der kürzeste
Teil der Reise. In diesem Fall waren die Kosten noch zu
vertreten, jedoch stiegen die Preise für den Transport der
Waffen in die kritischen nördlichen Provinzen, was 1986 fast
in Wucher ausartete. Zu dieser Zeit konnte man mit 25 bis 35
DM pro Kilogramm Fracht rechnen. Dies bedeutete, daß die
Kosten um z.B. einen Granatwerfer von der pakistanischen
Grenze nach Mazar-i-Sharif zu bringen bei nahezu 2.000 DM
lagen, während die einzelne Granate um die 100 DM
Transportkosten verschlang. Dadurch ist es kaum verwunderlich,
daß der monatliche Aufwand für den Transport durch die
Parteien nahezu 2,2 Millionen DM erforderte.
Die CIA überwies das Geld auf ein Bankkonto, das der ISI
kontrollierte. Von diesem Geld mußten die Büros der Partei
bezahlt werden, der Aufbau und die Wartung der Depots. der
Kauf von Bekleidung und Verpflegung, der Lebensunterhalt für
die Parteiführer, die Zahlungen für die Mitarbeiter der
Partei, sowie der Transport. Das letztere schloß den Ankauf
von Fahrzeugen, jedoch nicht den Kauf von Maultieren aus China
(später aus Argentinien) ein, denn dafür zahlte die CIA
selbst. Normalerweise hatte jede Partei den ihr zugewiesenen
Geldantcil dieses Fonds innerhalb von zehn bis zwölf Tagen
verbraucht. Ohne Geld bewegten sich jedoch die Versorgungsgüter
nicht. was bedeutete. daß die Depots der Parteien in Peshawar
oder Quetta gefüllt blieben. Ich kann mich noch sehr gut
daran erinnern ? wie entsetzt ich war, als ich das erste Mal
die Lagerhäuser in Peshawar besuchte, die zu diesem Zeitpunkt
normale Wohnhäuser mitten in der Stadt waren. Es gab keine
ordentlichen oder sachgemäßen Eagerungsmöglichkeiten oder
Sicherheitsmaßnahmen. Die Lager wurden in unmilitärischer
Art und Weise geführt. In einem Lagerhaus saß der `Verwalter`
auf einer umgedrehten Panzerabwehrmine und bereitete sich sein
Mittagessen über einem offenen Feuer zu. Derartige Dinge
verbesserten sich nur geringfügig. Irgendwie schaffte ich es
jedoch, die erforderlichen Geldmittel zu bekommen, um alle
sieben Lagerhäuser mehrere Kilometer aus der Stadt heraus zu
verlegen. Gegen den Geldmangel konnte ich
jedoch fast nichts ausrichten.
Einzelne Parteien und Kommandeure hatten noch andere
Geldquellen. T3is Ende 1984 wurden von den Kommandeuren in
ihren Tälern in Afghanistan örtliche Steuern erhoben.
Nachdem jedoch die Sowjets die Dörfer beschossen, die Bewässerungssysteme
zerstörten, die Ernten verbrannten und die Uberlebenden in Flüchtlingslager
verschleppten, wurde es unmöglich diese Steuern
einzutreiben. Erbeutete Waffen wurden verkauft
oder zum Tausch benutzt. Einem
islamischen Gesetz zu
folge muß Kriegsbeute SO geteilt werden, daß der Staat
(die Partei) ein Fünftel erhält. Ich kenne Mudschahedin, die
es oft einfacher fanden, Waffen od;er Munition von den Sowjets
oder Afghanen zu kaufen. Ich kann mich dafür verbürgen, daß
dies im kleinen Rahmen an verschiedenen Stellen geschah.
Es war zum größten Teil das arabische Geld, das das
System rettete. Ich meine dabei das Geld von reichen Arabern
oder privaten Organisationen der Arabischen Welt, nicht die
Geldmittel der saudi-arabischen Regierung. Ohne diese extra
Millionen waren die Waffen, die die Mudschahedin zur Verfügung
bekommen hätten? nur ein Tropfen auf den heißen Stein
gewesen. Ein Problem war es, daß das Geld nur den vier
fundamentahstischen Parteien zugute kam, nicht jedoch den gemäßigten
Parteien. Sayaf z.B. hatte viele persönliche religiöse und
akademische Kontakte in Saudi-Arabien, so daß seine Konten üblicherweise
gut gefüllt waren. Dies bedeutete daß die gemäßigten
Parteien weniger effizient waren, und fehlende Geldmittel
waren der Grund, daß sie es nicht schafften, die Leistungen
der fundamentalistischen Parteien im operativen Bereich zu
erreichen. Ihre Einnahmen waren geringer, ihre administrativen
und bürokratischen Ausgaben jedoch höher. Dadurch war es für
sie schwer, unsere Kriterien für die Zuteilung von Waffen zu
erfüllen
Nachdem meine Fahrzeuge die Waffen und Munition in den
Depot.s der Parteien abgehefert hatten, waren diese für die
weitere Lieferung zu den Mudschahedin verantwortlich. Dies
galt nicht für spezielle Waffentypen oder für Waffen. die für
spezielle Emsatze vorgesehen waren. Wenn einige Kommandeure
ihre Versorungsgüter nicht bekamen oder sie meinten. zu knapp
bedacht worden zu sein, konnte ich nur wenig dagegen tun. Jede
Partei hatte ihre eigene Methode der Zuweisung. Manchmal
geschah dies auf cmer festen Prozentbasis - ein hoffnungslos
ineffektives System, weil die Mudschahedin ruhigen Gebieten
dieselbe Anzahl Waffen bekamen wie die Mudschahedin in deren
Gebieten heftig gekämpft wurde. Manchmal wurden die
Versorgungsgüter einem einzigen Provinzkommandeur zur
weiteren Verteilung uberlassen, m anderen Fällen waren es
mehrere Kommandeure, die die Waffen unter ihren
untergeordneten Kommandeuren aufteilten
Wie transportierten die Parteien ihre Versorgungsguter?
Dies war eine der kompliziertesten und zeitintensivsten
Operationcn des Krieges. LKWs und Traktoren Karren und Kamele,
Maultiere und Pferde, sie alle spielten. genau wie die Rücken
der Mudschahedin selber, eine Rolle.
Die großen Parteien verfügten über 300 Fahrzeuge aller
Typen. Es handelte sich hierbei um zivile LKWs, die sehr gut
mit dem grenzüberschreitenden Verkehr verschmolzen. Weiter
waren afghanische Fahrzeuge in Kabul gekauft worden, die für
lange Transporte auf Straßen benutzt wurden Es gab hier weit
mehr Fahrzeuge
als dem ISI zur Verfügung standen, weil diese Fahrzeuge
oftmals Transporte über mehrere Tage durchführten, ohne die
Möglichkeit zu haben, am nächsten Tag leer zur-ückzukehren.
Es war möglich, daß ein LKW aus dem LKW-Pool ciner Partei für
mehrere Wochen abwesend war. Weiterhin war es denkbar, daß
Fahrten über 1.000 Kilometer die nördlichen oder westlichen
Provinzen durchgeführt wurden, wohingegen bei anderen
Gelegenheiten nur Tiere benutzt werden konnten.
Innerhalb Afghanistans wurden oftmals Geschäfte mit den örtlichen
afghanischen Kommandeuren gemacht, um die Transportmittel der
Afghanischen Armee nutzen zu können. Dies war eine der
Eigenarten des Krieges, daß die Mudschahedin ihre Waffen und
Munition auf LKWs ihres Gegners geliefert bekamen. Dics
geschah jedoch weitaus öfter bei Sabotageoperationen in Kabul
oder anderen wichtigen Städten. wobei Fahrzeuge des KHAD
genau wie militärische Fahrzeuge benutzt wurden.
Mit Hilfe von LKWs bewegten die Parteien ihre Fracht nach
vorne zur Grenze. An der Grenze gab es rund 55 Stützpunkte,
die noch alle innerhalb Pakistans und zumeist in der Nähe der
Grenzübergänge bei Parachinar und Chaman im Nordwesten von
Quetta befanden. Um diese Punkte zu erreichen, mußten die
Fahrzeuge die Nordwestprovinz, Belutschistan oder die
Stammesgebiete passieren (Karte 2). In diesen Gebieten führten
normalerweise die Pakistanische Armee, der Grenzschutz und die
Polizei Uberprüfungen durch. Der Verkehr wurde kontrolliert,
überprüft und die Fahrzeuge durchsucht. Um diesen Prozeß zu
beschleunigen, versah der ISI alle LKWs mit einem
Passierschein der alle Details des Fahrzeuges angab, jedoch
nicht die der Ladung. Den Kontrollpunkten auf den Strecken
wurden Listen übergeben mit den Nummern der LKWs, die schnell
passieren konnten. Diese Fahrzeuge waren dann vor
Durchsuchungen geschützt, was sich jedoch nur auf die Fahrt
in Richtung Afghanistan beschränkte. Dies war eine
Vorsichtsmaßnahme, um den Schmuggel von Drogen oder Waffen
nach Pakistan zu verhindern. Die meiste Zeit arbeitete das
System gut, es war jedoch weit entfernt davon, perfekt zu sein.
Es gab Zeiten, in denen den Kontrollposten der Polizei Geld
zugesteckt wurde, um Verzögerungen zu vermeiden. Wurde
bezahlt, wurde die Schranke sofort geöffnet, wurde die
Bezahlung verweigert, gab es alle möglichen Arten von
E;ntschuldigungen und Telcfonanrufe zu nicht anwesenden oder
nicht existierenden Vorgesetzten, was dazu führcn konnte, daß
Fahrzeuge für Stunden festgehalten wurden.
Wegen dieser Eigenart machte ich eine sehr amüsante
Erfahrung, als ich den Kongreßabgeordneten Wilson zur Grenze
brachte, bevor sein Geheimbesuch in Afghanistan stattfand. Ich
hattc einen Offizier vorausgeschickt, um bei allen
Polizeikontrollposten sicherzustellen, daß die Abfertigung
unseres Fahrzeuges nicht verzögert wurde. Am ersten
Kontrollposten verweigerte uns ein Beamter in Zivil ohne
Uberprüfung die Durchfahrt. Ich zeigte ihm meinen
Truppenausweis, den er jedoch überprüfen wollte. Er
versuchte, telefonisch seine Vorgesetzten zu erreichen, diese
waren jedoch nicht erreichbar, was für uns eine weitere
Wartezeit bedeutete. Nach 15 Minuten explodierte ich. Ich
sagte dem Polizisten, wenn er nicht die Schranke öffnete, würde
ich meinen drei Begleitern, die mit AK-47 Gewehren bewaffnet
waren, befehlen, ihre Magazine zu leeren. Diese luden ihre
Waffen durch, und sofort wurde die Schranke geöffnet. Später
teilte ich dem Offizier, der uns den Weg ebnen sollte, mit, daß
ich von seiner Arbeit nicht sehr begeistert war. Auf unserer Rückfahrt
saß dieser Offizier im zweiten Fahrzeug. Er gab an dem
betreffenden Kontrollpunkt seinen Männern den Befehl, den
unliebsamen Polizisten in Zivil mit Waffengewalt
herauszubringen. Unter Protesten wurde dieser gefesselt und in
das Fahrzeug gestoßen. Ich bin mir sicher. daß er dachte,
sein Ende sei nahe. Nach 15 Kilometern Fahrt, während der er
permanent weinte und seinc IJnschuld heteuerte, wurde er aus
dem Fahrzeug geworfen und sich selbst überlassen. Er hatte
sich die falsche Person ausgesucht, um ein Bestechungsgel.l zu
bekommen.
In der Nähe der Grenze, besonders rund um Parachinar,
Miriam Sha und Chaman war jeder in der cinen oder anderen Art
in den Krieg verwickelt Es gab Tausende von Flüchtlingcn in
ihren Lagern Stützpunkte die nur so vor Mudschahedin
wimmelten, Hunderte von Treibern, die die Tiere für den
Waffentransport führten und LKWs, die für den letzten Teil
des Waffentransports beladcn wurden. Jeden Tag und jeden Monat,
den Winter eingeschlossen, wurden Waffen und Munition
transportiert. Diese Gebiete waren gleichzeitig die
Hauptausgangspunkte für die Versorgungsstützpunkte der
Mudschahedin. Die Durand-Linie war für die Mudschahedin das,
was der Amu für die Sowjets war. Hierher kamen die
Kommandeure, um ihre Versorgungsgüter zu empfangen, hier
wurden die LKWs aus Peshawar und Quetta ausgeladen und hier
begann man damit, die Packtiere zu heladen und zu Karawanen
zusammenzustellen.
Früher kamen die Kommandeure mit ihren eigenen Pferden
nach Pakistan um die Waffen abzutransportieren, als sich
jedoch die Quantität der Versorgungsgüter vervielfachte und
die Pferde mittlerweile verloren waren, war dieses System völlig
unzureichend. Man hätte Tausende von Tieren benötigt, die
ebenso wie die Männer verletzungsgefährdet waren, so daß
auch eine gewisse Organisation zur Ergänzung der verletzten
Maultiere erforderlich war. Die Antwort auf dieses Problem war
ein Unternehmer, obwohl die Kosten hoch waren und jedes Jahr
stiegen. Dcr Unternehmer war Geschäftsmann; ihm gehörten die
Tiere, er führtc scinc Ticrc nach Afghanistan und versorgte
sie auch. Es war seine Aufgabe, sich um die Tiere zu sorgen
was den Mudschahedin dicsc Vcrantwortung abnahm. Die CIA
mochte dieses System nicht. Sie wollten bei den Mudschahedin
spezielle Tragtier-Kompanien für den Transport bilden. Ich
stimmte dem nicht zu. denn wenn die Tiere nicht das Eigentum
der Mudschahedin'waren, hätten sie kein persönliches
Interesse an der Pflege und Versorgung der Tiere, und die Hälfte
der Tiere würde benötigt werden um das Tierfuttcr zu tragen.
Aus meiner Erfahrung wußte ich, daß derartige Kompanien
genauso teuer, jedoch nicht so effizient wic cin Unternehmer
gewesen wären.
Die benutzten Tiere waren Kamele, Pferde und Maulticrc. Dic
Kamclc kamcn üblicherweise auf den langen Wegen aus den südlichen
Provinzen, wo das Land trocken war. Pferde waren die häufigsten
Packtiere. Das afghanische Pony war für diese Arbeit ideal,
es wurde schon seit Jahrhunderten im ganzen Land für genau
diese Arbeit genutzt. Das Pferd war eher für lange Distanzen
geeignet, als strategisches Transportmittel von Versorgungsgütcrn.
die von der Grenze zu den Operationsstützpunkten in den
Provinzen transportiert wurdcn. Als jcdoch mehr und mchr Ticrc
starben oder getötet wurden, entschieden wir uns später,
Pferde aus Argentinien zu importicrcn. Es gab wesentlich
weniger Maultiere als Pferde. Das Maultier wurde nicht in
Afghanistan gezüchtet. Es gab einige in Pakistan, aus China
kamen weitere Maultiere. Diese Tiere wurden jedoch
normalerweise als operative oder taktische Transportmittel
genutzt. Meist waren es Maultiere, die mit Granatwerfern
schweren Maschinengewehren oder Munition bepackt wurden und
diesc zur cigcntlichcn Feuerstellung oder sehr nahe heran
brachten. Die Kommandeurc crhielten Maultiere und einige
Pferde, um in ihren Operationsstützpunkten den Transport von
Waffcn zum odcr in die Nähe des Gefechtsfeldes zu
organisieren.
Neben dem Versorgungsweg von Karatschi nach Quetta gab es
einen weiteren Versorgungsweg durch Rawalpindi und Peshawar
zur Grcnze. Von dort aus führten zahllose Versorgungslinien
nach Afghanistan. Ich würde unser System mit einem Baum
vergleichen. Die Wurzeln des Baumes waren die Schiffe und
Flugzeuge, die die Versorgungsgüter aus verschiedenen Staaten
nach Pakistan brachten. Der Baumstamm verlief von Karatschi
bis in die Nähe der Grenze, von wo die Äste über die Grenze
gingen. Diese Äste teilten sich in Hunderte von kleineren
Zweigen innerhalb Afghanistans, die den Saft (Waffen und
Munition) zu den Blättern (den Mudschahedin) transportierten.
Wird ein Zweig gekappt, wird der Baum überleben, selbst wenn
es ein großer Ast ist, und mit der Zeit werden neue Zweige
wachsen. Nur das Kappen der Wurzeln oder das Fällen des
Stammes tötet den Baum. In unserem Fall waren jedoch nur die
Äste das Ziel von Angriffen. Anders als die Sowjets, deren
Versorgungs- und Verbindungslinien sich entlang der Hauptstraßen
befanden. benutzten wir die kleinen Pfade und Wege durch die
Berge und Täler. Wenn ein Weg oder Pfad blockiert war, konnte
immer eine Umgebung gefunden werden.
Es gab sechs Hauptrouten, die nach Afghanistan führten (Karte
9). Von Chitral verlief eine Hauptversorgungsroute nach Norden
in das Panjsher Tal, nach Faizabad und in die nördlichen
Provinzen. Dies war der kürzeste, billigste und sicherste Weg
in diese Regionen, er war jedoch von November bis Mai wegen
des Schnees unpassierbar. Die frequentierteste Route verlief
von Parachinar (dem Papageienschnabel) über Ali Khel in die
Provinz Logar, über die rund 40 % unserer Versorgungsgüter
liefen. Es war die kürzeste Route nach Kabul, nur sieben Tage
entfernt. Wir benutzten diese Route ebenso für Bewegungen
nach Norden über die Berge zu den Ebenen rund um
Mazar-i-Sharif, obwohl diese Reise länger als einen Monat
dauerte. Der Nachteil an dieser Route lag an der starken
gegnerischcn Truppenkonzentration, die diesen Weg blockieren könnte.
Wenn die Sowjets den Druck auf Kabul durch die Mudschahedin
reduzieren wollten. begannen sie in den Ostprovinzen mit großen
'Search and Destroy' Missionen.

Etwas südlicher begann die dritte Versorgungsroute. die
von Miriam Shah über Zhawar ebenfalls in die Provinz Logar führte.
Die Versorungskolonnen konnten sich entweder nach Süden in
Richtung Gardez oder Ghazni bewegen oder nach Norden. um auf
der zweiten Route über die Berge zu gelangen. Dies war eine
weitere sehr häufig benutzte Route. hier war die Präsenz des
Gegners jedoch relativ gering.
Die vierte Route begann in Quetta, überquerte die Grenze
bei Chaman, bevor sie in Richtung Kandahar und in die nahe
gelegenen Provinzen führte. Die Route verlief durch sehr
offenes Gelände, was bedeutete, daß Fahrzeuge erfordcrlich
waren, um die Versorgungsgüter schnell durch offenes Gelände
zu transportieren. Wir versuchten mit Hilfe von LKWs, die
Ziele innerhalb eines Tages zu erreichen. Verdächtige
Fahrzeuge waren das Ziel gegnerischer Boden-oder Luftangriffe.
400 Kilometer weiter westlich, in der südlichen Provinz
von Helmand war die kleinere und nicht sehr populäre Basis
bei Girzi-Jungle. Diese wurde benutzt, um die Provinzen
Helmund, Nimroz, Farah und Herat zu versorgen. Diese Route war
jedoch nicht sehr beliebt, weil die Fahrzeuge gegnerischen
Angriffen ausgesetzt waren. Es gelang nur selten. daß ein
Konvoi ohne einen Zwischenfall ankam. Es war ein sehr
trockenes, offenes Gelände, in dem es nur wenig Bevölkerung
und nur wenig Möglichkeiten gab, frühzeitig vor einem
Angriff zu warnen. LKWs, die sich in Richtung Norden bewegten,
konnten mit Leichtigkeit aus dcr Luft entdeckt werden und
wurden oftmals von Kampfhubschraubcrn beschossen oder gerieten
in Hinterhalte von vorher luftgelandeten Truppen. Um l lerat
mit einem Fahrzeug zu erreichen, benötigte man eine Woche.
Die sechste Route führte durch den Iran. Ein Blick auf die
Karte 9 zeigt, daß es theoretisch relativ leicht und sicher
war. Versorgungsgüter in die Provinzen von Farah und Herat zu
bringen, dies bedeutete eine lange Fahrt Richtung Westen
entlang der Grenze von Belutschistan in den Iran, dann weitere
600 Kilometer Richtung Norden von Zahedan im Iran zur
iranisch-afghanischen Grenze gegenüber Herat. In der Praxis
sah es ganz anders aus. Obwohl wir diese Route benutzten, mußten
wir sechs Wochen vorher bei den Iranern eine spezielle
Erlaubnis beantragen, selbst dann durften nur Handfeuerwaffen
transportiert werden. Jeder Konvoi wurde überprüft,
durchsucht und von den Revolutionsgarden eskortiert. Dies
geschah ebenfalls, wenn die leeren Fahrzeuge zurück in den
Iran fuhren.
Dies war unser Versorgungssystem. Trotz aller Komplexität,
Kosten und Länge arbeitete es irgendwie. Sicher gab es viel
Arger von erbosten Kommandeuren, die erbittert protestierten,
weil sie nur wenig Versorgungsgüter bekamen. In einigen Fällen
bekamen sie nur wenig, ich kenne jedoch kein Gefecht, das die
Mudschahedin aufgrund fehlender oder mangelnder Munition
verloren hätten, mit Sicherheit nicht während der Jahre 1983
bis 1987. Eher war es oft so, daß die Parteien der
Kommandeure incfffizient arbeitetcn, oder daß Kommandeure aus
Gebiete, die weitab von strategischen Zielen operierten oder
nur wenige Gefechte führten. protestierten
Mein Problem war es, die richtige Waffe und die
ausreichende Menge von Munition dem richtigen Kommandeur zur
richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bringen. Wenn ich das
schaffte, war es oft der Beginn eines operativen Erfolges.
Dies erforderte Vorausdenken um Monate. Bis zu neun Monate
vorher mußten Einsätze im Norden organisiert werdcn. Diese
Zcitspanne lag zwischen dcr Konzeption eines Planes und seincr
Durchführung, was Außenseiter wie die CTA oft nicht
verstanden. |