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 Der Waffennachschub

 
"Die geheime Waffenversorgung der CIA für die Mudschahedin steckt voller Korruption. Die Verlierer sind die Guerillas, die in Afghanistan gegen die Sowjets kämpfen, und die amerikanische Bevölkerung, deren Abgeordnete von der CIA betrogen wurden."
Washington Post, 8. Mai 1987.

Das obige Zitat stammt aus einem Artikel über die Versorgung der Mudschahedin mit Waffen und Munition. der von einem Journalisten gcschrieben wurde. der einige Woche in Pakistan verbrachte und versuchte, die Komplexität eincs Systems begreifbar zu machen, das sich über die halbe Welt erstreckte, sechs Länder neben Pakistan und Afghanistan einbezog und 1987 nahezu 1.75 Millionen DM täglich kostete. Vielleicht waren Jack Andersons Schlußfolgerungen reine Vermutungen, in diesem Fall kamen sie jedoch der Realität sehr nahe. Ich habe bereits im vorherigen Kapitel angesprochen, daß die CIA viel über ihr verschwenderisches Versorgungssystem erklären muß. Dennoch waren es nicht die Versorgungswege der CIA. über die die Waffen für die Mudschahedin kamen. Sobald die Waffen in Pakistan ankamen, endete die Verantwortung der CIA. Von da an waren es unsere Versorgungswege und unsere Organisation war für jede einzelne Patrone, die die CIA geliefert hatte, verantwortlich. Aber selbst der ISI gab Waffen und Munition nicht an die Mudschahedin weiter welche diese in den Gefechten einsetzen sollten. Das Ietzte Glied der Versorgungslinie nach und in Afghanistan befand sich in der Hand der sieben Parteien und deren Kommandeure. Um zu verstehen, wie die Waffen aus weit entfernten Ländern kamen, ist es wichtig zu wissen, daß der Waffennachschub in drei Teile geteilt war. Den ersten Teil verantwortete die CIA, die die Waffen nach Pakistan brachte und den Transport bezahlte, der zweite Teil befand sich in der Verantwortung des ISI, der alles übernahm, was nach Pakistan gebracht wurde, es dort lagerte und den Parteien in der Nähe von Pcshawar übergab. Den dritten und letzten Abschnitt des Waffennachschubs verantworteten clie Parteien, die die Waffen an ihre Kommandeure in Afghanistan verteilten.

Wenn ein Mudschahedin eine Granate in das Rohr seines Granatwerfers fallen ließ und diese abschoß, war es oftmals das Ende einer Reise, auf der die Granate wenigstens fünfzehnmal auf- oder abgeladen wurde, die über tausende von Kilometern per LKW. Schiff. Zug, wieder LKW und auf dem Rücken von Tieren geführt hatte, be-

selbst bei Guerillaoperationen, wo die Verbindungslinie so schwach gewesen ist, bevor irgendein Versorgungsgut oder eine Granate gegnerisches Territorium erreichte. Ein britischer General sagte einmal daß für jeden Gedanken, den ein Kommandeur für die Bekämpfung seines Gegners aufwendet, er möglicherweise hunderte Gedanken über seine Versorgung aufwenden muß. Ich schließe mich diesem Kommentar an.

Soweit ich mich erinnern kann, bereitete mir die Logistik meine größten Kopfschmerzen - die erforderliche Menge an Versorgungsgütern mußte nach vorne kommen, zur richtigen Zeit an den richtigen Platz. Alles andere war nur von untergeordneter Bedeutung. Meine Schwierigkeiten wurden durch die Tatsache erschwert. daß ich nur das Mittelstück der Versorgungslinie direkt kontrollierte, die beiden Enden waren in den Händen anderer (Karte 8). Mit der CIA oder den Parteien konnte ich nur sprechen, diskutieren oder streiten. Ich konnte nicht direkt handeln, wenn die Dinge falsch liefen, und ich konnte nicht meine eigenen Quellen benutzen, um Fehler zu beheben. Die Aufgabe des Logistikoffiziers war sicherlich die undankbarste Aufgabe innerhalb meines Büros, wenn nicht sogar innerhalb des gesamten ISI. Es war seine tägliche Pflicht, den Fluß der Versorgungsgüter am Laufen zu halten, sich Gedanken über die Ankunft von Schiffen oder Flugzeugen, über fehlendes Personal, Verspätungen von Eisenbahnzügen. unzureichende Fahrzeuge und Fahrzeugpannen zu machen - und über alledem die Sicherheitsvorkchrungen, damit keine Informationen über unsere Tätigkeiten an die Öffentlichkeit, an ausländische Journalisten oder gegnerische Agenten gelangten. Was er erreichte, war ein kleines Wunder: das System wurde niemals aufgedeckt und durch Sabotage innerhalb Pakistans unterbrochen. Im Jahre 1983 gingen zehntausende Tonnen von Waffen und Munition durch die Waffenpipeline. Im Jahre 1987 stieg dies bis zu 65.000 Tonnen, die durch die Hände der 200 Beschäftigten der Ministry of Defence Constabulary (MODC) gingen, die mit vier Gabelstaplern ausgerüstet waren und sieben Tage die Woche, Monat für Monat, arbeiteten.
 

 

Wir erhielten von der CIA oftmals nur unadäquate und veraltete Waffensysteme, die wir nicht wollten. Auch ihre Zeitpläne der Versorgung berücksichtigten nicht unsere Lagerkapazitäten oder die großen Mengen von Versorgungsgütern. Unsere Lager waren oft entweder überfüllt oder völlig leer. Ich forderte wiederholt einen geregelten Fluß der Versorgungsgüter in den Hafen von Karatschi, der ein oder zwei Schiffe im Monat nicht übersteigen sollte, denn diese Menge konnten wir bewältigen. Dies sollte uns davor schützen, daß unsere Lager überfüllt oder zu anderen Zeiten nahezu leer waren. Möglicherweise verlangte ich Unmögliches, weil oftmals drei oder sogar vier Schiffe innerhalb eines Monats ankamen, während es danach lange Perioden gab, in denen kein Schiff ankam.

Ein kleiner Teil der Waffen kam per Luttfracht nach Rawalpindi (Luftwaffenstützpunkt Chaklala). 1986 führte dies zu steigenden Meinungsverschiedenheiten zwischen dem ISI und der pakistanischen Luftwaffe (PAF). Der Grund dafür schien in Saudi-Arabien zu liegen, wo der CIA Versorgungsgüter auf der Luftwaffenbasis Dhahran lagerte, um sie mit saudi-arabischen Flugzeugen weiterzutransportieren oder durch die PAF abholen zu lassen. Aus ungeklärten Gründen gab es bei diesen Flügen immer Pannen. Die CIA stellte die Verbindung sicher. doch sogar wenn sie cinen ihrer Agenten auf den saudi-arabischen Flughäfen hatten, wurde es unseren Flugzeugen nicht erlaubt, nach ihrem Flugplan zu landen oder ihnen wurde die Landeerlaubnis verweigert. Wenn saudi-arabische Flugzeugc nach Pakistan flogen, kamen sie nicht zum vorbestimmten Zeitpunkt an oder ohnc Vorwarnung, was die pakistanische Luftwaffe zu unnötigen Alarmstarts zwang. Nach nahezu zwci Jahren konnte ich dieses System stoppen. Es wurden nur noch Flugzeuge der US Air Force benutzt, unsere Beziehungen zur pakistanischen L.uftwaffe hatten jedoch tiefen Schaden erlitten.

Wenn die Watten pakistanischen Boden erreicht hatten, wurden sie von uns Wenn die Watten pakistanischen Boden erreicht hatten, wurden sie von uns ubernommen. Ich sollte dazu vielleicht erklären, daß dieses Versorgungssystem aufgcbaut wurde, hevor ich zum ISI versetzt wurde und daß die notwendige Sicherheit unserer Arbeit durch das Kriegsrecht erleichtert wurde. Das Militär hatte die komplette Kontrolle, es hatte die Vorschriften festgelegt und führte sie auch aus. Der normale Dienstbetrieb mit den üblichen Formularen war entfallen. Als später die Größe des Versorgungssystems enorm zunahm, wurde nichts schriftlich festgehalten. Behördenvertreter oder die Regierung, die die Dinge am Laufen hielten, wurden nur mündlich über ihre Aufgaben informiert. Wenn sie zu neugierig wurden, erzählte man ihnen, daß sie an der recht bekannten, jedoch 'geheimen' Arbeit an einer Atombombe beteiligt waren. Dies reichte normalerweise zur Kooperation aus.

In Karatschi bekamen die Hafenbehörden ihre Leistungen in Bargeld ausbezahlt, und die Schiffsladungen wurden als Verteidigungsgüter deklariert. Das Zollamt wurde nicht mit einbezogen. Güter aus einem Schiff wurden auf zehn bis zwanzig Güterwagen verladen und dann per Eisenbahn in das Depot Ojhri oder zum kleineren Teil nach Quctta gebracht. Die Waggons wurden durch bewaffnete MODC-Eskorten begleitet. Diese Eisenbahntransporte waren tägliche Routine. Zehn Waggons nahmen gewöhnlich ungefähr 200 Tonnen Fracht auf, obwohl ich bis zu 400 Tonnen verladen lassen konnte. Wenn mehrere Schiffe in kurzem Abstand aufeinander ankamen, brach das System zusammen, wobei sich Waffen auf den Kais stapelten und meine Männer diesc bewachen mußten, während mein Stab versuchte, mehr Waggons von der Eisenbahn-Verwaltung zu bekommen

In Rawalpindi verfügten wir über einen Pool von ungefähr 200 Fahrzeugen, meistens Fünf- oder Zehn-Tonnen-LKWs mit falschen oder ständig wechselnden Nummernschildern, mit denen wir die Waffen in Richtung Afghanistan brachten. Alle Versorgungsgüter mußten vom Bahnhof ins Depot gebracht werden, wo sie überprüft und gelagert wurden. Alles wurde aufgelistet, damit täglich aktuelle Informationen verfügbar waren. Ich hatte die nötigen Informationen jeden Morgen auf meinem Tisch.

Als nächstes gingen wir daran, die großen Verpackungseinheiten aufzuteilen und die Waffen und Munition den einzelnen Parteien in Peshawar zuzuweisen. Die Verteilung verlief nach Regeln, die ich später beschreiben werde. Waffen und Munition sind in einem Depot nutzlos, sie mußten in die Hände der Mudschahedin gelangen, und ich machte es zu unscrer wichtigsten Aufgabe, den Fluß der Waffen nach Afghanistan aufrechtzuerhalten. Ich bevorzugte eher ein nahezu leeres Depot als ein volles - ein leeres war ein weniger lohnendes Ziel für einen Saboteur, dem der Standort bekannt war; ebenso war im Falle eines Unglücks oder Feuers der Schaden nur begrenzt. Wir saßen trotz alledem in der Nähe dicht besiedelter Gebiete auf einem riesigen Pulverfaß. Etwa 80 Prozent aller Waffen undMunition, die in Afghanistan benutzt wurden, liefen durch das Depot in Ojhri. Ich glaube aber immer noch, daß unser Geheimnis gcwahrt wurde. Trotz des täglichen Volumens und des Vcrkehrs mit Fahrzeugen und Versorgungsgütern von und zum Depot gab es während meiner Zeit beim ISI niemals einen Zwischenfall, an dem zu erkennen gewesen wäre. daß die Sicherheitsvorkehrungen mißachtet wurden.

Jeden Tag zwischen fünf Uhr morgens und zwÖlf Uhr mittags verließ ein Konvoi das Lager in Richtung Peschawar. Dies war eine Fahrt von 150 Kilometern, die bis zum Abend durchgeführt werden mußte. so daß kein LKW Rawalpindi später als 12.00 Uhr verlassen durftc. An jedem Nachmittag kamen leere 1 KWs vom vorangegangenen Tag zurück.

Die Bezeichnung Konvoi ist hierbei jedoch irreführend hier folgten nicht 50 bis 60 LKWs in einer langen Kolonne. Es fuhren immer zwei oder drei Fahrzeuge in Fünfoder Zehn-Minuten-lntervallen los. Sie verschmolzen mit dem zivilen Verkehr. Der mit einer Schrotflinte ausgerüstete Beifahrer hielt diese verdeckt. Einmal, als ich mit dem CIA-Stationschef aus Peshawar zurückkehrte, forderte ich ihn auf, nach unseren Fahrzeugen Ausschau zu halten. Er konnte keines entdecken.

Unsere Hauptsorge waren Verkehrsunfälle. Ein Offizier befand sich jeweils im führenden LKW und ein weiterer am Ende des Konvois. Wir fügten dem Konvoi ein oder zwei leere Fahrzeuge für den Fall eines Verkehrsunfalls bei. General Akhtar wollte unsere Vorbereitungen wegen möglicher Unfälle nicht gelten lassen, obwohl er um die Schwierigkeiten wußte und auch, daß die Statistiken Unfälle unvermeidbar machen würden. Er beharrte jedoch hartnäckig darauf, daß dies nicht geschah, und so war ich gezwungen, die Zahl der Offiziere, die Dienst im Konvoi hatten, zum Nachteil von Ausbildung und Einsätzen zu vergrößern.

In Peshawar übernahmen die Parteien die Ladung, während die Fahrer dort übernachteten. Die LKWs wurden in den Depots entladen, bevor sie am nächsten Tag zurückfuhren. Dieses System wurde beim größten Teil der Waffen und Munition angewandt. Es gab einige wenige Ausnahmen. Diese Ausnahmen waren unter anderem Raketenwerfer und Boden-Luft-Raketen, Waffen die sehr rar waren und die speziell in kritischen Operationsgebieten, wie Kabul. um die Luftwaffenstützpunkte oder entlang der Salang-Autobahn benötigt wurden. Jeder wollte Hubschrauber abschießen oder Raketenangriffe zehn Kilometer vom Ziel entfernt durchführen, weil dies das Prestige eines Kommandeurs erhöhte. Die Ziele mußten mit der Gesamtstrategie der Guerillas übereinstimmen. Ich verfügte, daß diese Waffen den Kommandeuren direkt übergeben werden mußten, jedoch mußten die Parteien darüber informiert werden. Dasselbe galt für spezielle Einsätze, wie z.B. das Versenken von Lastkähnen auf dem Amu. wobei Haftminen eingesetzt wurden, oder koordinierte Großangriffe auf eine gegnerische Garnison. Auch in diesen Fällen wurden die Waffen direkt den Kommandeuren, die die Einsätze ausführten, übergeben, wiederum mit Wissen der Parteien.

Es wurde ebenfalls Kritik laut, weil der ISI Waffen der Pakistanischen Armee übergab. Diese Behauptungen waren korrekt, weil rund 200 Maschinengewehre im Kaliber 14,5 mm, Panzerfäuste RPG-7 und SA-7 der Pakistanischen Armee übergeben wurden, um diese im Falle der Eskalation an der Westgrenze nach Afghanistan verfügbar zu haben, falls die Sowjetischen und Afghanischen Streitkräfte weiterhin Ubergriffe nach Pakistan durchführten. Ich kann deshalb mit absoluter Sicherheit sagen, daß keine weiteren Waffen in andere Kanäle flossen. Es war ungeschickt von uns, nicht die CIA darüber informiert zu haben; ich bin mir jedoch sicher, daß diese nicht widersprochen hätte. Es gab viele Unstimmigkeiten und Meinungsverschiedenheiten, die die Beziehungen von ISI und CIA unnötigerweise störten. Vielleicht noch schädlicher war die niemals endende Streitfrage mit der CIA über die Verteilung von Waffen und Munition in Pakistan.

Während der acht Jahre, in denen General Akhtar Generaldirektor des ISI war, war es seine Politik, daß der ISI entschied, wer welche und wie viele Waffen bekommt. Dies bedeutete, daß nach Bildung der Allianz die Zuteilung der Waffen für jede Partemn unserer Verantwortung lag. Niemand außerhalb des ISI, selbst Präsident Zia mcht, hatte Kontrolle oder Einfluß über die Zuteilung von Waffen, Munition oder anderen Versorgungsgütern aus unseren Depots in Rawalpindi und Quetta. Nicht nur von der CIA kam hierzu Kritik, sondern auch vom amerikanischen Botschafter dem US-Kongreß, ausländischen Journalisten, Generälen der Pakistanischen Armee sowie den Parteien selbst. Sie alle glaubten, es besser zu wissen. Sie alle hatten ihre eigenen, persönlichen und politischen Motive, so nahmen sie jede Möglichkeit wahr, Druck auf den ISI auszuüben, um mehr Waffen zu bekommen. Parteien und Kommandeure forderten routinemäßig mehr größere und bessere Waffen, während uns die Amerikaner vorwarfen, daß wir die fundamentalistischen Parteien, speziell die Partei Hekmatyars, bevorzugten. Es war eine niemals endende Quelle von internen Reibereien, Machtkämpfen und Frustrationen.

Die Amerikaner wollten, weil sie die Hälfte der Waffen bezahlten, bestimmen, wer die Waffen während des Krieges benutzen durfte und als die Sowjets über den Rückzug zu verhandeln begannen,zeigten sich die amerikanischen offiziellen Vertreter immer besorgter darüber, daß die nächste Regierung in Kabul aus islamischen Fundamentalisten bestehen könnte, mit Hekmatyar als neuem Khomeini. Diese Angst führte möglicherweise zu der Politik der Amerikaner, die Unterstützung für die Mudschahedin zu reduzieren, um einen Sieg der Mudschahedin zu verhindern. Während meiner Dienstzeit manifestierte sich jedoch. daß sie bei der Verteilung der Waffen ein Mitbestimmungsrecht haben wollten.

Mein Auftrag war der Aufbau militärischen Drucks innerhalb Afghanistans, um die Sowjets aus dem Land zu vertreiben. Ich war Soldat und wollte auf dem Gefechtsfeld gewinnen. Aus dieser Motivation heraus entschied ich wer die Mittel zum Sieg - die Waffen und Munition - auf der Basis der größtmöglichen Erfolgsaussicht im Kampf bekommen sollte. Ich mußte einen Feldzug führen und Einsätze becinflussen ohne jedoch die Möglichkeit zu haben, Befehle an Untergeordnete zu geben und den Rückhalt militärischer Infrastruktur zu haben. Ich mußte Angriffe auf strategische Ziele koordinieren und in einem Operationsgebiet von 390.000 km2 die Initiative des Handelns hewahren, einem Gebiet, in dem im allgemeinen die Lasten noch durch Tiere transportiert wurden und das Nachrichtensystem überwiegend aus Boten bestand und sich seit den Tagen Alexanders nicht wesentlich geändert hatte. Konzentration und Kooperation sind zwei unveränderliche Prinzipien des Krieges. Der Erfolg einer Schlacht hängt oftmals davon ab, daß beide simultan zur richtigen Zeit und am richtigen Ort greifen. Ich konnte die Parteien und Kommandeure nur dann in die von mir gewünschte Richtung lenken, wenn ich die Zuteilung oder Vorenthaltung von Versorgungsgütern und Ausbildung beeinflußte.

Wie ich schon vorher anmerkte, waren Waffen immer ein wichtiger Teil im Leben eines Afghanen. Je moderner das Gewehr eines Mannes war, desto höher war sein Ansehen. Für die Mudschahedin war der Besitz von schweren Waffen und Unmengen von Munition ein Ziel, für das sie sogar  Flexibilität zeigten. Dafür hörten sie sogar zu und befolgten  sogar  meine  Instruktionen   Die Zusage, daß sie  bei  Durchführung eines bestimmten Einsatzes zusätzliche Waffen oder mehr Raketen erhalten würden oder daß ein erfolgreicher Einsatz einer Operation zu mehr Versorgungsgütern führen würde, war manchmal der einzige Weg, sie zur Kooperation zu bewegen. Ich mußte dem Hasen eine Mohrrübe geben, hätte der ISI Waffen und Munition nach eigener Einschätzung zuteilen durfen, wäre meine Aufgabe hoffnungslos und undurchführbar gewesen.

80 Prozent aller Waffen und Munition wurden den Parteien zur weiteren Verteilung gegeben. Die Kommandeure mußten zu einer Partei gehören, um Waffen zu bekommen. Die einzige Ausnahme war, wenn sie zur Ausbildung spezieller Einsätze kamen, und auch diese kamen aus der Zuteilung ihrer Partei. Die Amerikaner bevorzugten es, die Waffen den Kommandeuren direkt zu geben. Dies war das System, bevor ich meine Arbeit übernahm, als die Versorgung noch sehr trickreich war, bevor sich der Quetta-Zwischenfall ereignete und vor Bildung der Allianz. Mitte der 80er Jahre war eine derartige Politik nicht durchführbar. Es war schwierig genug, Resultate zu bekommen, wenn man versuchte, die sieben Parteien zu koordinieren. Der Versuch, einen direkten Kontakt zu einem von Hunderten rivalisierender Kommandeure zu bekommen, von denen jeder auf die Vergrößerung seines eigenen Rufes bedacht war, hätte Chaos bedeutet.

Alle drei Monate fand eine Besprechung über künftige Operationen zwischen General Akhtar, meinen Stabsoffizieren und mir statt. Ein Hauptthema dieser Diskussionen war immer die Waffenverteilung und jegliche Modifikation, die nötig war, um die bestehenden Arrangements aufrecht zu erhalten. Weil dies ein kritischer und kontroverser Punkt war, verbrachte ich viele Stunden vor der Konferenz damit, die Probleme mit meinem Stab zu besprechen. Ich brauchte ihre Meinungen, bevor ich dem General irgendwelche Empfehlungen vorlegte. Zeitweise verursachten derartige Fragen lange Debatten auf der Konferenz, und obwohl die letzte Entscheidung bei Akhtar lag, lehntc er nur selten unsere Empfehlungen ab. Für Planungszwecke arbeiteten wir mit einer groben prozentualen Verteilung für jede Partei. Diese war nicht permanent festgesetzt. Sie variierten leicht aus operativen Gründen und manchmal wurden sie reduziert, wenn es so aussah, als ob eine Partei nicht den vollen Einsatz im Feld zeigte. Diese Reduzierung erfolgte in der Regel allmählich und es folgte eine verbale Verwarnung des Parteiführers.

Die Kriterien, nach denen wir unsere über den Daumen geschätzen Prozentregelungen durchführten, bezogen sich auf die Leistungen auf dem Gefechtsfeld. Die Größe einer Partei spielte dabei keine Rolle. Zum Beispiel war die Partei  Khalis vergleichsweise klein im Gegensatz zu der großen Partei Mujaddadi's, jedoch war ihre Effektivität im Gefecht höher. Der genaue Standort der Kommandeure jeder Partei Afghanistans war ebenfalls ein wichtiges Kriterium. Der größte Teil kämpfte nicht außerhalb ihres eigenen Bereiches, oft nicht einmal außerhalb ihres Tales und so war es nutzlos, einem Kommandeur Waffen zukommen zu lassen, der fernab von strategischen Zielen seinen Stützpunkt hatte. Jede Partei, die Stützpunkte rund um Kabul hatte, erhielt einen höheren Prozentsatz bei der Verteilung der Waffen, weil diese in der Regel gegen empfindliche Punkte wie Flughäfen oder Hauptverbindungslinien operierten. Hierbei spielte wiederum nicht die Anzahl der Mudschahedin eine Kolle, sondern die Zahl der erfolgreichen Angriffe in dem Gebiet. Diese überprüfen zu

können, verdankte ich der Funküberwachung, die mich oft mit Bestätigungen über jene Aktivitäten, die Kommandeure und Parteien für sich geltend machten versorgte. Gleichzeitig benutzten wir die Satellitenfotos der CIA, um diese Berichte zu uberprüfen. Meine Offiziere und ich hatten sehr wohl Verständnis dafür, daß die Mudschahedin versuchten, in ihren Berichten zu übertreiben. Durch sehr sorgfältige Informationssammlung, durch die wöchentlichen Berichte der CIA und Mi-6 sowie Befragung einzelner Mudschahedin versuchten wir herauszufinden, wer wirklich kämpfte bzw. wer nicht kämpfte.

Weiterhin befaßten wir uns damit, ob die Parteien Kontrolle über dubiose Geschäfte wie z.B. den illegalen Waffenverkauf hattcn. Einer meiner Offiziere war den ganzen Tag damit beschäftigt, diesbezüglich Informationen zu beschaffen. Wenn eine Partei nicht in der Lage war, ihre Kommandeure in diesem Punkt unter Kontrolle zu halten, wurde die Waffenlicferung gekürzt. Dennoch sollte ich meine Mißbilligung dem Waffenverkauf durch die Mudjahedin gegenüber abschwächen, da ich glaube, daß es moghcherweise keinen Kommandeur in Afghanistan gab, der nicht irgendwann cinmal Waffen verkauft oder getauscht hat. Solange dics in Afghanistan zwischen den einzelnen Mudschahedin geschah, um Waffen für den Jihad zu bekommen, störte es uns mcht. Manchmal war es der einzige Weg, Lebensmitteln zu bekommen einen Verletzten zu evakuieren oder um dringend benötigte Munition zu beschaffen. Wenn die Waffen jedoch in Pakistan verkauft wurden und dazu dienten, dic Kommandeure persönlich zu bereichern oder ihnen einen besseren Komfort zu verschaffen, war dies ein sehr ernster Fall für uns. Mehrere Parteiführer, speziell bei dcn gemaßigten Parteien, gingen in diesem Punkt sehr lax mit ihren Kommandeuren um. Em Grund dafür war der permanente Geldmangel. Diese Parteien hattcn cin ständiges Stabspersonal, meist im Westen ausgebildete Männer, die nicht mit den mageren 175 DM monatlich zufrieden warcn, dic von den Fundamentalisten gezahlt wurden. Sic forderten zusätzlich zur freien Unterbringung die dreifache Summe monatlich. die sie auch bekamen. Deshalb tendierten sie ständig dazu. die ihnen ausgehändigten Waffen zu verkaufen, mit dem Gewinn den Geldmangel auszugleichen.

Der letzte Faktor, den wir in Betracht zogen war die generelle Effektivität ciner Partei, sowie ihr eigenes Logistiksystem welchcs ich spätcr beschreibc. Ein sicherer Weg, um die Kompetenz einer Partci in diesem Punkt zu beurteilen, war ein regelmäßiger Besuch ihrer Depots. Wenn meine Of fiziere mir berichteten, daß ein Depot oft monatelang voll war, bedeutete dies, daß eine Partei den Krieg nicht sehr enthusiastisch führte und daß für sie eine zusätzliche Waffenlieferung nicht in Frage kam. Die Partei Nabi's traf dieser Vorwurf hauptsächlich. Nabi und seine Vertreter schienen nicht in der Lage zu sein, ihre Effektivität zu verbessern, obwohl sie ein großes Potential hatten, einige gute Kommandeure, eine große Anzahl von Mudschahedin und einen früheren afghanischen General. Ein starker Kontrast dazu war die Partei von Sayaf, deren Depots immer nur minimale Beständc hatten, obwohl ich hinzufügen muß, daß die Partei noch den einzigartigen Vorteil einer sehr generösen zusätzlichen Finanzhilfe direkt von reichen arabischen Unterstützern hatte.

1987 sahen die groben Prozentverteilungen für die Parteien wie folgt aus: Hekmatyar 18 - 20 %, Rabbani 18 - l9 %, Sayaf 17-18 %, Khalis 13 -15 %, Nabi 13 -15 %

Glailani 10-11 % und am  Ende  Mujaddadi mit 3--5%. Sehr  zum  Ärger  der  CIA  hatten die fundamentalistischen Parteien cinen Anteil von 67 - 73 % an den Lieferungen, aber durch dic strikte Anwendung von militärischen Kriterien mußte ich so handeln. Die Kritiker meines Systems fügten politische Betrachtungen und Neigungen an, die ich als Soldat jedoch glücklicherweise ignorieren konnte.

Ich wünschte, daß man die Gesamtkosten für eine Waffe oder eine Patrone vom Verkäufer bis zum Benutzer kalkuliert hätte; es wäre mit Sicherheit eine verblüffende Statistik gewesen. Der Preis des Herstellers, die Verschiffungskosten, der Transport mit Bahn und LKW nach Peshawar, der Transport über die Grenze tief nach Afghanistan, das alles mulitiplizierte den Kaufpreis um ein Vielfaches. Der teuerste Teil der Reise war möglicherweise der letzte Abschnitt des Versorgungsweges von den Parteien zu den Mudschahedin, die die Waffen einsetzten. In einigen Fällen, wo die Versorgungsgüter nach Kabul oder in die ostwärtigen Provinzen gingen, war es der kürzeste Teil der Reise. In diesem Fall waren die Kosten noch zu vertreten, jedoch stiegen die Preise für den Transport der Waffen in die kritischen nördlichen Provinzen, was 1986 fast in Wucher ausartete. Zu dieser Zeit konnte man mit 25 bis 35 DM pro Kilogramm Fracht rechnen. Dies bedeutete, daß die Kosten um z.B. einen Granatwerfer von der pakistanischen Grenze nach Mazar-i-Sharif zu bringen bei nahezu 2.000 DM lagen, während die einzelne Granate um die 100 DM Transportkosten verschlang. Dadurch ist es kaum verwunderlich, daß der monatliche Aufwand für den Transport durch die Parteien nahezu 2,2 Millionen DM erforderte.

Die CIA überwies das Geld auf ein Bankkonto, das der ISI kontrollierte. Von diesem Geld mußten die Büros der Partei bezahlt werden, der Aufbau und die Wartung der Depots. der Kauf von Bekleidung und Verpflegung, der Lebensunterhalt für die Parteiführer, die Zahlungen für die Mitarbeiter der Partei, sowie der Transport. Das letztere schloß den Ankauf von Fahrzeugen, jedoch nicht den Kauf von Maultieren aus China (später aus Argentinien) ein, denn dafür zahlte die CIA selbst. Normalerweise hatte jede Partei den ihr zugewiesenen Geldantcil dieses Fonds innerhalb von zehn bis zwölf Tagen verbraucht. Ohne Geld bewegten sich jedoch die Versorgungsgüter nicht. was bedeutete. daß die Depots der Parteien in Peshawar oder Quetta gefüllt blieben. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern ? wie entsetzt ich war, als ich das erste Mal die Lagerhäuser in Peshawar besuchte, die zu diesem Zeitpunkt normale Wohnhäuser mitten in der Stadt waren. Es gab keine ordentlichen oder sachgemäßen Eagerungsmöglichkeiten oder Sicherheitsmaßnahmen. Die Lager wurden in unmilitärischer Art und Weise geführt. In einem Lagerhaus saß der `Verwalter` auf einer umgedrehten Panzerabwehrmine und bereitete sich sein Mittagessen über einem offenen Feuer zu. Derartige Dinge verbesserten sich nur geringfügig. Irgendwie schaffte ich es jedoch, die erforderlichen Geldmittel zu bekommen, um alle sieben Lagerhäuser mehrere Kilometer aus der Stadt heraus zu verlegen. Gegen den  Geldmangel  konnte ich  jedoch  fast  nichts  ausrichten.

Einzelne Parteien und Kommandeure hatten noch andere Geldquellen. T3is Ende 1984 wurden von den Kommandeuren in ihren Tälern in Afghanistan örtliche Steuern erhoben. Nachdem jedoch die Sowjets die Dörfer beschossen, die Bewässerungssysteme zerstörten, die Ernten verbrannten und die Uberlebenden in Flüchtlingslager verschleppten, wurde es unmöglich diese  Steuern einzutreiben. Erbeutete  Waffen wurden  verkauft  oder  zum  Tausch  benutzt. Einem  islamischen  Gesetz zu

folge muß Kriegsbeute SO geteilt werden, daß der Staat (die Partei) ein Fünftel erhält. Ich kenne Mudschahedin, die es oft einfacher fanden, Waffen od;er Munition von den Sowjets oder Afghanen zu kaufen. Ich kann mich dafür verbürgen, daß dies im kleinen Rahmen an verschiedenen Stellen geschah.

Es war zum größten Teil das arabische Geld, das das System rettete. Ich meine dabei das Geld von reichen Arabern oder privaten Organisationen der Arabischen Welt, nicht die Geldmittel der saudi-arabischen Regierung. Ohne diese extra Millionen waren die Waffen, die die Mudschahedin zur Verfügung bekommen hätten? nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Ein Problem war es, daß das Geld nur den vier fundamentahstischen Parteien zugute kam, nicht jedoch den gemäßigten Parteien. Sayaf z.B. hatte viele persönliche religiöse und akademische Kontakte in Saudi-Arabien, so daß seine Konten üblicherweise gut gefüllt waren. Dies bedeutete daß die gemäßigten Parteien weniger effizient waren, und fehlende Geldmittel waren der Grund, daß sie es nicht schafften, die Leistungen der fundamentalistischen Parteien im operativen Bereich zu erreichen. Ihre Einnahmen waren geringer, ihre administrativen und bürokratischen Ausgaben jedoch höher. Dadurch war es für sie schwer, unsere Kriterien für die Zuteilung von Waffen zu erfüllen

Nachdem meine Fahrzeuge die Waffen und Munition in den Depot.s der Parteien abgehefert hatten, waren diese für die weitere Lieferung zu den Mudschahedin verantwortlich. Dies galt nicht für spezielle Waffentypen oder für Waffen. die für spezielle Emsatze vorgesehen waren. Wenn einige Kommandeure ihre Versorungsgüter nicht bekamen oder sie meinten. zu knapp bedacht worden zu sein, konnte ich nur wenig dagegen tun. Jede Partei hatte ihre eigene Methode der Zuweisung. Manchmal geschah dies auf cmer festen Prozentbasis - ein hoffnungslos ineffektives System, weil die Mudschahedin ruhigen Gebieten dieselbe Anzahl Waffen bekamen wie die Mudschahedin in deren Gebieten heftig gekämpft wurde. Manchmal wurden die Versorgungsgüter einem einzigen Provinzkommandeur zur weiteren Verteilung uberlassen, m anderen Fällen waren es mehrere Kommandeure, die die Waffen unter ihren untergeordneten Kommandeuren aufteilten

Wie transportierten die Parteien ihre Versorgungsguter? Dies war eine der kompliziertesten und zeitintensivsten Operationcn des Krieges. LKWs und Traktoren Karren und Kamele, Maultiere und Pferde, sie alle spielten. genau wie die Rücken der Mudschahedin selber, eine Rolle.

Die großen Parteien verfügten über 300 Fahrzeuge aller Typen. Es handelte sich hierbei um zivile LKWs, die sehr gut mit dem grenzüberschreitenden Verkehr verschmolzen. Weiter waren afghanische Fahrzeuge in Kabul gekauft worden, die für lange Transporte auf Straßen benutzt wurden Es gab hier weit mehr Fahrzeuge

als dem ISI zur Verfügung standen, weil diese Fahrzeuge oftmals Transporte über mehrere Tage durchführten, ohne die Möglichkeit zu haben, am nächsten Tag leer zur-ückzukehren. Es war möglich, daß ein LKW aus dem LKW-Pool ciner Partei für mehrere Wochen abwesend war. Weiterhin war es denkbar, daß Fahrten über 1.000 Kilometer die nördlichen oder westlichen Provinzen durchgeführt wurden, wohingegen bei anderen Gelegenheiten nur Tiere benutzt  werden konnten. Innerhalb Afghanistans wurden oftmals Geschäfte mit den örtlichen afghanischen Kommandeuren gemacht, um die Transportmittel der Afghanischen Armee nutzen zu können. Dies war eine der Eigenarten des Krieges, daß die Mudschahedin ihre Waffen und Munition auf LKWs ihres Gegners geliefert bekamen. Dics geschah jedoch weitaus öfter bei Sabotageoperationen in Kabul oder anderen wichtigen Städten. wobei Fahrzeuge des KHAD genau wie militärische Fahrzeuge benutzt wurden.

Mit Hilfe von LKWs bewegten die Parteien ihre Fracht nach vorne zur Grenze. An der Grenze gab es rund 55 Stützpunkte, die noch alle innerhalb Pakistans und zumeist in der Nähe der Grenzübergänge bei Parachinar und Chaman im Nordwesten von Quetta befanden. Um diese Punkte zu erreichen, mußten die Fahrzeuge die Nordwestprovinz, Belutschistan oder die Stammesgebiete passieren (Karte 2). In diesen Gebieten führten normalerweise die Pakistanische Armee, der Grenzschutz und die Polizei Uberprüfungen durch. Der Verkehr wurde kontrolliert, überprüft und die Fahrzeuge durchsucht. Um diesen Prozeß zu beschleunigen, versah der ISI alle LKWs mit einem Passierschein der alle Details des Fahrzeuges angab, jedoch nicht die der Ladung. Den Kontrollpunkten auf den Strecken wurden Listen übergeben mit den Nummern der LKWs, die schnell passieren konnten. Diese Fahrzeuge waren dann vor Durchsuchungen geschützt, was sich jedoch nur auf die Fahrt in Richtung Afghanistan beschränkte. Dies war eine Vorsichtsmaßnahme, um den Schmuggel von Drogen oder Waffen nach Pakistan zu verhindern. Die meiste Zeit arbeitete das System gut, es war jedoch weit entfernt davon, perfekt zu sein. Es gab Zeiten, in denen den Kontrollposten der Polizei Geld zugesteckt wurde, um Verzögerungen zu vermeiden. Wurde bezahlt, wurde die Schranke sofort geöffnet, wurde die Bezahlung verweigert, gab es alle möglichen Arten von E;ntschuldigungen und Telcfonanrufe zu nicht anwesenden oder nicht existierenden Vorgesetzten, was dazu führcn konnte, daß Fahrzeuge für Stunden festgehalten wurden.

Wegen dieser Eigenart machte ich eine sehr amüsante Erfahrung, als ich den Kongreßabgeordneten Wilson zur Grenze brachte, bevor sein Geheimbesuch in Afghanistan stattfand. Ich hattc einen Offizier vorausgeschickt, um bei allen Polizeikontrollposten sicherzustellen, daß die Abfertigung unseres Fahrzeuges nicht verzögert wurde. Am ersten Kontrollposten verweigerte uns ein Beamter in Zivil ohne Uberprüfung die Durchfahrt. Ich zeigte ihm meinen Truppenausweis, den er jedoch überprüfen wollte. Er versuchte, telefonisch seine Vorgesetzten zu erreichen, diese waren jedoch nicht erreichbar, was für uns eine weitere Wartezeit bedeutete. Nach 15 Minuten explodierte ich. Ich sagte dem Polizisten, wenn er nicht die Schranke öffnete, würde ich meinen drei Begleitern, die mit AK-47 Gewehren bewaffnet waren, befehlen, ihre Magazine zu leeren. Diese luden ihre Waffen durch, und sofort wurde die Schranke geöffnet. Später teilte ich dem Offizier, der uns den Weg ebnen sollte, mit, daß ich von seiner Arbeit nicht sehr begeistert war. Auf unserer Rückfahrt saß dieser Offizier im zweiten Fahrzeug. Er gab an dem betreffenden Kontrollpunkt seinen Männern den Befehl, den unliebsamen Polizisten in Zivil mit Waffengewalt herauszubringen. Unter Protesten wurde dieser gefesselt und in das Fahrzeug gestoßen. Ich bin mir sicher. daß er dachte, sein Ende sei nahe. Nach 15 Kilometern Fahrt, während der er permanent weinte und seinc IJnschuld heteuerte, wurde er aus dem Fahrzeug geworfen und sich selbst überlassen. Er hatte sich die falsche Person ausgesucht, um ein Bestechungsgel.l zu bekommen.

In der Nähe der Grenze, besonders rund um Parachinar, Miriam Sha und Chaman war jeder in der cinen oder anderen Art in den Krieg verwickelt Es gab Tausende von Flüchtlingcn in ihren Lagern Stützpunkte die nur so vor Mudschahedin wimmelten, Hunderte von Treibern, die die Tiere für den Waffentransport führten und LKWs, die für den letzten Teil des Waffentransports beladcn wurden. Jeden Tag und jeden Monat, den Winter eingeschlossen, wurden Waffen und Munition transportiert. Diese Gebiete waren gleichzeitig die Hauptausgangspunkte für die Versorgungsstützpunkte der Mudschahedin. Die Durand-Linie war für die Mudschahedin das, was der Amu für die Sowjets war. Hierher kamen die Kommandeure, um ihre Versorgungsgüter zu empfangen, hier wurden die LKWs aus Peshawar und Quetta ausgeladen und hier begann man damit, die Packtiere zu heladen und zu Karawanen zusammenzustellen.

Früher kamen die Kommandeure mit ihren eigenen Pferden nach Pakistan um die Waffen abzutransportieren, als sich jedoch die Quantität der Versorgungsgüter vervielfachte und die Pferde mittlerweile verloren waren, war dieses System völlig unzureichend. Man hätte Tausende von Tieren benötigt, die ebenso wie die Männer verletzungsgefährdet waren, so daß auch eine gewisse Organisation zur Ergänzung der verletzten Maultiere erforderlich war. Die Antwort auf dieses Problem war ein Unternehmer, obwohl die Kosten hoch waren und jedes Jahr stiegen. Dcr Unternehmer war Geschäftsmann; ihm gehörten die Tiere, er führtc scinc Ticrc nach Afghanistan und versorgte sie auch. Es war seine Aufgabe, sich um die Tiere zu sorgen was den Mudschahedin dicsc Vcrantwortung abnahm. Die CIA mochte dieses System nicht. Sie wollten bei den Mudschahedin spezielle Tragtier-Kompanien für den Transport bilden. Ich stimmte dem nicht zu. denn wenn die Tiere nicht das Eigentum der Mudschahedin'waren, hätten sie kein persönliches Interesse an der Pflege und Versorgung der Tiere, und die Hälfte der Tiere würde benötigt werden um das Tierfuttcr zu tragen. Aus meiner Erfahrung wußte ich, daß derartige Kompanien genauso teuer, jedoch nicht so effizient wic cin Unternehmer gewesen wären.

Die benutzten Tiere waren Kamele, Pferde und Maulticrc. Dic Kamclc kamcn üblicherweise auf den langen Wegen aus den südlichen Provinzen, wo das Land trocken war. Pferde waren die häufigsten Packtiere. Das afghanische Pony war für diese Arbeit ideal, es wurde schon seit Jahrhunderten im ganzen Land für genau diese Arbeit genutzt. Das Pferd war eher für lange Distanzen geeignet, als strategisches Transportmittel von Versorgungsgütcrn. die von der Grenze zu den Operationsstützpunkten in den Provinzen transportiert wurdcn. Als jcdoch mehr und mchr Ticrc starben oder getötet wurden, entschieden wir uns später, Pferde aus Argentinien zu importicrcn. Es gab wesentlich weniger Maultiere als Pferde. Das Maultier wurde nicht in Afghanistan gezüchtet. Es gab einige in Pakistan, aus China kamen weitere Maultiere. Diese Tiere wurden jedoch normalerweise als operative oder taktische Transportmittel genutzt. Meist waren es Maultiere, die mit Granatwerfern schweren Maschinengewehren oder Munition bepackt wurden und diesc zur cigcntlichcn Feuerstellung oder sehr nahe heran brachten. Die Kommandeurc crhielten Maultiere und einige Pferde, um in ihren Operationsstützpunkten den Transport von Waffcn zum odcr in die Nähe des Gefechtsfeldes zu organisieren.

Neben dem Versorgungsweg von Karatschi nach Quetta gab es einen weiteren Versorgungsweg durch Rawalpindi und Peshawar zur Grcnze. Von dort aus führten zahllose Versorgungslinien nach Afghanistan. Ich würde unser System mit einem Baum vergleichen. Die Wurzeln des Baumes waren die Schiffe und Flugzeuge, die die Versorgungsgüter aus verschiedenen Staaten nach Pakistan brachten. Der Baumstamm verlief von Karatschi bis in die Nähe der Grenze, von wo die Äste über die Grenze gingen. Diese Äste teilten sich in Hunderte von kleineren Zweigen innerhalb Afghanistans, die den Saft (Waffen und Munition) zu den Blättern (den Mudschahedin) transportierten. Wird ein Zweig gekappt, wird der Baum überleben, selbst wenn es ein großer Ast ist, und mit der Zeit werden neue Zweige wachsen. Nur das Kappen der Wurzeln oder das Fällen des Stammes tötet den Baum. In unserem Fall waren jedoch nur die Äste das Ziel von Angriffen. Anders als die Sowjets, deren Versorgungs- und Verbindungslinien sich entlang der Hauptstraßen befanden. benutzten wir die kleinen Pfade und Wege durch die Berge und Täler. Wenn ein Weg oder Pfad blockiert war, konnte immer eine Umgebung gefunden werden.

Es gab sechs Hauptrouten, die nach Afghanistan führten (Karte 9). Von Chitral verlief eine Hauptversorgungsroute nach Norden in das Panjsher Tal, nach Faizabad und in die nördlichen Provinzen. Dies war der kürzeste, billigste und sicherste Weg in diese Regionen, er war jedoch von November bis Mai wegen des Schnees unpassierbar. Die frequentierteste Route verlief von Parachinar (dem Papageienschnabel) über Ali Khel in die Provinz Logar, über die rund 40 % unserer Versorgungsgüter liefen. Es war die kürzeste Route nach Kabul, nur sieben Tage entfernt. Wir benutzten diese Route ebenso für Bewegungen nach Norden über die Berge zu den Ebenen rund um Mazar-i-Sharif, obwohl diese Reise länger als einen Monat dauerte. Der Nachteil an dieser Route lag an der starken gegnerischcn Truppenkonzentration, die diesen Weg blockieren könnte. Wenn die Sowjets den Druck auf Kabul durch die Mudschahedin reduzieren wollten. begannen sie in den Ostprovinzen mit großen 'Search and Destroy' Missionen.


 

Etwas südlicher begann die dritte Versorgungsroute. die von Miriam Shah über Zhawar ebenfalls in die Provinz Logar führte. Die Versorungskolonnen konnten sich entweder nach Süden in Richtung Gardez oder Ghazni bewegen oder nach Norden. um auf der zweiten Route über die Berge zu gelangen. Dies war eine weitere sehr häufig benutzte Route. hier war die Präsenz des Gegners jedoch relativ gering.

Die vierte Route begann in Quetta, überquerte die Grenze bei Chaman, bevor sie in Richtung Kandahar und in die nahe gelegenen Provinzen führte. Die Route verlief durch sehr offenes Gelände, was bedeutete, daß Fahrzeuge erfordcrlich waren, um die Versorgungsgüter schnell durch offenes Gelände zu transportieren. Wir versuchten mit Hilfe von LKWs, die Ziele innerhalb eines Tages zu erreichen. Verdächtige Fahrzeuge waren das Ziel gegnerischer Boden-oder Luftangriffe.

400 Kilometer weiter westlich, in der südlichen Provinz von Helmand war die kleinere und nicht sehr populäre Basis bei Girzi-Jungle. Diese wurde benutzt, um die Provinzen Helmund, Nimroz, Farah und Herat zu versorgen. Diese Route war jedoch nicht sehr beliebt, weil die Fahrzeuge gegnerischen Angriffen ausgesetzt waren. Es gelang nur selten. daß ein Konvoi ohne einen Zwischenfall ankam. Es war ein sehr trockenes, offenes Gelände, in dem es nur wenig Bevölkerung und nur wenig Möglichkeiten gab, frühzeitig vor einem Angriff zu warnen. LKWs, die sich in Richtung Norden bewegten, konnten mit Leichtigkeit aus dcr Luft entdeckt werden und wurden oftmals von Kampfhubschraubcrn beschossen oder gerieten in Hinterhalte von vorher luftgelandeten Truppen. Um l lerat mit einem Fahrzeug zu erreichen, benötigte man eine Woche.

Die sechste Route führte durch den Iran. Ein Blick auf die Karte 9 zeigt, daß es theoretisch relativ leicht und sicher war. Versorgungsgüter in die Provinzen von Farah und Herat zu bringen, dies bedeutete eine lange Fahrt Richtung Westen entlang der Grenze von Belutschistan in den Iran, dann weitere 600 Kilometer Richtung Norden von Zahedan im Iran zur iranisch-afghanischen Grenze gegenüber Herat. In der Praxis sah es ganz anders aus. Obwohl wir diese Route benutzten, mußten wir sechs Wochen vorher bei den Iranern eine spezielle Erlaubnis beantragen, selbst dann durften nur Handfeuerwaffen transportiert werden. Jeder Konvoi wurde überprüft, durchsucht und von den Revolutionsgarden eskortiert. Dies geschah ebenfalls, wenn die leeren Fahrzeuge zurück in den Iran fuhren.

Dies war unser Versorgungssystem. Trotz aller Komplexität, Kosten und Länge arbeitete es irgendwie. Sicher gab es viel Arger von erbosten Kommandeuren, die erbittert protestierten, weil sie nur wenig Versorgungsgüter bekamen. In einigen Fällen bekamen sie nur wenig, ich kenne jedoch kein Gefecht, das die Mudschahedin aufgrund fehlender oder mangelnder Munition verloren hätten, mit Sicherheit nicht während der Jahre 1983 bis 1987. Eher war es oft so, daß die Parteien der Kommandeure incfffizient arbeitetcn, oder daß Kommandeure aus Gebiete, die weitab von strategischen Zielen operierten oder nur wenige Gefechte führten. protestierten

Mein Problem war es, die richtige Waffe und die ausreichende Menge von Munition dem richtigen Kommandeur zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bringen. Wenn ich das schaffte, war es oft der Beginn eines operativen Erfolges. Dies erforderte Vorausdenken um Monate. Bis zu neun Monate vorher mußten Einsätze im Norden organisiert werdcn. Diese Zcitspanne lag zwischen dcr Konzeption eines Planes und seincr Durchführung, was Außenseiter wie die CTA oft nicht verstanden.