|
"Gebt uns die
Werkzeuge, und wir machen die Arbeit" Winston
S. Churchill 1941 in einer Rundfunkbotschaft an Präsident
Roosevelt
Das Flugzeug kam gewöhnlich gegen 21 Uhr oder kurz nach
Einbruch der Dunkelheit, wo General Akhtar und ich zusammen
mit dem örtlichen CIA- Personal auf dem Flugplatz von
Chaklala darauf warteten, daß ein schwarzer C-141-Starlifter
auf dem zugewiesenen Teil des Terminals eintraf. Dabei war
niemals, weder bei der Ankunft noch beim Abflug des Flugzeuges,
Personal der US-Botschaft anwesend. Um den gesamten Vorgang zu
verschleiern, war es normal, daß der Botschafter in diesem
Fall ein diplomatisches Essen in der Botschaft arrangierte.
Obwohl der Kontrollturm das Flugzeug einwies, gab es kein
Luftwaffenpersonal zur Einweisung des Flugzeuges am Boden.
Keiner der Passagiere passierte je die Einwanderungs- oder
Zollbehörde; selbst das Gepäck wurde durch Amerikaner
ausgeladen.
Das Flugzeug kam direkt aus Washington und wurde auf dieser
Strecke durch KC10-Tankflugzeuge, die in Europa oder im Nahen
Osten stationiert waren, in der Luft betankt. Die Flugzeugcrew
trug, genau wie alle anderen Passagiere, Zivilkleidung. Außer
den amerikanischen Hoheitszeichen an der Außenseite gab es
keine Möglichkeit, das Flugzeug zu identifizieren. Der
Innenraum des Transportflugzeugs war zu einem fliegenden Hotel
und Kommunikationszentrum umgebaut worden. Im vorderen Teil
der Maschine war der VIP-Bereich sehr luxuriös mit
Couchgarnituren, Sesseln, Betten und Waschgelegenheiten sehr
luxuriös ausgestattet. Der hintere Teil enthielt das
hochmoderne Kommunikationszentrum, das es erlaubte. abhörsicher
mit Washington oder einem anderen Ort in der Welt zu
kommunizieren. Das Flugzeug war mit den neuesten
elektronischen Schutz-. Stör- und Radareinrichtungen ausgerüstet.
Wenn sich das Flugzeug am Boden befand, war immer ein Mitglied
der amerikanischen Crew an Bord. Während in Pakistan der ISI
das Flugzeug von außen bewachte, war es dem ISI-Personal
nicht erlaubt, das Flugzeug zu betreten.
Nachdem das Flugzeug zum Stillstand kam, warteten draußen
bereits die Fahrzeuge.Vorher fuhr schon ein Sicherungsfahrzeug
des ISI den Weg vom Flugplatz zur Residenz des US-Botschafters
in Isalamabad ab. Die Fahrzeuge der Eskorte gliederten sich
folgendermaßen - Eskorte des ISI, Sicherungsfahrzeug der
Amerikaner. Fahrzeug mit den VIPs, dann wieder ein
amerikanisches Sicherungsfahrzeug und die Eskorte des ISI,
danach weitere Fahrzeuge. Der Mann. der die Treppen des
Flugzeuges herunter kam, war groß und alt. Er wurde wegen
seiner antikomrnunistischen Wutausbrüche 'Zyklon' oder wegen
seiner häufigen Flüge zu den ClA-Stationen in der gesamten
Welt 'Wanderer' genannt. Er führte den Nachrichtendienst der
stärksten Nation der Erde. William Casey war Präsident
Reagans Berater für Nachrichtenfragen, Direktor der Central
Intelligence. des National Security Committee (NSC),
Vorsitzender des US Intelligence Board und Direktor der
Central Intelligence Agency (CIA). Er kam zu einem seiner jährlichen,
zweitägigen Besuche nach Pakistan. um mit General Akhtar und
mir über die Lage in Afghanistan zu sprechen. Normalerweise
begleitete ihn seine Frau oder seine Tochter. Manchmal kam
sein Stellvertreter, immer brachte er jedoch den
Verantwortlichen des ClA-Hauptquartiers für Afghanistan und
den Fernen Osten mit. Dieser Mann, der sich immer noch im
Dienst befindet und den ich daher Mr. A. nenne, dicnte in den
US Special Forces und war einer der wenigen Verantwortlichen
der CIA, dcr militärisches Hintergrundwissen hatte und der
dem ISI von Nutzen sein konnte.
Es bereitete mir große Kopfschmerzen, die Sicherheit
unseres Gastes während der nächsten 48 Stunden zu gewährleisten.
Gewöhnlich kamen mehrere Tage vorher zwei Amerikaner zur
Voraufklärung, um die nötigen Arrangements zu treffen, die
Routen zu überprüfen und Kommunkationseinrichtungen zu
testen. Während der Besuche von William Casey bemerkte ich,
daß selbst offizielle Vertreter des CIA nervös und unruhig
waren. Um die Sicherheit zu gewährleisten. was alles andere
als einfach war, wurden viele Männer benötigt, viele
Gedanken im voraus gedacht und ernsthaft geplant.
Am nächsten Morgen führten CIA und ISI normalerweise
Gespräche am Konferenztisch im ISI-Hauptquartier in
Islamabad. An Casey's Seite saßen zum einen der US-Botschafter
und Mr. A zusammen mit dem Rest seines Teams, darunter der
Stationschef der CIA und verschiedene Analytiker. Ihnen gegenüber
saßen General Akhtar. ich, ein Stabsoffizier und einige
Analytiker des ISI. Ich beobachtete Casey sehr genau. Manchmal
schien er etwas schläfrig, wenn die Analytiker ihre Vorträge
hielten; sobald jedoch ein wichtiger Punkt angesprochen wurde.
war er sofort hellwach. Er hatte ein sehr schnelles Gedächtnis,
sowie den rastlosen Willen, emen Krieg gegen die Sowjets zu führen.
Er haßte den Kommunismus, er betrachtete Afghanistan wie
viele ClA-Angehörige als einen Ort, wo Amcrika die Revanche für
seine Niederlage in Vietnam nehmen konnte. Seiner oft geäußerten
Meinung mußten die Sowjets einen hohen Blutzoll für ihre
Unterstützung in Nord-Vietnam zahlen. "Diese Bastarde müssen
bezahlen', war seine Philosophie des Krieges und er war nicht
sehr empfindlich bei den Methoden, die er benutzte. Möglicherweise
fügten die Jahre, in denen er als New Yorker Geschäftsmann
riesige Gewinne erzielte, diese harte und kampfbereite Neigung
seinem Charakter hinzu.
Ungeachtet seiner persönlichen Motivation war das Resultat
für uns immer positiv. Wann immer sein Stab unsere
Anforderungen nicht erfüllen wollte, mischte er sich mit den
Worten ein: ,,Nein, der General (gemeint ist Akhtar) weiß.
was er will. " Für mich waren seine Besuche immer sehr
stimulierend und ich entwickelte ein Gefühl für seine
Bereitschaft. seinen Einsatz und seine Anstrengungen. den
Kommunismus zu bekämpfen.
Mit Politikern hattc er nur wenig Geduld. Er führte die
Behörde mit dem am schnellsten wachsenden Budget aller US-Regierungsdienststellen.
Im Jahr 1987 hatte die CIA zusammen rund 30 Milliarden Dollar
zur Verfügung, was einen zweihundertprozentigen
Zuwachs gegenüber 1980 darstellt. Durch Reagan, der die
Operationen in Nicaragua, Angola und Afghanistan unterstützte,
schwamm Casey oben auf der Welle. Er achtete die
Informationsrechte des Kongresses über verdeckte Operationen
nur gering. Er rang ernsthaft mit dem Senate Intelligence
Committee und enthielt ihnen, wenn möglich, Informationen vor
und berichtete nur sporadisch. Dadurch, daß er sich rigoros
über Regeln und Bestimmungen hinwegsetzte. waren wir im
Vorteil. Einmal, als ein Mitglied seines Stabes erklären
wollte, warum unsere Anforderung von Scharfschützengewehren
nur verspätet bearbeitet wurden, da diese Gewehre als
terroristische Waffen klassifiziert waren, schrie Casey:
"Zur Hölle mit den Politikern, wir kämpfen einen Krieg."
Es war gut für uns, ihn auf unserer Seite zu haben.
Casey hatte ein Gefühl für Innovation, für neue Ideen
und für den unorthodoxen Angriff im Sinne eines James Bond.
Er war während des Zweiten Wcltkrieges Angehöriger des OSS,
und es sah so aus, als ob für ihn die Sowjets nur ein Ersatz
für die Nationalsozialisten waren. Seine Gegner bezeichneten
dies als sein 'nächtliches Fallschirmspringersyndrom'. Er
hatte jedoch, neben Mr. A, in der CIA-Hierarchie nur wemg
ausgeprägte Kapazitäten, militärische Dinge adäquat zu
diskutieren. Er verstand die Strategie und praktischen
Probleme des Guerillafeldzuges.
Wie er kam, so verließ er Islamabad auch: bei Nacht. Er
machte sich auf den Weg nach Saudi-Arabien, um weitere Gespräche
mit Prinz Turkie über die Finanzierung des Jihad im kommenden
Jahr zu führen. Obwohl nun die gewaltige Last der
Verantwortung für seine Sicherheit von mir genommen war, war
ich normaierweise traurig, ihn abreisen zu sehen. Er war ein mächtiger
Verbündeter im amerikanischen Lager der sowohl die Fähigkeiten
als auch die Schwächen der Mudschahedin verstand. Er konnte
zuhören und unsere Argumente bei operativen Fragen
akzeptieren. Er respektierte unsere professionelle Arbeit als
Soldaten und wußte sofort, was in Afghanistan durchgeführt
werden konnte. Wenn nur einige seiner Untergebenen ebenso
gehandelt hätten, wären unzählige Millionen Dollar gespart
und einige Menschenleben geschützt worden.
Im Frühjahr 1984 fand mein erstes Treffen mit Casey statt,
und ich traf ihn bei verschiedenen anderen Gelegenheiten in
den kommenden Monaten. Rasch begriff ich daß die Chancen des
Erfolges in Afghanistan von der Qualität und der Quantität
der Waffenlieferungen abhängig waren. In diesem Punkt mußten
wir auf die CIA und unsere finanziellen Unterstützer- die
saudi-arabische und die amerikanische Regierung - vertrauen.
Meine Erfahrungen mit der CIA beschränken sich auf die vier
Jahre, in denen ich beim ISI diente, ich füge jedoch die Höhcpunkte
der Erfahrungen in diesem Kapitel zusammen, weil ich glaube,
daß dies dem Leser die Möglichkeit gibt die Bedeutung der
CIA-Aktivitäten zu beurteilen.
Die Hauptfunktion der CIA war es, das Geld bereitzustellen.
Dies verärgerte die Amerikaner immer, und ich kann ihren
Standpunkt verstehen, weil sie nicht die Intensität des
Krieges, obwohl sie bezahlten, bestimmen konnten. Die CIA
unterstützte die Mudschahedin, indem sie das Geld der
amerikanischen Steuerzahler bereitstellte, Millionen von
Dollar, mit denen Waffen, Munition und Ausrüstung gekauft
wurden. Ihre Abteilung zur geheimen Beschaffung von Waffen war
ständig beschäftigt. Es war eine grundsätzliche Regel in
der pakistanischen Politik, daß Amerikaner niemals an der
Beschaffung oder Verteilung von Waffen oder Geld beteiligt
wurden. Niemals bildeten Amerikaner Mudschahedin aus oder
hatten direkten Kontakt mit ihnen Kein Amerikaner begab sich
jemals offiziell nach Afghanistan. Memes Wissens wurde gegen
diesen ausdrücklichen Befehl von Präsident Zia nur einmal
beim Kongreßabgeordneten C'harles Wilson verstoßen. Die
Amerikaner m das Versorgungs-und Ausbildungssystem einzufügen,
hätte nicht nur zu einem Chaos geführt, sondern hätte
ebenso die kommunistische Propaganda bestätigt. Die
Sowjets und die Agenten des KHAD versuchten ausdauernd, die
Mudschahedin und ihre Familien zu indoktrinieren, daB diese
keinen Jihad kämpften, sondern lediglich die Drecksarbeit für
die Amerikaner durchführten und für sie starben. Ihre
Auslegungen, daß die Afghanen untereinander keine
Meinungsverschiedenheiten hätten, sondern nur Marionetten in
einem Konflikt für Supermächte wären, wäre schwer, wenn
nicht sogar unmöglich zu widerlegen gewesen, wenn die
Amerikaner innerhalb Pakistans offen in den Konflikt
einbezogen worden wären.
Ein Großteil der Hilfe der CIA kam in Form von Geld. Jeden
Dollar, den die USA zur Verfügung stellten, verdoppelte die
saudi-arabische Regierung. Diese Mittel in Höhe von mehreren
hundert Millionen Dollar im Jahr wurden durch die CIA über
spezielle Konten des ISI nach Pakistan transferiert. Dieses
Geld wurde hauptsächlich für den Waffenkauf verwendet. Dies
war Entscheidend für die Kriegsbemühungen. Mir wurde klar,
daß sich ohne Geld nichts bewegte - besonders nicht in
Pakistan (Zeichnung 2).
Ich war persönlich nicht mit den Geldangelegenheiten
betraut. Dies fiel in den Verantwortungsbereich von General
Akhtar und des Direktors für Administration. Dennoch war ich
mir darüber klar, daß trotzdem ständig Geld fehlte - das
monatlich zur Verfügung stehende Geld reichte kaum zwei
Wochen. Wenn man bedenkt, daß jahrein jahraus die Bedürfnisse
von zehntausenden von Mudschahedin erfüllt werden mußten,
ist es nicht überraschend, daß die logistischen
Anforderungen das Geld aufsaugten, wie ein Schwamm das Wasser.
Ein Beispiel dafür sind Fahrzeuge. Geld des CIA wurde benutzt,
um hunderte von LKWs zu kaufen, die Waffen und Munition zur
Grenze brachten. Oftmals benutzten die Parteien LKWs, um ihre
Versorgungsgüter nach Afghanistan zu bringen, und somit benötigten
sie ihre eigenen Transportmittel. Jedes Fahrzeug brauchte
Treibstoff und Wartung, wodurch alleine schon die Rechnung
enorm war. Zu diesen Ausgaben kamen noch die Ausgaben oder
Leihgebühren für tausende von Mulis, Pferden und Kamelen,
samt ihrem Futter, zusätzlich wurde Geld benötigt, um Ställe
aufzubauen, Werkzeuge und Ausrüstung für den Aufbau von
Lagerhäusen,Basen, Ausbildungseinrichtungen, Zelte,
Bekleidung, Winterausrüstung, Rationen und medizinische
Versorgungsgüter zu kaufen. Somit wird die gesamte Tragweite
des Problemes klar. Im Jahre 1987 wurden zum Beispiel zwischen
30 und 35 Millionen Rupien (ca. 2,5 Millionen DM) im Monat für
den Transport nach Pakistan und Afghanistan benötigt.
Das gesamte Geld wurde in Pakistan oder Afghanistan
ausgegeben, der größte Teil der saudischen und
amerikanischen Gelder wurde jedoch außerhalb dieser Länder
ausgegeben, wobei mit dem Geld Waffen und Munition gekauft
wurde. Das System arbeitete wie folgt: bevor uns das genaue
Budget der Amerikaner bekannt war, gab uns die CIA eine Liste
mit Typen und Mengen von Waffen, die sie für geeignet hielten.
Ich überprüfte diese Liste, aber es wurde mir vorher nie
gesagt, wieviel Geld verfügbar war oder was die einzelnen
Waffen kosteten. Es war unmöglich, diese Listen mit anderen
zu vergleichen, und es gab für mich nur die Möglichkeit zu
schätzen, ob meine Anforderungen innerhalb des zulässigen
Budgets lagen. Wenn wir über dem Budget lagen, mußten wir
die Anforderungen neu formulieren, dadurch wurde nur Zeit
verschwendet.
Einen niemals endenden Streitpunkt zwischen uns und der CIA
gab es aufgrund der totalen Ignoranz militärischer Logistik
insbesondere der afghanischen Besonderheiten. Zu manchen
Zeiten sah es sogar aus als ob den Mitarbeitern der CIA der
normale Menschenverstand fehlte. Wenn wir ihre Listen
durcharbeiteten und Fehler herausstrichen, verschwendeten wir
damit Tage, wenn nicht sogar Wochen. Sie beachteten nur selten
unsere Munitionsanforderungen für die Waffen. Zum Beispiel
sollten 20 Granaten für jede Panzerfaust RPG-7 gekauft werdcn.
Im lahre 1985 bekamen wir rund 10.000 RPGs zusammen mit
200.000 Panzerabwehrraketen, aber unsere Freunde bei der CIA
berechneten nicht alle die RPGs, die wir bereits seit 1980
bekommen hatten. Von dieser Gesamtzahl konnte man eine fünfzehnprozentige
Verlustrate durch Gefechte oder Zerstörung abziehen. Für sie
war es nicht klar, daß wir eben für die vorhandenen wie für
die neuen Panzerfäuste Munition brauchten. Dasselbe galt für
die Flugabwehrmunition, denn die Listen der CIA beachteten
nicht die hohe Feuergeschwindigkeit und somit den hohen
Munitionsbedarf für diese Waffen. Viel Geld und Zeit hätte
gespart werden können, wenn der CIA uns eine verfügbare
Summe genannt hätte, sowie Kostenvoranschläge für die
einzelnen Waffen gegeben und uns mit den Anforderungen allein
gelassen hätte. Nur wir konnten wissen, was sich in unseren
Depots befand, was für die Einsätze benötigt wurdc und was
als Verlust abzubuchen war. Aber leider geschah dies nicht.
Nachdem den Anforderungen zugestimmt wurde, war es nun die
Arbeit der CIA, dieses Material zur Verfügung zu stellen. Sie
organisierten alle benötigten Gegenstände und verschifften
sie nach Karatschi oder zu geringcrem Teil per Luftfracht nach
Islamabad. Bis 1985 verfolgten wir die Politik, nur
Ostblockwaffen zu kaufen. Dies war ein Teil der Täuschung. daß
der Westen speziell Amerika, nicht die Mudschahedin mit
Material unterstützte. Somit gab es nicht mehr viele Quellen,
wo die Einkäufer der CIA mit den Anforderungslisten das
Matrial organisieren konnten. 1983 erhielten wir ungcfähr
10.000 Tonnen Material, die Lieferungen erreichten 1987 mit
65.000 Tonnen Material ihren mengenmäßigen Höhepunkt. Die
Waffentypen, die wir bekamen, reichten von Handfeuerwaffen bis
zu Panzer- und Flugzeugabwehrraketen sowie Kanonen.
Ein Großteil der Waffen kam aus China, Ägypten und später
aus Israel. Ich wußte vorher nicht, daß Israel eine Quelle für
Waffen war, denn wäre dies bekannt gcworden, hätte es beträchtlichen
Ärger mit anderen arabischen Nationen gegeben. Es wäre nicht
akzeptabel gewesen, einen Jihad mit israelischen Waffen zu führen.
Dies waren Waffen, die in großer Zahl während der
israelischen Invasion des Libanon erbeutet worden waren und über
deren Verkauf die Israelis nun froh waren. Daß die Amerikaner
ihr Geld in Israel ausgaben, ist nicht überraschend jedoch
verbargen sie diese Quelle sehr sorgfältig vor uns.
Die CIA arrangierte und bezahlte die Verschiffung nach
Karatschi und teilte uns die Ankunftsdaten mit. Wenn das
Schiff im Hafen angelegt hatte, übernahm der ISI die Lagerung
und Verteilung. In der Weltpresse wurde oft behauptet, daß
China Waffen über die alte Seidenstraße ins Land brachte.
Dies war nicht der Fall. Nicht ein einziges Geschoß kam
diesen Weg, obwohl wir über diese Route hunderte von
Maultieren erhielten. Weiterhin wurden Waffen in chinesischen.
amerikanischen, saudischen oder pakistanischen Flugseugen nach
Islamabad geflogen. Aus irgendwelchen Gründen konnten die
saudischen Flugzeuge niemals ihre Flugpläne einhalten, was
zu endlosen Problemen für unsere Flugzeuge führte, dic
nach Saudi-Arabien flogen, um dort ihre Ladung aufzunehmen.
Somit waren wir gczwungen, solche Flüge zu streichen und uns
auf die US Air Force zu verlassen. Es war nicht so, daß uns
SaudiArabien mit Waffen versorgtc, vielmehr wurde Saudi-Arabien
manchmal für Zwischenlandungen benutzt. Ich glaube, daß die
Amerikaner später nach Kairo wechselten, von wo einige
Flugzeuge mit ägyptischen Waffen eintrafen.
Während meiner Jahre beim ISI traf ich zahlreiche
Vertreter der CIA, vom Direktor bis zu seinen Personenschützern.
lch fand heraus, daß es drei Typen von Offizieren der CIA
gab. Die größte Gruppe bestand aus denen, die relativ jung
zu dieser Behörde kamen und dort Karriere machten, wobei
diese eine etwa ausgeglichene Erfahrung zwischen Aufgaben im
Hauptquartier und im Außendienst hatten. Die zweite Kategorie
bestand aus Männern im Alter von 30 bis 40 Jahren, die außerhalb
der CIA wegen ihrer speziellen Sachkenntnisse rekrutiert
wurden. Dies waren die technischen Experten und Analytiker. Für
mich sah es so aus, als ob die Meinung dieser Fachleute immer
ein großes Gewicht für die Personen hatte, die die
Entscheidungen trafen. Es schien, daß diese die höheren
Dienstposten schneller als die erste Gruppe erreichten. In den
meisten Fällen hatte diese Gruppe der ClA-Mitarbeiter nur
einen sehr begrenzten militärischen Hintergrund, obwohl sie
oftmals eine Schlüsselrolle bei militärischen
Angelegenheiten spielten. Die dritte Gruppe kam normalerweise
ab dem Dienstgrad Major aus den Streitkräften. Manche von
ihnen waren zur CIA abkommandiert. wohingegen andere ständig
zur CIA gehörten. Diese waren meist Waffenexperten oder
Ausbilder, und ich bemerkte eine tiefe Feindseligkeit zwischen
ihnen und den anderen Angehörigen der CIA. Es gab - in
Islamabad mit Sicherheit - Mißtrauen innerhalb der CIA. Ich
glaube daß viele Probleme daher rührten, daß diese früheren
Offiziere sehr gut sahen, welche Fehler ihre unkundigen
Vorgesetzten bei militärischen Entscheidungen machten, jedoch
ihr Ratschlag nur selten beachtet, manchmal sogar ignoriert
wurde. Ich fragte einmal einen Offizier dieser dritten Gruppe,
warum die Zivilisten' immer versuchten zu diktieren, wie wir
den Krieg in Afghanistan führen sollten. Er antwortete:
"General, in den Vereinigten Staaten erntet der CIA immer
die Lorbeeren wenn etwas Positives in Afghanistan geschieht;
und Sie (also Pakistan) werden für alles, was schief geht.
verantwortlich gemacht."
Zwei weitere Beispiele für die Inkompetenz oder möglicherweise
Korruption der CIA sollen die Verschwendung von Millionen
Dollars verdeutlichen und die ernsthaften Auswirkungen zeigen,
die diese Fehler auf dem Gefechtsfeld hatten. Beide Beispiele
betreffen die Versorgung mit alten, ausrangierten Waffen nach
dem Grundsatz, daß diese für die Mudschahedin immer noch gut
genug waren. Die Verkäufer waren froh darüber, daß sie
diese sonst wertlosen Waffen noch mit Profit verkaufen konnten.
Der CIA gab das Geld der amerikanischen Steuerzahler aus, um
uns mit drittklassigen und völlig unzweckmäßigen Waffen zu
versorgen, um gegen eine Supermacht zu kämpfen.
Seit 1984 kam der Großteil aller Waffen und Munition aus
China, wobei die Chinesen sich als ausgezeichnete Lieferanten
zeigten, vertrauenswürdig und diskret und die zu einem späteren
Zeitpunkt sowohl Militärhilfe zur Verfügung stellten, als
auch Waffen zum Verkauf anboten. Ab 1985 bezog die CIA große
Waffenmengen aus Ägypten. lch werde niemals die erste
Schiffsladung vergessen. Nachdem die Container geöffnet
worden waren, sahen wir verrostete Waffen, von denen viele
nicht mehr instandzusetzen waren. Sie stammten aus den Tagen,
als die Sowjets noch die ägyptische Armee ausrüsteten. Die
Gewehre waren verrostet, die Läufe voll Dreck und Rost,
einige Kisten waren leer, während andere Kisten nur unvollständig
waren. Die Munition war nicht ordnungsgemäß verpackt.
Munition, von der man annahm, daß sie in Munitionskästen
oder in Gurten geliefert wurde, kam lose in Kisten an. Ich
hatte nicht die Männer vor Ort, jede einzelne Lieferung zu überprüfen,
bevor sie zu den Mudschahedin geschickt wurde, so daß das
wahre Ausmaß des Problemes nicht klar wurde, bevor ich die
ersten Berichte aus Afghanistan bekam. Es war schrecklich für
mich zu hören, daß 30.000 82-mm-Mörsergranaten unbrauchbar
waren, weil die Treibladungen in der Luftfeuchtigkeit
angequollen waren und nicht mehr in die Granaten paßten. Die
Ägypter hatten einfach Waffen und Munition verschiffl, die
jahrelang ohne Wetterschutz im Freien gelegen hatten, nur um
Profit aus den Verkäufen zu ziehen. Niemand in der CIA hatte
vor der Verschiffung eine Uberprüfung der Waffen durchgeführt,
obwohl das ein Teil des Vertrages war. Ich machte Fotografien
und schickte diese in die USA, wobei ich bei der CIA heftig
protestierte. Unsere Proteste hatten Erfolg und es erschien
ein Verantwortlicher vor Ort, um sich die Sache anzusehen.
Danach wurden die ägyptischen Lieferungen besser, die
Mudschahedin jedoch trauten auch später den ägyptischen
Versorgungsgütern nicht mehr.
Die nächsten Zwischenfälle betrafen .303-Gewehre und
.303-Munition; hier waren sowohl Indien als auch Pakistan
verwickelt. In der Mitte des Jahres 1984 erreichte eine Ladung
von 100.000 .303-Gewehren Karatschi. Nachdem wir protestierten,
daß wir diese Unmenge von Gewehren nicht angefordert hatten
und daß wir keinen Raum hatten, diese zu lagern, antwortete
der CIA, daß sie die Menge für 1985 im voraus lieferten,
genau wie für das laufende Jahr. Als wir auf das
Lagerungsproblem zu sprechen kamen, wurde uns im Vertrauen
gesagt, daß man diese Waffen zu Niedrigstpreisen in Indien
gekauft hatte. Auf meine Frage, warum und wie die Inder Waffen
an uns verkaufen konnten, obwohl sie wußten, daß diese
Waffen gegen ihre Verbündeten, die Sowjets. benutzt wurden,
erhielt ich zur Anwort: "Die Inder sind wirkliche
Bastarde, man kann ihnen nicht vertrauen. Für Geld würden
sie sogar ihre Mutter verkaufen."
Bei der Munition machte ein pakistanischer Waffenhändler
das Geschäft seines Lebens. Er konnte der CIA 30 Millionen
Patronen .303-Munition aus seinem Büro in Ubersee verkaufen,
ohne ihnen die wahre Herkunft der Munition mitzuteilen. Bei
einem Preis von rund einer DM pro Patrone war der Waffenhändler
ein gemachter Mann. Dr CIA war nicht bekannt war, daß die
Munition aus alten Lagerbeständen der pakistanischen Armee
kam, die diese Waffe nicht mehr benutzten. Ein Schiff wurde
beladen, verließ Karatschi für einige Tage, drehte um und
wir bekamen einen Hinweis von der CIA, daß unsere Munition
ankam. Als in Rawalpindi einige Munitionsbehälter geöffnet
wurden, fanden wir heraus, daß jede Patrone am Hülsenboden
POF (Pakistan Ordnance Factory) gestempelt war. Wenn diese
Munition in Afghanistan verschossen worden wäre, wäre
eindeutig bewiesen, daß Pakistan die Guerillas bewaffnete.
Somit muß jede Patrone zurück zur POF, um dort entstempelt
zu werden, eine Aufgabe, die nahezu drei Jahre dauerte und
einen Haufen Geld kostete. Wieder einmal waren die Verlierer
die amerikanischen Steuerzahler und die Mudschahedin.
Dieselbe Geschichte lief in Verbindung mit der Türkei ab.
Im Jahre 1984 machten die türkischen Behörden das Angebot,
uns mit Waffen zu versorgen, und so bekam ich von General
Akhtar den Auftrag, in der Türkei die Arrangements
abzusprechen. In Ankara waren die Türken darüber sehr
aufgebracht, daß ich die Waffen. die verkauft werden sollten,
zu sehen verlangte. Dennoch bestand ich darauf und zu meinem
Entsetzen fand ich heraus, daß alle Waffen vor etwa dreißig
Jahren bei der türkischen Armee ausgemustert worden waren.
Ihr Herstellungsdatum lag zwischen den Jahren 1940 und 1942.
Es war verlorene Zeit, dem geplanten Geschäft nicht
zuzustimmen, denn die Türken versuchten, meine Zustimmung für
die Verschiffung der Waffen zu bekommen. Ich wandte mich an
unseren Botschafter, um ihm zu erklären, daß diese Waffen
den Schiffstransport nicht wert wären. Der Botschafter war außer
sich, für ihn kam es nicht in Frage, dieses großzügige
Angebot abzulehnen. Bei meiner Rückkehr erklärte ich General
Akhtar, warum wir der Waffenlieferung nicht zustimmen konnten.
Der wiederum sprach sowohl mit dem Präsidenten als auch mit
dem Außenminister, jedoch ohne Erfolg. Am Ende kamen 60.000
Gewehre, 8.000 leichte Maschinengewehre, 10.000 Pistolen und
über 100 Millionen Patronen an Der größte Teil der
Lieferung war stark verrostet oder defekt und konnte den
Mudschahedin nicht übergeben werden.
Der möglicherweise frustrierendste Aspekt meiner Geschäfte
mit der CIA war die Art, wie die Mudschahedin oft mit
unbrauchbaren Waffen versorgt wurden. Ich glaube, daß es dafür
drei Gründe gab. Erstens meinten einige Amerikaner, daß die
Mudschahedin es nicht verdienten und nicht in der Lage wären,
moderne Waffen zu benutzen. Diese Haltung erwies sich später
bei den Stinger-Raketen als vollkommen falsch, jedoch lange
Zeit gab es dieses Gefühl, daß sie Soldaten zweiter Klasse wären
und daher ruhig mit zweitklassigen Waffen ausgerüstet werden
konnten. Der zweite Grund war finanzielle Gier. Viele Länder
und viele Händler sahen Widerstandsbewegungen als eine
willkommene Möglichkeit. Waffen zu verkaufen, die niemand
sonst mehr wollte, Waffen, die in einem desolaten Zustand
waren und die für den Benutzer sogar gefährlich werden
konnten. Ich habe den starken Verdacht daß uns wenigstens ein
Waffensystem aufgezwungen wurde, weil ein US-Kongreßabgeordneter
aafür Geld erhielt, daß dieser Verkauf zustande kam. Schließlich
und endlich waren viele Mitarbeiter der CIA, die mit dem
Waffenbeschaffungsprogramm betraut waren, niemals Soldaten
gewesen und hatten keine Vorstellung davon, wie in Afghanistan
gekämpft wurde. Sie verstanden die Anforderungen der
Mudschahedin nicht
Wieder und wieder mußte der ISI darum kämpfen, Waffen zurückzugeben,
die für den Guerillakrieg ungeeignet waren. Wir waren nur in
einem Fall erfolgreich. Die sogenannten Militärexperten der
CIA erwarteten. daß wir über jede Waffe glücklich sein
sollten. Wenn wir den Wert einer Waffe auf dem Gefechtsfeld
bestritten, wurden wh der Behinderung der Verkäufe
beschuldigt. Es gab keinen Zweifel, daß Politiker ihre Finger
im Spiel hatten und daß unglücklicherweise auch Menschen bei
diesem Geschäft reich wurden, letztendlich war jedoch ich dafür
verantwortlich, die besten Waffen und Ausrüstung zu bekommen,
die ich für die Mudschahedin auftreiben konnte.Diese
bezahlten Fehler anderer mit ihrem Leben.
Mitte des Jahres 1984 bot die CIA in dcr Schweiz
hergestellte 20 mm-Oerlikon-Flugabwehrkanonen an. General
Akhtar und ich verlangten weitere Details über die Geschütze,
die die CIA aus irgendeinem Grund nicht beigefügt hatte. Nach
langen Diskussionen innerhalb des ISI teilten wir mit, daß
diese Waffen nicht für Afghanistan geeignet waren. Wir erklärten,
daß ein einzelnes Geschütz 600 Kilogramm wog und dadurch
viel zu schwer war. Man bräuchte zwanzig Maultiere mit Karren,
um eine Abteilung von drei Kanonen zu transportieren, was über
die Mobilität der Mudschahedin hinausging. Dadurch waren
diese Waffen mehr für eine Verteidigung von Stützpunkten
geeignet. Es gab keine Karrenwege in den Bergen, und der
Einsatz der Waffe wäre dann so begrenzt gewesen, daß die
Waffen mehr zu einer Last geworden wären, als daß sie hätten
sinnvoll eingesetzt werden können. Wir fügten ebenso an, daß
das lange, schwere Geschützrohr nur der Länge nach auf dem Rücken
eines Pferdes oder Maultieres transportiert werden konnte, was
den Transport fast unmöglich machen würde. Weiterhin gaben
wir zu bedenken, daß diese Waffe eine hohe
Feuergeschwindigkeit hatte, immer in Abteilungen zu drei Geschützen
eingesetzt werden mußte und aufgrund mangelnder
Feuerdisziplin bei den Mudschahedin eine enorme Munitionsmenge
benötigt wurde. Bei Preisen von rund 75 DM pro Granate und
einer Feuergeschwindigkeit von 1000 Schuß pro Minute glaubte
ich, daß die Amerikaner dieser Kosten-Nutzen-Rechnung folgen
würden. Als letzter Grund wurde angeführt. daß die
Besatzungen an den Oerlikon- Flugabwehrgeschützen eine längere
Ausbildung benötigen würden.
Unsere Einwände wurden überhört. Man teilte mir mit, daß
bereits zehn Geschütze gekauft worden waren. General Akhtar
erklärte der CIA, daß das ihr Problem sei; die Waffen
sollten in den USA verbleiben Er wurde darauflhin informiert,
daß das ganze nun eine politische Frage war und daß der
Kongreßabgeordnete, der sich für den Verkauf der Geschütze
eingesetzt hatte, im allgemeinen ein Unterstützer der
Mudschahedin im amerikanischen Kongreß war und ein Abbruch
dieses Geschäftes zu großen Mißstimmungen führen würde.
Wir sollten eventuell zwischen 40 und 50 Flugabwehrkanonen
bekommen, die jeweils zu dritt in der Nähe der Grenzstützpunkte
zur statischen Flugabwehr dienen sollten. Die Waffen waren bei
einigen Kommandeuren als Prestigewaffe sehr begehrt, hatten
aber kaum praktischen Nutzen im Gefecht.
Das nächste Problem stand mit ägyptischen Granatwerfern
ins Haus. Diese Waffe hatte eine größere Reichweite als
unsere 82 mm-Granatwerfer, lag jedoch weit unter der
Reichweite unserer Raketenwerfer. Somit hatten sie keinen Wert
für uns. Wir hatten einen guten Granatwerfer, wir hatten die
Raketenwerfer und wir benötigten keine zusätzliche
Komplizierung des bestehenden Systems, indem wir eine weitere
Waffe in einem anderen Kaliber mit anderer Munition, anderer
Ausbildung und weiteren logistischen Problemen einführten.
Wie üblich, trafen unsere Proteste nur auf taube Ohren,
obwohl ich die Einführung verhindern konnte, bis ich den ISI
verließ. Möglicherweise ist das beste Beispiel dafür, wie
Politik und Geld die militärischen Erfordernisse übertrumpfen,
die britische Blowpipe Boden-Luft-Rakete Die CIA war sich im
klaren darüber, daß eine effektive, tragbare Luftabwehrwaffe
erforder-
lich war. In der Mitte des Jahres 1985 bot man uns die
Blowpipe an, wieder einmal stimmten wir aus praktischen Erwägungen
dagegen. Die Blowpipe kann angreifende Flugzeuge zerstören.
ohne daß die Rakete auf vom Flugzeug ausgestrahlte Wärme
reagieren muß. Der Schutze muß aber aufstehen, um das Ziel
zu bekämpfen, was auf dem Gefechtsfeld für wenige
Augenblicke zu akzeptieren wäre. wenn das Waffensystem eine
'fire-and-forget' Waffe ist. Das heißt, der Schütze zielt,
feuert und geht wieder in Deckung, während die Rakete auf ihr
Ziel zufliegt. Bei der Blowpipe muß der Schütze aufstehen,
zielen, feuern und dann die Rakete optisch ins Ziel lenken
wobei er mit einem Handgriff Steuerbewegungen ausführen muß.
Wir wußten, daß dieser Nachteil bereits von den Briten während
des Falklandkrieges erkannt worden war und die Briten das
Javelin-Flugabwehrsystem einführten, welches im Vergleich zur
Blowpipe sehr verbessert war. Ein britischer
Artillerieoffizier erklärte, daß das Hauptproblem darin lag,
daß die Waffe nicht dafür konstruiert worden war, Ziele
die horizontal am Schützen vorbeifliegen, zu bekämpfen,
sondern Ziele, die sich auf den Schützen zu- oder vom Schützen
wegbewegen. Das Blowpipe-System kann von einem Mann wegen
seiner Größe und seines Gewichtes nicht über größere
Entfernungen getragen werden. Ein weiterer signifikanter
Nachteil ist die Ausbildungszeit die benötigt wird. Wir
wollten keine großen Anstrengungen in die Ausbildung an einem
Waffensystem investieren, das von einer anderen Armee als
unzureichend auf dem Schlachtfeld bezeichnet worden war. Vor
allem ist es erforderlich, daß die Blowpipe-Schützen alle
sechs Monate ein Auffrischrungstraining im Simulator durchführen
- was wiederum für die Mudschahedin unmöglich war.
Ich glaube, daß die CIA mit den Briten ein gutes Geschäft
machte, um dieses System zu kaufen, weil sie darauf bestanden,
ihr Ausbildungsteam nach Pakistan zu schikken, um das
Blowpipe-System vorzustellen. Es war eine Katastrophe selbst
ohne den Streß, die Aufregung und die Angst des
Kriegseinsatzes schafften die Experten der CIA nur miserable
Resultate heim Schießen auf langsam am Fallschirm
herabgleitende Leuchtkugeln. Aber sie glaubten immer noch, daß
wir dies akzeptieren müßten. Wahrscheinlich schafften sie
das. indem sie General Akhtar übersprangen und sich direkt an
Präsident Zia wandten. Dieser betrachtete das Gesamtthema von
der politischen Seite und sagte. daß ein Ankauf der Blowpipe-Systeme
Großbritannien als einen direkten Unterstützer für den
Jihad einbeziehen würde und die Mudschahedin dadurch
international größeres Ansehen gewinnen würden - und somit
waren wir gezwungen. mehrere tausend der Blowpipe-Raketen zu
akzeptieren. Wieder einma; waren die Mudschahedin die
Verlierer, während Andere viele Kilometer von den Kämpfen
entfernt Millionen scheffelten.
Dieses Fiasko dauerte Monate. Wir stellten fest, daß die
erste Lieferung der Blowpipe-raketen nicht die Steuersignale
des Schützen befolgte und daß die Raketen nach dam Abschuß
sofort in den Himmel stiegen. Dar CIA wurde zur
Beobachtung der Vorfälle herangezogen. Danach wurde ein
britischer Experte eingeflogen, der veranlaßte, daß die
Systeme. Raketen sowie die Abschußgeräte aufgrund eines
technischen Fehlers zurück nach Großbritannien geflogen
wurden. Nach verschiedenen Modifikationen bekamen wir nach und
nach die Blowpipes zurück, es gab jedoch immer noch einen
hohen Anteil an Fehlzündungen. Vier Blowpipe-Raketensysteme
wurden von den Sowjets erbeutet. als die Mudschahedin
gezwungen waren, sich schnell zurückzuziehen, was mit den
schweren und unhandlichen Abschußgeräten nicht möglich war.
Diese Raketen wurden später im sowjetischen Fernsehen gezeigt.
Während meiner restlichen Zeit beim ISI kann ich mich nicht
daran erinnern, auch nur von einem einzigen bestätigten
Abschuß eines Flugzeuges mit einer Blowpipe in Afghanistan
gehört zu haben.
Unsere Bemühungen, die Lieferungen ungeeigneter
Waffensysteme zu stoppen, trugen zum erstenmal 1986 Früchte.
Es ging um die Red Arrow, eine drahtgelenkte chinesische
Panzerabwehrrakete. Wieder einmal sagte die CIA, daß diese
Waffe effektiv wäre, obwohl sie uns wie jeher nur verspätet
die detaillierten technischen Daten dieser Waffe übermittelten
und uns drängten, dem Ankauf zuzustimmen. Als die
Informationen über die Waffe dann vorhanden waren, lehnten
wir den Ankauf sofort ab. Die Raketen wurden drahtgesteuert,
wobei der Schütze die Steuersignale durch einen dünnen Draht
übermittelt. Schon im Indisch-Pakistanischen Krieg erwies
sich diese Rakete als ungenügend. Hindernisse zwischen dem
Schützen und dem Ziel, wie Büsche, Bäume oder Felsen,
schlossen die Benutzung der drahtgelenkten Rakete aus, zusätzlich
war die Ausbildung mit der Waffe sehr zeitaufwendig und, wie
beim Blowpipe-System, war eine regelmäßige Auffrischung
erforderlich. Zu dieser Zeit übten die Chinesen Druck auf die
CIA aus, damit der Waffenverkauf akzeptiert wurde. Wir bekamen
nun enormen Druck aus Washington, den Ankauf der Raketen nicht
zu verhindern. Wir gaben nach, und ein chinesisches
Ausbildungsteam konnte kommen und die pakistanischen Ausbilder
ausbilden. Abhängig von den Resultaten sollte danach eine
letzte Entscheidung getroffen werden. Die Ausbildung dauerte
acht Wochen und es war einzigartig, daß die Chinesen eine
attraktive junge Frau als Ausbilder für die Waffen
mitbrachten. Trotz ihres Charmes und ihrer Bemühungen waren
die Resultate die auch von der ClA beobachtet wurden, spärlich.
Oie Red Arrow wurde nicht gekauft.
Dies waren alles Beispiele von Verantwortlichen der ClA die
keine Vorstellung von den Bedingungen auf dem Gefechtsfeld
hatten, die nicht einmal die Gegebenheiten in Afghanistan
kannten, die nur politischem und finanziellem Druck unterlagen.
Einer sagte zu mir: "General, die Leute in Amerika haben
keine ldee, welche Art von Krieg durch die Mudschahedin geführt
wird." Der Stab der CIA hatte nur wenig Verständnis für
militärische Logistik oder Lagerprobleme. Alle zwei Jahre
wechselte der Zivilangestellte für Logistik und es gab
wiederum eine Periode, in der der Neuankömmling in Beziehung
auf Afghanistan unerfahren war. Man begriff niemals, daß die
Schneeschmelze im April, eine kritische Zeit für uns war und
daß wir so schnell wie möglich Versorgungsgüter nach vorne
bringen mußten. Unglücklicherweise schaffte die CIA es nicht,
unseren Erfordernissen Zll entsprechen. Ihr System war so
verworren, daß sie niemals im voraus wußten, wie die Gelder
zu verteilen waren und sie keine Reserve zurückhalten konnten,
um die Anforderungen im Frühjahr zu erfüllen. Ich bin mir
sicher, daß dieses Chaos nicht akzeptiert worden wäre, wenn
sich amerikanische Kampftruppen an der Front befunden hätten.
Zusammen mit den Waffensystemen kamen ebenfalls neue Ideen
an die Front, eine dieser Ideen war Sabotage. Ein Experte der
CIA wurde eingeflogen, um mich in der Vernichtung von
Treibstoff zu unterweisen. Er glaubte, Sympathisanten der
Mudschahedin, die in den Kfz-Hallen oder Flughäfen arbeiteten,
könnten Chemikalien
in die Treibstofftanks der Fahrzeuge oder Flugzeuge mischen.
Ich erklärtc ihm, daß dadurch nicht viele Personen getötet
oder Material zerstört würde und daß die Mudschahedin
dieses niemals als einen Weg, den Jihad zu führen, anerkennen
würden. Die Mudschahedin verlangten sofortige Resultate, möglichst
sichtbar und hörbar Ihre Vorstellung vom Kampf beinhaltete
Schießen, Verwundete, die Möglichkeit ihren Mut zu zeigen
und Kriegsbeute zu machen. Es war für mich schwer genug,
ihnen beizubringen, eine Pipeline verdeckt zu sprengen und es
wäre fast unmöglich, ihnen zu erklären, daß sie eine Flüssigkeit
in einen Treibstofftank schütten sollten. Das war nicht ihre
Art des Kämpfens. Wenn eine Person in der Lage wäre, die Flüssigkeit
in den Tank eines Flugzeuges zu bringen, könnte sie ebensogut
eine magnetische Sprengladung am Flugzeug anbringen. Als der
Experte dann das Gespräch auf die Lagereinrichtungen für die
Treibstoffe brachte, fragte ich ihn, wie der Saboteur in der
Lage sein sollte, die großen Tonnen mit Flüssigkeit zum
Verseuchen des Treibstoffes zu transportieren. Der Experte
hatte darauf keine praktische Antwort. Weder diese Idee, noch
seine zweite, eine andere Chemikalie in die Batterien der
Fahrzeuge zu schütten, waren für die Art des Krieges, der in
Afghanistan gekämpft wurde, relevant oder praktisch.
Ein anderes Mal sollten Versorgungsgüter direkt mit
Fallschirmen zu den Mudschahedin in Afghanistan gelangen. Dies
war ein ernsthafter Vorschlag, das System zu beschleunigen und
Pakistan zu umgehen. Es wurde jedoch nicht bedacht, wessen
Fiugzeuge benutzt werden sollten. Würden amerikanische
Flugzeuge die Fracht einfliegen, war der amerikanische Präsident
direkt an Einsätzen gegen die Sowjets heteiligt. Weiterhin
wurde nicht bedacht, wieviele Flüge benötigt werden würden
um 20.000 bis 30.000 Tonnen Fracht abzuwerfen; noch wurde
beachtet, daß Flugzeuge abgeschossen werden konnten. Oder daß
50 Prozent der Fallschirme mit der Fracht in sowjetische Hände
fallen konnten. Wie war es mit der Erlaubnis zum Uberfliegen
von Pakistan? Es handelte sich hierbei um eine sinnlose Idee.
die Diskussionen dauerten jedoch ein halbes Jahr.
Die Uberschrift der Washington Post vom 8. Mai 1987 stellt
Halbwahrheiten dar. die hin und wieder als Fakten akzeptiert
wurden: Afghanische Rebellenhilfe bereichert Generäle - CIA
gab drei Millionen US-Dollar für Waffen für afghanische
Widerstandskämpfer aus - die Hälfte davon von amerikanischen
Steuerzahlern. Nicht ein Amerikaner entscheidet, wohin die
Waffen gehen.
Hinsichtlich der Korruption kann ich nur für mein eigenes
Personal sprechen. Ich bin sicher, daß es bei uns keine
falschen Geschäfte gab, daß keine Waffen verkauft wurden und
daß das Geld nur für die Dinge verwendet wurde, die auch dem
Widerstand von Nutzen waren. General Akhtar war darin sehr
genau. Obwohl Korruption in Pakistan völlig normal ist. kommt
wohl nur beim Militär die Korruption kaum vor, ich kann
jedoch nichts mit Sicherheit darüber sagen, wenn die
Versorgungsgüter erst einmal die Kontrolle des ISI verlassen
hatten. Viele Millionen von arabischen Organisationen und
reichen Einzelpersonen, meistens aus Saudi-Arabien. Diese
Geldmittel wurden meist direkt zu den einzelnen Parteien nach
Wahl der Geldgeber geleitet, oft jedoch zu einer
fundamentalistischen Partei. Die Verteilung der Mittel wird in
einem weiteren Kapitel beschrieben, und so kann ich nur noch
einmal darauf hinweisen, daß die Verteilung durch den ISI
strikten Kriterien der militärischen Effektivität und der
Gesamtstrategie des Feldzuges unterlag. Die Washington Post
schilderte korrekt. daß kein Amerikaner darüber entscheiden
konnte, wer die Waffen empfing, und der Autor des Artikels kam
der Wahrheit sehr nahc. als er schloß, daß die Möglichkeiten
zur Korruption und zum Verschwinden von Waffen größer waren,
bevor die Waffen Karatschi erreichten, als danach.
Die Beziehungen zwischen der CIA und uns waren immer
gespannt. Es gab niemals das Gefühl wirklichen Vertrauens.
Mein Stab und ich mußten den immer wiederkehrenden Versuchen
der CIA entgegenarbeiten, sich in die Verteilung der Waffen
und Munition, in die Ausbildung der Mudschahedin sowie die
Planung der Einsätze einzumischen. Sie waren so besorgt darüber,
daß sie ihr eigenes Operationsbüro neben meinem in
Rawalpindi aufbauten. Dies war ihnen jedoch niemals genehmigt
worden, ich versuchte vielmehr, so wenig wie möglich Kontakt
mit dem örtlichen CIAPersonal zu bekommen. Ich war niemals in
der US-Botschaft, und ich besuchte das 'sichere Haus' der C1A
nur dreimal während meiner vier Jahre beim IS1.
Einer dieser Besuche zeigte mir, wie wenig die Mitarbeiter
der CIA die Grundlagen des Guerillakrieges, der in Afghanistan
gekämpft wurde. begriffen hatten. Im Jahre 1984 rief mich
gegen Mitternacht ein Stabsoffizier General Akhtars an, um mir
zu sagen, daß die CIA mich dringend in ihrem 'sicheren Haus'
in einer Angelegenheit, über die sie am Telefon nicht reden
konnten, sprechen wollte. Ich sagte ihm, daß ich in einer
halben Stunde dort wäre. Ich sprach am Telefon niemals persönlich
mit Angehörigen des CIA. Mein Fahrer kam jedoch zu spät, so
entschied ich mich, selbst zu fahren, war jedoch nicht in der
Lage, das Haus in der Dunkelheit zu finden, so dauerte es über
eine Stunde, bevor ich ankam. Die Nachricht für mich war, daß
die Sowjets einen Versorgungskonvoi der Mudschahedin in der
Provinz Helmand im Westen Afghanistan entdeckt hatten und nun
einen Hinterhalt für den Konvoi legten. Ich fragte mich. was
ich nun tun sollte? Ich war völlig verblüfft. Helmund war über
tausend Kilometer entfernt von Rawalpindi. wie auch die CIA wußte,
ich hatte absolut keine Möglichkeit, mit den
Mudschahedin-Gruppen in Afghanistan über Funk Verbindung
aufzunehmen. weil sie keinen Funk hatten, noch hatte ich die
entfernteste Idee, welche Gruppe der Widerstandskämpfer
angegriffen
wartete den Ratschlag der CIA zu diesem Thema nicht ab.
Ich konnte mich nicht vor dem nicht abreißenden Strom von
Besuchern schützen, die unter Beteiligung der CIA aus
Washington kamen, diese kamen regelmäßig alle zwei Wochen.
Es schien, als hätte der CTA eine nicht endende Zahl Experten.
Techniker und Analytiker, die alle glaubten, daß sie helfen
konnten, den Krieg zu gewinnen. Einige von ihnen gaben sehr
wertvolle Ratschläge - jedoch nicht alle. Ich erinnere mich
an einen Mann, der ausgiebig über den Vorteil von der
Anwendung elektrischer Energie durch die Mudschahedin in ihren
Basen in Afghanistan sprach. Er sagte, daß dies für die
Funkverbindungen notwendig wäre. Er hatte jedoch kein Wissen
von der Umgebung, von fehlenden Reparatureinrichtungen für
Generatoren, dem begrenzten Treibstoff. dem Einfluß des
Winters auf die Einsätze oder dem totalen Mangel
ausgebildeter Techniker auf dem Gefechtsfeld.
Der CIA hatte zwei Vertreter vor Ort; ihre Zahl stieg
jedoch zu der Zeit als ich den IS1 verließ, auf fünf. Oies
war das ständig anwesende Personal, die Besucher nicht
eingeschlossen; dazu kamen die zahllosen bezahlten Agenten,
die mit den Mudscha-
hedin arbeiteten, mit den Parteien, dem Militärkomitee und,
wie ich vermutete auch innerhalb des Stabes des ISI. Wie jeder
Nachrichtendienst hatten sie ihre Eigenarten bei der Durchführung
der Angelegenheiten. Die Beobachtung amüsierte mich, daß
nach Ablehnung einer Waffe innerhalb einer Woche ein
Parteimitglied oder ein Mitglied des Militärkomitees plötzlich
für die Einführung des Waffensystems plädierte, obwohl der
CIA sie niemals zu Gesicht bekam.
Ein Teil des Problemes war, daß die CIA unter großem
Druck aus Washington, dem Kongreß und der amerikanischen Öffentlichkeit,
deren Geld ausgegeben wurde. stand. Wie ihr Direktor standen
sie unter politischem Zwang und tendierten dazu die Politiker
verantwortlich zu machen, wenn die Dinge falsch liefen. In
diesem Zusammenhang erklärte mir ein Angehöriger des CIA, daß
Präsident Carter vor Beginn des Krieges mit Hilfe von
Luftaufnahmen von der bestehenden Invasion der Sowjets nach
Afghanistan informiert worden war, er jedoch den Beweisen
nicht glauben wollte, weil er nicht reagieren wollte - hätte
er reagiert, wäre der Krieg niemals zustande gekommen. Eine
Sache, an der ich niemals zweifelte, war ihre Einstellung, die
Sowjets in Afghanistan leiden zu lassen. Dies war eine
beliebte Phrase innerhalb der CIA.
Eine weitere interessante Aktivität der CIA und der übrigen
westlichen Nachrichtendienste aus Großbritannien, Frankreich
und Deutschland war ihr Bemühen, erbeutetes sowjetisches
Material oder Waffen zu kaufen. 1985 wurden die neuen AK74 bei
den sowjetischen Truppen eingeführt. Das Sturmgewehr ist
kleiner und leichter als das alte AK-47 und verschießt
Munition im Kaliber 5,45 mm, die dazu tendiert, sich im Körper
zu überschlagen, was zu inneren Verletzungen und großen
Austrittswunden führt. Das erste erbeutete AK-74 wurde dem
CIA für 5000 Dollar verkauft. Damit begann das Geschaft.
Waffen, Panzerplatten, elektronische Ausrüstung (speziell vom
Mi-24), Chiffriermaschinen, Panzerketten, sogar Ferngläser,
wurden nun zu einem kommerziellen Wert für die Mudschahedin,
was von ihnen auch sehr geschätzt wurde. Das
Botschaftspersonals fuhr zu Einkaufstouren' in die
Stammesgebiete in der Nähe der Grenze. Dies ging so lange,
his General Akhtar bei den Botschaften protestierte und
verlangte, daß die Botschaften ihre Wünsche beim ISI
vorbrachten.
Seit 1984 versuchten die CIA und die Agenten des CIA, einen
afghanischen Piloten zu finden, der mit seinem
Mi-24-Kampfhubschrauber desertieren sollte. Es gab diesbezüglich
einige Kontakte in Kabul, von Zeit zu Zeit bekam ich
Nachrichten, daß der Kampfhubschrauber ankommen und ich einen
Landeplatz sicherstellen sowie die pakistanische Luftwaffe
vorwarnen sollte, damit sie den Kampfhubschrauber nicht
versehentlich abschoß und verhinderte, daß der Hubschrauber
von der sowjetischen Luftwaffe in Pakistan am Boden zerstört
würde. Es ist überflüssig zu sagen, daß der
Kampfhubschrauber niemals ankam, so gab ich es auf, die
pakistanische Luftwaffe immer wieder zu belästigen Die CIA
erwartete, daß der Pilot zu einer vorgegebenen Zeit
desertierte und der Kampfhubschrauber zu einem bestimmten
Zeitpunkt in Pakistan landete. Man verstand nicht, daß ein
derartiger Plan einfach sein muß und man dem Deserteur ermöglichen
muß, Zeit und Ort seiner Desertion zu wählen. Die Möglichkeit
zur Desertion m ußte ausgenutzt werden und wenn sie da war,
blieb dann keine Zeit mehr, die CIA im voraus zu informieren.
Am Ende der Bemühungen brachte unser Plan der CIA nicht nur
einen, sondern zwei Mi-24 ein. Ich erklärte den Parteiführern,
daß wir einen derartigen Kampfhubschrauber benötigten. Diese
ließcn ihre Kontaktleute in Kabul wissen, daß ein Uberläufer
willkommen wäre. An einem Nachmittag im Sommer 1985 bekam ich
einen Telefonanruf, daß zwei Mi-24-Kampfhubschrauber bei
Miram Shah, innerhalb Pakistans, gelandet waren. Bei ihrcr
Ankunft teilte ein verdutzter pakistanischer
Sicherheitsoffizier den Besatzungen mit. daß sie irrtümlich
in Pakistan gelandet wären - wenn sie es jedoch wünschten, würde
er sich umdrehen, von dem ganzen Vorfall nichts gewußt haben
und sic könnten starten. Sie blieben in Pakistan, obwohl
einer der Co-Piloten nicht die leiseste Idee davon hatte, daß
sie desertierten, als sie Kabul verließen. Innerhalb von
Stunden wollte jede Botschaft die Kampfhubschrauber
besichtigen. Für die Dauer von zwei Wochen wurden sie in
einer Luftwaffenbasis abgestellt, bevor Experten aus Großbritannien,
Deutschland, Frankreich und China die Erlaubnis bekamen, die
Kampfhubschrauber zu besichtigen und zu fotografieren. Wenige
Wochen später wurden die Kampfhubschrauber mit vier der sechs
Besatzungsmitglieder im die Vereinigten Staaten gebracht.
Es gab weitere Desertionen afghanischer Piloten. Die erste
Desertion war die eines Mi-8-Hubschrauberpiloten zu Beginn des
Krieges. Danach folgte ein Pilot mit einem Flugzeug. Währcnd
des Fluges sagte der Pilot dem Co-Piloten, daß er nach
Pakistan flog, um zu desertieren. Der Co-Pilot war dagegen und
wurde gewalttätig, so daß der Pilot seine Pistole zog und
den Co-Piloten im Cockpit erschoß. Der CIA bekam ebenso ein
SU-22-KampMugzeug in die Hände, nachdem ein afghanischer
Flieger, Kapitän Nabi. desertierte. Dieser kämpfte danach
als Kommandeur für die Mudschahedin, bis cr von seiner Partci
die Erlaubnis bekam, in die USA auszureisen.
Der wertvollste militärische Beitrag der CIA zum
Afghanistan-Krieg ergab sich bei der Satellitenaufklärung mit
I uftaufnahmen. Nichts auf dem Boden konnte vor den Satelliten
versteckt werden. Die Bilder, die aus enormen Höhen
aufgenommen wurden, zeigten Panzer, Fahrzeuge. Brücken,
Versteckc und Beschädigungen, die durch Bomben- oder
Raketenangriffc verursacht wurden, mit einer Klarheit, die
mich faszinierte. Die Fotos machten sowohl die Planung von
Operationen, als auch die Einweisung der
Mudschahedin-Kommandeure zu einem vergleichsweise einfachen
Geschäft. Es versetzte mich in die Lage, Prioritätsziele für
Raketenangriffc und Wechselstellungen festzulegen sowie
verschiedene Anmarschwege von und zu einem Ziel ausfindig zu
machen. Ich konnte die CIA nach Fotografien eines bestimmten
Gebietes fragen, und innerhalb kürzester Zeit wurden mir
diese Satellitenaufnahmen in mein Büro gebracht, damit ich
sie studieren konnte. Dic CIA trug daraufhin alle Details auf
eine Karte ein. die wir dann behalten konnten. Ein typisches
Beispiel einer solchen Karte, nach der auch ein Einsatz
geplant wurde, ist die Karte von Sherkhan am Amu, die im
Kapitel 13 gezeigt wird. Mit jeder Fotografie oder Karte
bekamen wir eine Liste möglicher Ziele, eine Beschreibung
jedes Zieles zusammen mit vorgeschlagenen Angriffswegen,
gegnerischen Stellungcn, möglichen Reaktionen des Gegners und
möglichen Gegenangriffen. Diese Informationen, zusammen mit
den Ortskenntnissen der Mudschahedin, vcrsetzten uns in die
Lage, effektive Einsätze durchzuführen.
Ich war immer fasziniert von der Fähigkeit der
amerikanischen Technik. Im Fern-
meldebereich war dies wahrhaft erstaunlich. Mir wurde
gesagt, daß zum Beispiel die Amenkaner Gesprächc eines
sowjetischen Piloten in seiner Maschine rund um Moskau
aufzeichnen konnten. Nahezu alle Piloten haben
Spracheigenarten, entweder be~m Akzent, m Pausen, im benutzten
Vokabular oder im Ausdruck. Dies ist ihr Erkennungmerkmal. Die
Amerikaner geben dann jedem Piloten eine Codenummer so daß
der Pilot X, wenn er später in Kabul spricht, wiedererkannt
werden kann. Der Nachrichtendient weiß dann. daß cntweder
dieser eine Pilot versetzt wurde oder daß eine gesamte
Einheit verlegt wurde. Dadurch waren die Amerikaner in der
Lage, die Anzahl der Einheiten der sowjetischen Luftwaffe in
oder in der Nähe von Afghanistan auf dem neuesten Stand zu
halten.
Wir nutzten ebenfalls ihren technischen Rat, wenn sie uns
sagten, wie ein einzelnes Ziel am besten zu zerstören wäre,
sei es eine Brücke, ein Staudamm, ein Treibstofflager oder
eine Pipeline. Der CIA stellte die Fotografien zur Verfügung
und ein Sprengstoffexperte gab uns dann den nötigen Ratschlag
im Bezug auf die Art des Sprengstoffes, die Menge, die beste Zündmethode
und die präzise Plazierung, zusammen mit dem möglichen Ausmaß
der Zerstörung. Dies waren wieder wertvolle Informationen für
die Planung.
Die CIA unterstützte uns auch mit der Installation von
drahtlosen Abhöreinrichtungen. Ich war an dieser Art der
Hilfe nicht direkt beteiligt, obwohl diese eine sehr genaue
Quelle durch neueste abgefangene sowjetische und afghanische
Funksprüche war. Dies war eine sehr wichtige taktische
Information über die Bewegung von Einheiten, manchmal sogar
über ihre Absichten. Oft waren diese Nachrichten dramatisch,
wenn wir hörten, daß die Funker angegriffen wurden und ihre
Befehle funkten oder Hilfe anforderten. Einige dieser Funksprüche
zeigten mir den hohen Grad des Mißtrauens zwischen den
Sowjets und den Afghanen. Nachdem dic Mudschahedin Stinger-Raketen
zur Verfügung hatten. hörten wir, wic sich afghanische
Piloten darüber beklagten, daß sie auf riskante Missionen
geschickt wurden, während die sowJetischen Kampfhubschrauber
in ihren Stützpunkten blieben. In einem Beispiel drohte das
sowjetische Hauptquartier einem jungen Offizier, der darauf
bestand von semem Posten abgezogen zu werden, mit
Kriegsgericht. Die abgehörten Funksprüche ermöglichten es
mir ebenso, den Erfolg der Angriffe der Mudschahedin. die
Beschädigungen und die Anzahl der verletzten Soldaten zu
beurteilen.
Im Sommer 1985 besuchte ich das ClA-Hauptquartier in
Langley. in der Nähe von Washington. Nach wiederholten
Einladungen sagte ich einem Besuch zu. lch hoffte, daß ich
eine Mengc lernen konnte, was unglücklicherweise nicht der
Fall war. Der ganze Besuch hatte mehr den Charakter eines
Ferienausfluges, bei dem meine Achtung für die Bediensteten
der CIA stark litt.
Ich war mir sehr wohl im klaren darüber, daß die CIA ihre
Aktivitäten und Einrichtungen mit einem hochentwickelten
Sicherheitssystem umgeben mußte. Nichtsdestotrotz war ich
ubcrrascht, wie oft sie bis zum Äußersten gingen, später
jedoch verletzt, daß sie ihre kleinlichen Sicherheitsregeln
auch bei mir, einem hohen Offizier eines befreundcten
Geheimdienstes. anwandten. Eine weitere Uberraschung gab es für
mich, als ich im Hauptquartier der CIA den Lift des Direktors
benutzen durfte. Beim Eintritt in den Fahrstuhl lächelte mich
der Fahrstuhlführcr an, woraufhin mir sein Gesicht auch
bekannt vorkam. Später auf dem Weg nach unten fragte mich der
Mann, ob ich ihn nicht als ein Mitglied von Mr. Caseys persönlichem
Sicherheitsteam wiedererkenne. Es überraschte mich, daß
sogar der Fahrstuhl des Direktors einen Personenschützer
hatte und jederzeit besetzt war. sogar dann. wenn Casey sich
außerhalb des Hauptquartiers befand.
Beim Besuch der CIA-Schule für Sabotage fühlte ich mich
stark brüskiert, die Schule befindet sich in der Nähe von
Washington, wir flogen dorthin. wohl um mich glauben zu machen,
daß diese Einrichtung weit entfernt von der Hauptstadt wäre.
Ich bin sicher, daß das Flugzeug nur Kreise flog, um Zeit zu
schinden, während alle Vorhänge vor den Fenstern des
Flugzeuges geschlossen waren. Es wurde mir nicht erlaubt, zu
sehen, wohin wir flogen. Am Boden war es wieder dasselbe.
Unser Fahrzeug war komplett geschlossen, es war unmöglich,
hinauszusehen. Mir hätten auch genausogut von Beginn der
Reise an die Augen verbunden werden können. Ich betrachtete
dies als eine persönliche Verletzung.Man erklarte mir aber
schließlich, daß meine Begleiter die sicherheitsbestimmungen
einzuhalten hatten; war ich doch kein Verdächtiger. Wenn
jemand von der CIA meine Ausbildungslager in Pakistan besuchte,
mußte niemand diese Art der Behandlung über sich ergehen
lassen. Sie kamen dort am hellen Tageslicht in offenen
Fahrzeugen, ohne daß wir Versuche machten, den Weg zu
verschleiern oder den Ort des Lagers geheim zu halten.
Während dieses Besuches wuchs mein Verdacht, daß die CIA
zu großcs Gewicht auf die Meinungen der Analytiker, die
hinter den Schreibtischen saßen, legte. Als erstes gingen wir
in einen Konferenzraum, wo wir über Afghanistan informiert
wurden. Ich wurde niemals vorher durch eine weibliche Militäranalytikerin
eingewiesen. Die arme Frau war sehr nervös und zappelig, während
sie von ihren Notizen ablas - ein sicherer Weg, ihre Zuhörer
zu langweilen - leider eine gängige Praxis der Amerikaner.
Vom Blatt abzulesen ist meist ein Zeichen dafür, daß der
Rcdner sein Thema nicht beherrscht und so erwies es sich auch
hier. Nachdem sie ihren Vortrag beendet hatte, fragte ich sie.
was sie damit meinte, als sie sagte, daß dic Mudschahedin
schwere Verluste hatten. Welche Prozentzah] betrachtet sie als
schwer - 10 Prozent, 20 Prozent oder 50 Prozent'? Sie war
sofort durcheinander. Genauso verdutzt war sie. als ich sie
fragte, wieviel Soldaten im Gefecht kämpften. Ihr männlicher
Kollege versuchte, ihr zur Hilfe zu kommen. Später wurde mir
gesagt, daß sic Afghanistan seit der sowjetischen Invasion
bearbeitete und daß sie einen akademischen Abschluß in Militärgeschichte
hatte, bevor sie zur CIA kam. Natürlich hatte sie keine
praktische Kriegserfahrung und würde sie auch niemals
bekommen. Ohne diesc Erfahrung oder Wissen aus erster Hand über
die Bedingungen auf einem Gefechtsfeld ist der beste
Analytiker niemals in der Lage, die richtigen Schlüsse aus
seinen Fakten und Tabellen zu ziehen. Das nächstc Beispiel
zeigt einen Mann, der als Experte sowjetischer Taktik galt.
Nachdem ich eine Weile seinen Ausführungen zuhörte, schien
es mir, als ob die Rote Armee nicht in Afghanistan, sondern über
die norddeutsche Tiefebene angriff, worauf ich ihn sofort auf
die Geländeverhältnisse in Afghanistan ansprach. Dazu war er
wohl nicht in der Lage. weil er danach seinen Vortrag nicht
fortsetzte.
Um es zusammenfassend zu sagen: Die Aufgaben der CIA in
Afghanistan waren Waffen- und Ausrüstungsbeschaffung
Organisation des Transports nach Pakistan, Bereitstellung von
Geldmittel für die Waffen und den Transport der Waffen und
Fahrzeuge innerhalb Pakistans und Afghanistans,
pakistanische Ausbilder an neuen Waffensystemen oder neuer
Ausrüstung auszubilden, Satellitenfotografien. sowie Karten für
die Operationsplanung und Fernmeldeverbindungen zur Verfügung
stellen und die Ausbildung und Beratungen in technische Dingen
durchzuführen, wenn dies erforderlich war. Die gesamte
Kriegsplanung, die gesamte Ausbildung der Mudschahedin und die
Bevorratung und Verteilung von Waffen und Versorgungsgütern
befanden sich unter der alleinigen Verantwortung des ISI.
Ich betone, daß die Stärke der CIA ihr Zugang zur
Hochtechnologie ist. Wenn es möglich war, durch technische
Dinge ein Problem zu lösen, hatten sie die Antwort parat,
wenn es jedoch um militärische Entscheidungen auf der Basis
von Erfahrung, militärischem Wissen oder gewöhnlichem militärischen,
gesunden Menschenverstand ging, warteten nur wenige Angehörige
der CIA mit vertretbaren Lösungen auf.
Eine Menge Geld wurde im Afghanistankrieg verschwendet,
einiges unzweifelhaft durch Korruption oder Fehler in Pakistan
und Afghanistan, ich glaube jedoch, daß die größere Menge
in den Taschen von skrupellosen Regierungen, Waffenhändlern,
Politikern und Agenten der CIA landete, die aufgrund
Inkompetenz oder falscher Einschätzung der Lage für
Millionen Dollar wertlose oder ungeeignete Waffen und Munition
beschafften.
Lassen Sie mich das Kapitel mit einer positiven Bemerkung
schließen. Trotz aller Fehler haben die Bemühungen der CIA
eine wichtige Rolle im afghanischen Jihad gespielt. Ohne die
Hilfe der USA und Saudi-Arabien würden die Sowjets sich immer
noch in diesem Land befinden. Ohne die nachrichtendienstlichen
Erkenntnisse der CIA wären viele Gefechte verloren gegangen,
und ohne die Ausbildung der pakista nischen Ausbilder durch
die CIA hatten die Mudschahedin kaum einer Supermacht gegenübertreten
können. |