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 Militärische Kartensymbole  
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    Ein Weiteres Vietnam
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    Kabul, der Schlüssel
    Der Bär greift an
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    Zwei Zwischenfälle
    Nachwort
 
 

 Ein Weiteres Vietnam

 
"Es starben 58.000 Amerikaner in Vietnam und ich denke, daß die Russen nun auch ihre Dosis abbekommen sollten."
Zitat des Kongreßabgeordneten Charles Wilson gegenüber dem Daily Telegraph am 14. Januar 1984.

1987 arrangierte ich Wilsons Besuch in Afghanistan, er war über mehrere Jahre ein energischer Fürsprecher der Mudschahedin im Repräsentantenhaus. Er erwies sich als Unterstützer des Jihad und war Präsident Zia bekannt, ihm gegenüber erwähnte cr. daß er nach Afghanistan einrciscn wollte. Zia, der nicht wußtc, daß die Reise bereits vorbereitet war, machte gute Miene zum bösen Spiel, verbat sich jedoch für die Zukunft derartiges von General Akhtar. Er tat dies aus politischen Gründen. da es an die Öffentlichkeit hätte gelangen und Wilson verletzt oder viel schlimmer noch. gefangengenommen werden können. Zia wollte das Wasser warm, jedoch nicht kochend halten. Wilson kam damals mit einer Begleiterin, die er auch mit nach Afghanistan nehmen wollte, derartiges war jedoch zu riskant.

Wilson arrangierte seinen Besuch direkt mit der Partci Khalis, wir waren ebenso überrascht wie der Präsident. Obwohl Zia sein Veto gegen die Reise einlegte. sollte Wilson nicht wissen, daß Zia oder der ISI gegen den Besuch waren. Wir wollten Wilson die Grenze überqueren lassen, worauflhin er von Mudschahedin unter dem Vorwand interner Stammenfehden in der Umgebung gestoppt werden sollte. Der Plan funktionierte und ich reiste nach Peshawar, um Wilson zurück nach Islamahad zu begleiten. General Akhtar sagte ihm, daß im Falle seiner Wiederkehr geheimc Absprachen getroffcn würden, um ihn bei einem künftigen Besuch nach Afghanistan zu bringen. Wilson kehrte zurück und besuchte den Mudschahedin-Stützpunkt bei Zhawar, fünf Kilometer innerhalb Afghanistans, gegenüber von Miram Shah. Er war sehr stolz darüber, daß er sich auf einem weißen Pony in der Kleidung eines Mudschahedin mit einem Munitionsgurt über der Brust fotografieren lassen konnte. Er war sehr aufgeregt, als sporadisch Geschosse einschlugen, obwohl keiner der Einschläge näher als 200 Meter lag. Weil wir mehrere Stinger-Raketcn mitführten, versuchten wir, cinen Hubschrauber in unsere Reichweite zu bekommen, denn die Mudschahedin wollten ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Unglücklicherweise blieben die Hubschrauber an diesem Tag weit entfernt. Bei seiner Rückkehr war er ungchalten darüber, daß dic US-Botschaft ziemlich gedankenlos seinen Rückflug nach Amerika über Moskau arrangierte. Er weigerte sich, an Bord des Flugzeuges zu gehen. bis ein anderer Flug für ihn gebucht wurde.

Ich führe dies an, weil Wilson die Haltung viclcr amerikanischer Offizieller verkorperte, die Afghanistan zu einem sowjetischen Vietnam machen wollten. Die Sowjets unterstützen damals die Vietcong mit Material, damit diese die Amerikaner bekämpfen und besiegen konnten, während die USA dasselbe tun würden, um die Mudschahedin in ihrem Kampf gegen die Sowjets zu unterstützen. Diese Haltung war ähnlich der der Angehörigen der CIA' speziell von Direktor William Casey. Ich konnte beobachten, daß die Amerikaner noch immer unter ihrer Niederlage in Vietnam litten. Für mich schien es, als ob Rache für Vietnam der primäre Grund für die starke finanzielle Unterstützung des Krieges durch die USA war. Ich zweifelte nicht, daß das State Department viele strategische und politische Gründe für die US-Unterstützung hatte, ich glaube jedoch ebenso, daß viele Offizielle in Amerika dies als eine Möglichkeit sahen, die Sowjets zu besiegen, ohne dabei das Leben von Amerikanern zu gefährden. General Akhtar teilte die Auffassung, daß der AfghanistanKonflikt zu einem sowjetischen Vietnam werden konnte. Er hatte den Präsidenten hiervon überzeugt, worauf nun meine Aufgabe die Durchführung war.

Sicherlich gibt es eine Anzahl Vergleichsmöglichkeiten zwischen den beiden Kriegen. Auf der politischen Ebene kämpften beide Supermächte in einem asiatischen Land: in beiden Fällen kämpften sie zur Unterstützung einer Regierung, die korrupt und beim größten Teil der Bevölkerung unbeliebt war; in beiden Kriegen, in Vietnam wie in Afghanistan, kämpften große konventionelle Streitkräfte gegen eine kleine Guerillastreitmacht und in beiden Fällen unterschätzten die Supermächte in fataler Weise ihren Gegner und glaubten einen schnellen Sieg in der Tasche zu haben. Strategisch bot das Gelände den Guerillas in beiden Ländern Vorteile; die dschungelbedeckten Berge von Vietnam und die hohen schroffen Berge von Afghanistan, boten Schutz und Unterschlupf vor Angriffen aus der Luft. Bcide, sowohl die USA als auch die Sowjetunion vertrauten stark auf ihre Luftstreitkräfte, um ihre Unfähigkeit, den Gegner am Boden zu schlagen. zu kompensieren. Fur die konventionellen Streitkräfte war es primär ein Verteidigungskrieg zu Lande wobei versucht wurde die Kontrolle über Städte, Kommunikationszentren, Dörfer und Militärbasen zu erringen, und die ländlichen Gebiete den Guerillas zu überlassen. In beiden Kriegen wurde Terror und die wahllose Bombardierung von Städten, die möglicherweise dem Gegner Unterschlupf gewährten, angewandt. Die Vietcong konnten Verstärkungen, Versorgungsgüter und Hilfe über die Grenzen von Laos und Kambodscha bekommen, während die Mudschahedin Hilfe aus Pakistan bekamen.

Auf taktischer Ebene vertrauten die Supermächte eher auf Feuerkraft als auf die Infanterie, um ihren Gegner zu vernichten. Beide mußten wieder einmal die Erfahrung machen, daß diese Taktik allein nicht zum Sieg über die Guerillas führt. Die Amerikaner münzten einen neuen militärischen Begriff - search and destroy - ein Synonym dafür, ein Objekt oder ein Dorf zu umstellen, und es unerheblich davon, was sich innerhalb des Objektes befand aus der Luft und vom Bodcn zu beschießen. Danach wurde der sogenannte 'body count' durchgeführt, und die Einheiten schrieben sich einen weiteren Sieg zu. Die Sowjets kopicrten diese Art der gewissenlosen und nutzlosen Abschlachtung, obwohl sie nicht so viel Wert auf die Einschließung dcs Objektes legten. Wcder die Amerikaner noch die Sowjets hätten jemals so lange überlebt, wenn sie keinc Hubschrauber gehabt hätten; aber sogar diese Wunderwaf-

fe verhalf ihnen nicht zum Sieg. Die Haltung der Soldaten in beiden Supermächten war ähnlich. Beide Armeen waren zum größten Teil Wehrpflichtarmeen, deren Männer nur einen Gedanken hatten: zu überleben. Sie hatten kein Interesse an dem Krieg, keinen Grund, der sie veranlaßte zu kämpfen. Dies resultierte in schlechter Dienstausübung, speziell im unteren Teileinheitenbereich. Die Moral fiel in alarmierender Weise und viele Soldaten flüchteten sich in Alkohol oder Drogen. Die Amerikaner lehnten es ab, zu kämpfen, und es gab über 1.000 Fälle, wo Soldaten ihre Vorgesetzten ermordeten. Mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen war der durchschnittliche amerikanische und sowjetische Infanterist im besten Falle mittelmäßig, im schlechtesten nutzlos. Dies war das unvermeidbare Resultat, daß Regierungen annahmen, wenn reguläre Wehrpflichtarmeen einen Krieg führten, in dem sie keinen Nutzen erkennen konnten.Interessanterweise sahen die höheren Offiziere in beiden Armeen den Krieg mit anderen Augen als ihre Männer. Für sie war es die Gelegenheit, ihre Karriere zu fördern. Viele taten dies und auf amerikanischer Seite 'lösten sie ihr Ticket'. um sechs Monate Kampferfahrung zu bekommen. An die 60.000 sowjetische Offiziere dienten im Afghanistan-Krieg, wodurch sie sich für die 'Afghanische Brüderschaft' qualifizierten, cine Brüderschaft, die oftmals mit Beförderung und Orden honoriert wurde.

Ich selbst fand mich nun in der Rolle eines Guerillaführers. Ich dachte immer und wieder über die Kriterien nach, um dem bewaffneten Widerstand zum Sieg zu verhelfen. Als erstes würden loyale Einwohner benötigt, die auch unter hohem Eigenrisiko Unterstützung gewährten und zum zweiten mußte die örtliche Bevölkerung die Widerstandsbewegung mit Unterkunft, Nahrung, Rekruten und Informationen versorgen. Die afghanische Bevölkerung in tausenden und aber tausenden von Dörfern erfüllten diese Erfordernisse. Weiterhin muß der Guerilla an die Notwendigkeit seines Handelns glauben, er muß Willens sein, sich selbst zu opfern, um den Sieg zu erringen. Die Afghanen hatten den Islam, sie kämpften eincn Jihad zum Schutz ihres Landes und ihrer Familien. Drittens muß ein entsprechendes Gelände vorhanden sein. Afghanistan war zu zwci Dritteln mit schroffen Bergen bedeckt, einem Gelände, das nur der örtlichen Bevölkerung bekannt war. Zum vierten mußte ein sicherer Stiitzpunkt vorhanden sein, wohin sich der Gucrilla zurückziehen kann. um sich zu erholen und zu regenerieren, ohne Angst vor einem Angriff haben zu müssen. Pakistan bot den Mudschahedin einen solchen Stützpunkt. Fünftens - möglicherweise der wichtigste Grund von allen - benötigt eine Widerstandsbewegung Hilfe von außen, jemanden, der den Widerstand der internationen Öffentlichkeit zur Kenntnis bringt, und jemanden, der die Geldmittel für die Führung des Widerstandes bereitstellt. Amerika und Saudi-Arabien übernahmen diese Rolle. General Akhtar hatte Recht; alle Voraussetzungen für einen militärischen Sieg waren gegeben. Ich mußte nun sehr sorgfältig darüber nachdenken, wo und wie die tausend Stiche durchgeführt werden mußten, um den Bären zu Fall zu bringen.

Es war wichtig, die Geographie Afghanistans zu kennen. um zu wissen, wie sich das Militär auf die Bascn und die Verbindungslinicn auf beiden Seiten (Karte 6) abstützen konnte. Keine Armee, nicht einmal einc Guerilla-Armee, kann einen ausgedchnten Feldzug ohnc Stützpunkte führen, ohne Verbindungslinien die zu den Soldatcn auf dem Gefechtsfeld führen. Es gibt zwei  Arten von Stützpunkten - strategische Versorgungsstützpunkte und Operationsstützpunkte. Die strategischen Versorgungsstützpunkte warcn in diesem Fall die Sowjetrepubliken des südlichen Zentralasien, die von den Grenzen zum Iran im Westen bis China im Osten verliefen. Für die Mudschahedin war dieser strategische Hauptversorgungsstützpunkt die Westgrenze von Pakistan. Hinter diesen Grenzen waren die Depots, die Ausbildungslager, Munitionsdepots und Bereitstellungsräume. Die Sowjets hatten zusätzlich noch die Flughäfen, von denen die Streitkräfte in Afghanistan unterstützt wurden. In beiden Fällen waren die Versorgungsstützpunkte weitestgehend vor ernsthaften Angriffen geschützt. Einheiten konnten zurückkehren, um sich auszuruhen, Verstärkungen konnten sich ungehindert eingliedern. Es handelte sich hierbei um extrem lange Grenzen, die sich über mehrere tausend Kilometer erstreckten. Die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan bestand zu 90 Prozent ihrer Länge aus Bergen, die Grenze im westlichen Belutschistan aus Wüste. Diese Grenze bildete eine öde und furchterregende Barriere. Wegen der Länge beider Grenzen waren die Versorgungsstützpunkte jeweils um zwei Städte in jedem Land gruppiert. In der Sowjetunion liefen 75 Prozent der Versorgungsgüter für Afghanistan durch die Stadt Termez, wohingegen der Rest durch Kushka lief. Für die Mudschahedin war Peshawar das Zcntrum ihrer Versorung und Quetta stellte das zweite Versorgungszentrum im Süden dar.
   

Die Operationsstützpunkte unterschieden sich, dies waren taktische Stützpunkte innerhalb Afghanistans, die die Einheiten gemäß den Anforderungen des Gefechtsfeldes von Tag zu Tag nutzten. Dort hielten sich die Einheiten auf, von dort gingen sie in den Einsatz. Nach einem Vorstoß zogen sich die Sowjets normalerweise in ihre Operationsbasen zurück; ebenso benötigten die Mudschahedin Basen nach einem Hinterhalt oder Raketenüberfall. Die Operationsstützpunkte der Sowjets waren die größeren Städte und Flugplätze wie Kabul, Bagran, Kunduz, Jalalabad, Shindand und Kundahan und das neue Oepot bei Pul-i-Khumri. Die Mudschahedin nutzten hunderte über Afghanistan verteilte kleine Dörfer und Täler als Schlupfwinkel. Jeder Kommandeur hatte seinen eigenen Operationsstützpunkt. Eine sichere strategische Versorgungsbasis ist nutzlos, wenn die Versorgungsgüter nicht zu den Einheiten geschafft werden können, hierfür sind auch Fernmeldeverbindungen notwendig. Wird für kurze Zeit eine Versorgungsstraße gesperrt, so wird die entsprechende Einheit nicht versorgt, solange die Straße nicht geräumt ist. Dies ist vergleichbar mit einem Schnitt in einem Finger, der bluten wird, solange er nicht verbunden wird. Die Durchtrennung der Hauptversorgungslinie einer Armee muß beseitigt werden oder die Armee wird untergehen, genauso sicher wie ein Patient mit einer durchtrennten Arterie ohne sofortige medizinische Hilfe sterben wird.

Die Karte 6 zeigt das sowjetische Bodenlogistiksystem. Man konnte die meisten Versorgungsgüter per Hubschrauber oder Flugzeug in die Garnisonen oder Stützpunkte bringen, wenn es notwendig wäre, und so geschah es auch, vor allem, wenn ein Stützpunkt eingekesselt war. Jedoch kann die Versorgung durch die Luft nicht die Versorgung und Verbindung am Boden ersetzen. Der Versorgungsstützpunkt in Termez stellt das Herz der Sowjetischen Streitkräfte in Afghanistan mit Kabul als Kopf dar. Dort befand sich das vorgeschobene Hauptquarticr, hier war das Zentrum der kommunistischen Regierung, und wer sich im Zentrum hefand, kontrollierte das Land, so jedenfalls sah es der Rest der Welt. Die Arterie, die Hauptversorgungsleitung, die die Regierung in Kabul funktionsfähig erhielt, war die Salang-Autobahn. Diese Autobahn verlief über 450 sehr unsichere Kilometer. Dort wurden die meisten erfolgreichen Hinterhalte der Mudschahedin durchgeführt.

Von Kabul führten andere Straßen zu den Außenstellungen der sowjetischen Streitkräfte. Die Autobahn 1 führte Richtung Süden nach Ghazni und von dort nach Kan dahar 500 Kilometer in den Südwesten. Die Straße 157 verlief ebenfalls nach Süden zur 120 Kilometer entfernten Garnison Gardez. Der ostwärtige Teil der Autobahn 1 führte nach Jalalabad, von dort über den Khyber-Paß nach Peshawar. Jede dieser Straßen war wichtig. Wenn die Straßenverbindungen unterbrochen würden, wäre dies sehr schmerzhaft, möglicherweise würde die Unterbrechung eine gewisse Zeit dauern, sie wäre jedoch ohne größere Auswirkung. Im Westen versorgte die zweite Basis rund um Kushka die Streitkräfe in Herat und Shindand. Deren Bedeutung war allerdings nicht so groß wie die der Basen im Osten und Norden. Die Bedeutung lag vielmehr in der Bildung einer Pufferzone gegen den Iran. Um auf der südlichen Route von Shindand nach Kabul zu kommen, muß die große 'Ringstraße' über Kandahar benutzt werden. Dies sind 1.000 Kilometer Torturen, die das Rückgrat brechen, die Blasen verursachen und die durch die feindseligen Provinzen führen, wobei ein Großteil der Strecke durch die Wüste des Todes verläuft.

Je länger ich die Karte betrachtete, desto mehr verstand ich die Probleme der Sowjets. Ihre Hauptversorgungslinie, die Salang-Autobahn, und ihre Erweiterung um 500 Kilometer nach Kandahar in den Süden verliefen dicht und, was noch entscheidender war, parallel zur pakistanischen Grenze. Die sowjetische Nord-Süd-Versorgungslinie lag über 1.000 Kilometer in der Reichweite der Mudschahedinstützpunkte. Die Landspitze Parachinar zeigt direkt nach Kabul. Von der Spitze von Parachinar war das Zentrum der kommunistischen Machthaber Afghanistans nur 90 Kilometer entfernt. Diese Landspitze wurde auch als Papageienschnabel bezeichnet. Durch einen Zufall bedrohte eine ähnliche Landspitze, die ebenfalls als Papageienschnabel bezeichnet wurde, von der kambodschanischen Grenze aus Saigon in Südvietnam. Die Entfernung betrug dort nur 65 Kilometer. In Afghanistan war das für uns ein großer strategischer Vorteil. Die Sowjets mußten nicht nur auf eine einzige Autobahn in dem kritischen ostwärtigen Teil des Landes vertrauen, die Autobahn war außerdem noch ausgesprochen lang, und verlief durch Gebiete, die von den Mudschah_din gehalten wurden sowie durch den Hindukusch. Außerdem wurde die Autobahn auf ihrer gesamten Länge durch die pakistanische Grenze bedroht. Auf der anderen Seite gab es viele Wege, von den Grenzstützpunkten nach Afghanistan in verhältnismäßig geringer Entfernung, so daß sie den Angriffen nicht ausgesetzt waren. Wie ich sehr gut wußte, reduzieren längere Verbindungsund Versorgungslinien einer Armee den Kampfwert ihrer Streitkräfte auf dem Gefechtsfeld, weil die Armee eine große Anzahl ihrer Truppen zum Schutz der Versorgungslinien abstellen muß. Je länger also die Route, desto mehr Wachen werden benötigt und desto schwächer sind die Einheiten auf dem Gefechtsfeld. Bei den Sowjetischen und Afghanischen Einheiten war dies ein Hauptfaktor, der ihre Fähigkeit zur Aufstellung von Einheiten zur Durchführung von Einsätzen im Land verhinderte. Ich schätze, daß neun von zehn gegnerischen Soldaten statische Verteidigungsstel

lungen besetzten oder logistische Basen bewachten Begleitschutz fuhren und administrative Aufgaben hatten.

Die Sowjets reagierten sehr sensibel auf die Bedrohungen ihrer Hauptversorgungsstraße, weil es nur diese gab und sie dureh den wichtigsten Teil des Landes verlief. Falls die Salang-Autobahn bloekiert war, konnten sie die Versorgung nicht einfach auf eine andere Straße umleiten. Diese Autobahn war ebenso ihr Rückzugsweg d.h., auch der Rückzug der Sowjets der Jahre 1988/89 erfolgte auf dieser Straße. Militärstrategisch betrachtet würde man ihre Stellung als ungeschickt beurteilen. Ihre Streitkräfte waren aufgrund ihrer Lage zu den Versorgungsstützpunkten und zu Pakistan gezwungen, ihre 'Flanke zur Front' zu machen. Mit anderen Worten, ihre Armee marschierte bereits mehrere hundert Kilometer nach Süden in das Gebiet um Kabul, wobei ihre Versorgungslinie hinter ihnen lag. Dann jedoch, um in die kritischen östlichen Provinzen zu kommen und um der gegnerischen Grenze gegenüber zu hegen, mußten sie sich nach Osten wenden. Ihre Front war nun dort, wo sich vorher ihre Flanke befand. Ihre Führungs- und Verbindungslinie verlief jedoch immer noch von Norden nach Süden und war somit den Angriffen der Mudschahedin ausgesetzt. Die Mudschahedin hatten diese Probleme nicht.

Trotz dieser Vorteile mußte ich mich immer wieder daran erinnern, daß die Mudschahedin eine Guerilla-Armee waren, die im Jahr 1983 nicht in der Lage waren, ihren Gegner in einer offenen Feldschlacht zu bezwingen. Die Strategie mußte weiterhin die der tausend Stiche bleiben. Es ist ein großer Unterschied, ob ein großangelegter Angriff die Hauptversorgungslinie durchtrennt und für längere Zeit unterbricht oder ob ein kleiner Angriff beim Gegner nur Verluste verursacht, jedoch die Straße nicht beschädigt. Um einen großangelegten Angriff auf die Salang-Autobahn durchzuführen, müßte eine große Streitmacht vorhanden sein. die nach der massivcn Sperrung der Autobahn die gewonnenen Stellungen gegen starke Gegenangriffe aus der Luft und vom Boden zu halten hätte. Eine derartige Strategie war jedoch nicht mit den Kapazitäten der Mudschahedin durchzuführen, selbst wenn ich die erforderliche Konzentration von Soldaten und Kooperation der Führer und Kommandeure erreicht hätte. Eine bessere Strategie war der Angriff. der Hinterhalt, das kurze Zuschlagen und Verschwinden. Diese kleinangelegten Unternehmen mußten mit einer derartigen Häufigkeit und Geschwindigkeit durchgeführt werden. daß der Verlust aus diesen zahlreichen Schnitten die gegnerische Fähigkeit zur Fortsetzung des Krieges ernsthaft herabsetzen würde. Ein derartiger Druck auf die Versorgungslinien würde die Sowjets zwingen, noch mehr Soldaten bei Sicherungsaufgaben entlang der Versorgungslinie einzusetzen. Dadurch würden die Mudschahedin die Initiative wiedererlangen, was sich positiv auf ihre Moral auswirken würde und ihre ausländischen Unterstützer dazu bewegen könnte. ihre Unterstützung fortzusetzen. Während der ersten Wochen traf ich General Akhtar mehrere Male um die Gesamtstrategie für den Krieg festzulegen. Er glaubte, daß sich die Sowjets ab dem Jahr 1984 generell dcfensiv orientieren würden und ihre Schwerpunkte auf den Schutz wichtiger politischer Zentren, der Verbindungslinien, der wichtigen Schlüsselanlagen legen würden wie zum Beispiel Flughäfen, Staudämme und Industrieanlagen. Er sah voraus, daß der Gegner keine größeren Operationen durchführen und sich nur auf die beschränken würde, die zur Sicherheit der oben angeführten verwundbaren Punkte erforderlich waren. Dies wären dann möglicherweise Operationen in den Gebieten in der Nähe der pakistanischen Grenze, um die Versorgungsrouten der Mudschahedin zu unterbrechen sowie die Mudschahedin-Stützpunkte in der Nähe ihrer wichtigen Städte oder Luftwaffenbasen wie Kabul oder Bagram anzugreifen. Die Panjsher-Schlucht, die so oft das Sprungbrett für Angriffe auf diese Autobahn war und die bereits während der ersten drei Jahre des Krieges das Ziel von sechs großangelegten sowjetischen Operationen war. war möglicherweise das Ziel einer weiteren sowjetischen Offensive.

Akhtar sah ebenso Grenzverletzungen in der Luft und durch Artilleriefeuerüberfälle voraus. Er erkannte, daß es Teil der sowjetischen Strategie war, ein Haßgefühl zwischen der pakistanischen Bevölkerung und den Flüchtlingen aufzubauen. Sabotage und Subversion sollten Pakistan destabilisieren. Dies würde ebenso dazu führen, daß die feindlich gesinnten Stämme in den Grenzregionen, die niemals zu der Zentralregierung in Islamabad standen, mit Waffen und Geld versorgt werden würden. Wenn es einen Zusammenbruch von Recht und Gesetz gäbe, würde das weiteren Druck auf Pakistan ausüben, was zu dieser Zeit Präsident Zia gezwungen hätte, die weitere Unterstützung des Jihads zu unterbrechen. Wir stimmten überein, daß es den Anschein hätte, als ob die Sowjets sich auf eine Verteidigungsstrategie in Afghanistan einstellten, die darauf abzielte, das zu erhalten, was sie hatten. Weiterhin mußten wir mit einer offensiven Sabotage in Pakistan rechnen, die die Unterstützung der Mudschahedin für Präsident Zia politisch zu teuer werden lassen sollte. Es sah nicht so aus, als ob die Sowjets auf lange Sicht versuchen wollten, mit großangelegten Verstärkungen den Krieg eskalieren zu lassen, sondern sie hofften vielmehr, daß die Mudschahedin in der Zukunft nicht mehr in der Lage wären, Schlüsselstädte zu erobern und durch die fortschreitende Zerstörung ihrer Dörfer und ländlichen Infrastruktur kriegsmüde würden.

Unsere Pläne für 1984 waren bescheiden. Die Ziele sahen Angriffe auf Kabul, auf den Schwerpunkt des kommunistischen Regimes und der Armee, vor. Durch die Angriffe erhofften wir uns politische und psychologische Unterstützung in der internationalen Presse und in den Medien. Operationen gegen die Hauptversorgunglinien des Gegners sollten ebenso wie Angriffe auf die Flughäfen verstärkt werden und es sollte versucht werden, kleine Garnisonen auf das Gefechtsfeld zu locken, wo sie dann in für sie ungünstigem Gelände bekämpft werden konnten.

Dies war keine sehr ehrgeizige Strategie. Sie berücksichtigte jedoch die begrenzten Kapazitäten der Mudschahedin in diesem Stadium des Krieges. Es gab keine wirkliche Einheit zwischen den Führern, die Allianz war gerade erst aufgebaut worden und das militärische Komitee steckte noch in den Kinderschuhen. Die Zahl der ausgebildeten Mudschahedin war noch gering und es gab noch keine effektive Waffe gegen die Kampfhubschrauber. Erst in diesem Jahr kamen chinesische 107 mm-Raketen an, bis zu diesem Zeitpunkt bestand die Artillerie der Mudschahedin aus 82 mmGranatwerfern.

Bevor ich die meisten meiner Entscheidungen verwirklichen konnte, wurde von den Sowjets eine großangelegte Offensive in Richtung der Panjsher-Schlucht durchgeführt. Es war die siebte Offensive und man zeichnete so die Bedeutung dieser Schlucht für beide Seiten. Die Karte 7 erläutcr-t ihre Bedeutung. Ihren Namen bekam sie von dem Fluß der aus dem Herz.en des Hindukusch zwischen den 6.000 Meter hohen, mit ewigem Eis bedeckten, Bcrgen fließt und wie ein Schwert in Richtung der Salang-Autobahn zeigt. Die Spitze des Schwertes berührt die Autobahn bei Jahal Saraj. In der Schlucht liegt der Operationsstützpunkt des Mudschahedin-Kommandeurs Ahmad Schah Massud. Massud stimmte einem Waffenstillstand in der Schlucht im Jahre 1983zu, lehnte jedoch die Erneuerung 1984 ab. Dies war der Auslöser für die Offensive.
 

 

Der Winter 1983/84 war sehr hart, weshalb wir auch keine großangelegte Offensive vor Mai 1984 erwarteten. Dennoch bekamen wir Berichte von unseren Informanten in Kabul, daß eine großangelegte Offensive in der Panjsher-Schlucht geplant war. Ich begann sofort, die Unterstützung für Massud mit meinem Stab und dem Militärkomitee zu erörtern. Unser Problem war, daß die kürzeste Versorgungsroute nach Panjsher von Chitral über die nördlichen Pässe des Hindukuschs führte. Diese Route war schneebedeckt, alternative Routen führten durch die Gebiete von anderen Kommandeuren, die wiederum anderen Parteien als Massud angehörten und somit seine Versorgungskolonnen nicht durch ihre Gebiete ziehen ließen. Dies war meine erste Erfahrung, wie diese innerparteilichen Fehden die Einsätze gefährden konnten. Massud gehörte zur Partei Rabbanis und konnte somit Druck auf Rabbani ausüben, damit dieser seinen Stolz überwand und die anderen um Hilfe und Zusammenarbeit bat. Glücklicherweise tat er das und ich war sehr erleichtert, als Hekmatyar zustimmte, der sich mit seinen Männern in der Nähe des Ausgangs der Schlucht befand und die Dörfer Jabal Saraj und Gulbahar warnte. von wo wir Gegenangriffe durchführen wollten, wenn die Offensive in der Tiefe der Schlucht geführt wurde. Ich bildete so viele Mudschahedin aus, wie in Pakistan verfügbar waren, bevor ich Ablenkungsangriffe auf Kabul, Bagram und die pakistanischen Grenzregionen durchführen ließ. Dies war nicht viel, jedoch arbeitete die Zeit gegen mich, und es gab keinen Weg, die bevorstehende Offensive abzuwehren.

Die Sowjets überraschten uns durch Beginn, Heftigkeit und Ziele des Angriffes. Obwohl wir beim ISI nur ungenügend Zeit zur Verfügung hatten, sofort auf die Warnung zu reagieren, konnte Massud den erwarteten Schlag abwehren Er evakuierte hunderte von Dorfbewohnern aus dem unteren Teil der Schlucht in dic Seitentäler. Er legte Minen entlang des Weges, der hinauf in die Schlucht führte und er führte einen sehr erfolgreichen Hinterhalt an der Salang-Autobahn durch, bei dcm an die siebzig Tankfahrzeuge zerstört wurden. Ebenso zerstörte er zwei wichtige Straßenbrücken. Am nächsten Tag dem 20. April, begann er mit der Verlegung seiner 5.000 Männer in die Berge und in die Seitentäler.

Am selben Tag startete eine großangelegte Flächenbombardierung (Karte 7). 36 TU-16-Bomber (Badger), zusammen mit einer Anzahl von SU-24-Bombern (Fencer), wurden aus anderen Teilen der Sowjetunion auf den Flugplätzen von Mary North und Termez zusammengezogen. Der Bodenoffcnsive war eine Flächcnbombardierung der Schlucht vorangegangen Die Badger flogen so hoch, daß sie unhörbar und unsichtbar waren. Für die Bewohner im Panjsher regnete es plötzlich 250und 500 kg-Bomben. Wie die Amerikaner bercits mit ihren massiven B-52-Bombenangriffen über Vietnam und die Alliierten in Nordwest-Europa im Jahre 1944/45 herausfanden, kann die Flächenbombardierung mitunter nur gerine Auswirkungen auf

die Tötung von Menschen hzw. die Brechung ihrer Moral haben. Cenauso war es in der Schlucht von Panjsher, wo es durch die Voraussicht Massuds kaum Verletzte gab, während das schlechte Wetter die Fencer behinderte und eine Badger aufgrund des schlechten Wetters sogar gegen einen Berg prallte. Die schmalen, tief eingeschnittenen Seitentäler boten excellenten Schutz vor Luftangriffen. Die Berge etreichten oftmals eine Höhe von 6.000 Metern und die kleinen Täler waren eng und gewunden, was Angriffe sehr gefährlich, wenn nicht unmöglich, machte. In diesen Gebieten konnten die Flugzeuge die Ziele nicht sauber anpeilen, und aus großcn Höhen abgeworfene Bomben schlugen oft weit entfernt von ihren Zielen ein.

Für die Sowjets war es bis zu diesem Zeitpunkt die größte Offensive, was die Bedeutung der Salang-Autobahn und der Bedrohung durch das Panjsher-Tal widerspiegelte. Es ist möglich, daß Generalmajor Saradow, Kommandeur der 108. Mot.-Schützendivision, die Operation mit Unterstützung eines weiteren Generals aus dem Generalstab, der aus Moskau zur Beratung und zur Berichterstattung eingeflogen wurde, führte. Ein fliegender Gefechtsstand wurde in einer viermotorigen An-12 Cub eingerichtet, die den Spitznamen 'Fliegender Kreml' bekam. Unter ihrem Kommando standen um die 10.000 Sowjetsoldaten und 5.000 afghanische Soldaten den Mudschahedin gegenüber.

Der Angriff lief in zwei Phasen ab. Die erste Phase dauerte vom 22. bis 30. April und beschränktc sich auf die Panjsher-Schlucht, wo sich gepanzerte Kolonnen langsam den Weg hinaufarbeiteten, wobei sie Ausfälle durch Minen und Angriffe der Mudschahedin aus der Flanke erlitten. Einc rollende Feuerwalze aus Geschützfeuer und Raketen ging dem Angriff voraus, während Luftlandeeinheiten voraus abgesetzt wurden, um das Gefechtsfeld abzuriegeln. Der Verband henötigte acht Tage, um bis nach Khenj, einem kleinen Dorf 60 Kilometer tief im Tal, vorzudringen. Der Vormarsch wurde dort gestoppt, obwohl ein luftgelandetes Bataillon 20 Kilometer oberhalb bei Dasht-i Ravat abgesetzt worden war; dieses Bataillon wurde von den Mudschahedin fast vollkommen vernichtet. Es begann die Phase 2' da die oberen Zugänge des Panjsher immer noch schneehedeckt waren.

Dies war der gewagteste Teil der Operation. Es waren auch verschiedene Einheiten außerhalb der Panjsher-Schlucht beteiligt, die versuchten, die Mudschahedin zwischen sich und den mittlerweile in den Seitentälern vorgehenden Einheiten einzukesseln. Andere Einheiten kamen uher die Pässe hinter den Mudschahedin. Diese Einheiten bildeten einen äußeren Ring, während Fallschirmjägereinheiten in Bataillonsstärke versuchten, nach der Landung einen inneren Kreis aufzubauen (Karte 7). Wieder wurde ein Bataillon abgeschnitten, weil es zu weit von den Bodentruppen cntfernt abgesetzt wurde.

Am 7. Mai endete die Phase 2, und unsere Aktivitäten rund um Kabul machten sich bemerkbar. Ein Angriff der Mudschahedin auf den Luftwaffenstützpunkt bei Bagram zerstörte mehrere Flugzeuge am E3oden. Die Angreifer zogen sich aus den Seitentälern und aus Dasht-i Ravat zurück. Die Sowjets zogen sich in ihrc Garnisonen zurück und Ende Juni ließen sie afghanische Garnisonen in Anawa. Rokha, Bazarak und Peshghor zurück.

Dies war teilweise ein Erfolg für die Sowjets. lch bekam einen weitercu Einblick in die zukünftigen Taktiken und Fähigkeiten der Sowjets, außerdem erkannte ich einige Schwächen der Mudschahedin. Anscheinend änderten die Sowjets ihre Taktiken und die Zeit der klcinen Offensiven, die von der Salang-Autobahn durchgeführt wurden, war vorbei. Dieser Angriff war besser koordiniert und nutzte weitaus mehr die Möglichkeiten der Hubschrauber, um Einheiten zum Einkreisen der Mudschahedin in Stellung zu bringen. Ich hatte aber immer noch ein gemischtes Gefühl hinsichtlich dieser Operation. Amerikanische Vietnamveteranen und ihre südvietnamesischen Kameraden werden ohne große Schwierigkeiten herausfinden, welchem Problem sich die Sowjets und ihre afghanischen Verbündeten gegenüberstanden, indem sie versuchten, einen Gegner zu bekämpfen, der sich in wenigen Minuten von einem Farmer in einen Soldaten verwandelt. Search- and Destroy-Missionen sind immer gleich, egal, wer sie ausführt.

Ich wurde wiederum scharf daran erinnert, wie die innerparteilichen Fehden bestens vorbereitete Pläne zunichte machen können. Ich konnte sehen, wie schwierig, wenn nicht sogar unmöglich es war, eine Operation sehr schnell durchzuführen. Ich war mehrere Wochen vor Beginn des Angriffes gewarnt worden, aber das Fehlen von Verbindungsmöglichkeiten, das Fehlen jeglicher mobiler Reserve, die an einem kritischen Punkt eingesetzt werden konnte und mangelnder Wille der Führer und Kommandeure zur Zusammenarbeit hatten diesen Vorteil zunichte gemacht. Unsere Bemühungen waren verspätet und dadurch nur teilweise erfolgreich.

Auf der anderen Seite zeigte es sich, wie schwer Guerillas durch Flugzeuge in den Bergen vernichtet werden können und ich wußte nun, wie wichtig die Salang-Autobahn für die Sowjets war.

Die Salang-Autobahn wurde von den Sowjets in den 60er Jahren als Teil ihrer Entwicklungshilfe gebaut. Der primäre Zweck war die Verbindung zwischen Kabul und der Sowjetunion, um eine permanente, allwettertaugliche Verbindung über den Hindukusch zu gewährleisten, so daß der Fluß von Nachschub und Personal in beide Richtungen gegeben war. Sicherlich wurde die militärische Bedeutung damals abgeschätzt, wenn nicht sogar offen diskutiert. Die Autobahn verband den Norden mit dem Süden Afghanistans und kürzte diese Reise von Wochen auf nunmehr Stunden ab. Während sich die Sowjets auf diese strategische Verbindung konzentrierten, bauten die Amerikaner die Ringstraßen im Süden der alles bedeckenden Berge im Zentrum des Landes.

Wenn der Versorgungsstützpunkt rund um Termez das Herz war, das die Versorgungsgüter entlang der Salang-Arterie zum Kopf des Krieges nach Kabul pumpte, dann befand sich der gefährdetste Punkt 120 Kilometer nördlich von Kabul, der Salang-Tunnel. Der Tunnel wurde im Jahre 1964 ebenfalls von den Sowjets gebaut und ist eine hervorragcnde Ingenieurleistung. Er befindet sich am Osthang des Salang in einer Höhe von 3.300 Metern und ist der höchste Tunnel der Welt. Er wurde mit Dynamit über fünf Kilometer durch gewachsenen Fels getrieben. Im Winter ist der Tunnel nur befahrbar, wenn Bulldozer Steine und Schnee auf den Zufahrten räumen. Obwohl der Tunnel mit Hilfe eigener Generatoren beleuchtet wird, ist eine Fahrt durch den Tunnel selten eine Freude. Im Winter erinnerten sich die sowjetischen Soldaten an die Kälte, an LKWs, die über das Eis schlitterten, an Schmutz und an den Gestank der Abgase sowie an das Gefühl der Platzangst, wenn sie in den Berg einfuhren. Die Angst und der Schrecken, lebendig begraben zu werden, bleibt bei

vielen auch, nachdem sie nach fünfzehn Minuten die frische Luft und die Freiheit am Ende des Tunnels wieder erreichen.

Die Angst, in einer Falle zu sitzen, war nicht unbegründet. Im Jahre 1982 blockierten aufgrund einer Serie von Erdrutschen Schnee und Felsen die Straße, wobei ein großer Konvoi innerhalb des Tunnels festgehalten wurde. Die Abgase erreichten schnell eine giftige Konzentration von Kohlenmonoxid im engen Tunnel, was zu einem totalen Chaos mit mehreren Tote und vielen Kranken führte. Der Zwischenfall wurde irrtümlicherweise als Hinterhalt der Mudschahedin bezeichnet und die Zahl der Toten übertrieben. Als Resultat wurden mehrere Lüftungsschächte in den Tunnel gebohrt. Es gab an beiden Seiten des Tunnels strenge Sicherheitsvorkehrungen Dort befanden sich Stellungen für Einheiten in Kompaniestärke, die die Eingänge vor Angriffen sehützen sollten. Es gab Kontrollpunkte und Sperren, wo Sicherheitseinheiten oder Angehörige des KHAD Ausweise überprüften und verdächtige Fahrzeuge durchsuchten.

Für mich war es möglicherweise das lohnendste Ziel in Afghanistan; es schrie förmlich nach einem Angriff. Die Zerstörung des Tunnels würde logistische Schwierigkeiten für die Sowjets verursachen und wäre für die Mudschahedin ein Triumph allererster Güte. Jedoch, wie ich mehr und mehr feststellte, war das Festlegen eines Zieles einfach, das Problem war die Bekämpfung.

Dennoch entschied ich mich, es zu versuchen. Als erstes waren die technischen Erwägungen über Menge, Art und Plazierung der Sprengladungen zu entscheiden. Aufgrund des Rats eines CIA- Experten wurde klar, daß mehrere Tonnen Sprengstoff notwendig waren. Dieses erforderte die Verwendung eines LKWs. Weiterhin würde eine LKW-Ladung Sprengstoff nur eine Beschädigung verursachen, die innerhalb von zwei oder drei Tagen wieder behoben werden könnte. so daß mindestens drei LKW-Ladungen, die in Abständen innerhalb des Tunnels plaziert wurden, nötig wären.

Die nächste Frage war es, welche Art von LKW benötigt wurde. Fahrzeuge wurden in der Regel am Tunneleingang durchsucht, es war deshalb nicht möglich, einfach den Sprengstoff auf die Ladefläche eines normalen LKWs zu laden. Wir dachten deshalb an einen Tanklastzug. Mit einigen Veränderungen konnten diese Fahrzeuge mit Sprengstoff gefüllt werden, während eine Durchsuchung nur Treibstoff zutage bringen würde. Tanklastzüge der afghanischen Regierung würden ideal scin, also wurde eh.er für genaue Beobachtungen und Versuche ausgewählt. Dadurch gab es eine neue Schwierigkeit. Ein voller Tanklastzug mußte von Norden her in den Tunnel einfahren, weil nur leere Tanklastzüge aus Kabul von Süden in den Tunnel einfuhren. Das Problem war, daß alle Straßen aus Pakistan nach Afghanistan in Kabul endeten. Drei beladene Tanklastzüge vor den nördlichen Tunneleingang zu bekommen, war unsere größte Herausforderung. Sie müßten von Süden leer einfahren und sich an einem Punkt oberhalb des Tunnels mit Mudschahedin treffen, die den Sprengstoff auf Eseln oder Pferden über die Berge gebracht hatten.

Wir mußten mehrere freiwillige Fahrer finden, sie einweisen und ausbilden. Auch dies erwies sich als schwierig. Dieser Auftrag erforderte ein hohes persönliches Risiko und es war nicht die Art der Aufträge, die bei den Mudschahedin populär war. Die Mudschahedin zogen Ruhm und Ehre auf den Schlachtfeldern gegenüber verdeckten  Sabotageoperationen vor. Praktisch mußten die Fahrzeuge in den lunnel gefahren werdcn und dort. wo dic Ladung detoniercn sollte, eine Panne vortäuschen. Dann mußten die Zeitzünder gezündet werden und die Fahrer aus dem Tunnel cntkommen. Motorräder oder andere Fahrzeuge, die den Tanklastzügen voranfuhrcn. waren Möglichkeiten, wobei jedoch eine Menge schief gehen konnte. Pannen verursachten immer ein Chaos innerhalb des Tunnels, was zu einer sofortigen Reaktion der Sicherheitseinheiten an jedem Ende des Tunnels führte. Die Tanklastzüge mußten so bewegungsunfähig gemacht werden, daß sie nicht schnell zur Seite geräumt werden konnten. Zeitzünder sowie funkgesteuerte Zünder sollten zum Einsatz kommen. Ein Zeitzünder war für den Fall wichtig, daß eine Funkfernzündung versagte. Wenn alles gut ging, sollte die Funkfernzündung benutzt werden. wenn die Fahrer den Tunnel verlassen hatten, wobei die Sowjets beim Versuch, die Pannen zu beheben, von den Explosionen wahrscheinlich mit zerrissen werden würden Diese drei Explosionen sollten sich möglichst zur gleichen Zeit ereignen, damit ein Uberraschungsmoment gewährleistet wäre. Die Zeitzünder sollten auf eine halbe Stunde eingestellt sein, lange genug für die Fahrer, zu entkommen, aber nicht lange genug, die Fahrzeuge aus dem Tunnel zu bergen oder den Sprengstoff zu suchen und die Ladungen zu entschärfen. Um einen maximalen Nutzen aus dcr Operation zu ziehen, sollte diese im Winter durchgeführt werden, wenn für Kabul nur wenig Versorgungsgüter zur Verfügung standen und dic Bergungsarbeiten noch durch die Witterungsbedingungen erschwert werden würden.
Es wäre sicherlich ein Triumph für die Mudschahedin geworden, aber es sollte nicht
so sein. Mehrere Male stimmten die Kommandeure der Durchführung zu. Nach mehreren Monaten bekam ich jeweils eine Nachricht, daß es nicht möglich war, die Männer zu finden. Vielleicht war die Operation zu ehrgeizig, obwohl ich persönlich andcrs darüber denke. Oie Operation hattc alle Merkmale eincs klassischen Guerillaangriffes. Die Geschichte hätte es sicherlich einmal als hcrvorragendes Beispiel dafür angeführt, wie ein einz.elner Sahotageakt eine moderne Armee für Wochen ausschalten könnte.

Die Salang-Autobahn war die bestgesichcrste Straße von Afghanistan. Von der ncuerbauten Brücke bei Hairatan, im Wcsten von Termez bis nach Kabul, waren die Soldaten in kleinen und großen Posten für sofortiges Eingreifen stationiert. In Abständen von ca. 20 Kilometern gab es Garnisonen, in denen sich mobile Einsatzkräfte befanden, Artillerie. Panzer, Schützenpanzer und oftmals vorgeschobene Beobachter der Luftwaffe. Es gab keinen großen Unterschied zu den Feuerunterstützungsbasen, die die Amerikaner in Süd-Vietnam aufgebaut hattcn, um Versorgungsrouten zu schützen und Scarch and Destroy-Missionen zu unterstützen. Im Gelände, das die Durchführung von Hinterhalten begünstigtc, wurden gewöhnlicherweise kleine Posten im höher gelegenem Gelände aufgebaut. von wo aus die Autobahn überblickt werden konnte. Jeder Posten war mit Minen und Stacheldraht geschützt und über Funk mit dem Stab der jeweiligen Einheit verbunden. Potentielle Stcllen für Hinterhalte wurden mit Minen verschen und Bäume oder Bodenbewuchs, der Deckung gewährte, wurden entfernt.
Nicht nur 75 Prozent aller Versorgungsgüter für den Krieg liefen über diese Straße, nein, auch die gesamte Treibstoffversorgung vcrlief dort. Nur wenige Meter ncben

der Autobahn lag oberirdisch die Ölpipeline, die in die Sowjetunion tührte. Die Ölpipeline verlief über die gesamte Strecke bis zur Luftwaffenbasis bei Bagram, was sie zu emcm weiteren lohnenden Ziel für die Mudschahedin machte.

Neben der Straße, der Pipeline, den Konvois. den Brücken und dem Tunnel gab es zwei große Hauptbasen in der Nähe der Autobahn. Im Süden des Hindukusch war Bagram der wichtigstc Flugplatz Afghanistans. Im Norden der Berge. südlich von Pol-i-Khumri gab es das größtc sowjetisch-afghanische Nachschubdepot in Afghanistan für Treibstoffe, Munition und Fahrzeuge. Ähnlich, wenn auch größer. arbeiten die Depots Cam Ranh Bay und Da Nang in Stid-Victnam.

Um Afghanistan in ein Vietnam zu verwandeln, müßten sich die Sowjcts militärisch zurückziehen, um den militärischen Konflikt den Mudschahedin und den Afghanen zu überlassen. Dies war nicht so unmöglich, wie ich zuerst dachte. 1984 war für mich das Jahr, in dem ich erkannte, was machbar war. Es war das Jahr, in dem die Ausbildungslager vergrößert wurden, in dem die Operationen gegen Kabul zunahmen und koordiniert wurden, in dem eine erste Anfrage nach Stinger-Flugabwehrraketen abgelehnt wurde, sowie das Jahr, in dem wir dic crsten vorsichtigen Vorstöße gegen sowJetisches Territorium entlang des Amu machtcn. Dicsc zwölf Monate bestätigten mich in meinem Glauben. daß die Sowjets Angst vor Verwundctcn hatten. Oftmals verlicßcn sie ihre Fahrzeuge nicht oder nur im allerletzten Moment, um einen Angriff durchzuführen und den Sieg zu erringen. Sie fürchteten ebenso Einsätze bei Nacht, jegliche Aktivität stoppte dann. es gab keine Konvois, keine Bewegungen

keine Angriffe und nur sehr wcnigc Spähtrupps. Dies war auf die reduzierte Luftunterstützung zurückzuführen. Unser Gegner unternahm nichts ohne Kampfhubschrauberunterstützung. Auch in diesem Punkt verhielten sich die Sowjets ähnlich wie die Amerikaner in Vietnam. Mein Eindruck war es, daß beide Supermächte ihre Fähigkeiten zur Durchführung eines konventionellen odcr nuklearen Krieges in Europa aufbauten, aber niemals in der Lage waren, einen Krieg gegen Guerillas in Asien zu führen. Es zeigte sich wiederum, daß der Infanterist die Gruerillas im Gefecht besiegt und nicht dadurch, daß er sich in einem Stützpunkt befindct und das Land mit Bomben und Raketcn vcrwüstet. Auf einen einfachen Nenner gehracht versuchten sowohl die kapitalistische als auch die kommunistische Regierung das Unmögliche, nämlich mit Wehrpflichtigen. für die der Krieg nichts bedeutete. eine solche Aufgabe durchzuführen.

Ich mußte einen Guerillakrieg der tausend Schnitte und Stichc führen. Ich kannte die empfindlichen Stellen meines Gegners - die Salang-Autobahn, Flugzeuge am Boden, die Stromversorgung, Dämme. Brücken, Pipelines. isolierte Stützpunkte oder Konvois und das Zentrum von allem, Kabul. Ich wußte. wo ich das Schwert ansetzen mußtc, aber zwischen dem Wissen, was getan werden muß und dcr Durchführung des Erforderlichen lag ein großer Unterschied. Die Auswahl eines Zieles, das Festlegen der Annäherungsmöglichkeiten, das Ausfindigmachen der Schwächen des Gegners ist der einfache Teil bei der Arbeit eines Generals. Der harte Brockcn ist das Bereitstellen der erforderlichen Kräfte; sie auszubilden, zu bewaffnen, auszurüsten. zu versorgen und zu führen, sowie sicherzustellen, daß die Soldaten den Plan verstehen tmd die Durchführung verdeckt, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort erfolgt. Dies ist der wirkliche Test der Fähigkeiten eines Generals.

Wie ich feststellte. hewegt sich weder im Krieg noch im Frieden etwas ohne Geld. Unabhängig davon, wie brillant meine Strategie sein mochte die Durchführung hmg von der Verfügbarkeit finanzieller Mittel ab, mit denen die Streitkräftc bewaffnet, ausgebildet und bewegt werden ktmnten. Nahezu die Hälfte des Geldes kam vom amerikanischen Steuerzahler, der Rest von der Regierung in Saudi-Arabien oder von reichen Arabern.