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 Die Mudschahedin

 
"Ihr Götter, schützt uns vor dem Gift der Kobra, den Zähnen des Tigers und der Rache der Afghanen"
Hindu-Sprichwort

Als die Sowjets 1979 in Afghanistan einmarschierten, lebten dort ungefähr 15 Millionen Menschen, die Zahl ist heute auf acht Millionen gesunken, bei nahezu zwei Millionen Toten und fünf Millionen Flüchtlingen in Pakistan und im Iran. Die Einwohner Afghanistans bilden eine Mischung von Stämmen verschiedenster Sprachen und Kulturen aber einer Religion, dem Islam. Der Islam gibt den Lebensweg und die moralischc Richtung für alle Gruppen vor. Die Mehrheit der Afghanen sind Sunniten. Ein Zehntel sind Schiiten. Oberflächlich betrachtet sind die Afghanen in zwei große Gruppen einzuteilen. Im Süden und Osten des Hindukusch leben die Paschtunen, während im Norden die Tadschiken, Turkmenen und Usbeken sowie die Dari leben. Die Letzten teilen Herkunft und Kultur mit ihren Nachbarn nördlich des Amu in der Sowjetunion. Ich gebe zu, daß mein Wissen über diese Menschen leider völlig unzureichend war, als ich damals ihren bewaffneten Kampf gegen den Kommunismus beurteilen mußte. Im Hinblick auf meinen Auftrag war es meine erste und wichtigste Aufgabe, die Menschen dort kennen ZU lernen.

Um den afghanischen Widerstandskämpfer zu verstehen, bedarf es eines fortwährenden Prozesses. Erst nachdem ich einige von ihnen getroffen, sie in der Ausbildung gesehen, sie im Kampf beobachtet, ihre Probleme mit ihnen diskutiert und ihre Stützpunkte innerhalb Afghanistans besucht hatte, brachten sie mir genug Vertrauen entgegen, damit ich Einfluß auf die Art ihrer Kampfführung hatte. Dennoch wurde ich manchmal ignoriert. Am Anfang erwartete ich zuviel. Es dauerte eine Weile bevor ich begriff, daß ich nicht länger reguläre Soldaten kommandierte', sondern vielmehr Guerillas'anleitete'. Es war ein faszinierender Lernprozeß. Ich habe eine große Achtung vor dem afghanischen Krieger. Der afghanische Krieger hat den Test der Geschichte bestanden, er wurde niemals besiegt, er nahm es im Jahre 1980 mit den Sowjets, mit einer Weltmacht, auf und vertrieb sie acht Jahre später wieder aus dem Land. Eine Leistung, die ihresgleichen sucht. Nichtsdestotrotz ist der afghanische Krieger kein Supermann. Er hat, wie die meisten von uns, seine Fehler, meistens im Zusammenhang mit seiner Unflexibilität. Weil ich es als wichtig empfinde, daß der Leser den Afghanen ein wenig kennenlernt, versuche ich im ersten Teil dieses Kapitels, seinen Charakter zu beschreiben.

Eine kleine Gruppe Afghanen sitzt um ein Lagerfeuer herum und diskutiert. Zwei von ihnen strciten, wer wohl der tapferste von ihnen sei. Um dics zu bewcisen, lehnt sich einer vorwärts und hält seine Hand ins Feuer. Die Flammen verbrennen sein Fleisch, er zieht die Hand Jedoch nicht zurück. Trotz des unbeschreiblichen Schmerzes gibt er keinen Laut von sich, man sieht nur den angespannten Kiefer, dic Tränen in den Augen und das leichte Zittern seines Armes, was auf die Bemühungen hindeutet, den Schmerz zu überwinden. Für einige Augenblicke läßt cr die Hand vor seinem Publikum rösten. Als er die Hand aus dem Feuer zurückzieht, ist sie leuchtend rot und Gewebeflüssigkeit tritt aus. Dcr Mann hat seinen Mut bewiesen.

Mut, physischer Mut ist wichtig für den Charakter des Afghanen. Der oben beschriebene Zwischenfall beschreibt die Wirklichkeit, obwohl es ein sehr extremes Beispiel ist. Dieser Mann hat sicherlich die Angst überwunden, nichts anderes ist der Mut; er demonstrierte aber auch eine spezielle Facette des afghanischen Kriegers - die Fähigkeit, Schmerzen ohne Klage zu ertragen. Auch bei einer ernsthaften Verletzung ist es für einen Afghanen unmännlich, zu schreien oder zu weinen. Dies wird ihm schon von Kindheit an eingeprägt. Schlage einen fünf Jahre alten afghanischen Jungen, und bei ihm werden genauso die Tränen fließen, wie bei allen anderen Kindern; mit sieben Jahren wird er jedoch nicht mehr weinen. Angst ist für Afghanen abscheulich; eine solche Person wird verachtet.

Verwundete Mudschahedin sahen sich den entlosen Transporten auf improvisierten Tragen gegenüber, oder wurden tagelang auf den Rücken von Pferden festgebunden, manchmal wochenlang, um auf der Suche nach medizinischer Behandlung über die Berge nach Pakistan zu gelangen. Für sie gab es keinen Hubschraubertransport in ein Krankenhaus ein paar Kilometer vom Gefechtsfeld entfernt, wie es in modernen konventionellen Armeen üblich ist. Bei Guerillas wird die Zeitspanne zwischen einer Verwundung und der qualifizierten medizinischen Hilfe nicht in Minuten, sondern in Tagen gemessen. Amputationen ohne Anästhesie waren allgemein üblich, Messer oder sogar Äxte wurden benutzt, um einen Fuß oder ein Bein abzutrennen, viele starben dabei am Schock. Ich erinnere mich daran, wie ein Kommandeur bei der Materialanforderung höchst dringlich eine chirurgische Säge anforderte, damit Amputationen nicht mehr so brutal und blutig wären. Es ist verwunderlich, daß eine derartige Anforderung von einem Kommandeur kam, der den Beinamen 'der Schlächter' trug, weil er gefangenen Agenten des KHAD selbst die Kehlen durchgeschnitten hatte. Die Verwundeten, die überlebten, mußten die Torturen jeder Bewegung und jeder leichten Verdrehung während ihrer alptraumhaften Reise zu einem Arzt erdulden. Nur selten hörte man von ihnen mehr als ein Stöhnen. Diese Willenskraft, niemals aufzugeben oder das Unterdrücken von Schwäche ist von großem Wert für jeden Soldaten.

Dadurch sollte jedoch nicht der Eindruck entstehen, daß ein Mudschahedin keine Angst hat. Er kennt sehr wohl die Angst, jedoch keine Todesangst. Ich fand heraus, daß die meisten vor Minen Angst hatten und sie vor Angriffen auf Stellungen, die von Minenfeldern geschützt wurden, zurückschreckten. Ihre Furcht war, als Krüppel in einer Gesellschaft weiter zu leben, in der körperliche Kraft und Ausdauer alles ist. Die Minen rissen Füße, Beine oder Hände ab, töteten jedoch nicht. Wie konnte ein Mann ohne Beine seine Familie versorgen, seine Schafe schcren, sein Haus bauen, oder auf die Berge klettern? Als Krüppel weiter zu leben, war für die Mudschahedin schlimmer, als auf dem Schlachtfeld zu sterbcn.

Diese Vereinigung von Mut und dem religiösen Glauben für eine gerechte Sache zu

kämpfen, machten es schwierig, die Mudschahedin zu besiegen. m Sie kampften einen Jihad - einen Heiligen Krieg - einen Kreuzzug gegen die IJngläubigen. Als gläubige Moslems folgten sie den Lehren des Koran. Wenn ein Jihad von ihren religiösen Führern erklärt wurde war es die Aufgabe aller Männer, zu kämpfen, ihren Glauben, ihre Familie und ihr Land zu schützen ihre Ehre und ihre Unabhängigkeit zu verteidigen. Das Alter spielt keine Rolle, um in einen Jihad ziehen zu können. Kinder von 13 oder 14 Jahren sowie Männer in den 60er oder 70er Jahren, mit schneeweißen Bärten, kämpften Seite an Seite. Der Ruf zu den Waffen gegen die Kommunisten, gegen die Ungläubigen, war der Hauptfaktor, der die unterschiedlichen Stämme zusammenhielt. Während die Sowjets und ihre afghanischen Verbündeten im Land waren, unterließen die Mudschahedin ihre internen Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten und richteten ihren Kampf gegen einen gemeinsamen Feind. Es war nicht so, daß die Fehden beendet waren, jedoch waren ihre Stammesfehden, die Meinungsverschiedenheiten und der Haß aufeinander zeitweise verschwunden durch den Ruf des Islam - den über allem stehenden Ruf des Jihad.

Mudschahedin heißt Soldaten Gottes - jene, die für Allah im Krieg gegen die Ungläubigen kämpfen. Dies ist eine Ehre, die von gläubigen Moslems sehr geschätzt wird. Wenn man nicht in einem Jihad kämpft, kann man kein Mudschahedin werden. Der Koran sagt, daß der, der im Jihad getötet wird, ein Shaheed, ein Märtyrer wird. Die Kommandeure erwähnten niemals in ihren Berichten, wie viele eigene Soldaten im Einsatz getötet wurden, sondern vielmehr: "Allah sei es gedankt, wir haben fünf Märtyrer." Die Bereitschaft der Mudschahedin, im Gefecht zu sterben gründet auf dem Versprechen Allahs, daß die Shaheeds sofort ins Paradies übergehen. Unabhängig davon, wie viele Sünden er in seinem Leben begangen hatte; wenn er als Soldat Gottes stirbt, sind alle Sünden vergeben. Ein besonderer Platz im Paradies ist ihm sicher. Shaheeds werden, wenn sie fallen, in ihrer Bekleidung beerdigt die sie zum Zeitpunkt des Todes trugen, die Körper blutig und ungewaschen' ohne Särge. Sie gehen zu Allah so, wie sie für ihr Schicksal starben. Es gibt keinen größeren Ruhm für den moslemischen Krieger.

Nicht nur derjenige, der in einem Jihad stirbt, wird verehrt, sondern auch derjenige, der kämpft und lebt. Eine solche Person wird als Ghazi bezeichnet, und der Islam verspricht ihm, ins Paradies einzukehren und reich zu werden. Nach den Worten des Propheten ist der Mudschahedin, der eine Nacht im Jihad auf Wache stand, dem gleich, der tausend Nächte betet.

Der Schlachtruf der Mudschahedin ist Allah u Akbar' - Gott ist groß. Sie rufen dies, wenn sie angreifen, wenn sie schießen. wenn sie sehen, wie ein Ziel getroffen wird sogar bei der Ausbildung, wenn kein Gegner in Sicht ist. Dies ist der Ruf, der durch die Jahrhunderte hindurch zu hören war. Heute ermutigt er immer noch den modernen Mudschahedin, genauso wie seinen Urgroßvater, wenn er durch dieselben Schluchten und Berge klettert, in denen sein Urgroßvater mit den Engländern kämpfte.

Nicht jeder Mann, der kämpft, ist auch ein Mudschahedin. In jeder Familie gibt es unter den Männern eine Teilung in militärische und zivile Verantwortung. Mudschahedin sind Freiwillige, die keine Bezahlung erwarten. Ein Mann kann jedoch nur drei oder vier Monate im Jahr als Soldat dienen, den Rest des Jahres ist er Geschäftsinhaber, Bauer, arheitet auf Montage im Iran oder lebt mÖglicherweise in einem Flüchtlingslager und sorgt für die Frauen von mehreren Familien. Wenn ein Mann fühlt, daß er genug hat, geht er nach Hause und wird eventuell durch einen anderen ersetzt. Obwohl ein Kommandeur möglicherweise 10.000 Mudschahedin unter seinem Kommando hatte, was jedoch in der Praxis kaum vorkam es sei denn, es gab eine große Offensive, brachte cr kaum mehr als 2.000 Mann zusammen.
Die meisten Afghanen versuchen, nach ihrem Ehrenkodex zu leben - Paschtunwali. Neben dem Mut gibt es zwei weitcre Aspekte dieses Ehrenkodexes - Gastfreundschaft und Blutrache. Badal ist in der Sprache der Paschtunen das Wort für Blutrache. Seit Jahrhunderten ist die Rache eines jeden Zwischenfalls ein Teil im Leben eines Afghanen. Blutfehden zwischen Einzelnen, zwischen Familien und Stämmen sind selbstverständlich. Ein Afghane wird immer Gleiches mit Gleichem vergelten, eine Tötung muß mit einer Tötung gerächt werden, und das kann über Generationen gehen. Eine Familie wird niemals den Ehrenkodex vergessen. Die Rache wird möglicherweise nicht sofort durchgeführt, es werden vielleicht Jahre vergehen, bis zurückgeschlagen wird. Ein Sohn muß den Mörder seines Vaters töten. In vielen Fällen wird seine Mutter ihn dazu anleiten, sonst wird sie iLn enterben und verstoßen. Wenn der Mörder selbst schon tot ist, dann wird sein Sohn, sein Bruder oder sein Onkel sterben müssen. Selbst der Jihad stoppt die Blutrache nicht.

Manchmal treffen Gastfreundschaft und Blutrache aufeinander. Einer Person Zuflucht oder Schutz zu verwehren, ist undenkbar für einen Afghanen. Selbst wenn die Person, die die Gastfreundschaft sucht, ein erbitterter Gegner ist, kann sie nicht abgelehnt werden. Während er sich im Hause des Gastgebers befindet, ist er absolut sicher. Die Bewohner des Hauses würden kämpfen, um ihn zu schützen, ihm Nahrung geben und ihn als Mitglied der Familie betrachten. In einem afghanischen Haus, sogar im ärmsten, wird ein Gast imme r das Beste erhalten. Wenn hierzu das Schlachten des einzigen Schafes gehört, wird keine Mühe gescheut, um den Gast zu bewirten. Ein Fremder, besonders ein Ausländer, der sich mit einer Gruppe von Afghanen zusammensetzt, um aus einem großen Topf zu cssen, wird ohne Frage die Portionen mit dem meisten Fleisch erhalten.

Wenn man zu dem oben angeführten die körperliche Kraft der Afghanen hinzufügt, seine Fähigkeit, Entbehrungen auszuhalten, dann hat man einen Guerillakämpfer allererster Güte. Das Leben zu Friedenszeiten ist in Afghanistan schon hart; die Berge und Wüsten in Afghanistan bilden eine harte Umgebung. Die Sommertemperaturen steigen auf bis 50 ° Celsius, während im Winter in den Hochgebirgen die Temperaturen weit unter 0 ° Celsius fallen. Viele Gipfel des Hindukusch sind über 6.000 Meter hoch und immer mit Schnee und Eis bedeckt. Der Name bedeutet 'Hindu-Killer' und stammt aus einer Zeit, als die Afghanen Indien angriffen und nach Sklaven Ausschau hielten, von denen viele auf dem furchtbaren Marsch durch diese Berge starben. Die endlose Weite aus Sand und Felsen im Südwesten wird als Dasht-i- Margo - die Wüste des Todes - bezeichnet. Dieses harte Land hat ein hartes, stolzes und wildes Volk hervorgebracht.
Aus militärischer Sicht hat der Mudschahedin verschiedene Vorteile. Physisch ist er besser in der Lage, den Extremen des Geländes und des Klimas zu widerstehen als sein sowjetischer Gegner. Er kämpft um sein Schicksal, seine Freiheit, für seine Familie was ihm einen enormen moralischen Vorsprung gibt. Praktisch konnte der Mudschahedin sich aus dem Land oder aus den Dörfern heraus ernähren, bis die Sowjets die Taktik der verbrannten Erde anwandten. Sogar wenn er Rationen auf dem Marsch mitbekommt, befähigt ihn das Nan (Fladenbrot) und der Tee, Tage auszuhalten. Das fettige Brot wird in eine Decke eingewickelt oder auch in ein Kleidungsstück und mit der Zeit verrottet es. Dennoch wird es gegessen. Die Mudschahedin können Tage, sogar Wochen, mit einem Minimum an Verpflegung marschieren. Dann, wenn die Gelegenheit günstig ist, essen sie große Mengen an Lebensmitteln und bevorraten sich - fast wie Kamele - für die weitere Reise.
Ein afghanischer Mann geht auch im Frieden kaum unbewaffnet aus dem Haus. Für ihn ist sein Gewehr ein Teil seines Körpers, ein Teil der Bekleidung, ohne das er sich unwohl fühlt. Eine Waffe ist für einen Mann wie der Schmuck für eine westliche Frau - er wird kaum ohne Waffe gesehen. Sie ist ein Symbol der Männlichkeit. Ein Favorit vor dem Krieg war das alte britische .303-Gewehr, das schon im Ersten Weltkrieg Verwendung fand, wobei Kopien in Pakistan hergestellt wurden. Die Afghanen kaufen und verkaufen Waffen wie die Amerikaner Autos verkaufen und kaufen. Diese enge Verbindung zu ihren Waffen führte dazu, daß die Muschahedin sehr schnell mit neuen Waffen zurechtkamen und sofort gute Resultate erzielten. Bei vielen Gelegenheiten, bei denen ich in Pakistan Mudschahedin traf, die sich zur Ausbildung dort aufhielten, erlebte ich, wie jene, die mit ihren Schußleistungen nicht zufrieden waren, jede Nahrung verweigerten, bis sie mit weiterer Ubung ihre Schießresultate verbesserten. Die Fähigkeit zu schießen ist von weitaus größerem praktischen Wert als die Fähigkeit zu schreiben. In ihrem Leben ist die Waffe wichtiger als der Kugelschreiber.

Neben ihrer Waffe ist dcr zweitwichtigste Ausrüstungsgegenstand ihre Decke. Sie ist gewöhnlicherweise von grau-brauner Farbe und wird Tag und Nacht für die verschiedensten Gclegenheiten benutzt. Die Mudschahedin benutzen die Decken im Winter als Umhang oder Mantel, um sich zu wärmen oder gegen den Wind zu schützen, sie tarnen sich unter Decken vor gegnerischen Kampfhubschraubern, weil sich die Farbe der Decke perfekt mit der Erde oder dem Felsen deckt, sie schlafen auf den Dekken, sie benutzen die Decken als Sack, sie breiten die Decke über dcm Erdboden als eine Art Tischtuch aus oder breiten darauf ihre Waren aus, die sie zum Verkauf anbieten. Oftmals wird eine Decke zu einer Trage, manchmal zu einem Seil und mehrere Male am Tag wird sie zu einer Gebetsmatte.
Während meiner Zeit beim ISI wurden mehrere Versuche gemacht, die Mudschahedin für den Winter adäquat zu bekleiden. Die Monate von Dezember bis März sind sehr hart, um im Feld oder in Höhlen ohne entsprechende Winterkleidung zu leben. Aber selbst mit guter Kleidung wurden die Kämpfe im Winter geringer und es waren nur wenigc Einsätze möglich. Einen interessanten Blick auf die Bekleidungsfrage bietet das Schuhwerk. Normalerweise trugen die Afghanen offene Sandalen, die im Schnee ungeeignet waren. Stiefel waren jedoch nicht sehr beliebt, weil Armeestiefel zahlreiche Schnürösen haben, die das An- und Ausziehen zu einem zeitaufwendigen Werk machen. Für den Mudschahedin, von dem erwartet wird, daß er fünfmal am Tag seine Füße vor dem Gebet wäscht, waren diese Stiefel nicht praktikabel. Wir mußten nach Schuhen suchen, die nur zwei Löcher für Schnürsenkel hatten.

Es soll nun nicht angenommen werden, daß die Mudschahedin als Guerillas ohne Schwächen waren. Wie ich herausfand, war ihre Starrheit, ihr Widerstand allem Neuen gegenüber, ihre stolze Unflexibilität Grund dafür, daß ernste Probleme auf dem taktischen Feld entstanden, was bei endlosen Debatten über Nachtsichtgeräte begann und bis zur Verweigerung der Zusammenarbeit mit anderen Kommandeuren oder Parteien reichte.

Ein Vorfall, der sich 1984 im Zusammenhang mit der sowjetischen Ölpipeline ereignete, möge dies verdeutlichen: diesc Pipeline, die entlang der Salang-Autobahn zur Luftwaffenbasis Bagram verlief, lag oberirdisch, was sie zu einem idealen Ziel für Angriffe der Guerillas machte. Als ich dazu überging, die Mudschahedin-Kommandeure zu instruieren, wie mit dem geringsten Aufwand die Pipeline zu zerstören wäre, mußte ich gegen verschiedene Einwände anreden. Ich erklärte Ihnen, daß es ein einfacher Einsatz für eine Handvoll Männer wäre, wenn nicht sogar ein einziger Mann reichte. Der beste Weg wäre es, sich im Schutze der Nacht der Pipeline zu nähern und zwischen den beiden Wachposten, die immer wenigstens 500 m auseinanderstanden, eine Sprengladung zu plazieren, den Zeitzünder einzustellen und sich dann zurückzuziehen. Vielleicht könnten noch einige Schützenminen auf der möglichen Route der Instandsetzungs-Einheiten, die später die Pipeline reparieren sollen, gelegt werden; und zusätzlich könnte eine Gruppe mit einem schweren Maschinengewehr im Falle von Schwierigkeiten die Posten unter Feuer nehmen. Meine Auszubildenden wollten das jedoch nicht akzeptieren. Sie sagten, die Posten ständen zu nah beieinander.

Um meinen Standpunkt zu beweisen, führte ich eine Nachtausbildung durch, bei der zwei Gruppen Wachposten in 500 m Entfernung bezogen, um eine weitere Gruppe von vier Mann, die sich im Schutze der Nacht annähern und Ladungen plazieren sollte, zu ergreifen. Es ist unnötig zu sagen, daß die Sprengladungen angebracht wurden, ohne daß die Posten etwas hörten. Die Mudschahedin waren jedoch immer noch nicht überzeugt, es könnte nicht in ihrem Bereich durchgeführt werden, es würden bestimmt Minen entlang der Pipeline liegen, oder das Gelände wäre ungeeignet. An meiner Methode war falsch, daß es keinen Rauch und Aufregung gab. Es war nicht ihre Art zu kämpfen, ohne einen Schuß abzugeben, ohne Verwundete zu haben, ohne mit persönlichen Ruhm zu glänzen oder ohne Beute zurückzukehren. Ihre Methode war es, die Posten mit schweren Waffen bei Nacht aus weiter Entfernung anzugreifen, um sich unter dem Schutz von Granatwerferfeuer anzunähern, die Posten dann mit 30 bis 40 Mann einzuschließen und auf kurze Entfernung mit Maschinengewehren, Panzerabwehrwaffen und rückstoßfreien Geschützen das Feuer zu eröffnen. Wenn sich die Besatzung der Posten zurückzog, hatten die Mudschahedin ihre Beute in Form von Verpflegung, Waffen und Munition; alles Gegenstände, die benutzt oder verkauft werden konnten. Dann erst würde man eine Sprengladung auf die Pipeline legen. Wenn die Besatzung der Posten das Gefecht weiter führen würden, würde die Pipeline wahrscheinlich nicht angetastet werden.
Oft mußten die Angriffe wirklich so durchgeführt werden, und es mußte mehrere Verletzte geben, um einen Kommandeur davon zu überzeugen, seine Methoden zu überdenken. Wie die meisten Soldaten haßten es die Mudschahedin, sich einzugraben. Sie waren nicht glücklich über eine statische Rolle in einer Verteidigungsstellung. Dies entsprach nicht ihrem lemperament. Es heschränkte ihrc Freiheit, sich zu bewegen, und sie konnten nur sclten von der Notwendigkeit eines gedeckten Kampfstandes überzeugt werden, der auch nach oben Schutz bot. Ebenso war sein taktisches Verhalten auf dem Gefechtsfeld oft nur als spärlich zu bezeichnen, besonders wenn er auf dem Boden kriechen oder gleiten sollte. selbst wenn er sich in der Nähe einer gegnerischen Stellung befand. Der harte stcinige Grund oder vielleicht die Angst vor Minen hatten etwas damit zu tun, aber ich hatte den Eindruck es war unter seiner Würde - laufen ja, kriechen vielleicht. aber das Gleiten auf dem Bauch wurde nur selten akzeptiert.
Zusammenfassend kann man sagen, daß die Mudschahedin alle Gundvoraussetzungen für erfolgreiche Guerillakämpfer hatten. Sie glaubten an die Richtigkeit ihres Handelns, sie waren körperlich und geistig hart, sie erkannten sofort ihren Einsatzbereich, sie waren mutig und hatten ein Gefühl für Waffen, sie operierten aus den Bergregionen, die ihnen Zuflucht und Deckung gewährten. Sie besaßen einen gewissen Grad an Hartnäckigkeit und sie schreckten nicht vor Fehden gegen ihresgleichen zurück. Um eine Supermacht zu besiegen, benötigten sie vier Dinge: ihre Meinungsverschiedenheiten dem Jihad unterordnen; einen sicheren Stützpunkt, den Präsident Zia in Pakistan bot; eine adäquate Versorgung mit modernen Waffen, um ihren Krieg zu führen und richtige Ausbildung und Ratschläge, wie Einsätze durchzuführen wären.Es lag im Bereich meiner Verantwortung, die letzten beiden Punkte zu gewährleisten und zu koordinieren.

Wenige Tage nachdem ich meinen neuen Posten übernommen hatte. fuhr ich nach Peshawar, um selbst zu sehen, wie die vorgeschobene Abteilung meines Büros arbeitete, um meinem Personal vorgestellt zu werden und vor allem, Parteiführer der Mudschahedin sowie deren Vertreter und die Kommandeure zu treffen. Sie mußten ihren neuen Brigadegeneral sehen, und ich mußte beginnen zu verstehen.

Peshawar ist die Provinzhauptstadt der Nordwest-Provinz. Genau wie Quetta war es immer eine Frontstadt, ein Handelszentrum und ein Militärstützpunkt. Wie ihre Schwesterstadt im Süden liegt sie in der Nähe der Hauptstraße nach Afghanistan der Khyber-Pass liegt nur 40 km westlich. Dieser Tage stammten die Menschen. die Ansichten, die Gerüche und die Geschichten alle aus Afghanistan. Die Märkte verkauften afghanische Teppiche, Wollbekleidung, Messingware und Kriegsandenken. Souvenirs, die toten sowjetischen Soldaten abgenommen wurden, waren überall zu bekommen; Mützenabzeichen, Koppelschlösser, Uniform- und Pelzmützen wurden verkauft. Von Peshawar aus geht jeglicher Verkehr Richtung Westen durch die Stammesgebiete, die Hehnat der Paschtunen. Diese leben zu beiden Seiten der Durand-Linie. Ihnen gehört Land sowohl in Pakistan, als auch in Afghanistan und sie bewegen sich zwischen den beiden Staaten genauso natürlich hin und her, wie ein Amerikaner zwischen Nord- und Süd-Carolina. Peshawar liegt am westlichen Ende der Straße, die schon in Britisch Indien bis nach Rawalpindi und von Lahore bis nach Delhi führte. Nun ist Peshawar umringt mit afghanischen Flüchtlingslagern, wobei es weitaus mehr Afghanen als Einwohner gibt.

Peshawar beherbergte das Herz der afghanischen Widerstandsbewegung im Exil. Hier befanden sich die Büros der offiziellen politischen Parteien, hier lebten und arbeiteten die Führer, hier befanden sich die Depots aus denen der Großteil der Wafen und Ausrüstung zur Grenze und dann nach Afghanistan transportiert wurdc, hierher kamen die Kommandeure und Mudschahedin, um den Nachschub zu organisieren und Neuheiten zu erfahren. Pcshawar zog wie ein Magnet Journalisten und Spione an. Um die letzten Neuigkeiten, Gerüchte, Berichte oder das allerneueste Geflüster zu hören, mußte man in Peshawar beginnen. Quetta hatte ebenso all diese Einrichtungen, nur in einem viel geringeren Rahmen als in Peshawar.

Um es noch einmal klar zu sagen: Zugehörigkeit zu einer Partei bedeutet eine der sieben politischen Widerstandsparteien Afghanistans, die jedoch keine Allianz bilden. Die politischen Köpfe jeder Partci werden im Buch als Führer bezeichnet, um sie von den Kommandeuren der Mudschahedin, die militärisch führen, zu unterscheiden. Von ein oder zwei Ausnahmen abgesehen kämpften die Führer nicht in den Gefechten, obwohl die meisten von ihnen von Zeit zu Zeit nach Afghanistan gingen, um ihre Kommandeure in ihren Stützpunkten zu besuchen. Wie die meisten militärischen Streitkräfte hatten die Mudschahedin ihre politischen Führer, die den Kommandeuren ihre Instruktionen gaben und von denen sie erhielten, was sie zum Kämpfen benötigten - Geld und Waffen. Wie ich bemerkte, war die Lücke zwischen denen, die kämpften und denen, die nicht kämpften, schwierig zu überbrücken. Einige der Führer waren der Kritik ausgesetzt, wenn sie nicht sogar für ihr sorgenfreies Leben, ihre schnellen Autos und ihre gut ausgebauten und gelegenen Villen gescholten wurden. Dies ist jedoch schon seit ewigen Zeiten so, daß der Soldat, der sein Leben riskiert, hart lebt, wohingegen der Politiker ein gutes Leben führt. Hinter diesen primitiven Kommandostrukturen stand der ISI, zum Teil mein Büro. Unsere Aufgabe war es, die Parteien mit Versorgungsgütern zu bevorraten und irgendwie die verschiedenen Parteien mit den hunderten von Kommandeuren, die über ganz Afghanistan verstreut waren, zu verbinden, damit diese effektiv kämpfen konnten.

Als ich zum ersten Mal Ende Oktober 1983 in Peshawar ankam, stand die SiebenParteien-Allianz kurz vor ihrem Zusammenschluß. Bis zum Quetta-Zwischenfall hatten die Kommandeure gewöhnlich ihre Versorgungsgüter direkt vom ISI bekommen, aber die Gefahr der Korruption und die Anzahl der Kommandeure war so groß, daß zusammen mit einigen kleinen Parteien das System zu einem Alptraum wurde. General Akhtar schaffte es, daß nur Kommandeure mit Versorgungsgütern unterstützt und durch die Parteien beliefert wurden, aber es gab immer noch zu viele Hände, durch die die Güter liefen. Es war für mich klar. daß wir ohne eine gewisse Einigung auf der politischen Ebene keine Verbesserungen auf militärischer Ebene durchsetzen konnten. Meine Treffen in Peshawar waren politischer Art, irgendwie hatten sie doch immer etwas Formales an sich. Ich konnte die Führer der einzelnen Parteien nur getrennt treffen. weil sie nicht mit den anderen Führern im selben Raum sitzen wollten. Ich mußte vorsichtig damit sein, was ich versprach, vor allem, daß ich nicht einer Partei ctwas versprach, was ich anderen nicht versprach. Ich sprach mit Männern, die, obwohl sie alle Moslems waren, obwohl sie alle gemeinsam im Jihad kämpften, voll unversöhnlicher Rivalität, Haß und Vorurteilen waren, die oft ihren Blick für das Wesentliche verschleierten und ihre Tätigkeiten diktierten. In erster T.inie waren sie Afghanen, dann Politiker mit Ambitionen und danach erst führten sie einen Krieg gegen einen gemeinsamen Gegner.

Als Generaldirektor des IST konnte General Akhtar nur 50 Prozcnt seiner Zeit dem
Afghanistan-Problem widmen. Von diesen 50 Prozent nehme ich an daß er nochmals 75 Prozent daraut verwendete, Harmonie zwischen den verschiedenen Führern aufzubauen. Er ließ mir in den folgenden Jahren. nachdem wir gemeinsam eine Grundstrategie ausgearbeitet hatten, Freiraum für militärischc Entscheidungen und Lösung von militärischen Problcmen, während er die politischen behandelte.
Im Frühjahr 1984 wurde General Akhtar mitgeteilt. daß die Parteien eine Art formaler Allianz gebildet hatten. Einige erkannten. daß eine höhere Entscheidungscbene wichtig war, um als Filter für die Versorgung mit Waffen und Geld zu wirken, durch die wir versuchen konnten, unsere Aktionen innerhalb Afghanistans zu koordinieren. Es dauerte Wochen, bevor er die Führer der Parteien überzeugen konnte, zuzustimmen. Prinz Turkie. der Direktor des saudi-arabischen Nachrichtendienstes, der ebenfalls für die finanzielle Hilfe seiner Regierung für den Jihad verantwortlich war, kam nach Pakistan, um mit ihnen zu verhandeln. Dies half aber alles nichts, die islamischen Fundamentalisten wollten nicht mit den gemäßigten Parteien koalieren. Dann schaltete sich Präsident Zia ein. Allc Treffen wurden abgebrochen und als alle vorherigen Gesprächc keine Einigung erbracht hatten, war Zias Geduld erschöpft, Er gab um zwei Uhr morgens eine Direktive heraus, daß die Parteien innerhalb von 72 Stunden eine Allianz zu bilden hatten. Er sagte nicht, was er tun würde, wenn dies nicht geschehe. Die Führer waren sich wohl darüber im klaren, daß ohne die Hilfe Pakistans alles vorbei war. Obwohl die neue Allianz nun gebildet war, bat im letzten Moment einer der Führer um ein Zugeständnis - und bekam es. Es wurde akzeptiert, daß wichtige Entscheidungen einstimmig und nicht mehrheitlich zu treffen waren typisch afghanischer Handel.
Es war ein Prinzip, daß jeder Kommandeur einer der sieben Partcien angehören mußte, ansonsten bekam er nichts vom ISl - keine Waffen keine Munition und keine Ausbildung. Ohne diese Dinge konnte er nicht cxistieren und so trat er einer Partei bei, vorausgesetzt er wurde von einer akzeptiert. Ich hatte viele Treffen mit den Parteiführern während meiner Zeit beim ISI mit endloscn Diskussionen über Logistik, Ausbildung, Koordination von Operationen, jedoch führte ich die meiste Zeit meine Arbeit mit Mitgliedern ihrer militärischen Komitees durch. Jedes militärische Komitee bestand aus einem Militärberater oder einem älteren Offizier der Partei. Ich hatte vor dem Aufbau der Allianz Treffen mit diesen Männern auf einer weniger formalen Basis durchgeführt, nach Aufbau der Allianz begab ich mich nun wenigstens einmal im Monat nach Peshawar, um sie zu sehen. Es handelte sich hierbei um Männer, die entweder militärische Erfahrung oder besonderc Kenntnisse auf diesem Gebiet hatten. Zu der Zeit befanden sich nicht weniger als drei frühere Offiziere der Afghanischen Armee in diesem Komitee. General Jahja Nauroz war einmal Chef des Generalstabes, Oberst Wardak, war früher Kommandeur und Hauptmann Musa kam direkt von der Indischen Militärakademie zu den Mudschahedin. Das Oberkommando der Mudschahedin wird auf Seite 38 dargestellt.

Obwohl die Bildung einer Allianz ein signifikanter Durchbruch war, waren unsere Probleme nicht gelöst, sie besserten sich jedoch leicht. Eine Schwierigkeit blieb jedoch der Unterschied zwischen den vier fundamentalistischen Parteien und den drei gemäßigten Parteien. Die Fundamentalisten wcichen von den Gemäßigten in ihrer Haltung gegenüber dem westlichen Einfluß auf die Lehren des lslam ab. Alle sind Moslems, die Fundamentalisten sind jedoch rigoroser und konservativer eingestellt und stehen jedem Aspekt der westlichen Lebensweise skeptisch gegenüber. Es ist eine Frage der Anpassung. Ein Gemäßigter kann eine Frau in Hosen akzeptieren, jedoch nicht in einem Minirock, wohingegen der Fundamentalist beides nicht akzeptieren kann.
 

 

Der bekannteste Fundamentalistenführer ist Gulbudin Hekmatyar. Er uurde 1946 geboren und ist der Jüngste der sieben Parteiführer. Er verfügte über eine Ausbildung an der Militärakademie von Kabul und ein Ingenieurstudium. Ab 1972 war er zwei Jahre fang wegen Aktivitäten gegen die kommunistische Regierung inhaftiert. Für mich war er nicht nur der Jüngste, sondern ebenso der am weitesten Vorausschauende und der Tatkräftigste aller Führer der Allianz. Er glaubte an eine islamische Regierung für Afghanistan, war ein ausgezeichneter Verwalter und, soweit ich es beurteilen kann, absolut ehrenhaft. Obwohl er sehr wohlhabend war, lebte er sparsam. Er war jedoch ebenso ein rastloser, arroganter, unflexibler und strenger Verfechter der Disziplin, und er kam nicht mit den Amerikanern aus. Die Amerikaner vergaben es Hekmatyar niemals, daß er es öffentlich ablehnte, Präsident Reagan während eines Besuches bei der UN in New York im Jahre 1985 zu treffen. Oies war ein Schlag ins Gesicht Amerikas, wo doch die Amerikaner viel Geld zur Unterstützung der Kämpfe gaben. Hekmatyar geriet unter großen Druck nachzugeben. Er wurde sogar von anderen Führern aus Pakistan angerufen, die ihm sagten. daß er einen enormen Schaden für die Sache des Jihad im Westen anrichte. Er war jedoch nicht von seinem Handeln abzubringen. Sein Argument war, daß Gespräche mit

Reagan den Sowjets, dem KGB und der  sowjetischen Propaganda Material in die Hände spielen würde, damn' diese sagen könnten, daß der Krieg kein Jihad, sondern eine Variante der US-Außenpolitik sei. Agenten des KGB und des KHAD würden für immer behaupten, daß die Amerikaner bezahlten, damn' Afghanen Afghanen bekämpften, und die Mudschahedin nicht Soldaten Gottes wären, sondern amerikanische Handlanger. Hekmatyar konnte oder wollte nicht verstehen, warum die USHilfe publik gemacht werden mußte. Er wußte, daß er die Hilfe akzeptieren mußte, aber er wollte dieses verdeckt und unsichtbar für die Weltöffentlichkeit. Für ihn war es, wie für viele Afghanen eine Demütigung, öffentlich seine Schuld gegenüber einem Nicht-Moslem zu bekunden. Amerikas Verlangen nach Dankbarkeit war unverständlich. Dies deutet auf ein generell fehlendes Verständnis der Amerikaner bei Hilfsleistungen in Asien hint Die Hilfslieferungen und Hilfen werden öffentlich so publiziert, daß der Empfänger sein Gesicht verliert und eher ärgerlich als dankbar wird.

Persönlich glaube ich, daß Hekmatyar einen großen Fehler machte und daß dieser Fehler dem Jihad schadete, well die Amerikaner glauben mußten, diese Männer in Kabul an der Macht wären ebenso gefährlich wie die Kommunisten. Ich bin überzeugt, dieser Zwischenfall beeinflußte vor und nach dem Rückzug der Sowjets die amerikanische Politik vor und nach dem Kriegsende.

Weitere Führer der Fundamentalisten waren Molvi Khalis, Professor Rabbani und Professor Saj aft Khalis, obwohl nahezu 70 Jahre aft, riskierte immer noch Unternehmungen tief in Afghanistan. Rabbani ist ein Tadschike, ein Gelehrter und ein großer Linguist, der sechs Sprachen spricht. Sajaf ist ein sehr respektierter Intellektueller, der starke Unterstützung aus Saudi-Arabien genoß, dessen Regierung ihm im Jahre 1985 auch den König Faisal Preis' verlich.

Es war mir damals nicht bewußt, aber ein Teil des Problemes waren fehlende Gespräche zwischen den Amerikanern und den Führern der Fundamentalisten, die nur selten in die USA reisten, während die Gemäßigten wie Gailani und Mujaddadi alle sechs Monate in die USA reisten, wobei alle Ausgaben bezahlt wurden. Die Amerikaner wollten verständlicherweise sehen, was aus ihrem Geld wurde, sie wollten die Kontrolle über die Dinge behalten, sie wollten sich einmischen - und sie glaubten, daß sie ein Recht dazu hatten. Dieses Argument wirkte natürlich nicht bei den Fundamentalisten. Sie behaupteten unbeirrt, daß die US-Hilfe insgesamt politisch motiviert und es für die Amerikaner zweckmäßig wäre, jemanden anderen zu bezahlen, um den Sowjets Schaden zuzufügen und sie für Vietnam zu entschädigen. Als jemand, der beide Seiten kannte, fühlte ich, daß die Fundamentalisten in ihrer Beurteilung der amerikanischen Motive richtig lagen, jedoch dumm genug waren, ihre Gedanken laut auszusprechen, denn ohne die US-Unterstützung hätte der Jihad nicht erfolgreich geführt werden können.

Die Gemäßigten wurden von Molvi Nabi, Pir Gailani und Hasrat Mujaddadi geführt. Der erstgenannte war nur ein schwacher Führer, der die Parteigeschäfte seinen beiden Söhnen überließ, die beide beschuldigt wurden, Gelder in Anspruch genommen zu haben, die eigentlich den Kommandeuren zustanden. Der älteste Sohn war, wie bereits erwähnt, am Quetta-Zwischenfall beteiligt. Gailani war ein ruhiger liberaler Demokrat. ein Freund des einfachen Lebens, der beträchtliche Zeit auf Reisen verbrachte und nur wenig Kontrolle über die Geschäfte seiner Partei hatte. Mujaddadi ist ein Sprachgelehrter. er ist cin prominenter islamischer Philosoph, der vier Jahrc im Gefängnis verbrachte, drei Jahre davon in Einzelhaft als Strafe wegen eines versuchten Mordanschlages auf Nikita Chruschtschow während seines Besuches in Kabul. Er schien von seinen Vertretern und Offiziellen der Partei, über die er nur wenig Einfluß hat, im Stich gelassen worden zu sein. Ihre dubiosen Geschäfte brachten die Partei in Mißkredit.

Während meiner ersten Monate im Dienst lernte ich. daß die Kooperation zwischen den Kommandeuren im Feld nicht einfach erreicht werden konnte, auch nicht nach Bildung der Allianz. Dic Rivalitäten zwischen den Kommandeuren waren nicht beendet, nur weil nun eine Allianz gebildet war. In einigen Bereichen wurden die Probleme sogar noch größer, weil verschiedene Kommandeure aus demselben Bereich nun in verschiedene Parteien gingen und dadurch die zwischen ihnen bestehenden Differenzen noch vergrößerten. Ein Kommandeur bczeichnete sich selbst als König seines Bereiches; er fühlte sich nun berechtigt, auf die Hilfe der Städte zu bauen. Er wollte die Beute aus nahegelegenen Regierungsposten, die angegriffen wurden, er forderte zum Angriff auf diese Posten schwere Waften, weil dies seine Chancen auf Erfolg und sein Prestige vergrößerte, was umgekehrt auch dazu führte, daß er nun eine größere Streitmacht rekrutieren konnte. Derartige Kommandeure reagierten oft gewalttätig gegenüber anderen Kommandeuren die in ihr Gebiet kamen oder es durchquerten. Bei der Koordination von gemeinsamen Operationen sah ich mich ernsthaften Schwierigkeiten gegenüber. Keine Partei hatte ein Machtmonopol in einzelnen Gebieten oder Provinzen in Afghanistan, obwohl manche dominierten. Zum Beispiel hatten in der Provinz Paktia sowohl Hekmatyar, Khalis, Sajaf und Gailani Kommandeure vor Ort, jedoch konnten großangelegte Operationen nur durchgeführt werden, wenn diese alle vereint werden konnten.

Jeder Kommandeur hatte seinen eigenen Stützpunkt, gewöhnlich in abgelegenen Bergschluchten oder in der Nähe einer kleinen Stadt, aus der er Verstärkung, Nahrung, Schutz und manchmal Geld bekam. Wenn jede Partei in jcdem der 325 Bezirke wenigstens einen Stützpunkt hatte, wäre die Gesamtzahl der Stützpunkte in diesem verwirrenden Netzwerk bei nahezu 4.000 angelangt. Die Stützpunkte waren, obwohl sie sehr wichtig waren, statischer Art, und die Mudschahedin mußten sich bewegen, um gegen ihre Ziele zu operieren. F.s konnte geschehen, daß die Mudschahedin in entfernten Gebieten monatelang nicht an Kämpfen beteiligt waren, dann jedoch plötzlich teilnahmen. Es schien sehr wenig Planung und kein erkennbares Muster in ihren Aktivitäten zu geben; sie kämpften, wenn sie die Notwendigkeit oder die Möglichkeit sahen, oder wenn sie Beute benötigten oder es ihnen von der Zeit her paßte. Tch habe das politsch-militärische System der Kontrolle und Verbindung zusammengefaßt, wie es zu meiner Zeit beim ISI bestand. Es sieht sehr gut auf einem Diagramm aus, in der Praxis war es jedoch schrecklich verworren.

Ich sah ein Beispiel dieser ungeordneten Offensiven beim Angriff auf die klcinen afghanischen Garnisonsstädte Urgun und Khost gegen Endc des Jahres 1983. Vom August bis November griffen große Einheiten der Mudschahedin beide Städte an. obwohl Khost niemals eingenommen wurde. Als die Regierungsstrcitkräfte vor Ein bruch des Winters zum Gegenangriff antraten, stießen sie nur auf geringen Widerstand. Dic Mudschahedin rund um Khost zogen es vor, zum nahe gelegenen Urgun zu wechseln; falls dieses ohne ihre Unterstützung fiel hätte es fur sie bedeutet, daß sie ohne Beute blieben. Dies war der typische Kampf der Stämme um Beute ohne höhere strategische Ziele.

Ein weiterer kritischer Faktor war die Tatsache, daß der Krieg ein sehr langer Krieg sein würde. Ich fand heraus, daß jede Tätigkeit Zeit brauchte, um zu diskutieren, zu entscheiden und sich in Bewegung zu setzen. Der Afghane ist sehr geduldig, er ist selten in Eile, Zeit hat nur wenig Bedeutung für ihn. Die Dinge mußten getan werden, aber langsam. Normale militärische Zeitpläne konnten hier keine Anwendung finden. Ich machte mir keine Illusionen darüber, daß ich in der Lage wäre, dies zu beschleunigen. Ich führte eine Guerillaarmee, deren Geschwindigkcit daran gemessen wurde, wie schnell sich ein Mann oder ein Pferd durch schwieriges Gelände bewegen konnte. Dies gab ihnen jedoch eine größere Mobilität als an Straßen gebundene Kolonnen oder schwer gepanzerte Fahrzeuge des Gegners.

Im Winter 1984 (der Winter in Afghanistan dauert vom Dczember bis März) hatte ich durch persönliche Kontakte, Besuche und Besprechungen einiges an Verständnis für dic militärischen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen der Mudschahedin bekommen. Ich kannte nun ihr Kommandosystem, mit dem ich arheiten mußte, und ich war sehr zuversichtlich, weil es einigc Diskussionen mit General Akhtar und mit meinem Stab gab, wie wir die Effektivität der Guerillas verbessern konnten.

Als nächstes möchte ich cinen Blick auf den Gegner werfen.