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"Das Wasser in Afghanistan
muß mit der richtigen Temperatur kochen"
Präsident Zia-ul-Haq gegenüber
Generalleutnant Akhtar Abdul Rehman Kahn,
Dezember 1979.
Quetta ist die Hauptstadt der Provinz
Belutschistan in Pakistan. Mein Werdegang als Soldat veränderte
sich in Quetta, das seit dem letzten Viertel des 19.
Jahrhunderts Garnisonsstadt war, total. Der Name ist eine
Variation des Wortes Kwatt-Kot was soviel wie Festung bedeutet,
es ist der südlichste Punkt einer Linie von Befestigungen,
die sich bis zur Teilung des indischen Subkontinentes in
Pakistan und Indien im Jahre 1947 zurückdatieren lassen. Die
Stadt entwickelte sich aus einem zusammengewürfelten Haufen
von Lehmgebäuden zu einem gutgehenden Markt und einem der
beliebtesten Stationierungsorte der alten britischen
Indien-Armee. Die Schule für das militärische Führungspersonal
von Pakistan, welcher ich als junger Major angehörte, wurde
im Jahre 1907 in Quetta gegründet. Es ist heute eine Schule
mit internationalem Ruf, wo sich Offiziere aus vielen Staaten
um Lehrgangsplätze bewerben. Mit mir besuchten Offiziere aus
Großbritannien, Kanada, Australien, der USA, Ägypten,
Jordanien, Thailand, Singapur, Saudi-Arabien und weiteren Ländern
den Lehrgang. Ein Erdbeben im Jahre 1935, bei dem 40.000
Personen getötet wurden, zerstörte die Stadt. Heute ist sie
eine wichtige Garnison der Pakistanischen Armee mit
verschiedenen militärischen Einheiten und dem Stab eines
Armeekorps. Die Stadt ist ein Zentrum für mögliche
Operationen in Belutschistan oder entlang der Grenze. 100
Kilometer nordwestlich der Stadt ist der Khojak-Paß. der südliche
Zugang nach Afghanistan (Karte 1).

Ich befand mich in Quetta, als ich den Telefonanruf bekam,
der mich zu meinem neuen Posten im ISI versetzte. Ich nahm im
September 1983 als Brigadekommandeur an einer Stabsrahmenübung
im Divisionsrahmen teil. Später erfuhr ich, daß es der
sogenannte 'Quetta-Zwischenfall' war, aus dem der Telefonanruf
resultierte. Einige Monate vorher gab es einen
Bestechungsskandal innerhalb des ISI. wobei drei pakistanische
Offiziere verhaftet worden waren, weil sie Bestechungsgelder
von Mudschahedinkommandeuren im Gegenzug für die Lieferung
zusätzlicher Waffen angenommen hatten. Diese Waffen würden
hohe Preise in den Frontgebieten Afghanistans erzielen. Die
Offiziere wurden verurteilt und kamen ins Gefängnis, während
der Brigadegeneral dessen Arbeit ich übernahm, beiseitigt
wurde. Wie ich später erfuhr, beherbergte Quetta cine
vorgeschobene Ahteilung meincr neuen Organisation, des
Afghanischen Büros des ISI.
Ich bekam den Auftrag, sofort nach lslamabad zu fliegen
und mich beim Generaldirektor des ISI, Generalleutnant Akhtar,
zu melden. Wenn ich sage, daß ich ängstlich war, ist das
untertrieben. Ich war voller Befürchtungen. Ich wußte nichts
über Nachrichtendienste, meine militärische Karriere folgte
dem klaren Muster eines Infanterieoffiziers mit wechselnden
Truppen- und Stabsverwendungen. Als Oberst diente ich im Stab
eines Korps; hatte jedoch zu keinem Zeitpunkt irgendwelche
Erfahrung im Nachrichtendienst gesammelt. Warum wurde ich also
dem ISI unterstellt? Von allen 30 Stellen, die zu dieser Zeit
für Brigadegeneräle angeboten wurden, erhielt ich die
einzige in einer Organisation, der die meisten Offiziere mit
Mißtrauen, wenn nicht sogar mit Angst gegenüberstanden. Die
ISI wurde als allmächtig und der Generaldirektor wurde als
zweitmächtigster Mann nach Präsident Zia bezeichnet, obwohl
er vom Rang unter anderen Generälen lag.
Die ISI war verantwortlich für die Nachrichtendienste im
nationalen Bereich. Dies umschließt die politische und militärische
Sicherheit, die interne und externe Sicherheit und die
Gegenspionage. Im allgemeinen war ich über die Rolle des ISI
informiert, sowie über einige Details seines Auftrags. Der
gewöhnliche Offizier fühlt mit Recht, daß die ISI ihn
beobachtet und Informanten über seine Neigungen und Fähigkeiten
berichten, genauso wie über seine Zuverlässigkeit. Ein
Offizier des ISI wird von anderen gemieden. Ich bemerkte dies
in den wenigen Stunden, die ich noch in Quetta verbrachte,
nachdem meine Versetzung meinen Kameraden auf der Ubung
bekannt geworden war. Ich war nicht länger einer von ihnen.
Ein weiterer Grund für meine Besorgnis war, General Akhtar
als meinen unmittelbaren Vorgesetzten zu haben, nicht nur
aufgrund seiner Einstellung, sondern auch aufgrund seines
Rufes. Er war auf Grund seiner Ausbildung ein
Artillerieoffizier, kämpfte dreimal gegen die Inder und sah
als sehr junger Offizier den Horror des Massenmordes. Ich
glaube, sein Haß auf die Inder stammte von den grausamen
Massenmorden aus der Zeit der pakistanischen Unabhängigkeit.
Er hatte eine kalte, sehr reservierte Persönlichkeit, er war
unantastbar, immer geheimnisvoll, hatte keinen Vertrauten außerhalb
seiner Familie. Viele betrachteten ihn als einen sehr harten
Mann, der viele brüskierte und der den Ruf eines sehr
disziplinierten Soldaten und deshalb viele Feinde hatte. Sein
Erfolg, einen derart hohen Rang zu erreichen, beruhte auf
seiner Energie, seiner Kühnheit und seiner Bereitschaft, sein
Kommando bis zum Limit auszureizen. Ich hatte zuvor bereits
einmal als Bataillonskommandeur in seiner Division gedient,
und wußte so aus erster Hand, welche schwierigen Aufgaben er
stellen konnte. Er war völlig loyal, völlig seiner Aufgabe
gewidmet und, wie ich sehr schnell merkte, darauf versessen,
die Sowjets zu besiegen. Er sagte mir einmal, daß es sein größter
Wunsch wäre, nach dem Sieg über die Sowjets Kabul zu
besichtigen, um dort durch seine Gebete den Dank für den Sieg
auszusprechen. Er lebte für den Sieg über die Sowjets, sah
jedoch seine Wünsche niemals in Erfüllung gehen.
72 Stunden nach dem Telefonanruf befand ich mich in General
Akhtars Haus in Islamabad. Als Soldat sah er sehr
beeindruckend aus, mit makelloser Uniform, drei Reihen Ordensbändern
und muskulösem Körperbau. Er hatte helle Haut und war auf
seine afghanische Abstammung immens stolz. Man sah ihm sein
Alter nicht an und ich schätzte ihn nicht auf 59 Jahre.
sondern weitaus jünger. Er wußte, daß ich die Stelle im ISI
nicht wollte, und begann, mich zu fragen, was ich über die
Rolle des ISI im Afghanistan Krieg wußte. Außer den
allgemeinen Gerüchten und dem Zwischenfall bei Quetta wußte
ich nichts, so brauchte er beträchtliche Zeit, mich darüber
aufzuklären. Er erläuterte mir, daß er mich persönlich für
diesen Posten ausgewählt hatte und diese Entscheidung die
Billigung des Präsidenten hatte. Ich ahnte nun, daß ich eine
enorme Verantwortung auf meinen Schultern zu tragen hatte. Wie
viele meiner Kameraden wußte ich zu jener Zeit nichts über
die wahre Tragweite meiner Regierung im Afghanistan-Konflikt.
Ich ahnte weder, daß die Sowjets im AfghanistanKonflikt militärisch
besiegt werden konnten, noch daß eine derart enorme Anzahl
von Flüchtlingen in Pakistan lebte. Ich fühlte, daß wir früher
oder später dieselben Probleme haben würden wie einige
arabische Länder, die palästinensische Flüchtlinge auf
ihrem Boden hatten. Innerhalb einiger weniger Wochen wußte
ich, daß ich Unrecht hatte.
Im Herbst 1983 war Pakistan ein
moslemisches Land unter Kriegsrecht. Staatsoberhaupt war Präsident
Zia. Es gab wenig Außergewöhnliches über General Zia zu
berichten, der als Politiker gewitzt und rücksichtslos und
der seinem Erscheinen nach ein sehr zäher Mann war. Die spätere
Premierministerin Benazir Bhutto beschrieb ihn einmal als
einen kleinen nervösen ineffektiv aussehenden Mann. Ich kann
das sicherlich für einen Mann, der Pakistan regierte, bestätigen,
auf den ersten Blick erschien er jedoch harmlos, er, der sich
immer aus seinem Sitz erhob um auf die Gästezuzugehen und
diese überschwenglich zu begrußben, er wartete niemals
darauf daß sie sich ihm näherten. Aber diejenigen, die ihn
unterschätzten, taten dies auf ihre eigene Gefahr hin, ein
gutes Beispiel dafür ist der Vater von Benazir Bhutto.
Die Streitkräfte beherrschten das Land und Zia beherrschte
die Streitkräfte, wobei er die älteren Offiziere sehr gut
beobachtete und permanent manipulierte, um sein eigenes
Uberleben zu gewährleisten. Jede Provinz in Pakistan
unterstand einem Militärgouverneur im Generalsrang, der vom
Präsidenten persönlich ernannt wurde. Von diesen Provinzen
grenzten die Nordwestprovinz und die Provinz Belutschistan an
Afghanistan. Dort waren große Anteile der Pakistanischen
Armee stationiert, die die Grenze überwachten und
vorbereitete Stellungen beziehen konnten, sollte die Gefahr
bestehen, daß der Krieg in Afghanistan sich über die Grenzen
Pakistans hinaus ausdehnte. Pakistan fühlte sich unsicher.
Indien bedrohte Pakistan an der ostwärtigen Flanke, eine große
Nation mit 800 Millionen feindlich gesinnter Hindus, mit denen
Pakistan bereits dreimal Krieg geführt hatte. Im Westen lagen
Afghanistan und die Sowjets, die enorme kommunistitische
Supermacht, deren Armee über die Bergpässe leichten Zugang
nach Pakistan hatte. Potentiell befand sich Pakistan in einer
sehr gefährlichen strategischen Lage. Indien und die
Sowjetunion waren Verbündete Sollten sie sich vereinigen,
bestand für Pakistan die Gefahr, von der Weltkarte zu
verschwinden. Ich erkannte diese Bedrohungen, ebenso kannte
ich unsere Verteidigungspläne gegen die Inder, die ab 1979
auch gegen die Sowjets gerichtet waren. Die UdSSR war eine
atomare Supermacht, was unsere Nervosität nur noch erhöhte,
und auch Indien hatte eine nukleare Kapazität entwickelt,
weshalb wir aus Gründen der Selbstverteidigung gleich zu
ziehen versuchten.
Die pakistanische Position wurde weiterhin durch den sehr
lange währenden Konflikt mit Indien über Kaschmir im
Nordosten Pakistans kompliziert. Ähnliche Probleme gab es in
Belutschistan, mit der Unabhängigkeitsbewegung und der seit
Jahrhunderten unstabilen Nordwestprovinz (Karte 2). Die
Nordwestprovinz war ein Stammesgebiet, das die Kontrolle durch
eine Zentralregierung ablehnte. Im Jahre 1893 teilte Sir
Mortimer Durand durch die Ziehung einer neuen Grenzlinie, die
sogenannte Durand Linie, das heutige Pakistan und Afghanistan.
Diese Grenzlinie verlagerte die strategischen Vorteile durch
die dominierenden Höhen nach Pakistan (das damals noch Teil
von Indien war) da dies der Verteidigung des Britischen
Empires zugute kam. Durch die Grenzziehung wurde jede
Beziehung auf Stammesebene, ethnisch wie kulturell, ignoriert.
Das Heimatland der Einwohner des Paschtuns wurde in zwei Teile
geteilt. Großbritannien dachte niemals ernsthaft darüber
nach, diese kriegführenden Stämme und Clans zu überwältigen.
Sogar die Gebiete ostwärts der Durand-Linie wurden ihrem
Schicksal in den Bergen überlassen. Das gesamte Territorium
der Nordwestprovinz war ein gigantisches Heerlager für die
Briten; jedes Regiment, das in Indien stationiert war, mußte
einmal Dienst an der Grenze ableisten, wo die Stämme im
Paschtun mit einem nicht abreißenden Strom von Zwischenfällen
für eine excellente Ausbildung des britischen Militärs
sorgten. Dies galt auch für Pakistan. Die Paschtunen ließen
sich nie von den Briten beherrschen und zum Zeitpunkt der
Unabhängigkeit übernahm Pakistan diese zeitlose Situation,
daß die Stämme ihr Gebiet selbständig kontrollierten und über
die Grenze wechselten, wie sie wollten. Die pakistanische
Regierung ließ sie gewähren, ihren Handel und ihre Fehden führen,
ohnc einzuschreiten Die Briten empfanden dies damals schon als
einfache Lösung, genauso tat es Pakistan.
In diese Grenzgebiete kam nun eine wahre Flut von Flüchtlingen
aus Afghanistan. Zu diesem Zeitpunkt waren über zwei
Millionen Füchtlinge in Lagern entlang der 1.500 Kilometer
langen Grenze von Chitral im Norden bis Quetta im Süden
zusammengepfercht. Es entstanden Hunderte von Zelt- und Lehmhüttenlagern,
die vollgestopft waren mit Menschen, meistens alten Männern,
Frauen und Kindern. Wie später klar werden wird, war die
Existenz dieser Flüchtlingslager entscheidend und spielte
eine Schlüsselrolle im Kampf um Afghanistan.
Nachdem die Sowjets im Dezember 1979 Afghanistan angriffen,
verlangte Zia sofort den Generaldirektor des ISI, General
Akhtar, zu sehen. Er wollte eine Beurteilung der Lage mit den
Auswirkungen auf Pakistan. Er wollte Antworten auf
verschiedene Fragen, vor allem jedoch wollte er wissen, wie er,
Zia, reagieren sollte. Als Soldat wandte er sich nicht an
Diplomaten oder Politiker, sondern an einen früheren
Kameraden, einen Klassenkameraden aus den Zeiten der Militärakademie,
und bat ihn um Rat. Er ließ Akhtar eine militärische
Lagebeurteilung erstellen, jedoch auf Ebene der nationalen
Sicherheit. Die Beurteilung der Lage ist eine logisch
aufgebaute, Schritt für Schritt durchgeführte Einschätzung
einer gegebenen Situation in der alle relevanten Faktoren
zusammen mit möglichen Zielen des Gegners betrachtet werden,
um die eigene Marschrichtung festzulegen und einen Plan für
die Durchführung zu fassen.
Akhtar führte diese Beurteilung der Lage durch und
verlangte mit Nachdruck, daß Pakistan dem afghanischen
Widerstand den Rücken stärken sollte. Er argumentierte damit,
daß dies nicht nur den Islam verteidigen würde, sondern auch
Pakistan. Der Widerstand mußte ein Teil der Verteidigung
Pakistans gegen die Sowjets werden. Wenn Pakistan erlaubte, daß
die Sowjetunion Afghanistan einfach einnähme, wäre es nur
noch ein kleiner Schritt, Pakistan einzunehmen, möglicherweise
durch die Provinz Belutschistan. Akhtar machte deutlich, daß
die Sowjets in einem großangelegten Guerillakrieg zu besiegen
wären. Er glaubte, daß Afghanistan zu einem Vietnam der
Sowjets werden könnte. Er drängte Zia, die militärische Lösung
zu wählen. Dies würde bedeuten, daß Pakistan die Guerillas
verdeckt mit Waffen, Munition, Geld, Informationen. Ausbildung
sowie bei der Planung von Operationen unterstützte. Zusätzlich
müßten die Grenzgebiete der Nordwestprovinz und
Belutschistan sowohl für Flüchtlinge als auch für Guerillas
geöffnet werden, weil ohne eine sichere Basis jenseits der
Landesgrenze eine derartige Kriegführung keinen Erfolg hätte.
Zia stimmte dem zu.
Der Präsident verlangte von seinem Generaldirektor zwei
weitere Jahre um seine Position sowohl in Pakistan als auch
international festigen zu können. Im Jahre 1979 provozierte
Zia durch die Exekution seines früheren Premierministers eine
weltweite Verurteilung, die sein Image sowohl innerhalb, als
auch außerhalb Pakistans schwer schädigte und ihn isolierte.
Durch die inoffizielle Unterstützung eines Jihad, eines
Heiligen Krieges, gegen die sowjetische Supermacht hoffte er,
wieder die Sympathie des Westens zu erlangen. Die USA würden
sicherlich seine Assistenz gegenüber dem Nachbarstaat zu würdigen
wissen. Als ein gläubigcr Moslem war er verpflichtet, seinem
islamischen Nachbarn Hilfe zu gewährcn. Es war mit Sicherheit
ein glücklicher Zufall daß all diese religiösen,
strategischen und politischen Faktoren zusammentrafen. Für
Zia war das ausschlaggebende Argument, daß hier die Möglichkeit
einer militärischen Lösung gegeben war, wobei dic Sowjets
nicht in einem direkten Konflikt bekämpft werden mußten, was
dazu führte, daß Pakistan nicht mit voller Kraftanstrengung
Afghanistan unterstützen mußte. Zias Prestige in der
Arabischen Welt würde als Retter des Islam enorm steigen, während
er im Westen als Retter gegen eine kommunistische Aggression
gelten würde.
Während der ersten Monate enttäuschten die Amerikaner mit
ihrer 'wait and see' Haltung Zia. Präsident Carter war mit
dem Geiseldrama in der Teheraner Botschaft beschäftigt, daß
Amerikas Meinung über islamische Fundamentalisten beeinflußte
während das Pentagon und der CIA glaubten, daß mit oder ohne
pakistanische Unterstützung Afghanistan verloren sei. Man
glaubte, daß die Sowjetische Armee das Land innerhalb weniger
Wochen in ihrer Gewalt hätte. Warum sollte man also
hineingezogen werden? Warum sollte gutes Geld zum Fenster
rausgeworfen werden um den nutzlosen Widerstand der
afghanischen Widerstandskämpfer gegen die Sowjets zu unterstützen?
Afghanistan war ein Staat im sowjetischen Einflußbereich und
die amerikanischen Politiker beurteilten Afghanistan. als ob
es während der letzten 20 Jahre ins kommunistische Lager
gewechselt hätte. Die Politiker waren damals schon nicht
gewillt oder nicht in der Lage, dies zu unterbinden, warum
sollte jetzt noch eine Chance bestehen, wo das sowjetische
Militär bereits im Land war?
Ich war während der letzten zwei Dekaden ungehalten über
die amerikanischc Afghanistanpolitik. Ihre Antwort auf das
sowjetische Eindringen war auf Ignoranz Apathie und
Beschwichtigung ausgerichtet, und ihre anfängliche Trägheit
positiv zu reagieren war keine Uberraschung für mich. Die
kommunistische Machtübernahme in Kabul im Jahre 1978, der Höhepunkt
jahrelanger politischer und ökonomischer Infiltration und
Subversion, führte zu keiner Mißbilligung, keinem Bruch der
Beziehungen, sondern vielmehr zum Gegenteil - das neue Regime
wurde automatisch anerkannt. Ein Sowjetexperte, Adolph Dubs,
wurde als US-Botschafter ganz normal entsandt. Wenige Monate
später starb Dubs in einem Feuergefecht, als afghanische
Soldaten, geführt von sowjetischen Beratern, ihn vor
Kidnappern in seinem Hotelzimmer in Kabul 'retten' wollten.
Sein Tod führte nur zu einem schwachen Protest der Amerikaner
und war der Beginn des Ausklingens der schon jetzt
stagnierenden US-Hilfsprogramme. Neun Jahre später starb ein
weiterer US-Botschafter unter mysteriösen Umständen, wieder
möglicherweise mit sowjetischer Beteiligung, auch diesmal war
die Reaktion, wie schon angeführt, nur ein Vertuschen der
Amerikaner.
Es war der 18. Oktober 1983, als ich mich im
bestbewachtesten Büro des ISI. aus dem der Krieg in
Afghanistan geleitet wurde, melden mußte. Wie alle anderen
Personen im Afghanistan-Büro trug ich Zivilkleidung mit der
leisen Vorahnung daß ich niemals mehr eine Uniform tragen würde.
Mein Hauptquartier befand sich h, einem großen Camp in den nördlichen
Außenbezirken von Rawalpindi, zwölf Kilometer von Islamabad
entfernt, wo General Akhtar sein Büro im Hauptgebäude des
ISI hatte. In den hohen Steingebäuden waren Büros und eine
Lagerhallc, in der 70 Prozent aller Waffen- und
Munitionslieferungen für die Mudschahedin umgeschlagen wurden.
Es gab Garagen für wenigstens 300 zivile Fahrzeuge, mehrcre
Hektar Ausbilbildungsgelände eine F.inheit für
psychologische Kricgführung Unterkunftsgebäude, eine Kantine
für 500 Soldaten und später, als Krönung, die
Stingerausbildungsschule mit Simulator. Dieser Komplex wurde
Ojhri-Camp genannt. Außerhalb des Lagers verlief die
Hauptstraße zwischen Rawalpindi und Islamabad, jenseits der
Straße war ein Lager der Pakistanischen Armee, kurz dahinter
lag der Stadtrand von Rawalpindi. Die Anflugschneise auf den
Flughafen von Islamabad verlief direkt über unsere Köpfe.
Diese Angliederung an den Rand einer großen Stadt machten das
Lager unverdächtig. Die zahllosen Passanten konnten es nicht
für das halten, was es war - die Kommandozentrale für den
Krieg in Afghanistan.
Aus dem ehemaligen Infanterieoffizier wurde über Nacht ein
Geheimdienstler. Ich verkehrte mit meinem Personal über
Decknamen, erzählte zuhause nie mehr von meiner Arbeit,
beanwortete nie mehr einen Telefonanruf direkt, wechselte mein
Auto und meine Nummernschilder häufig und gab meine
Reiserouten niemals im voraus bekannt. Unabhängig von diesen
Maßnahmen lebte ich eigentlich sehr offen in einem gemieteten
Haus in Islamabad. Normalerweise trug ich eine Pistole, aber
als Brigadegeneral hatte ich keinen Anspruch auf eine
bewaffnete Eskorte oder auf Leibwächter. Erst gegen Ende
meiner Arbeit beim ISI erfuhr ich, daß ich ganz oben auf der
Abschußliste des KHAD (vom KGB ausgebildete afghanische
Geheimpolizei) gestanden hatte, mit einem Kopfgeld von zehn
Millionen Afghanis (rund l 00.000 DM). Während dieser vier
Jahre war ich mir niemals darüber im klaren, daß ich oder
meine Familie irgendwelcher Gefahr ausgesetzt war. Ich führte
das auf die Unfähigkeit der kommunistischen Agenten zurück,
weil ich mich nicht versteckte, obwohl mein Leben in der
Gesellschaft nahezu nicht existent war. Ich besuchte niemals
die US-Botschaft, übernahm keine diplomatischen
Verpflichtungen oder wohnte formalen militärischen Anlässen
bei. Die einzige Ausnahme waren jährliche Treffen in der
Chinesischen Botschaft, wo General Akhtar und ich offiziell
den Liefervertrag für chinesische Waffen und Munition für
die Mudschahedin unterzeichneten.
Ich war nur Akhtar direkt verantwortlich; er berichtete dem
Präsidenten - so einfach war das. Unsere Befehlsgebung übersprang
einfach die Militärhierarchie. Auch später, als es eine
demokratische Regierung mit einem Premierminister gab, mußte
Akhtar weiterhin direkt an Zia berichten. Es dauerte etwa ein
Jahr, bevor wir den Premierminister über Pakistans Rollc in
Afghanistan informieren durften. Obwohl bekannt war, daß
Pakistan den Flüchtlingen und den Mudschahedin Schutz gewährte
und Versorgungsgüter durch Pakistan zu den Mudschahedin
gelangten, wurde dies offiziell immer bestritten.
Theoretisch führte der Vorsitzende des Joint Chiefs of
Staff Committee (CJCSC) das Pakistanische Militär. Er führte
den Vorsitz bei den Sitzungen der drei Chiefs of Staff (CoS).
Diese Position war jedoch ein Posten ohne Autorität oder
Einfluß. Zum einen kommandierte der CJCSC keine Truppen, zum
anderen war Zia immer noch der Chief of Army Staff (COAS), der
ihn auf die gleiche Ebene mit dem Präsidenten innerhalb der
Streitkräfte stellte. Acht Jahre, nachdem Akhtar
Generaldirektor des ISI wurde, wurde er zum
Vier-Sterne-General befördert und von Zia zum Vorsitzenden
des JCSC ernannt. 18 Monate später starben diese beiden Männer
zusammen hei einem Flugzeugabsturz.
Am ersten Tag wurde ich durch die Buros und durch das große
Depot getuhrt, wo ich meinen ersten Schock bekam. Im Freien
lagen in Stapeln und Haufen, lediglich unter einem Blechdach,
alle Artcn von Handwaffen, Mörsern, Raketenwerfern und rückstoßfreien
Geschützen. zusammen mit Munition. Gegen alle
Sicherheitsbestimmungen, die ich bis dahin für die Lagerung
von Waffen gelernt hatte wurde in dem dichtbevölkerten Gebiet
verstoßen. Die Antwort auf meine Bedenken des
verantwortlichen Offiziers: "Sir wir kämpfen einen
geheimen Krieg. Sie werden sich sehr schnell daran gewöhnen."
Es erwies sich als korrekt.
Nachdem ich die verschiedenen Offiziere meines Stabes
kennengelernt hatte, gewann ich sehr schnell ein besseres Bild,
wie wir diesen Krieg führten, obwohl mich die Atmosphäre des
Mißtrauens in den Büros und das Fehlen von Kooperation nicht
beeindruckte. Verschiedene Offiziere warnten mich und rieten,
mir den Rücken frei zu halten, weil sie annahmen, daß einige
Mitarbeiter des Stabes für den Generaldirektor 'spionierten'.
Unser Hauptquartier und das Depot befanden sich in Rawalpindi,
zwei weitere Standorte befanden sich in Quetta und Peshawar.
Beide hatten Aufgaben in den Bereichen Verbindung,
Operationsplanung, Nachrichtensammlung, Logistik und
Fernmeldewesen. Sie befanden sich in der Nähe der Büros und
Depots verschiedener Parteien und Führer der Mudschahedin, um
die Kooperation zwischen ihnen. den Empfängern von Waffen und
Munition, und uns, den Versorgern, zu gewährleisten. Der
Standort in Quetta hatte wegen der großen Entfernung nach
Rawalpindi sein eigenes kleines Depot. Dies versetzte uns in
die Lage, Waffen und Munition, die per Schiff in Karatschi
ankamen, direkt dort zu lagern, anstatt sie erst zu unserem
Hauptdepot zu bringen, was Zeit und Geld sparte.
Während meiner Zeit beim ISI wurden die Anstrengungen zur
Unterstützung eines großangelegten Guerillakrieges
verzehnfacht. Die notwendigen Leistungen überforderten die
Kapazitäten unserer ursprünglichen Einrichtungen, ich bekam
den Auftrag zum weiteren Ausbau der Einrichtungen. Von 1984
bis 1987 gingen über 80.000 Mudschahedin durch unsere
Ausbildungslager, hunderttausende Tonnen von Waffen und
Munition wurden verladen, während aktivc Operationen geplant
und in allen 29 Provinzen Afghanistans ausgeführt wurden. Am
Ende unterstanden mir 60 Stabsoffiziere, ca. 100 Offiziere und
300 Unteroffiziere.
Mein Hauptquartier hatte drei Abteilungen. Die
Operationsabteilung führte ein Oberst der ebenfalls für die
Aufklärung und die Ausbildung verantwortlich war. Die
Abteilung war verantwortlich für die Kontrolle der täglichen
Planung der Operationen, die Auswahl der Ziele in
Ubereinstimmung mit der Gesamtstrategie und die Zuweisung von
Aufgaben an die Mudschahedin. Dort wurden ebenfalls die Aufklärungsergebnisse
aus verschiedenen Quellen koordiniert und die Ausbildung der
Mudschahedin überwacht. Die Lehrgänge waren zu diesem
Zeitpunkt nur schlecht koordiniert und es gab nur wenige. Die
nächste Abteilung, die ebenfalls von einem Oberst geführt
wurde, war für die Logistik verantwortlich. Die primäre
Aufgabe war die Beschaffung, Bevorratung und Verteilung von
Waffen und Munition. Die dritte Abteilung unterstand einem
Oberstleutnant. Sie hatte die psychologischc Kriegführung zur
Aufgabe - die Bedienung und Instandhaltung von drei
Radiosendern, die Verteilung von Flugblättern und die Durchführung
von Interviews.
Das Afghanistan-Büro konnte nicht alle Aspekte zur Unterstützung
des Krieges bewältigen. General Akhtar mußte eine weitere
Einheit aufstellen, ebenfalls unter Führung eines
Brigadegenerals, die für die Versorgung der Mudschahedin mit
Bekleidung und Verpflegung (in diesem Fall Reis und Mehl)
verantwortlich war. Die Lebensmittel wurden in ganz Pakistan
mit Geld der CIA eingekauft, um sie den Guerillas zur Verfügung
zu stellen. Ich arbeitete mit dieser Abteilung eng zusammen.
Zwei Jahre später wurde eine weitere Abteilung auf Befehl des
Präsidenten gegründet. Wegen verschiedener Korruptionsfälle
innerhalb des mit Pakistanis besetzten Kommissariats für
Afghanische Flüchtlinge (CAR) wurde die Versorgung mit
Lebensmitteln und Bekleidung für alle Flüchtlinge in
Pakistan vom ISI, wie auch schon für alle Einwohner
Afghanistans, die dort blieben, übernommen. Diese Politik,
das Leiden der Menschen, die in Afghanistan ausharrten, zu
lindern, sollte dazu beitragen, daß sie den Mudschahedin
weiterhin Informationen und Hilfe gewährten. Dies bedeutete
die Einstellung eines weiteres Brigadegenerals, der jedoch mit
Mitteln des US-Kongresses bezahlt wurde, die unabhängig von
den Fonds waren, aus denen die Waffen bezahlt wurden.
Während meiner ersten Wochen beschränkte ich mich darauf,
zuzuhören und zu lernen. Ich entschied, daß das Jahr 1984
dazu diente, Entscheidungen zu treffen und das Tempo unserer
Aktivitäten zu beschleunigen. Ich wäre dumm gewesen, dies zu
versuchen, bevor ich nicht genauestens wußte, was vorging und
bevor ich nicht einige der Führer und Kommandeure der
Mudschahedin persönlich getroffen hatte. Froh war ich darüber,
daß meine neue Aufgabe auf die Durchführung von Einsätzen
orientiert war. Ich war mit der Sammlung von Informationen und
Nachrichten nicht direkt befaßt, sondern vielmehr mit der
Kontrolle aktiver Einsätze gegen die Sowj etunion. Dies war
eine entmutigende, jedoch sehr herausfordernde Aufgabe. Als
Soldat war es der ultimative Test meiner Fähigkeiten. Kurz
bevor ich zum ISI versetzt wurde, hatte ich ein Seminar über
die Sowjetische Armee, ihre Taktiken, Organisation, Fähigkeiten
und ihre Bedrohung gegenüber Pakistans durchgeführt und
organisiert. Während meiner Nachforschungen konnte ich die
Leistungen der sowjetischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg
recht gut einschätzen, es lag jedoch 41 Jahre zurück, daß
die Deutschen auf Moskau marschierten. Damals verteidigten die
Sowjets ihre Heimat, ihr Hab und Gut; nun waren sie sclbst die
Angreifer und hatten somit völlig unterschiedliche Motive für
den Kampf. Es war nun an der Zeit, daß ich die gegenwärtigen
Leistungen der SowJetsoldaten einschätzen mußte. Bevor ich
versuchte, für das Jahr 1984 zu planen, mußte ich wissen,
was in Afghanistan während der letzten vier Jahre gesehehen
war. Ich mußte alles über meine Feinde wissen, ihre Stärken
undSchwächen, ihre Standorte und ihre Angriffsziele und ich
mußte weitaus mehr über die Mudschahedin lernen. wenn ich
dazu beitragen wollte, die Sowjets aus Afghanistan zu
vertreiben. |